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Geballte Kraft

Hans Dominik: Geballte Kraft - Kapitel 11
Quellenangabe
typereport
authorHans Dominik
titleGeballte Kraft
publisherWilhelm Limpert-Verlag
year1941
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20151130
projectid17c92e68
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Elektrisches Licht

Licht, Kraft, Verkehr und Chemie werden die vier großen Arbeitsgebiete für die dynamo-elektrische Maschine sein. Das hat ihr Erfinder sehr früh erkannt, und schon während jenes ersten Jahrzehnts, das von dem ersten Versuchsapparat bis zu der Maschine mit Trommelanker und unterteiltem Ankereisen führt, wiederholt und deutlich ausgesprochen.

Das Augenfälligste und daher Nächstliegende ist das Licht. Beleuchtungsversuche, vornehmlich für militärische Zwecke, füllen daher die sechziger Jahre aus, doch nun ist die Zeit gekommen, das elektrische Bogenlicht auch in zivilen Betrieben einzuführen. Ein ausgesprochenes Starklicht ist der glänzende elektrische Lichtbogen, und für die Beleuchtung großer Räume und Räumlichkeiten erscheint er deshalb besonders geeignet. Bahnhöfe, Ausstellungshallen und große Straßenzüge kommen daher als besonders lockende Objekte zunächst in Frage.

Doch wenn man das will, muß man auch eine brauchbare elektrische Bogenlampe haben; eine Lampe, die sich selbständig und zuverlässig regelt, bei der es also nicht mehr notwendig ist, neben jede Lichtquelle einen Mann zur ständigen Bedienung hinzustellen.

Zu Beginn der siebziger Jahre erkennt Werner Siemens auch diese Notwendigkeit. 1873 ersinnt er eine auf dem Differentialprinzip beruhende Regulierung und bespricht sie mit dem bewährten Konstrukteur von Hefner. Zwei Spulen, die eine vom Haupt- oder Lampenstrom, die andere von einem Nebenschlußstrom duchflossen, sollen den Vorschub der Kohlestifte so beeinflussen, daß ihre Spitzen stets in richtigem Abstand voneinander bleiben und der Bogen ruhig und stetig brennt. Doch von der erfinderischen Idee bis zur betriebsreifen Konstruktion ist es ein langer Weg. Erst fünf Jahre später werden die ersten Differentiallampen wirklich brennen und den Siegeszug des elektrischen Bogenlichts einleiten.

Vorher gibt es noch einmal einen technischen Umweg, wie ihn etwa ähnlich das feststehende Ankereisen für die Dynamomaschine bedeutete. Der russische Ingenieur Jablochkoff ist auf der Londoner Ausstellung des Jahres 1876 mit einer »elektrischen Kerze« aufgetreten, die ohne jeden Reguliermechanismus brennt. Er hat das durch einen überraschenden Trick erreicht. Seine Kerze besteht aus zwei runden Kohlestäben von etwa 7 Millimeter Stärke und 25 Zentimeter Länge, die parallel nebeneinander stehen und durch eine Zwischenschicht von Kaolin über ihre ganze Länge im richtigen Lichtbogenabstand voneinandergehalten werden. Fast lächerlich einfach erscheint das Ganze, aber das Ding funktioniert gut und jedenfalls besser als alle bisher bekannten Bogenlampen mit einem Regelwerk. Sobald sich zwischen den Spitzen der beiden Kohlestäbe durch Wegbrennen eines dort aufgeklebten Kohlesplitterchens einmal ein Lichtbogen gebildet hat, brennt er stetig weiter; langsam verzehren sich dabei die Kohlestifte, während das Kaolin zwischen ihnen schmilzt und verdampft. Sehr treffend kommt die Erfindung daher als Jablochkoff-Kerze auf den Markt, denn wie eine Wachskerze brennt sie langsam in anderthalb Stunden ab.

Zwei schwache Stellen hat diese Kerze allerdings. Sie kann nur mit Wechselstrom betrieben werden, denn bei Gleichstrom würde die eine Kohle viel schneller abbrennen als die andere. Und sie entzündet sich nicht wieder von selbst, wenn sie – etwa durch Ausbleiben des Stromes – einmal erloschen ist. Trotzdem erscheinen ihre Vorzüge so groß, daß Siemens u. Halske eine Lizenz auf die Erfindung nehmen und alle ihre Beleuchtungsanlagen bis zum Jahre 1879 mit Jablochkoff-Kerzen ausführen.

