Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Juhani Aho >

Geächtet

Juhani Aho: Geächtet - Kapitel 4
Quellenangabe
pfad/aho/geaecht/geaecht.xml
typenarrative
authorJuhani Aho
booktitleFinnischer Tango
titleGeächtet
publisherVerlag Das Neue Berlin
editorHerbert Greiner-Mai
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20091006
projectid42679acf
Schließen

Navigation:

3

Es ist ein Sonntagvormittag, da Junnu in seine Einöde hinauszieht. Während alle anderen in der Kirche sind, ist er drüben beim Bauern gewesen, ohne daß ihn jemand gesehen hat. Er hat für seine Ersparnisse seinen rotbraunen Freund erstanden, und man ist mündlich übereingekommen, daß Junnu zehn Jahre nacheinander das Feld bebauen soll nur gegen Zahlung des Zehnten von der Saat. Überdies hat sich der Hofbesitzer ausbedungen, daß wenn es Junnu in den Sinn kommen sollte, unter die Leute zurückzukehren, alle Gebäude auf dem Landlos dem Hofe gehören sollten.

»Jawohl, zu den Leuten zurückkehren, wenn man ihnen erst glücklich entronnen ist!« Junnu lacht vor sich hin, während er sein Pferd am Zügel führt, aufzusitzen bringt er nicht übers Herz, und dringt tiefer und tiefer hinein in den Ödwald.

Recht dumm von ihm, daß er nicht schon vor langer, langer Zeit diesen Traum verwirklicht hat! Aber wie hätte er auch ahnen können, daß es trotzdem einen Menschen in der Welt gab, der ihn nicht beiseite stoßen und betrügen wollte! Und den Grund zehn Jahre ohne Zins, ohne kleinliche Knauserei oder sonstige Forderungen hinzugeben – ja, diesem Manne wollte er dankbar sein, zehnfach dankbar, freiwillig wollte er ihm alles bringen, was er über seinen Bedarf aus dem Lande zog. Und indem er an alle diese Güte denkt, schmilzt sein Sinn, sein Unterkiefer bebt, und er muß sich mit der runzligen Hand eine Träne aus dem Auge wischen.

Er wandert schnell die wilden, grasbewachsenen Viehpfade dahin, die sich ohne Unterbrechung längs des Randes der Sümpfe und des Saumes der Wälder dahinziehen, wo kaum andere Menschen den Fuß hinsetzen. Er klettert auf den Rücken einer hohen Felskuppe, von wo er nichts sieht als einen endlosen, gelb werdenden Herbstwald und schlafende Sümpfe hinter jedem Waldvorsprung. Die Welt der Menschen ist weit fort, wohin man auch die Blicke wenden mag, hinter den Hügeln hört man keinen Laut, steigt kein Rauch als Zeichen menschlicher Wohnungen. Aus weiter, weiter Ferne klingt von Zeit zu Zeit das Anschlagen eines Jagdhundes, und ein Schuß hallt dumpf in vielfältigem Echo durch die Wälder. Aber die Jäger gehen ihre eigenen Wege, sie kommen nicht, um ihn zu stören.

Aus Vorsicht zupft er einen Büschel Moos und stopft es in die Glocke des Wallachs, als er wieder weiterwandert.

Aber nicht einmal daheim in seiner Hütte erhält seine Seele Frieden. Wochen hindurch peinigt ihn die Unruhe und die Furcht, daß die »Welt« ihn vielleicht auch in diesem Versteck finden werde, daß die Spötter ihn aufsuchen, in Scharen kommen werden, um ihn dort zu vertreiben. Vielleicht würde Tahvo seine Drohung verwirklichen und wegen seines Mordversuches zum Richter gehen.

Und den ganzen Herbst hindurch wird er von diesem Gedanken gepeinigt.

Seine Hütte steht in einer Talsenkung am Ufer des Sees mitten zwischen zwei hohen Hügelzügen. Nahe an der Stelle, die er sich gewählt hatte, stand schon von alters her eine halb eingestürzte Waldhütte, die einst gebaut worden war, um den Köhlern ein Obdach für die Nacht zu bieten. Er hat deren Dach ausgebessert und wohnt so lange in ihr, wie er an seiner Hütte baut. Wenn die erst fertig ist, will er die Waldhütte als Stall benutzen.

