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Geächtet

Juhani Aho: Geächtet - Kapitel 8
Quellenangabe
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typenarrative
authorJuhani Aho
booktitleFinnischer Tango
titleGeächtet
publisherVerlag Das Neue Berlin
editorHerbert Greiner-Mai
translator
correctorreuters@abc.de
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7

Er ist mit einer Buße, Schadenersatz, Schmerzensgeld und einigen Monaten Gefängnis für gewaltsame Verhinderung der gesetzlichen Funktionen eines Beamten davongekommen. Aber mit Abwarten der Gerichtsverhandlung und des Urteils war die Zeit vom Herbst bis in den Vorsommer hinein verstrichen.

Mit rasiertem Kopf und in Gefangenentracht hat man ihn zu St. Johannis aus dem Lehnsgefängnis hinaus in den Gemeindekerker geführt und dann in Freiheit gesetzt.

Er geht vom Gefängnis geradeswegs in die Einöde hinein, die ihn unwiderstehlich anzieht.

Sein Pferd hat man verkauft, um die Gerichtskosten zu decken, die Kuh aber hat man unter die Obhut einer alten Frau gestellt, die sie den Winter über zu besorgen versprochen hat.

Junnu ist abgemagert, gebeugt und abgezehrt. Die Stirn ist düster und gefurcht. Die Wangen sind hohl und gelblich über die Knochen gespannt, so daß es aussieht, als beiße er stets die Zähne zusammen. Die Augen liegen tief im Kopfe; aber sie strahlen hin und wieder in unheimlichem Glanz.

Weder vor den Schranken noch im Gefängnis, auch nicht, als er von dort in Gesellschaft des wohlbekannten Gefangenenwärters wegfuhr, hat er viele Worte geäußert. Von dem Augenblick an, da man ihn mit Gewalt in seinen eigenen Schlitten warf, hat er trotzig geschwiegen.

Vor dem Gericht wurden seine Leumundszeugnisse vorgelesen, aus denen deutlich hervorging, daß er bereits einmal als Dieb bestraft und zugleich der vaterlose Sohn eines unverheirateten Weibes war. Er hatte sich gar nicht verteidigt, die Zeugen gar nicht zu entkräftigen versucht, weder geleugnet noch gestanden. Und als sein Hofbesitzer dem Richter erklärte, daß man diesen Mann nie als recht klar im Kopf betrachtet habe, weil er ohne Ursache in blinde Wut geraten sei, da ließ Junnu den Schurken reden, und die anderen glaubten es.

Aber damals begannen dunkle Gelüste sich in ihm zu regen, und sie reiften im Arrest und in der einsamen Zelle des Bezirksgerichts.

Sie machten seinen Kopf nicht mehr schwindeln oder alles vor seinen Augen dunkeln, diese Anfälle von Groll, so wie früher. Nein, sie haben sich im innersten Winkel seines Herzens angehäuft, dort sind sie liegengeblieben und angeschwollen und haben gepreßt, sich in sein Blut eingesogen und in seiner Seele festgebissen wie fressender Rost.

Er will den Hof seines Dienstherrn niederbrennen, er will Tahvo und den Landvogt töten, die Ingenieure will er aus einem Hinterhalt im Walde niederschießen und sich an all denen rächen, die sein Geld und Gut ihm geraubt, ihn gepeinigt und verhöhnt und ihn wie ein wildes Tier aus seinem Nest gejagt haben!

Der Bauer hat ihm geschmeichelt, seinen Ackerbau gelobt, nur um das Doppelte der Entschädigung für sein Land vom Staate zu erhalten. Tahvo hat über seine Rache triumphiert. Alle haben sie über sein Unglück ein Hohngelächter angestimmt...

Nein, es ist keine Gerechtigkeit unter den Menschen zu finden, Wölfe sind sie, hungrige Köter, die nur fressen, in Fetzen reißen wollen, wessen sie habhaft werden, und die den letzten Blutstropfen aus dem Körper saugen.

Aber Rache will er haben, Rache, und wenn er auch darüber zugrunde gehen soll ... Und während er so denkt, flammt sein Auge wild auf, und seine Zähne knirschen.

Ohne selbst zu wissen, wie, geht er aufs Geratewohl über die Waldheide der Einöde zu. Aber seine Kräfte sind durch das viele Stillsitzen und die schlechte Kost geschwächt, und er muß einen Augenblick am Wegrande ausruhen. Hungrig ist er, Tabak hat er nicht; Monate hindurch hat er ihn entbehren müssen, aber beständig nach ihm geseufzt.

Seine Erbitterung schwindet für den Augenblick, die Rachegedanken schwinden, und die seelische Spannung läßt nach.

