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Gebändigt!

Max Brand: Gebändigt! - Kapitel 11
Quellenangabe
authorMax Brand
titleGebändigt!
publisherVerlag von Th. Knaur Nachf
yearo.J.
translatorAnton Mayer
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180228
projectid4be2d575
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Zehntes Kapitel

Nun stürmten sie los. Die Stuten, die das Mädchen so hoch schätzte, waren, wie die Cowboys es ausdrückten, »hochmütige Närrinnen«, die nicht in der Lage waren, auf sich selbst zu achten. Wenn sie so wild durch die Nacht rasten, so würden sie sich aller Wahrscheinlichkeit nach am ersten Stacheldraht, der ihren Weg versperrte, völlig zerreißen. Mit diesem Gedanken, der sie anspornte, fingen Mariannens Leute die schnellsten Pferde und sattelten sie mit Windeseile. In der Koppel fluchte man durcheinander, Seile flogen herum, Leder knirschte, als Sattel nach Sattel aufgelegt wurde, und dann drängte sich ein Strom von dunklen Reitergestalten durch das Koppelgatter.

Marianne sah das alles und war von ihrem Mißgeschick wie betäubt. Als die ersten Verfolger außer Sicht kamen, wandte sie sich und lief zu der Box, in der ihr Lieblingspony stand, ein kleiner Brauner, der auf Bergpfaden unübertrefflich war und auch in der Ebene gut gehen konnte. Aber ihre Eile verursachte neuen Aufenthalt: denn als sie in der Dunkelheit in den Stall eilte, wurde das Pferd nervös, so daß sie länger als eine Minute damit zu tun hatte, es mit ihrer Stimme, die vor Erregung gebrochen war, zu beruhigen. Dann mußte sie satteln, und ihre Finger kamen mit den Riemen kaum zurecht, so daß, als sie endlich den Braunen herausführte und sich in den Sattel schwang, von den Cowboys nichts mehr zu sehen oder zu hören war. Die Mondsichel stand über dem Gebirge im Osten; sie hoffte, bei ihrem Licht, das nur einen unsicheren Schein gab, ihre Leute bald zu sichten.

Sie galoppierte, so schnell die Stute laufen konnte, die Straße hinunter. Der Stacheldraht lief in drei schwach schimmernden Streifen auf beiden Seiten mit, bis sie endlich den Wüstenrand erreichte. Der Mond war höher gestiegen, und die Wüste erstreckte sich in undeutlich sichtbaren Erhebungen und schwarzen Löchern vor ihr, über die sie ziemlich weit weg sehen konnte. Noch war nichts von den Cowboys zu erblicken, was auch weiter kein Wunder war, da sie etwa zehn Minuten Vorsprung vor ihr hatten.

Sie wußte, daß es keinen Zweck haben würde, blindlings draufloszureiten. Die Stute begann bereits den Ritt zu spüren, so daß Marianne widerstrebend ihren Lauf zu dem rollenden Galopp mäßigte, den die Cowboypferde am liebsten gehen. In diesem Tempo legte sie Meile nach Meile durch die Wüste im Mondschein zurück, aber von den Cowboys zeigte sich nichts. Zweimal war sie im Begriff, umzukehren, zweimal schüttelte sie den Kopf und trieb die Stute von neuem an. Stunde nach Stunde ging vorbei. Vielleicht hatte Hervey die Jagd schon lange aufgegeben und den Rückweg nach der Ranch eingeschlagen. Inzwischen schien ihr der Grund, über den sie ritt, so gleichförmig, daß es ihr vorkam, als ritte sie im Kreise herum; trotzdem konnte sie sich nicht entschließen, kehrtzumachen.