Nach ausgiebigen Versuchen in der Markgrafenstraße faßt man im Spätsommer des Jahres 1878 den Entschluß, die Bogenlichtbeleuchtung in Berlin der Öffentlichkeit vorzuführen. Einen geeigneten Anlaß gibt der Sedantag, und als Ort wird das neue Rathaus gewählt. Schon drei Tage vorher wird mit den Vorbereitungen begonnen.

Auf dem großen, vor dem Rathaus in der Königstraße befindlichen Kandelaber werden zwölf Laternen mit je vier Jablochkoff-Kerzen angebracht. Die Kerzen einer Laterne sollen nacheinander eingeschaltet werden, so daß man auf eine Gesamtbrenndauer von sechs Stunden kommen kann. Die Umschalter dafür werden auf dem Balkon des Rathauses placiert. Auf die obere Plattform des Rathausturmes kommen vier starke Regelwerklampen mit Fresnel-Linsen. In den Hof des Rathauses werden drei Lokomobilen mit den zugehörigen Dynamos gefahren, eine für die Kandelaberkerzen und zwei für die Turmscheinwerfer.

Bis dahin ist alles relativ einfach, aber nun beginnen schon die Schwierigkeiten. Es gibt ja noch keine besonderen Starkstromleitungen, und wohl oder übel muß man die für Telegraphenkabel gebräuchliche, mit einem Guttaperchamantel versehene Kupferlitze verwenden. Guttapercha ist zwar in der Kälte ein vorzüglicher Isolierstoff, aber wenn die Temperatur merklich über Zimmertemperatur steigt, wird der Stoff flüssig und läuft davon.

Der 23jährige Monteur Hermann Meyer, dem die Installation übertragen ist, kennt trotz seiner Jugend die Tücken elektrischer Objekte recht gut und trifft danach seine Vorkehrungen. Zwei Schlosser, ein Tischler und vier Saaldiener stehen ihm für seine Arbeit zur Verfügung, und er weiß seine Hilfstruppen richtig einzusetzen. Hunderte kleiner Holzplatten muß der Tischler zurechtschneiden, die von den Schlossern mit eisernen Krampen an den Wänden des Rathauses befestigt werden. Ein kurzer Nagel kommt danach in das isolierende Holz jeder Platte, und an den Nägeln wird die Leitung mit Bindfaden festgemacht. So sind Erdschluß, Kurzschluß und ähnliche Teufeleien mit ziemlicher Sicherheit unterbunden.

Ein heikler Punkt bleibt noch der richtige Lauf der Dampfmaschinen. Laufen sie zu schnell, dann flackert das Bogenlicht, laufen sie zu langsam, geht es aus.

»Wir haben doch die schönen Zentrifugalregulatoren an den Dampfmaschinen«, sagt der Maschinist Schmidt.

»Unsinn!« fällt ihm der Monteur Meyer ins Wort. »Das sind Ausstattungsstücke! Bloß da, um wissenschaftlich auszusehen. Nützen tun sie 'nen Dreck was. Machen die Maschinen bloß besoffen!«

Und dann bindet Hermann Meyer mit Draht eine einen Meter lange Eisenstange an das Rad des Dampfventils und unterweist Schmidt, wie er mit diesem langen Hebel den Dampfzufluß zu regulieren hat.

»Immer so, Schmidt, daß der Zeiger des Elektrodynamometers zwischen 50 und 60 spielt. Ja nicht unter 50, sonst gehen die Kerzen aus, und dann soll Sie der Teufel holen.« –

Der Abend des 2. September bricht an. Meyer hat seine Wachen wie ein Feldherr verteilt. Eine auf dem Turm bei den Scheinwerfern, eine bei den Umschaltern auf dem Balkon. Alle Maschinen laufen, und auf ein Signal von ihm wird eingeschaltet. Die Kerzen in dem Kandelaber erstrahlen in voller Pracht, die Scheinwerfer vom Turm werfen ihre Lichtbalken weithin, und das tausendköpfige Publikum ist ebenso begeistert wie 35 Jahre vorher die Pariser auf der Place de la Concorde. Monteur Meyer steht neben den Elektrodynamometern und beobachtet die Zeiger. Dreiviertel Stunden hindurch geht alles gut, da, plötzlich beginnt der Zeiger des einen Instrumentes hin und her zu tanzen. Immer größer werden seine Ausschläge, er springt bis unter die 50, und sechs Kerzen im Kandelaber erlöschen. Die Wache auf dem Balkon sieht es und schaltet schleunigst um. Schon eine Minute später flammen die sechs Kerzen des nächsten Satzes auf; das Publikum hat den Vorfall kaum bemerkt. Doch schon nach kurzer Zeit wiederholt sich der Spuk ein zweites und bald danach ein drittes Mal. Sämtliche Kerzen von sechs Laternen fallen damit aus. Eine halbe Stunde später zeigt das Elektrodynamometer des zweiten Laternensatzes die gleichen Mucken, und bald ist auch der erledigt. Sämtliche elektrischen Laternen des Kandelabers bleiben dunkel.

