Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hans Dominik >

Geballte Kraft

Hans Dominik: Geballte Kraft - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
authorHans Dominik
titleGeballte Kraft
publisherWilhelm Limpert-Verlag
year1941
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151130
projectid17c92e68
Schließen

Navigation:

Markgrafenstraße 94 (1856)

Im südlichen Teil der Markgrafenstraße zu Berlin, nicht allzuweit von ihrer Einmündung in die Lindenstraße, steht ein staatliches vierstöckiges Haus. Das Zahlenschild über dem zweiflügeligen Einfahrttor kennzeichnet es als das vierundneunzigste in einer langen Reihe ähnlicher Gebäude. Seit vier Jahren ist auch eine Firmentafel angebracht, denn 1852 haben die Herren Werner Siemens und Georg Halske das Haus für ihre Telegraphenbauanstalt erworben. Nicht ohne Bedenken haben sie die für die damalige Zeit recht erhebliche Summe von 40 000 Talern dafür erlegt, doch der Kauf war unvermeidlich, um für den ständig wachsenden Betrieb der jungen Firma die nötigen Räume zu schaffen.

Die Telegraphenanstalt von Siemens und Halske in Berlin, Markgrafenstraße 94

Das war vor vier Jahren, und längst sind die damaligen Sorgen überwunden. Hat doch der Krimkrieg, der unterdessen zwischen dem Russischen Reich und den Westmächten zum Ausbruch kam, der Telegraphenbauanstalt so große Aufträge gebracht, daß Werner Siemens schon 1854 an einen seiner Brüder schreiben konnte:

»Es scheint, als wenn unser Familiengenius uns jetzt gerade sehr wohl will. Unser Geschäft nimmt sehr großartige Dimensionen an, so daß mir bisweilen etwas schwindelig wird.«

Zwei Telegraphenapparate von Siemens u. Halske, die merkwürdigerweise aufeinanderfolgende Fabrikationsnummern tragen, der eine im russischen, der andere im englisch-französischen Lager, haben der Welt 1855 den Fall der Festung Sebastopol gemeldet. Danach ist der Krimkrieg schnell zu Ende gekommen. Die Aufträge auf Telegraphenanlagen sind jedoch nach dem Friedensschluß kaum geringer geworden, und in steigendem Maße sind die Eisenbahngesellschaften als Besteller hinzugekommen.

Fast 100 Arbeiter beschäftigt die Telegraphenbauanstalt in der Markgrafenstraße jetzt. Von allen feinmechanischen Werkstätten Berlins ist sie die größte; doch wenn sie an der Spitze bleiben will, gilt es, das Vorhandene ständig zu verbessern, Mißstände, die sich in der Praxis zeigen, durch sinnvolle Neukonstruktionen zu beseitigen und unermüdlich weiterzuarbeiten. Das tun die beiden Kompagnons Werner Siemens und Georg Halske in enger Zusammenarbeit. Was der frühere Artillerieoffizier und jetzige Fabrikbesitzer, Erfinder und Konstrukteur Siemens ersinnt, dem gibt der geschickte Mechaniker Halske die rechte Form in Messing, Kupfer und Eisen. So war's schon bei den ersten Telegraphenapparaten und Guttaperchapressen, die den Ruf der Firma begründeten, und so ist's auch jetzt wieder, da eine andere Aufgabe immer dringender wurde und gebieterisch nach der Lösung verlangte. Um die Schaffung einer für die Telegraphie geeigneten Stromquelle handelt es sich dabei.

Die galvanische Batterie ist und bleibt ja die schwache Stelle bei allen elektrischen Anlagen. Daran hat sich in den 13 Jahren, die nun seit dem Beleuchtungsversuch auf der Place de la Concorde in Paris verstrichen sind, kaum etwas geändert. Weiter entwickelt wurde freilich in dieser Zeit das Verfahren, mit Hilfe magnet-elektrischer Maschinen Strom zu gewinnen. Das elektrische Licht in Leuchttürmen der französischen Küste zeugt davon, wenn auch die Maschinen, die den Strom dafür liefern, noch längst nicht aus den Kinderkrankheiten heraus sind.