Schon während er Balken und Schindeln zimmert, dünkt ihm hie und da, als höre er deutlich Schritte drinnen im Dickicht des Waldes und sehe jemand sich zwischen den Stämmen bewegen. Er hält inne mit dem Hämmern und späht wie ein entlaufener Sträfling nach seinen Verfolgern, regungslos und mit verhaltenem Atem. Besonders während des Sonntags ist ihm bange vor Besuchen, und der Sicherheit halber geht er fort, schon am frühen Morgen, in den Wald hinein, mit seinen Netzen und Jagdschlingen. Wenn er sich dann später, nach Anbruch des Abends, seiner Hütte nähert, schleicht er wie ein Dieb in sein eigenes Haus, spähend, horchend, ehe er es wagt, in die Stube zu treten.

Aber niemand kommt. Und als der Schnee fällt, hat Junnu ein Dach auf seiner Balkenhütte.

Am Allerheiligentag heizt er zum erstenmal den neuen Ofen.

Es flammt auf dem Herd, das brennende Holz knistert gleichsam vor Freude, und der Rauch zieht dicht von Wand zu Wand unter dem Dach. Junnu hat sich, so lang er ist, auf die Bank gestreckt, raucht seine Pfeife und starrt in das Feuer.

Nun hat er doch ein eigenes Dach über dem Kopf und eigene Wände zum Schutz. Nun hatte er eine Stätte, eine Freistätte; hier hatte er das Recht, jeden fortzuweisen, der sich etwa eindrängen wollte, um ihn zu stören. Er braucht sich vor niemand mehr zu bücken oder jemand zu Gefallen sein.

Wäre nun bloß noch seine alte Mutter am Leben gewesen, so daß er sie hierher hätte führen können, kommt ihm plötzlich in den Sinn. Jahrzehntelang hatte er sie vergessen, ja, sich ihrer nicht erinnern wollen. Sie war, wie er, in der Welt geächtet gewesen und hatte niemals ein eigenes Dach über dem Kopfe gehabt. Sie war tot, von Verleumdung geschändet, verhöhnt und getreten von den Menschen und in die Erde gesenkt worden in jenem Hungerjahr in einem ungehobelten Sarg unter einem Haufen anderer, und kaum war mit der Kirchenglocke bei ihrer Beerdigung geläutet worden ...

Er war so rauh und hart mit ihr gewesen, während sie lebte; aber sie hatten ihn ja ins Gefängnis geführt und Mutter und Sohn mit Gewalt getrennt.

Und als er endlich wieder herausgekommen war, waren beide verhöhnt und verspottet worden: »Sieh, da kommt die Dirne mit ihrem Sohn! Jannas Junnu, der Bankert! Jannas Junnu, der Bankert!« Von dieser Stunde an begann er sich seiner Mutter zu schämen und sie sich seiner. Und beide machten große Umwege, bloß damit sie sich nicht trafen.

Aber als es mit ihr zu Ende ging, schickte sie einen Boten und bat ihren Sohn, zu kommen und mit ihr zu sprechen. Junnu war damals beim Holzfällen und schämte sich, zu ihr zu gehen; denn die Botschaft kam so, daß alle sie hörten. Bald erschien ein anderer Bote, ob er nicht kommen und dafür sorgen wolle, daß seine Mutter ehrlich beerdigt würde. »Mögen sie selbst die beerdigen, die beerdigt werden sollen!« antwortete er und ging nicht.

Aber das alles hätte anders sein können ... Und wenn auch seine Mutter auf andere Weise hätte leben können, so peinigen ihn doch jetzt diese Gedanken. Und um diese Erinnerungen zu vertreiben, geht er schnell hinaus, um Weidenbänder an den Schlitten zu binden, um sich auf den Winterweg vorzubereiten und sich für die Frachtfuhre zu rüsten, wodurch er Geld verdienen wollte, um sich eine Kuh anzuschaffen. Er hätte Arbeit erhalten können mit dem Fahren von Stöcken am anderen Ende seiner Gemeinde. Aber dort würde er ja wieder mit jenen Menschen zusammengetroffen sein, denen er gerade entgangen war.

Er fährt nach der Stadt im Nachbarkreise und vermietet sich dort für Frachtfuhren nach dem Kirchdorfe und der Umgegend.

Den halben Winter tummelt sich Junnu herum, ganz drunten am Meeresstrand mit Kaufmannswaren nach dem Innern des Landes.

Keine Seele kennt ihn dort, und niemand fragt ihn, was es mit ihm sei. Aber gleichwohl weicht er den Höfen aus, als wäre es in seiner eigenen Gegend, fährt um die größten Flecken herum und läßt die anderen Fuhrleute weit hinter sich.