Der Berliner ist von Natur wissensdurstig, um nicht zu sagen neugierig. Sobald Hermann Meyer sich in der Nähe des Kandelabers sehen läßt, wird er mit Fragen bestürmt, warum die Illumination schon zu Ende ist.

»Ja, meine Herren«, zieht er sich mit einer Ausrede aus der Affäre, »die Kerzen brennen nur so lange. Diese Brennzeit war von uns auch nur vorgesehen, um den Unterschied zwischen elektrischer und Gasbeleuchtung zu zeigen.«

»Na, wenn det man stimmt, Männeken!« meint zwar ein besonders skeptisch Veranlagter, aber die Allgemeinheit gibt sich mit dieser Erklärung zufrieden; um so mehr, als die Scheinwerfer vom Turm nach wie vor ihre Lichtbündel aussenden.

Auf die richtet sich jetzt die ganze Sorge des Monteurs und seiner Leute, und hier geht alles gut. Die Scheinwerfer brennen bis zum festgesetzten Schluß zufriedenstellend. So ganz nebenher zeigt die Bogenlampe mit Regelwerk und übereinanderstehenden Kohlen bei dieser Gelegenheit schon ihre Überlegenheit über die Jablochkoff-Kerze. –

Die Schuster brauchen nicht unbedingt die schlechtesten Stiefel zu haben, und eine Firma, die elektrisches Licht macht, braucht nicht zwei Gaslampen vor ihrem Tor zu haben. Das sagt man sich in der Markgrafenstraße 94, und so werden dort noch im Herbst 1878 zwei Laternen mit Jablochkoff-Kerzen vor das Haus gestellt, und diese Lampen brennen nun wirklich täglich regelmäßig vom Beginn der Dunkelheit bis um 8 Uhr abends, denn hier sitzt man ja an der Quelle, hat alle Hilfsmittel bei der Hand und kann Störungen, wenn sie doch einmal auftreten, schnellstens beseitigen. Zwar muß auch hier noch bei der Lokomobile auf dem Fabrikhof ein Maschinist dauernd neben dem Dampfventil stehen und es mit einem angefügten langen Hebel ständig regulieren; auch hier muß ein Elektriker fortwährend das Elektrodynamometer beobachten, aber draußen auf der Straße brennen die beiden elektrischen Lampen, und schnell spricht sich das in Berlin herum.

»Kinder«, sagt Frau Schultze, deren Mann ganz weit draußen vor dem Potsdamer Tor in der Lützowstraße einen Weißbiergarten mit zwei Kegelbahnen hat, zu ihren Gören, »heut' abend wollen wir mal nach Berlin rein machen und das elektrische Licht ansehen.«

Bei Einbruch der Dämmerung machen sie sich wie zu einer Landpartie, mit Stullenpaketen ausgerüstet, auf den langen Weg. An den Gärten und vereinzelten Landhäusern der Lützowstraße vorbei geht es bis zur Potsdamer Straße, wo es schon etwas städtisch wird. Hier brennen wenigstens schon Gaslaternen. Das Straßenpflaster ist freilich noch herz- und stiefelzerreißend, und die breiten Rinnsteine zu beiden Seiten zeigen, daß die städtische Kanalisation bis in diese Gegend noch nicht vorgedrungen ist. Erst hinter dem Leipziger Platz wird die eigentliche Stadt und bald auch die Markgrafenstraße erreicht. Erwartungsvoll spähen aller Augen den langen Straßenzug hinunter.