Magnetisch-elektrische Induktion muß auch den Strom für elektrische Nachrichtenapparate liefern. Das ist die Idee, mit der Werner Siemens sich schon seit langen Monaten trägt. Bei Tag und Nacht läßt sie ihn nicht mehr los; nach allen Richtungen hat er sie durchdacht; jede der zahlreichen magnet-elektrischen Maschinen, die in den letzten zwanzig Jahren von Deutschen und Italienern, von Engländern und Franzosen konstruiert werden, hat er geprüft und ihre Schwächen erkannt. Zu locker ist bei allen der magnetische Schluß; zu groß der Widerstand in dem magnetischen Kreis, den induzierende und induzierte Eisenteile zusammen bilden. Zu schwach und unzuverlässig ist daher ihre Wirkung.

Fruchtbar wird diese Kritik im Gehirn des Erfinders. Immer greifbarer steht vor seinem geistigen Auge die Form, die eine Konstruktion haben muß, welche diese Fehler vermeidet. Und dann kommt der Märztag des Jahres 1856, an dem er mit einer schnell hingeworfenen Handskizze zu seinem Kompagnon geht.

Oben: Magnetinduktor mit Doppel-T-Anker, 1856
Oben: die erste aus dem obigen Induktor entstandene dynamo-elektrische Maschine der Welt, 1866

Dicht neben dem großen Werksaal im Erdgeschoß des Hauses Markgrafenstraße 94, in dem Drehbänke laufen, in dem gehämmert und gefeilt wird, in dem es pfeift und quietscht, hat Meister Halske sein Kontor. So hat er seine Mechaniker in der Nähe und kann, wenn es not tut, jederzeit nach dem Rechten sehen. Erwartungsvoll blickt Halske dem Eintretenden entgegen. Er weiß, daß der sich mit einer neuen Sache trägt, und weiß auch, worum es sich handelt. Hat er doch während des letzten Jahres mehr als einmal nach den Zeichnungen in technischen Zeitschriften magnet-elektrische Maschinen nachbauen müssen und konnte dann beobachten, wie Werner Siemens stundenlang grübelnd davor saß, sie mit Meßinstrumenten untersuchte, umständlich prüfte und schließlich achtlos beiseite schob. Was wird jetzt kommen? Was wird Werner Siemens, dem die innere Erregung deutlich anzumerken ist, ihm heute bringen?

Der legt das Blatt auf den Tisch, streicht sich das volle krause Haar zurück und wirft Halske durch die scharfen Brillengläser einen schnellen Blick zu. Dann spricht er akzentuiert und ohne Übereilung:

»Jetzt haben wir's, Halske! Das ist die richtige Lösung!«

Handskizze eines Doppel-T-Ankers von Werner Siemens. Aus einem Brief an seinen Bruder Wilhelm (22.Mai 1856)

Halske greift nach dem Blatt. Es ist eine primitive Skizze, ohne Zirkel und Lineal entworfen. Ein Pfennigstück, auf das Papier gelegt, hat dem Skizzierenden wohl als Schablone dienen müssen, um den kreisförmigen Querschnitt des Ankers darzustellen. Flüchtig und ohne Rücksicht auf äußere Schönheit sind die übrigen Teile hingezeichnet, aber klar springt die neue erfinderische Idee aus dem Ganzen heraus.

Einen I-förmigen Querschnitt hat der zylindrische Anker. Drahtwindungen, die induziert werden sollen, füllen seine beiden Längsnuten aus. Die beiden Buchstaben N und S (Nord und Süd) lassen zur Genüge erkennen, daß das hufeisenförmige Gebilde, das den Anker dicht umschließt, ein Magnet sein soll. Hier ist der magnetische Kreislauf in der Tat auf kürzestem Wege geschlossen. Hier ist jeder überflüssige Luftweg, der die anderen magnet-elektrischen Maschinen so schwächt, glücklich vermieden. Das leuchtet auch Halske ein, der die Skizze nach langer Betrachtung wieder auf den Tisch vor sich hin legt.

»Ja, Herr Siemens! Das werden wir ja wohl bald klar kriegen«, sagt er in seiner bedächtigen norddeutschen Art. Obwohl er schon seit einer ganzen Reihe von Jahren in Berlin lebt, verrät der Tonfall seiner Worte unverkennbar den gebürtigen Hamburger. »Einen zylindrischen Anker aus weichem Schmiedeeisen brauchen wir.«

Während er weiterspricht, nimmt er das Skizzenblatt wieder zur Hand, auf dem auch einige Zahlen stehen. »Zehn Zoll soll er lang werden und ein und einen Drittelzoll im Durchmesser haben. Zwei gegenüberstehende Längsnuten muß er bekommen ... Donnerwetter, die schneiden kräftig ins Fleisch; da bleibt von dem Kreisquerschnitt nur etwa das Profil eines Doppel-T-Trägers übrig ...«

