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Geächtet

Juhani Aho: Geächtet - Kapitel 5
Quellenangabe
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typenarrative
authorJuhani Aho
booktitleFinnischer Tango
titleGeächtet
publisherVerlag Das Neue Berlin
editorHerbert Greiner-Mai
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correctorreuters@abc.de
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4

Für Junnu beginnt eine frohe Zeit, die langen Tage im Vorfrühling hat er mit eigenen Arbeiten vollauf zu tun. Er hackt Holz, fährt Heu heim und Balken für seine neuen Gebäude, seinen Viehstall und seinen Schuppen.

Seine gute Laune wird aber eines Morgens gestört, als er auf seinem Wege nach dem Walde von Ödfeldern Axtschläge hinüberhallen hört. Es muß wohl ein Holzhauer sein, aber er wollte ihn auf keine Weise in seine Hütte lassen.

Und er kommt auch nicht hinein, es scheint, daß er mit seiner Fuhre nach der Stadt auf dem anderen Seeufer fährt. Und er kehrt auch während vieler Tage nicht zurück. Aber eines Tages, als Junnu, aller Sorgen wieder ledig, in seinem Schlitten sitzt, fährt derselbe Mann an ihm vorüber, in den Wald hinein; aber er spricht kein Wort, da Junnu, ohne seinen Mund aufzutun, mit abgewendetem Gesicht an ihm vorüberfährt. Das Pferd stammt aus dem Hofe des Bauern, Tahvos früheres Fuhrpferd, der Kutscher aber ist ein fremder Mann.

Viele Tage kommt und verschwindet der Mann in derselben Weise. Es hat nicht den Anschein, als wolle er Junnu stören, es mag wohl ein neu angekommener Knecht sein, brav und fleißig, und als sie einander wieder begegnen, hält Junnu sein Pferd an, steckt seine Pfeife in Brand und beginnt mit dem Manne zu plaudern. Tahvo, so vernimmt er, soll zur Frühlingszeit in den Dienst der Krone, beim Eisenbahnwesen, da der Herr ihn nicht behalten mag und weil sie sich über den Lohn nicht einigen können. Junnu findet Gefallen an dem Fremden, er ist fast höflich gegen Junnu, wundert sich über den nicht großen Verdienst, von dem Junnu erzählt, und so wird dieser gesprächig und plaudert fröhlich über vieles andere, von seinen neuen Gebäuden, der Bude und dem Viehstall. Er bittet den Fremden, mal vorzusprechen, wenn sein Weg wieder vorüberführt. Der Knecht kommt, dankt, bewundert und spricht zu Junnu wie zu einem Meister, und wie sehr Junnu sich auch anstrengt, er kann doch nicht einen einzigen spöttischen Schimmer in den Augen des Knechts entdecken.

Eines schönen Sonntags kommt der Hofbesitzer selbst hinüber, Junnu zu begrüßen. Er sagt, er habe heute seine eigenen Sachen ruhen lassen, um herauszukommen; er hätte befürchtet, daß Junnu für Zeit und Ewigkeit da draußen in den Schneewehen begraben säße. Junnu kocht Kaffee und bietet Tabak vom Kirchdorfe, und auch er, der frühere Bauer, lobt die ganze Einrichtung.

»Ja, du wirst es wahrhaftig noch zu einem ganzen Hofe bringen, da du einen solchen guten Grund gelegt hast«, sagt er.

Und sie schwatzen zusammen über Junnus jungen Ackerbau und beraten sich, wo sich das Saatfeld und die Wiese am besten anlegen ließen, der Bauer rät, den Acker auf der ganzen Seite des Grundes zwischen dem Hause und dem See aufzubrechen. Junnu ist der Meinung, daß man etwas weiter ab besseres Ackerland fände; aber der Bauer wendet ein, daß der beste Acker immer derjenige sei, der dicht vor den Fenstern liege.

›Sollte wirklich auch ich einmal zu der Würde und dem Ansehen des Bauern kommen, sollten die anderen wirklich einmal gezwungen werden, mich als richtigen Menschen zu behandeln?‹ denkt Junnu, als der Bauer weggefahren ist.