»Seht Ihr, da hinten, Kinder«, redet Frau Schultze plötzlich auf ihre Sprößlinge ein, als man die Kochstraße überquert hat, »das Glänzende da hinten, das muß es sein!«

In der Tat leuchtet dort, noch ein weites Stück vor ihnen, etwas hell auf. Viel heller als die Gaslaternen, bei deren trübem Schein sie jetzt schneller vorwärts streben. Bei jedem Schritt, den sie tun, wird es heller.

»Sieh mal, Mutter!« ruft plötzlich Frau Schultzes Ältester und bleibt stehen.

»Was hasde denn schon wieder, Bengel?«

»Mutter, jetzt habe ich zwei Schatten. Einen gelben und einen blauen.«

»Quatsch«, sagt Frau Schultze, verhält aber doch den Schritt und muß im gleichen Augenblick erkennen, daß es ihnen allen ebenso geht wie ihrem Jungen. Von der nahen Gaslaterne her werfen sie einen Schatten, der bläulich gefärbt ist, von den noch ziemlich weit entfernten elektrischen Lampen her einen anderen von gelblicher Tönung.

»Unbegreiflich!« brummt Frau Schultze vor sich hin und geht weiter, denn endlich will sie doch das neue Licht aus nächster Nähe bewundern. Aber das ist nicht so ganz einfach. Sie ist nicht die einzige, die zu diesem Zweck hierhergekommen ist, auch viele andere haben den gleichen Gedanken gehabt, und dicht staut sich die Menge vor den beiden Laternen. In diesen Herbsttagen sind sie eine Sehenswürdigkeit für Berlin, diese beiden schlichten Laternen vor einer Hauswand, an der es sonst nichts zu sehen gibt. Aber sie bleiben nicht lange die einzigen ihrer Art.

Wer erst einmal draußen vor dem Schaufenster stehenbleibt, der geht vielleicht auch in den Laden und kauft etwas, sagen sich unternehmende Geschäftsleute, und bestellen sich elektrische Beleuchtung. Noch im Oktober 1878 werden Jablochkoff-Laternen in dem Geschäftshaus von Julius Michaelis in der Leipziger Straße und in dem Laden der Singer-Nähmaschinenfabrik installiert. Ihnen folgt noch im gleichen Jahr die Färberei von W. Spindler in der Wallstraße, die sich noch einen besonderen Vorteil von dem Umstand verspricht, daß die Farbnuancen beim elektrischen Bogenlicht fast wie beim Tageslicht erscheinen, während sie bei Gasbeleuchtung stark verzerrt werden. Für alle diese Anlagen benutzt man nicht mehr Lokomobilen, sondern den damals neu aufgenommenen vervollkommneten Gasmotor, der gewöhnlich im Keller des betreffenden Hauses aufgestellt wird.

Die Sache ist noch reichlich umständlich, denn auch die Gasmotoren haben noch ihre Mucken. Ab und zu gibt es Nachzündungen im Austrittsrohr, die sich durch einen kanonenschußartigen Knall bemerkbar machen, so daß alle in der Nähe befindlichen Personen davonlaufen. Auch sonst ist das Motorgeräusch nicht unerheblich, aber das alles nimmt man gern mit in den Kauf, um nur das neue Licht zu haben.

Die Jablochkoff-Kerze ist brauchbar, aber die von Werner Siemens und Friedrich von Hefner gemeinsam entwickelte Differentialbogenlampe verspricht noch viel besser zu werden. Einzeln von einer Dynamomaschine gespeist, funktioniert sie bereits tadellos, nur das Zusammenschalten mehrerer Lampen an eine Maschine will vorläufig immer noch nicht klappen, obwohl man im Versuchssaal in der Markgrafenstraße nun schon seit bald vier Jahren daran arbeitet. Immer noch beeinflussen sich zwei in dem Stromkreis liegende Lampen in der Weise gegenseitig, daß bei der einen die Kohlen zusammenlaufen, während die andere einen übermäßig langen Lichtbogen zeigt. Die »Teilung des Lichts« wird in dieser Zeit ein Schlagwort in der jungen Elektrotechnik. Im Versuchssaal der Markgrafenstraße aber, wo man immer noch experimentiert, spricht das alte Versuchsfaktotum Rambow die denkwürdigen Worte: »Een richtiger Jas wird det im janzen Leben nich.«