Der Mond stieg höher und höher, als die Nacht vorrückte, bis schließlich im Osten ein Licht aufdämmerte, das den Morgen ankündigte, aber Marianne ritt weiter. Wenn sie die Stuten verlor, so würde sie auch das letzte bißchen Respekt, den ihr Vater vor ihr hatte, verlieren. Sie meinte ihn vor sich zu sehen, wie er mit den Achseln zuckte und sich eine neue Zigarette drehte. Auch Lew Hervey erschien ihr mit seinem Lächeln, hinter dem er sein besseres Wissen verbarg. Beide waren von Anfang an mit dem hohen Preis, den sie für die Stuten bezahlt hatte, ebensowenig einverstanden gewesen wie mit ihren langen Beinen und ihren »verdammten, hochmütigen Köpfen«. Sie hatte sich eigensinnig vorgenommen, bald, wenn die Stuten an die Gebirgswege und Pfade gewöhnt wären, auf einer von ihnen mit Herveys Pferden um die Wette zu reiten; nach einem einzigen Tage würde er dann wissen, was edles Blut bedeutet. Wenn ihr aber zugleich mit den Stuten diese Chance verlorenging – sie wußte nicht, wie sie den Mut zur Heimkehr finden und den Ranchleuten ins Gesicht sehen sollte. Inzwischen stieg langsam die Dämmerung im Osten, aber selbst als die Berge groß und schwarz gegen den flammenden Morgenhimmel standen, verbesserte sich Mariannens Stimmung nicht. Ab und zu setzte sie, allerdings ohne Hoffnung, ihren Feldstecher an die Augen und suchte einen Abschnitt der Weite ab; aber sie tat es ganz mechanisch, und da sie von ihrer Niederlage überzeugt war, verdunkelte sich ihr Blick, bis sie endlich müde und vor Kummer zitternd die Stute anhielt. Sie war geschlagen.

Sie hatte die Stute heimwärts gewandt, als irgendein merkwürdiges, aus dem Unterbewußtsein aufsteigendes Gefühl sie veranlaßte, über ihre Schulter zu blicken. – Und dann sah sie die Stuten! Sie brauchte nicht erst mit dem Glas sie sich nahe zu bringen: die sechs kleinen Gestalten, die über einen entfernten Hügel liefen, konnten nichts anderes bedeuten. Aber selbst wenn sie noch zweifelte, so wurde ihr jede Möglichkeit dazu sofort genommen, als einen Augenblick später eine lose Gruppe von Reitern über demselben Kamm erschien. Hervey hatte sie also tatsächlich gefunden! Tränen der Erleichterung und des Erstaunens strömten über ihr Gesicht – Gott segne Lew Hervey für das, was er getan!

Selbst ihre Stute schien bei diesem Anblick ihre Frische wiederzugewinnen. Sie hatte den Kopf gehoben, ehe sie den Zügel ihrer Herrin spürte, und setzte sich nun auf Mariannens ersten Zuruf in einen munteren Galopp, so daß die anderen schnell überholt wurden. Mariannens Augen ruhten mit Entzücken auf den eingefangenen Ausreißern, die fröhlich einhertänzelten. Ihre schmalen Hufe glänzten im Licht des frühen Tages, und Lady Mary ging an ihrer Spitze. Einen Augenblick später befand sich Marianne mitten unter den Cowboys.

Sie waren ruhig und gelassen wie immer, aber sie kannte die Männer gut genug, um aus dem Lächeln, das auf ihren Gesichtern lag, zu schließen, daß sie mit dem Werk dieser Nacht sehr zufrieden waren. Dann hörte sie sich selbst Hervey zurufen: »Das haben Sie ausgezeichnet gemacht! Ganz ausgezeichnet! Wie war es Ihnen nur möglich, den Stuten so weit zu folgen und sie schließlich in der Nacht zu finden?«

Daraufhin tat Hervey natürlich sehr selbstverständlich und sprach, als ob das die einfachste Sache von der Welt sei:

»Sie rissen in gerader Linie aus, also wußte ich, daß sie einen Führer hatten. Die Stuten selber sind nicht klug genug, um eine gerade Richtung innezuhalten. Nun, der sie führte, mußte auch die Koppel geöffnet haben, und derjenige, der sie aus der Koppel –«

»Pferdediebe!« rief Marianne, aber Hervey interessierte ihr Zwischenruf gar nicht.