Und beim Frühlingsanfang eilt Junnu noch eifriger an die Arbeit, hingerissen von seinen stolzen Träumen. Er fällt ein großes Stück Wald auf der Südseite eines Hügelabhanges. Er umzäunt einen kleinen, abgebrannten Laubwald, pflügt Land zum Acker und rodet und richtet unten am See eine Wiese ein. Seine glücklichsten Tage sind die Sonntage. Diese genießt er in Gesellschaft seines Pferdes! Er trabt mit ihm dahin über Felder und Moor, er setzt sich bei ihm hin mit der abgebrannten Pfeife, streichelt es und plaudert mit ihm und bietet ihm kleine Leckerbissen, Brot und Salz, das er in seiner Tasche mitgebracht hat.

Die Sprossen seiner Frühlingssaat schießen in kräftigem Grün empor und schwellen saftig und gesund aus. Und wenn er sie betrachtet und über das neue Leben nachdenkt, das er jetzt führt, so drängen sich ihm die Tränen ins Auge, und sein Kinn bebt.

Aber gerade in solchen Augenblicken befällt ihn eine grundlose, unverständliche Angst, eine Angst davor, es könne etwas geschehen und sein Glück zerstören und zerschmettern. Er sucht bangen Ahnungen bestimmte Formen zu geben. Einmal im Schlaf dünkt ihm, daß die unbekannte Gefahr wie eine schwarze, bleischwere Wolkenwand gegen ihn heranziehe, über die Felder donnernd und polternd, das Dach vom Hause reißend und ihn selbst kopfüber zu Boden werfend. Er denkt über den Traum nach, grübelt über dessen Bedeutung und über die Mittel, einem kommenden Unglück vorzubeugen.

Wenn nur der Bauer nicht aus irgendeinem Grunde ihm zürne und er ihn nicht vertreibe; denn ein schriftlicher Vertrag sei ja nicht vorhanden. Er will den Acker dort anlegen, wo der Bauer vorgeschlagen hat, vielleicht wird er dort ebensogut, wenn er auch etwas schwerer anzulegen ist.

Oder vielleicht will der Pastor von ihm den Zehnten haben, da er doch jetzt eine Kuh hält, oder er wird ihm gram sein, weil er niemals in die Betstunde oder zum Abendmahl kommt. Und vielleicht würde der Staat durch den Lehnsmann die Steuer eintreiben lassen?

Und er geht zum Pfarrer, schenkt einen ganzen Kübel Butter und bittet, in die Beichte kommen zu dürfen, und meldet sich zum Abendmahl.

Auf der gleichen Schlittenfahrt ordnet er seine Kronsteuer, er bezahlt seinen Anteil im voraus an den Schreiber des Kronvogtes.

Nun sollte aber kein Lebendiger ihn wieder stören können, weder Himmel noch Erde habe jetzt ein Recht, ihn zu verfolgen, denkt er, als er in der Abenddämmerung den Heimweg antritt.

Gern hätte er selbst mit Tahvo Aussöhnung gesucht, hätte er nur gewußt, wo dieser zu finden wäre. Aber vielleicht hat jetzt dessen Erbitterung etwas nachgelassen, da er noch gar keine Feindseligkeit gezeigt hatte.

Und all seine Furcht ist nahe daran, zu verrauchen, als er wieder an die Mutter denken muß. Wenn nun der Gemeinderat anfangen sollte, über ihren Unterhalt mit ihm zu prozessieren, wenn man erst dahinterkäme, daß er Pferd und Kuh halte.

Oder angenommen, Gott der Herr selbst würde ihn seinen Zorn fühlen lassen, weil er so herzlos gegen sie gewesen war, solange sie lebte, und nicht einmal fürs Glockenläuten gesorgt hatte, als sie starb.

Er kehrt um und fährt zum Gemeindevogt, spricht mit ihm und schenkt mehrere Mark für die Kasse der Armen, da man nicht mehr in anderer Weise eine Rückzahlung annehmen will, und dann geht er zum Tischler im Kirchdorf und bestellt bei ihm ein Kreuz für das Grab seiner Mutter.

Das gibt ihm Ruhe. Jetzt, so meint er, müßten er und die böse Welt ihre Differenzen erledigt haben. Jetzt kann doch niemand mehr Gewalt über ihn erlangen oder irgendwie einen Grund finden, ihn zu überfallen. Ja, vielleicht haben sie nicht einmal die Absicht.

Er merkt es ordentlich, wie sein Sinn milder gegen sie geworden ist, er will nicht mehr an seine bösen Ahnungen glauben, wenn sie sich zuzeiten wieder hervorwagen.

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