Was hat er doch getan, daß die Menschen so unbarmherzig gegen ihn sein können, daß die Welt ihn so zertritt? Hat er sich nicht stets bestrebt, dienstfertig zu sein und denen zu helfen, gegen die er sich vergangen? War nicht er es, der immer auf der Landstraße beiseite wich und andere vorüberfahren ließ? Weshalb stellen sie ihm denn nach?

Und doch – wenn er nun gleichwohl noch einmal nach einem Orte flüchten könnte, wo keine lebendige Seele ihn hörte und sah, wenn er sich ein Pferd verschaffte und eine neue Hütte baute ...

Aber wie kann er wissen, ob sie nicht wiederkämen, ihm alles zu zerstören, daß sie ihn nicht wieder zehn Mann stark überwältigen, ihn binden und in das Gefängnis werfen würden. Und dann nahmen sie ihm vielleicht auch die Kuh ... Sie war wohl schon geraubt worden, man hatte sie vielleicht aus dem Wege geschafft – und in Angst davor eilt er dorthin, wo er sie zu finden hofft.

Die Frühlingsluft ist kalt und feucht, und die jung belaubten Bäume scheinen zu zittern. Er kennt jeden Fleck, diesen Weg ist er früher so manches Mal gewandert. Aber gar nichts ist mehr wie in alten Tagen. Je tiefer er in die Einöde eindringt, desto breiter wird der Weg und desto mehr ist der Wald verheert. Der einstige Viehpfad ist aufgerissen, er ist mit Wagen befahren worden, und die Räder haben die Rinden von den Bäumen gerieben. Über die Moräste sind Brücken geschlagen, und längs des Weges liegen mächtige Fichtenstämme mit ihren abgehauenen Kronen.

Und auf einmal dünkt ihn, als ob all diese Spuren und Zeichen von da fortführten, wie wenn Menschen in wildester Eile mit schweren Lasten und Karren da hindurch geflüchtet wären, in vollem Schrecken, über den Abhang hinaus, alles Überflüssige umwerfend. Sie hatten ihre Arbeit unterbrochen, eine Macht hatte sie mit Zauberkünsten vertrieben, ohne ihnen bei Nacht Ruhe oder bei Tag Frieden zu gönnen ... Die wildesten Geister des Waldes hatten Steine von den Felsrücken herab in die Talsenkung geschleudert, zur Nachtzeit alles zerschmetternd, was Menschen bei Tageslicht mühsam gebaut, und alles aufbauend, was diese zerschmettert hatten: seine kleine Hütte und den Schuppen! Und dann waren die Menschen fortgetrieben worden, der eine den andren im Gedränge überfahrend, so daß die Schwachen über den Wegrand gedrängt wurden, dort hinunter, wo Trümmer von gestürzten Wagen, Schlittenbäume, losgerissene Räder und Pferdeskelette verstreut lagen.

Und wie das Dunkel dichter und dichter wird, beginnt er, sich noch stärker mit dem gaukelnden Phantasiebild zu beschäftigen; er will Gewißheit haben, daß sie wirklich alle fort sind, und ungeduldig jagt er den Weg dahin, wo es ihn dünkt, als flüstere es ihm geheimnisvoll von beiden Seiten zu. Er entfernt sich vom Flußpfad und eilt quer durch den Wald, gerade auf den Mustisee zu.

Er hat sich das alles so oft in den schlaflosen Nächten im Gefängnis vorgegaukelt. Er hat gesehen, wie der Weg breiter wurde, wie der Wald wich, er hat Menschen und Pferde in langen Reihen Steine und Bäume fortschleppen sehen, hat gesehen, wie sie Baumstümpfe rodeten und Felsen in die Luft sprengten, wie sie auf sein Dach kletterten, die Sparren hinunterwarfen und das Rindendach in alle Winde streuten, und oft hat er in Gedanken den Ofen allein in der Ruine stehen sehen draußen im Brachfeld – wie nach einer Feuersbrunst.

Aber eine solche Umwälzung, eine so vollständig greuliche Verwüstung, wie sie sich nun plötzlich offenbart, als er aus dem dunklen Wald tritt, das hätte er nie ahnen können.

Sie ist schon fertig, diese Eisenbahn, der Erddamm ist gebaut, die Gräben sind gegraben, die Schienen gelegt, und mitten auf dem Schienenweg, gerade vor seiner Nase, grinst ihm eine Reihe Sandwagen entgegen, von dem hohen Damm und vor ihnen dampft keuchend eine abscheuliche, pfeifende Lokomotive.

Ermattet und kaum mächtig, sich aufrecht zu halten, schleicht er längs des Schienenwegs vorwärts nach seiner Hütte. Draußen im Moor stehen die breitbeinigen Rammböcke, und um sie herum liegen Pflastersteine und gestürzte Schubkarren in einem Haufen wirr durcheinander.