Die weitere Entwicklung straft diesen Ausspruch jedoch Lügen. Um die Jahreswende auf 1880 gelingt es, die Differentiallampe hintereinander und auch in mehreren Stromkreisen nebeneinander von einer einzigen Dynamomaschine sicher zu betreiben, und damit ist ein ungeheurer Fortschritt erreicht. Die Dynamomaschinen können jetzt viel größer gebaut werden. Von zehnpferdigen kommt man schnell zu 50-, zu 100- und im Jahre 1883 sogar zu einer 150pferdigen Maschine, die für dies Jahr den Rekord bedeutet. Der ganze Betrieb wird dadurch viel einfacher und wirtschaftlicher. Braucht man doch jetzt nicht mehr für jeden einzelnen Laden eine besondere Maschine hinzustellen, sondern kann schon daran denken, die Beleuchtungsanlagen eines ganzen Häuserblocks von einer einzigen Maschinenstation aus zu versorgen. Die Möglichkeit der »Blockzentrale« ist damit gegeben, und nun melden sich auch die Behörden und die Kommunen.

Die erste Gelegenheit, die Differentiallampe in regelrechtem Betriebe zu verwenden, bietet die Beleuchtung der Kaiserpassage zwischen den Linden und der Behrenstraße in Berlin aus Anlaß der Berliner Gewerbeausstellung 1879. In einem gerade leerstehenden Laden wird ein 12pferdiger Gasmotor aufgestellt. Die von ihm getriebene Dynamo speist 12 Lampen, die über die ganze Länge der Passage gleichmäßig verteilt aufgehängt werden. Zu Pfingsten 1879 brennen die Lampen das erstemal, und in Massen strömt das Publikum dorthin, denn eine elektrische Beleuchtung von solchen Ausmaßen hat Berlin noch nicht gesehen.

Doch bald kann man das neue Licht auch an anderen Stellen bewundern, denn 1880 erhalten der Schlesische und der neue Anhalter Bahnhof ebenfalls Beleuchtungen durch Differentiallampen. Ein neuer Beruf entsteht damit, der »Lampist«, der die Kohlestifte auszuwechseln und die großen Milchglasglocken zu reinigen hat. Verwundert sieht das reisende Publikum einen Mann mit klappernden Sandalen auf den Bahnsteigen umherlaufen. Er trägt Brettchen mit untergeschraubten Porzellanrollen an den Füßen, um sich gegen den Erdboden zu isolieren und auf diese Weise elektrische Schläge zu vermeiden. Einige Jahre später macht man die Entdeckung, daß ein paar Gummischuhe dem gleichen Zweck ebensogut und wesentlich unauffälliger dienen können.

Auch der Reichstag will nun in seinem Gebäude in der Leipziger Straße Bogenlicht haben, und hier gibt es zunächst allerlei Beanstandungen. Erst will es mit den Gasmotoren nicht recht klappen. Ihre Schwungräder sind zu leicht, und jeder Kolbenhub ruft ein merkliches Schwanken der Helligkeit hervor. Die Motorenfabrik sucht sich vor Regreßansprüchen durch die Behauptung zu schützen, daß die Dynamos »unegalen Strom« liefern. Um Weiterungen zu vermeiden, bringen Siemens u. Halske selbst Schwungräder mit schwereren Kränzen an den Gasmotoren an, wonach die Anlage einwandfrei arbeitet. Doch nun kommen die Herren Parlamentarier mit dem alten Vorurteil, daß durch das elektrische Licht Augenkrankheiten entstehen könnten. Wochen hindurch müssen die Ingenieure von Siemens u. Halske fast täglich »Lichtsitzungen« im Reichstagsgebäude abhalten, um die Lampen zu beobachten und etwaige Beschwerden entgegenzunehmen, bis es endlich gelingt, die aufgeregten Gemüter zu beruhigen.

Von dem damaligen Stand – um nicht zu sagen Tiefstand – physikalischer Kenntnisse auch in gebildeten Kreisen zeugt ein Vorfall im Reichstagsgebäude, über den Hermann Meyer in seinem Buch »Fünfzig Jahre bei Siemens« berichtet:

»Ein Angestellter wollte einigen Herren erklären, wie die Lampen arbeiten. Zu diesem Zwecke hatte er eine von den Laternen heruntergelassen, die an den Aufziehvorrichtungen hingen. Dabei muß er unvorsichtig gewesen sein. Er hatte bei geöffnetem Stromkreis beide Pole berührt und fiel infolge des Schlages zu Boden. Einer der umstehenden Herren machte den Vorschlag, den in den Körper eingedrungenen Strom unschädlich in die Erde abzuleiten. Der Verunglückte wurde sofort in den Garten geschafft, wo beide Hände in den Erdboden gesteckt wurden. Dort lag der »Elektrisierte«, bis er sich erholt hatte. Nach Ansicht einiger Zuschauer soll das Verfahren geholfen haben.«