»Doppel-T-Träger«, greift Werner Siemens das letzte Wort auf, »Doppel-T-Anker ... richtig, Halske! Da hätten wir schon einen Namen für das Kind. Ein Doppel-T-Anker, dessen Eisenquerschnitt durch in die Nuten eingelegte Kupferdrähte wieder zum Vollkreis ergänzt wird, kennzeichnet die Konstruktion.« Mehr zu sich selbst als zu seinem Gegenüber spricht Werner Siemens weiter: »... könnte für eine Patentanmeldung wichtig werden. Auch das geringe Trägheitsmoment des Ankers wäre zu erwähnen. Beträgt nur etwa den 25. Teil desjenigen der Stöhrerschen Maschine ...«

Währenddessen hat Halske sich das kleine Reißbrett herangezogen, das mit allen dazugehörenden Utensilien stets auf einem Nebentisch parat liegt, und schickt sich an, die Skizze in eine werkgerechte Zeichnung umzusetzen. Denn in diesen Jahren verfügt die Firma noch nicht über ein besonderes Konstruktions- und Zeichenbüro. Georg Halske ist noch sein eigener Zeichner und verlangt auch von seinen Mechanikern, daß sie mit Zirkel und Reißschiene umzugehen wissen.

In dieser Beziehung sind die Verhältnisse in der Anfangszeit deutscher Technik und Industrie noch etwas primitiv. Die zehn Jahre vor der Telegraphenbauanstalt von Siemens u. Halske begründete Lokomotivbauanstalt von August Borsig hat zwar seit einigen Jahren ein solches Büro, aber es wird noch nicht recht für voll genommen. Nur zu allerletzt zeigt es der alte Borsig den Besuchern seines Werkes, öffnet auch nur die Bürotür und erklärt auf gut berlinisch: »Det sind nu meine Malers ...«

Georg Halske entwirft also eigenhändig die neue magnet-elektrische Maschine auf dem Reißbrett. Dabei laufen seine Gedanken anders als die seines Kompagnons. Während der an Trägheitsmomente, magnetische und elektrische Kreise denkt, überlegt der Mechaniker Halske, wie man den eisernen Doppel-T-Anker mitsamt seiner Windung genau zwischen zwei Messingkappen zentriert, wie die Achse am besten zu lagern ist, wie die Enden der Ankerwicklung für die Stromabnahme zu zwei Schleifringen auf der Achse zu führen sind, wie ein Magnetmagazin mit kreisförmigen Aussparungen den Anker zu umfassen hat, und aus diesen Überlegungen entsteht auf dem Papier eine Zeichnung, die bereits alle technischen Einzelheiten reif zur Ausführung enthält.

Auch Werner Siemens arbeitet mit Bleistift und Papier. Zahlenreihen entstehen, werden zwei- und dreimal durchgestrichen, um durch andere ersetzt zu werden. Eben scheint er mit seiner Rechnung ins reine zu kommen, als auch Georg Halske mit seinem Entwurf fertig wird.

»So denke ich mir das«, sagt er und schiebt Werner Siemens das Brett hin. Den interessieren nur die beiden Ankernuten, welche die Windungen aufzunehmen haben. Alles andere, das weiß er seit langem, kann er den geschickten Händen Halskes überlassen. An der Zeichnung mißt er den Nutenquerschnitt nach, vergleicht das Ergebnis mit seinen Berechnungen, sieht vor sich hin und spricht dann wieder:

»Das stimmt! 90 Windungen von unserem Einserdraht füllen den Nutenraum aus.« Noch ein paar Zahlen die Drahtbewicklung des Ankers betreffend schreibt er neben die Zeichnung. »Sehen Sie zu, daß wir den ersten Induktor recht bald haben«, sagt er, sich wieder erhebend, und hat im nächsten Augenblick schon das Zimmer verlassen.

Einen kurzen Augenblick schaut ihm Halske nachdenklich nach. Mag der Himmel wissen, was den »Krauskopf« schon wieder weiter treibt. Welchen neuen Plänen er wieder nachjagt, und welche neuen Sorgen er damit ins Haus bringen wird. Freilich, das sagt sich auch Halske, man soll nicht ungerecht sein. Werner Siemens hat diesem Haus außer mancher Unruhe auch Aufträge gebracht, welche die kühnsten Erwartungen weit hinter sich ließen. Aber diese Verbindung mit den beiden auswärtigen Brüdern, dem Wilhelm in London und Karl in Petersburg, da kommt Georg Halske, der nun mit seinen 42 Jahren das Leben in Ruhe genießen möchte, nicht mehr so richtig mit.