Er starrt nach seinem Haus draußen auf seinem alten Brachfeld – aber er findet nichts. Brachfeld und Acker sind mit Sand bedeckt; Hütte, Stall, selbst die Balken der Badestube und Bude sind fort, spurlos fort, und wo sie gestanden haben, ist man dabei, eine neue Grundmauer zu bauen, wohl das Fundament eines großen Hauses. Das einzige, was er von seinem früheren Eigentum findet, ist das Bruchstück einer Leiter.

Er beginnt sich zu ängstigen. Es ist ihm, als wird er gejagt und verfolgt von bösen, unsichtbaren Geistern, im Wald lauern sie auf ihn, strecken und dehnen sich, um ihn an den Beinen zu erhaschen, zischen und zischeln rings um ihn. Er will davonstürzen, hinaus in die Wildnis, aber dort starren ihm die Türen und Fenster vieler Häuser entgegen, eines hinter dem anderen, dorther kommen die Lokomotiven und Wagen, dort stehen die Rammböcke und alles andere. Er eilt hinunter zum See. Aber kaum ist er auf die andere Seite des Fahrdammes gelangt, wo der lose Sand unter seinen Füßen kreischt, als er entdeckt, daß er vor seiner Waldbadestube steht, und er hält an.

Es sieht aus, als wenn sie bewohnt wäre. Durch einen Spalt in der Tür hört er drinnen schnarchen, und als er den Kopf hineinsteckt, sieht er am Boden vor dem Feuer eine alte Frau, die schläft. Es ist eben die, welcher Junnu seine Kuh anvertraut hat.

»Die Kuh? Wo ist meine Kuh?«

»Sie ist wohl noch bei ihrem Futter«, sagte die Frau zu ihm, als sie erwacht und sich nach dem Schlaf ein wenig erholt. »Sie haben ja diese Waldhütte hier doch stehenlassen obschon sie damit drohten, sie niederzureißen. Aber die Reihe kommt wohl auch an sie, wenn sie erst mit den anderen Sachen fertig werden. Man redet davon, daß die Eröffnungsfeier zu St. Johanni stattfinden soll. – Ja, deine Wohnung haben sie niedergerissen, und der Bauer verkaufte die Wände an Tahvo, der sie eine Strecke weiter hinaus in den Wald transportiert hat. Sie sagen, daß er dort einen Branntweinausschank hat und daß er schwer reich geworden sein soll. Bei ihm kannst du auch dein Pferd finden. Der Tagedieb ging hin und erstand es beim Zwangsverkauf für fünfzig Mark. Ja, es gibt schlimme Schurken in dieser Welt«, fährt sie in tröstendem Tone fort, als sie Junnu gekrümmt, die Ellbogen auf die Knie gestützt, auf der Badestubenschwelle sitzen sieht. »Alles rauben sie einem Mann, alles, was er sein nennt, sein Eigentum, sein Heim. Sie machen die Hütte, die das Werk eines anderen ist, dem Boden gleich und verkaufen sein einziges Pferd. Und wenn der Bauer angekommen wäre, er hätte ihnen die Erlaubnis gegeben, das Heu zu nehmen, das du selbst in Sumpf und Moor gesammelt hast; aber da erhob ich Einspruch. – Ja, da droben muß deine Kuh sicher sein. Sie geht von hier aus am Abend hinauf auf die Nachtweide. Man wagt ja gar nicht mehr, sie hinauszulassen, ohne sie zu hüten, außer nachts, seitdem diese Dinger, diese Lokomotiven, angefangen haben, hin- und herzufahren. Die Kühe verstehen sich nicht darauf, daß sie gefährlicher sein können als ein Pferd, und so sind diesen Sommer auch schon zwei Stück Vieh überfahren worden. Und Entschädigung zahlen sie nicht, jeder muß, sagen sie, selbst auf sein Vieh achtgeben.«

»Aber wer hat gesagt, daß du hier bleiben sollst?«

»Mir erschien es nicht rätlich, von hier fortzugehen, da ich hier einen so guten Preis für die Milch erhalte.«

»Ihnen verkaufst du Milch?«

»Ja, sie zwangen mich dazu, sie sagten, daß sie ein Recht darauf hätten – und dein Heu lag ja hier.«

»Wohin geht Omena auf die Nachtweide?«

»Nicht weit. Da drüben gerade hinter den Schienen unter den anderen Kühen. Ich sollte glauben, man könnte ihre Glocke hier hören. Du findest sie wohl gleich. – Aber ich möchte doch gerne ein wenig Morgenkaffee für dich kochen, wenn du mir Zeit lassen willst.«

Aber Junnu will nicht warten. Er erhebt sich und geht hastig dem Walde zu, wo er zwischen den Bäumen verschwindet.

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