Im Jahre 1882 wird das elektrische Bogenlicht auch hoffähig. Auf Wunsch des alten Kaisers wird der Weiße Saal im Schloß während eines Balles durch zwei Differentiallampen von 20 Ampere Stromstärke erleuchtet. Mit ungefähr 3500 Kerzenstärken ist das eine Beleuchtung, welche die sonst üblichen Wachskerzen weit überstrahlt und berechtigte Bewunderung erregt. Während der sechs Stunden, die der Ball dauert, verläuft auch alles zu voller Zufriedenheit. Als die Gäste dann aber zu ihren Equipagen gehen, liegt der Schloßhof, auf dem man ebenfalls einige Bogenlampen aufgestellt hat, in tiefer Dunkelheit. Die Kohlestifte dieser Lampen sind inzwischen abgebrannt, und die unglücklichen Monteure müssen einige von höchster Stelle ausgegangene Worte in Empfang nehmen, die sich auf dem Instanzenweg immer »herzlicher« gestaltet haben. Das hindert aber nicht, daß auch in den folgenden Jahren für Hoffestlichkeiten immer wieder solche improvisierten Lichtmontagen gemacht werden, bis das Schloß nach dem Regierungsantritt von Wilhelm II. endlich eine ständige Anlage bekommt.

Im September 1882 erhält auch die Stadt Berlin eine erste elektrische Straßenbeleuchtung mit Differentialbogenlampen. In der Leipziger Straße, von der Friedrichstraße bis zum Potsdamer Tor, sowie auf dem Potsdamer Platz werden 36 Kandelaber mit je einer sechskantigen Laterne mit Mattglasscheiben aufgestellt. Die Maschinenanlage für diese Lichtquellen findet ihren Platz auf einem Grundstück an der Ecke der Wilhelm- und Prinz-Albrecht-Straße. Dort werden vier zwölfpferdige Gasmotoren untergebracht; die Stromzuführung zu den Lampen erfolgt durch unter den Bürgersteigen verlegte Bleikabel.

Obwohl man die Lampen auf das sorgfältigste im Versuchssaal in der Markgrafenstraße ausprobiert hat, gibt es nach der Inbetriebsetzung der Anlage doch Anstände der verschiedensten Art. Maschinen und Lampen zeigen jetzt erst ihre Mucken. Die Lampen einzelner Stromkreise erlöschen plötzlich ohne erkennbare äußere Ursache, um erst nach einigen Sekunden wieder von selbst zu brennen, und auf der Maschinenstation gibt es an dem Kollektor der zugehörigen Maschine dann jedesmal ein kräftiges Bürstenfeuer.

Die Berliner, die in hellen Haufen erschienen sind, amüsieren sich über die verschiedentlichen Beleuchtungseffekte, die dabei zustande kommen, aber die Herren Siemens und von Hefner stehen sorgenvoll an der Ecke der Leipziger und Wilhelmstraße und fassen die Sache gar nicht heiter auf; denn schon ist ein hoher Magistrat der Reichshauptstadt ungeduldig geworden und verlangt entweder Abstellung dieser Mißstände oder Fortnahme der ganzen Anlage. Herr von Hefner hat nur wenig Hoffnung, daß eine Besserung des Lichtes in kurzer Zeit zu erwarten ist, und schlägt vor, die Anlage sofort wieder abzumontieren. Werner Siemens will noch einen letzten Versuch machen, und dieser Versuch – es werden kleine Änderungen an den Flüssigkeitsbremsen der Differentiallampen vorgenommen – führt zum Erfolg. Schon am nächsten Abend brennen die Bogenlampen zufriedenstellend, und nun ist keine Rede mehr davon, die Anlage abzubrechen. Sie ist von der Maschinenstation in der Prinz-Albrecht-Straße aus betrieben worden, bis sie dann später an das Netz der städtischen Elektrizitätswerke angeschlossen wurde. –