»Pferdestehlen ist hier nicht üblich«, sagte er, »höchstens mal eine Kuh, aber höher geht der Ehrgeiz nicht. Jedenfalls nicht, seit wir Josh Sinclair an einen Baumwollenbaum gehängt haben. Gestohlen worden sind sie schon, aber nicht von einem Menschen.«

Hier machte er eine Pause – in der Marianne Qualen der Neugier litt –, um sich eine Zigarette zu rollen, bis Marianne ausrief: »Wenn es kein Mensch war, wer soll es denn sonst gewesen sein, Mr. Hervey?«

Er stieß mit der ersten Rauchwolke der Zigarette seine Antwort hervor: »Ein anderes Pferd! Ich hab's mir schon denken können. Erinnern Sie sich, was ich Ihnen letzthin über den Fuchshengst und das Pech, das ich beim Schießen auf ihn hatte, erzählt habe?«

Sie entsann sich lebhaft, wie Hervey mit der größten Feierlichkeit verkündet hatte, daß der Leithengst der Mustangs seinen Kugeln Unglück gebracht habe, und daß sie das Pferd nicht zum letztenmal gesehen haben würden. Sie wollte Hervey nicht glauben und sah die anderen Männer an, um sich zu überzeugen, ob sie nicht über die törichte Idee des Inspektors lächelten, aber sie waren ernst wie Steinbilder.

»Der Fuchs wollte sich an uns rächen, weil wir seine Herde abgeschossen haben«, fuhr Hervey fort, »so ist er auf die Ranch gekommen, hat das Koppelgatter geöffnet und die Stuten herausgelassen. Als ich merkte, daß die Stuten in so gerader Richtung liefen, wußte ich sofort, was los war. Wenn der Hengst sie anführte, wohin würde er sie leiten? Direkt zum Wasser. Es hätte natürlich keinen Zweck gehabt, zu versuchen, die langbeinigen Galoppierer zu hetzen, so wich ich nach rechts aus und nahm Richtung auf Warners' Tank. Als wir ankamen, sahen wir die Stuten ziemlich verstreut dastehen, während der Fuchs und die graue Stute sie umkreisten.«

Wieder hielt er inne und sah dabei fest auf Slim, der bis zu den Ohren rot wurde und starr vor sich hinblickte.

»Dieser Slim hier hat vielleicht gesagt, mein miserables Schießen und nicht das Pech, das der Hengst meiner Büchse bringt, ist schuld, daß ich ihn gefehlt habe. Also forderte ich ihn auf, den Hengst zu treffen. Gut, er hat's versucht und dreimal gefehlt. Beim ersten Knall rissen die Graue und der Fuchs sofort aus, aber es gelang uns, vor die Stuten zu kommen und sie zu wenden. Da sind wir nun. Das ist alles. Aber«, fügte er ernst hinzu, »wir haben den Fuchs nicht zum letztenmal gesehen, Miss Jordan.«

»Ich bin überzeugt, daß kein anderer Mann auf der Ranch sie auf so geschickte Weise gefunden hätte«, sagte Marianne dankbar, aber dieses wilde Pferd – glauben Sie wirklich, es wird zurückkommen und noch einmal versuchen, die Stuten zu stehlen?«

»Glauben? Ich weiß es! Und das nächste Mal würden wir sie nicht so leicht wieder zurückbekommen. Wenn sie heute morgen schnell genug losgebrochen wären, als der Hengst ihnen das Zeichen gab, hätten wir sie nie wiedergesehen. Vorläufig sind sie aber noch nicht zu wilden Pferden geworden und kennen deren Art noch nicht. Aber wenn sie noch einmal Gelegenheit zu dieser Bekanntschaft haben, dann werden sie sich schon daran gewöhnen. Dabei gibt es kein Pferd in der ganzen Gegend, mit dem man sie müde hetzen könnte!«

Sie nahm das den Stuten gespendete Lob mit einem vergnügten Lächeln entgegen und sah die sechs Schönheiten, die vor ihnen trabten oder kanterten, befriedigt an.

»Aber auch wilde Tiere werden gefangen«, meinte sie, »sogar Hirsche zum Beispiel. Wenn der Fuchs tatsächlich die Stuten noch einmal entführte, könnte man nicht –«

Hervey unterbrach sie trocken: »Da unten, nach Concord zu, hatte Jess Rankin alles mögliche von einem schwarzen Mustang auszustehen. Jess ist ein ganz guter Jäger, kennt Mustangs und ihre Gewohnheiten und besitzt eine Anzahl ausgezeichneter Reitpferde. Nun, Jess hat vier Jahre harte Arbeit gehabt, um den Rappen zu fangen. Oben am Mexiko Creek jagte Bud Wilkinson einen grauen Hengst, der auf seiner Ranch Amok lief. Nun, ich habe sowohl den Grauen wie den Schwarzen gesehen und ein paarmal geholfen, sie zu hetzen. Also, Miss Jordan, an Schnelligkeit kommt keiner von den beiden mit dem Fuchs mit, und wenn es fünf Jahre gedauert hat, bis man in Schußweite an diese Hengste herankam, so braucht man bei dem Fuchs zehn. So ist das, nach meiner festen Überzeugung.«

Als er schwieg, nickten seine Gefährten beifällig.