Diese Maschine ... dieser Induktor, den er eben gezeichnet hat ... wahrscheinlich wird der auch wieder für den Betrieb einer der neuen Telegraphenlinien bestimmt sein, die Bruder Wilhelm oder Bruder Karl an das Haus in der Markgrafenstraße heranbringen. Ihn soll's nicht kümmern. Seine Aufgabe hier ist es, die Apparate so auszuführen, daß sie dem Hause Ehre machen. Er ist schon mit schwierigeren Konstruktionen fertig geworden. Bei dem Induktor hier kann die Ausführung der erfinderischen Idee in Stahl und Kupfer kaum Schwierigkeiten bieten, weil die Überwindung aller Schwierigkeiten schon in der Idee enthalten ist.

Georg Halske beugt sich wieder über das Reißbrett. Er macht die Zeichnung für die Werkstatt fertig, und schon am nächsten Morgen wird danach gearbeitet. –

In einem hat sich Halske geirrt. Der neue Induktor ist, zunächst wenigstens, nicht für irgendwelche exotischen Telegraphenlinien, sondern für den Betrieb der Streckentelegraphen auf einer bayrischen Eisenbahn bestimmt und erfüllt hier glänzend seinen Zweck. Schon am 8. Mai des Jahres 1856 schreibt Werner Siemens an Bruder Wilhelm nach London:

»Wir machen jetzt auf Bayerns Bestellung neue Zeigertelegraphen mit magnet-elektrischer Bewegung ohne Batterien für Eisenbahndienst. Sie werden sehr einfach und billig, und ich hoffe, sie werden so sehr viel Anwendung finden ...«

Kaum 14 Tage später schreibt er wieder an Wilhelm:

»... Unsere neuen magnet-elektrischen Zeigertelegraphen scheinen sehr brillant ausfallen zu wollen. Das wird der wahre Eisenbahntelegraph werden. Sehr einfach durch jedermann zu handhaben, ohne alle Batterien, sehr schnell gehend, auch als Gegensprecher, und nicht teuer.«

Das so lange und von so vielen vergeblich Erstrebte ist damit erreicht. Der Induktor mit dem Doppel-T-Anker bewährt sich als ergiebige und zuverlässige Stromquelle und ersetzt an hunderten und bald an tausenden Stellen die galvanischen Batterien. In allen Industrieländern wird er nachgebaut, da es dem Erfinder nicht gelungen ist, einen Patentschutz darauf zu erhalten. Als »Siemens-armature« wird er in England und bald auch in den Vereinigten Staaten bekannt. Wo immer magnet-elektrische Maschinen gebaut werden, greift man auf den Doppel-T-Anker zurück, der im Frühjahr 1856 nach der Idee von Werner Siemens unter den geschickten Händen von Georg Halske entstand.

Zu Zehntausenden findet er in telegraphischen und Eisenbahnsignalanlagen Verwendung.

Zu Hunderttausenden wird er benötigt, als in den achtziger Jahren die Telephonie ihren Siegeslauf beginnt. Wer einmal die Kurbel seines Fernsprechers drehte, um das Amt anzurufen, setzte damit einen Doppel-T-Anker in Bewegung, der Rufströme erzeugte, in die Leitung sandte und im Amt Klappen fallen ließ oder Summerzeichen gab.

Zu Millionen und bald zu vielen Millionen muß er hergestellt werden, als die Jahrhundertwende den Kraftwagen und die Motorisierung des Straßenverkehrs bringt. Wo immer ein Auto fährt, wo der Taktschlag eines Explosionsmotors aufklingt, da ist ein Magnetinduktor die letzte Ursache, dessen Doppel-T-Anker die zündenden Funken auf die tausendstel Sekunde genau in das Gasgemenge der Motorzylinder wirft.

Kaum eine andere Konstruktion in der ganzen Technik hat eine ähnliche Verbreitung und Langlebigkeit erreicht, wie dieser Magnetinduktor, der vor 85 Jahren die erste Form gewann. Doch noch etwas anderes, noch Bedeutenderes ist untrennbar mit ihm verbunden. Er wird zehn Jahre nach seiner Entstehung den Ausgangspunkt für eine noch größere Erfindung abgeben, die in wenigen Dezennien die gesamte Energiewirtschaft revolutionieren und aus dem Zeitalter der Dampfkraft in dasjenige der Starkstromtechnik hinüberführen wird.

 << Kapitel 4  Kapitel 6 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.