Während das elektrische Bogenlicht so Schritt für Schritt Boden gewinnt und auch in Theatern und in den Ateliers der Photographen heimisch wird, ist schon im Jahre 1881 auf der Internationalen Elektrizitätsausstellung zu Paris etwas ganz Neues aufgetreten. Dort hat Thomas Alva Edison zum erstenmal das elektrische Glühlicht vorgeführt. In langwieriger Arbeit ist es dem Amerikaner gelungen, aus verkohlter Bambusfaser einen stromleitenden feinen Kohlefaden herzustellen, der in einer luftleer gepumpten Glasbirne mit einem milden, gelblichen Licht leuchtet. Die Bogenlampe ist eine ausgesprochene Starklichtlampe; auch ihre kleinsten Typen geben immer noch 180 Kerzenstärken. Die neue Glühlampe ist dagegen ein Kleinlicht; sie gibt nur 16 Kerzenstärken, ziemlich genau ebensoviel wie der allgemein übliche Gasschnittbrenner, dem sie auch in der Lichtfarbe ähnelt. Die Teilung des Lichtes ist mit ihr vollkommen gelöst; man kann beliebig viele Glühlampen von einer Maschine speisen und jede einzelne ein- und ausschalten, ohne die anderen zu stören.

Trotz dieser zweifellosen Vorzüge ist die erste Beurteilung dieses neuen Lichtes aber durchaus nicht günstig. Das Publikum, durch das glänzende Bogenlicht verwöhnt, kann in der Glühlampe keinen Fortschritt gegenüber dem alten Gasschnittbrenner entdecken. Im Festsaal der Pariser Ausstellung hält ein namhafter Techniker einen wissenschaftlichen Vortrag, in dem er die Edisonsche Erfindung mit Ironie abtut und mit den Worten schließt: »Meine Herren, wir haben hier in Paris zum erstenmal eine schlechte elektrische Beleuchtung gesehen. Wir wollen hoffen, daß sie hier auch zum letztenmal in Betrieb gewesen ist.«

Die Entwicklung ist über diese anfänglichen absprechenden Urteile schnell hinweggegangen, und von Paris aus beginnt die Edisonsche Kohlefadenglühlampe im Jahre 1881 ihren Siegeszug in Europa. Im Jahre darauf wird in Berlin eine Studiengesellschaft für die praktische Anwendung dieser Lampe begründet, und schon zwei Jahre später entsteht daraus die Deutsche Edison-Gesellschaft, die nach abermals zwei Jahren als Allgemeine Elektrizitäts-Gesellschaft firmieren wird.

Schon der Studiengesellschaft gelingt es, die Bühnenbeleuchtung großer Theater zuerst in München und gleich darauf auch in Berlin mit elektrischem Glühlicht einzurichten. Ist doch die neue Lampe gerade für die Bühne wertvoll, weil sie gegenüber dem bisher verwandten Gas durchaus feuersicher ist und außerdem durch die Regelung der Lichtstärke und die Verwendung verschiedenartig gefärbter Lampen gestattet, theatralische Beleuchtungseffekte hervorzubringen, die bisher unerreichbar waren.

Während die Studiengesellschaft in der Zeit ihres Bestehens nur Blockzentralen errichtet, begründet die Deutsche Edison-Gesellschaft bereits 1884 die Berliner Elektrizitätswerke, schließt einen 30jährigen Vertrag mit der Stadt Berlin, der ihr die Benutzung der Straßen für Kabellegungen freigibt, und beginnt mit der Errichtung von Zentralstationen, welche die Versorgung ganzer Stadtviertel mit elektrischem Lichtstrom übernehmen.

Nicht mehr in bescheidenen Kellerräumen, sondern in eigenen Gebäuden sind diese Elektrizitätswerke untergebracht, und auch die Dynamomaschinen erfahren dabei eine grundlegende Wandlung. Bald sind es nicht mehr kleine Schnelläufer mit 25 oder 50 Pferdestärken, die durch Riemen angetrieben werden, sondern große, langsam laufende Aggregate von 500 und mehr Pferdestärken, welche direkt mit den Dampfmaschinen gekuppelt werden.

Wie ein Märchen aus alter Zeit klingt jetzt die Erinnerung an jene ersten wassergekühlten Dynamomaschinen aus den sechziger und siebziger Jahren. Als gut durchkonstruierte Maschine ist die Dynamomaschine neben die Dampfmaschine getreten, und vereinigt mit ihr führt sie das Zeitalter einer völlig neuen Energiewirtschaft herauf.

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