»Läuft wie der Blitz«, sagten sie, »geradezu wahnsinnig, wenn der ins Rennen kommt, dieser Gaul!«

Erst jetzt wurde es Marianne völlig klar, aus was für einer Gefahr die Stuten gerettet worden waren, und sie seufzte, als sie sie eine nach der anderen wieder betrachtete. Die Arbeit dieser Nacht hatte einen doppelten Triumph gebracht: die Stuten waren nicht nur wieder eingefangen worden, sondern hatten ihre Schnelligkeit und ihr Stehvermögen durch den langen Lauf in der Wüste bewiesen. Hervey selbst machte, als sie weiterritten, Bemerkungen in dem Sinne, daß er Lust habe, »eines Tages einen Sattel auf Lady Mary zu legen«. In der Tat war ihr Ankauf vollkommen gerechtfertigt. Marianne verfiel in eine glückliche Träumerei, sie stellte sich im Geiste vor, wie die Ranch schon voller Reitpferde stecke, die alle von den zierlich gefesselten Stuten abstammten. Wenn sie mit solchen Pferden aufwarten konnte, wäre sie imstande, ihre Wahl unter den besten Cowboys des Westens zu treffen.

Mitten in ihre Träume hinein erklang das langgezogene, schrille Wiehern eines Pferdes, dem ein jäher Ausbruch wilder Flüche von seiten der Reiter folgte. Die sechs Stuten waren stehengeblieben und hoben lauschend die herrlichen Köpfe, während Mary auf einem entfernteren Hügel den erblickte, der das Zeichen gegeben hatte, einen im Morgenlicht rot schimmernden Fuchs.

»Das ist er!« rief Lew Hervey, »der rote Teufel hat die Keckheit gehabt, uns zu folgen und nach uns zu sehen. Shorty, schieß auf ihn!«

Jeder einzelne der Cowboys nahm sein Gewehr aus dem Halfter, als Marianne schnell ihr Glas an die Augen führte, um das fremde Pferd näher zu betrachten. Sie bekam ihn sogleich klar ins Gesichtsfeld. Es war fast erschreckend, wie die entfernte Figur, plötzlich in ihre Nähe gerückt, jede Einzelheit des Körpers zeigte, und zwar war jede Einzelheit von vollkommener Schönheit. Marianne seufzte vor Bewunderung und Staunen. Es mochte ein Mustang sein, aber die kurze Rückenlinie und die große Schulterfreiheit, die Länge des Halses, die arabische Vollkommenheit des Kopfes stellte den Hengst den besten Vollblutpferden gleich. In diesem Augenblick machte er kehrt und galoppierte eine kurze Strecke auf dem Kamm entlang, während er wieder wieherte, und dann wie ein Jagdhund mit erhobenem Vorderbein stehenblieb. – Dieses Vorderbein aber war bis zum Knie weiß. Marianne drückte das Glas fester gegen die Augen und ließ es dann fallen. An der fließenden Weichheit des Galopps, an dem weißen Vorderbein, an dem Ausdruck des Kopfes und an all dem, was sie von der Verschlagenheit dieses Pferdes gehört hatte, erkannte sie Alcatraz. Während sie beim ersten Blick die Cowboys hatte bitten wollen, nicht auf das prachtvolle Geschöpf zu schießen, ließ sie nun das Glas sinken und dachte, wie dieses Pferd auf Manuel Cordova zugestürzt war und ihn zertrampelt hatte.

»Es ist Alcatraz!« rief sie. »Es ist der Hengst, von dem ich Ihnen erzählt habe, Mr. Hervey. Schießen Sie, und schießen Sie, daß er weg ist! Er ist ein Mörder und kein Pferd!«

Die Aufforderung war nicht erst nötig. Der Stutzen knallte von Shortys Schulter, aber der Hengst fiel weder, noch flüchtete er. Sein trotziges Wiehern klang schwach zu ihnen herüber.