Wenn kein harter Frost oder kein Schneegestöber ist, speist er am Wegrande und sucht nur Obdach für die Nacht seines Pferdes wegen. Von den Fenstern, Hofräumen und Kreuzwegen begafft man ihn, lacht über ihn, und man verhöhnt ihn – und um Rast zu halten, nimmt er stets seine Zuflucht zu langen, häuserlosen Landzungen. Hier ist er ganz allein, ganz für sich mit seinem Pferde, mit welchem er sich stundenlang unterhält, das er liebkost und dem er bei der schwierigsten Arbeit Hilfe leistet dadurch, daß er mit Hilfe eines langen Taues sich vorn am Schlitten einspannt und die Anhöhen hinauf mitzieht.

Aber seit der Weihnachtszeit beginnt die Straße belebter zu werden, und Marktleute fahren von Stadt zu Stadt.

Und einmal, als er sich mit seiner Last über eine steile Anhöhe schleppt, kommt ihm ein Schlitten mit Herren in großen Pelzen mit roten Gürteln gerade entgegen. Wie sie fast neben ihm sind, schreien sie, daß er aus dem Wege gehen solle. Aber bevor er seinen Schlitten zur Seite drehen kann, haut einer der Herren auf dem anderen Schlitten mit einer ellenlangen Peitsche Junnus Wallach mit aller Kraft über den Rücken. Junnu fährt in voller Raserei aus dem Schlitten, vergißt sein Pferd, das erschreckt in vollem Galopp davonjagt, reißt einen Pfahl aus dem Zaun und setzt den Herren nach.

Sie jagen davon, was das Pferd laufen kann, aber auf dem nächsten Hügel holt er sie ein, und mit der Kraft der Erbitterung schmettert er den Pfahl gegen den Schlitten. Die darin sitzen, haben gerade so viel Zeit, ihre Köpfe zu ducken, der Pfahl zerspringt in zwei Stücke am Vorderbrett, und Junnu bleibt schnaufend vor Wut hinter dem Schlitten stehen.

Als er zurückgekehrt, findet er seinen Lastschlitten neben dem Wege hinter dem anderen Hügel und das Pferd schaumbedeckt und zitternd mit der Schlittenstange auf dem Rücken. Mit geballten Fäusten und schluchzend vor Wut brüllt er Worte von Rache und Verderben den Fahrenden nach, hinaus über die stille Landstraße, und sein Zorn legt sich nicht, ehe es ihm einfällt, daß es doch ein wahres Glück sei, daß er nicht dazu gekommen, einen Totschlag zu begehen. An dem nächsten Rastort, an dem er einkehrt, für sein ermattetes Pferd zu sorgen, vernimmt er, daß die Herren im Hof gewesen sind und gewiß Eisenbahningenieure gewesen seien. »Sie mögen acht geben, die Schufte, daß sie mir nicht noch einmal in den Weg kommen!«

Aber er will fort von den Straßenräubern und Beutelschneidern, er fängt an, Bedauern zu empfinden über die Arbeit und Anstrengung seines Pferdes. Und da der Verdienst gut gewesen ist und er kein Verlangen nach mehr trägt, kehrt er nach Hause zurück, stets Kirchdörfer und bebaute Stellen meidend, er reist nach Hause, und auf dem Boden des großen Schlittens liegt eine junge Kuh, die er aus seinen Ersparnissen bezahlt hat.

Er hat sie sorgfältig in Felle und Matten eingehüllt und sitzt selbst auf dem Vorderbrett des Schlittens. Es ist ihm, als ob es ein Menschenkind wäre, das dort liegt und ihn mit seinen großen, hellen Augen anstarrt, wenn er sich hin und wieder umkehrt, um sie zu streicheln. Er ist in guter Laune, singt leise und lächelt still über seine Gesellschaft und träumt mit glücklichem Herzen, je mehr er sich seiner Heimat nähert. »Nun ist weder Not noch Sorge zu fürchten, Pferd, Kuh und eigene Hütte, nein, es ist keine Not zu befürchten ... keine, gar keine!«

Als er das Haus erreicht, ist es fast ganz in Schneewehen begraben, hier ist für niemand Weg, nicht eine einzige Menschenspur, nur Hasen und Feldhühner sind auf dem Hofplatze umhergetrippelt.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.