»Paßt auf die Stuten auf!« rief Marianne plötzlich. »Sie wollen zu ihm laufen!«

Es schien in der Tat so, als ob der Gewehrschuß die Stuten zu dem Gefährten der letzten Nacht hinübertrieb. Sie setzten sich in einen hochwerfenden Trab, wie es Pferde tun, die noch nicht genau wissen, wohin sie wollen. Nun gehorchten die Cowboys ein paar schnell gegebenen Anweisungen Herveys, teilten sich in zwei Gruppen und ritten von beiden Seiten um die Flüchtlinge herum, bis sie vor ihnen waren. Marianne, die ihr Pferd antrieb, um dicht hinter Hervey zu bleiben, hörte den Inspektor wütend sagen: »Haben Sie jemals ein Pferd gesehen, das so im Feuer gestanden hätte wie dieses?«

Denn die Leute schossen, während sie galoppierten, wie die Wilden auf Alcatraz, aber Alcatraz bewegte sich nicht einmal! Das Feuern aber brachte die Stuten vom Trab in Galopp und vom Galopp in die Karriere. Zum erstenmal bedauerte Marianne ihren Speed. Sie liefen davon, als ob die Pferde der Cowboys bis zu den Fesseln im Boden steckten, und flogen den Hang hinauf, wie sechs Pfeile; auf den Hengst zu.

Dann erfolgte Herveys letzter verzweifelter Befehl: »Halt! Shorty! Slim! Macht halt und versucht, das Biest umzulegen!«

Sie gehorchten; Marianne, die wie blind vorwärtsstürmte, hörte das Krachen der Schüsse hinter sich und richtete die Augen auf den Fuchs, in der Erwartung, daß er fiele. Aber er fiel nicht. Er schien mit seinem herrischen Haupt die Kugeln herauszufordern; im nächsten Augenblick befand er sich mitten unter den Stuten. Marianne bemerkte trotz ihrer Angst voller Bewunderung, daß der Hengst, obgleich die Stuten in voller Fahrt waren, diese sogleich überholte und die Führung übernahm. In Glosterville war er, durch einen schlechten Reiter behindert und schwach vor Unterernährung, gerade noch gut genug gewesen, die Stuten zu schlagen, aber jetzt war er durch die üppige Weide und die Wohltat der Freiheit verwandelt.

Die Pferde verschwanden. Als Marianne den Hügelkamm erreichte, sah sie, daß jede Verfolgung aussichtslos war. Die Stuten waren bereits weit entfernt; hinter ihnen bemühte sich eine graue Stute vergeblich, ihnen nachzukommen. Als sie die Zügel anzog und ihr Pferd unter ihr vor Anstrengung schwankte, erinnerte sie sich an Lew Herveys Worte: »Es würde zehn Jahre dauern, bis wir den Hengst erwischen!« Marianne bedeckte ihr Gesicht mit den Händen und brach in Tränen aus.

Aber sie raffte sich sogleich wieder auf. Als sie ihr Pferd wandte, um mit den niedergeschlagenen Männern nach Hause zu reiten – es war vollkommen aussichtslos, Alcatraz auf so ermüdeten Pferden verfolgen zu wollen –, war sie bereits entschlossen, den Kampf fortzusetzen. Zehn Jahre sollte es dauern, bis sie Alcatraz und die Stuten fangen könne? Sie blickte auf die Cowboys mit einem jener alles durchdringenden Blicke, die nur wenigen großen Männern und allen erregten Frauen eigen sind. Allerdings, Alcatraz würde alt werden, ehe ihn Männer wie diese hier fangen könnten. Zu seiner Verfolgung war ein Mann nötig, der allen anderen an Unermüdlichkeit und Klugheit ebenso überlegen war, wie Alcatraz den anderen Pferden an Schnelligkeit, ein Mann, der unter seinen Kameraden stand, wie Alcatraz auf dem Hügelkamm gestanden hatte, trotzig, herrisch und frei. Marianne stieß einen leisen Ruf des Triumphes aus, als ein Gedanke in ihr aufstieg. Es war ihr sofort klar: der rote Perris war dieser Mann!

Aber würde er kommen? Ja, um solches Kampfes willen würde er bis ans Ende der Welt fahren und seine Dienste umsonst anbieten.

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