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Geächtet

Juhani Aho: Geächtet - Kapitel 3
Quellenangabe
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typenarrative
authorJuhani Aho
booktitleFinnischer Tango
titleGeächtet
publisherVerlag Das Neue Berlin
editorHerbert Greiner-Mai
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correctorreuters@abc.de
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2

Die Schnitter sind vom Felde heimgekehrt, haben gebadet, zu Abend gegessen und sind in die Buden gegangen, um zu schlafen. Nur der Hofbesitzer ist noch wach und damit beschäftigt, seine Stiefel zum Trocknen auf den Balken zu stellen, als Junnu in die Stube tritt und, ohne ein Wort zu sagen, sich auf die lange Bank an der Wand setzt.

»Möchtest du vielleicht noch etwas essen?« sagt der Hofbesitzer, aber Junnu äußerte keinen Wunsch danach.

»Ich hätte etwas mit dem Brotherrn zu besprechen« – kommt es endlich heraus, als er sieht, daß der Bauer die Tür schließen will.

»Was mag das für eine wichtige Sache sein, die du auf dem Herzen hast, Junnu?«

»Laßt mich los aus meinem Dienst!«

»Aber was soll das heißen, Junnu? Mitten in der Erntezeit! Und weshalb?«

»Es wird nicht gut kommen mit mir in diesem Hause.«

»Was kümmerst du dich denn um das dumme, böse Gerede? Wir haben doch früher derartige Streitigkeiten beilegen können.«

»Ja, vielleicht ihrerseits; aber mir gibt's keinen Frieden – und ich könnte ihnen leicht ein Unglück antun.«

»Du solltest versuchen, deinen heftigen Sinn ein wenig zu dämpfen; es ist doch grausam, solche Waffen im Kampf zu gebrauchen.«

»Ich kann nicht widerstehen, wenn der Zorn und die Bosheit mir zu Kopf steigen und sie mit ihrem Spott fortfahren.«

Der Bauer steht eine Zeitlang in Gedanken vertieft, dann setzt er sich auf die Bank vor dem Tisch.

»Wenn du und Tahvo miteinander nicht auskommen könnt, so lasse ich lieber ihn gehen.«

»Ich hielte die scheelen Blicke und Spöttereien der anderen doch nicht aus, sie hassen mich ja – wie alle, alle anderen rechtschaffenen Leute.«

»Was sollen die Reden? Du bist kein schlechterer Bursch als die anderen.«

»Der Bauer hörte ja selbst, was sie sagten.«

»Ach, boshafte Erfindung!«

»Es ist doch wahr, was sie sagten.«

»Wegen Diebstahls bist du doch nicht im Gefängnis gewesen?«

»Doch, das bin ich. Ich habe es sonst niemand erzählt als Tahvo letzten Winter auf dem Heuboden, da er vorgab, mein Freund zu sein; aber nun will ich es Euch erzählen, weil Ihr immer so freundlich gewesen seid.«

»Erzähl nur!«»

»Ja, ich werde es Euch erzählen«, beginnt Junnu mit stockender Stimme, schnaufend, als wenn er seine Tränen verschluckt. »Es war so, daß sie mich Bettlerjungen in ihr Netz lockten ... sie stießen mich durch das Fenster, denn sie konnten nicht selbst durchkommen, und zwangen mich, einen Eimer Milch, drei Brote und einen Topf Butter zu stehlen; aber ich kannte sie alle genau, und ich habe sie auch angezeigt. Ja, etwas Schlimmeres habe ich nie getan ... ich habe immer von meinem Eigenen gelebt, aber sie sind mir alle auf dem Nacken, sowohl hier als daheim. – Hunde sind Hunde, sie sind sich gleich in der ganzen Welt.«

»Aber du kannst doch nirgendwo dieser Welt entgehen.«

»Ich könnte ihr aber doch wohl etwas aus dem Wege gehen, wenn Ihr nur helfen wolltet. Ich würde keinen Lohn verlangen, wenn Ihr mir bloß ein kleines Landlos von Eurem Oberfeld überließet.«

»Ein Landlos! Ja, wo sollte denn das sein?«

»Ich habe mir so gedacht in der Richtung nach Kontio-Ödwald zu.«

Da der Bauer kein Wort erwidert, fährt Junnu fort: »Ich habe mir so gedacht in der Richtung, auch bereits einen Ort gewählt – am Ufer des Mustisees –, und Ihr könnt ja die Abgabe bestimmen, die Ihr haben wollt.«

Eigentlich konnte der Bauer nichts dagegen haben, einen ansässigen Arbeiter auf seinem Grunde wohnen zu lassen. Ja, wenn er sich's richtig überlegte, so traf es sich ganz gut, gerade am Kontiowald, bei dem Mustisee, einen Kätner zu bekommen. Er war dessen wohl nicht ganz sicher, aber es war doch eine gewisse Wahrscheinlichkeit dafür vorhanden, daß ... er hatte ja davon in den Zeitungen gelesen. Und wenn der andere nun absolut dahin wollte, dann – ja, weshalb nicht?

»Na, über den Zins werden wir wohl einig werden«, sagt er, und fügt hinzu: »Du gibst mir wohl etwas Bedenkzeit?«

»Am liebsten ziehe ich morgen früh hinaus nach dem Walde – und kann es nicht anders gehen, so stelle ich einen Knecht an meine Stelle.«

Der Bauer sinnt wieder etwas nach und sagt dann, indem er sich erhebt: »Nun, so wird man sich dir wohl fügen müssen, weil nichts anderes hilft. Die Bedingungen können wir ja später immer mal näher festlegen.«

Junnu bleibt drinnen in der halbdunklen Bauernstube sitzen.

Lange hatte er sich mit diesem Gedanken getragen. Je älter er geworden war, desto schwerer konnte er den Hohn und die Herzlosigkeit der Menschen ertragen, und desto schmerzlicher fühlte er, wie sie alle gleichsam gegen ihn verbündet waren. Er hatte angefangen, Mißtrauen gegen alles in der menschlichen Natur zu hegen, gegen die Worte und gegen die Handlungen der Menschen. Er hatte das Gefühl, als ob alle mit Fingern auf ihn zeigten, wo er auch sein mochte, ob daheim oder im Dorfe. Er hatte versucht, die Menschen für sich zu gewinnen durch Freundlichkeit, gute Worte und tatkräftige Hilfe, wo sich nur die Gelegenheit bot. Aber sie hatten ihn alle zum Narren gehalten, so wie eben Tahvo, dem Junnu seine ganze Lebensgeschichte anvertraut hatte. Wenn die Männer den Tabak, den er von der Stadt mitgebracht hatte, geraucht und die Mädchen das Zuckerzeug, das er gekauft, gegessen und den Kaffee, den er gekocht, getrunken hatten, waren sie gleich wieder bereit, ihn wegen seines Äußeren auszulachen und seine Ungelenkigkeit und Dummheit zu verspotten. Und das alles ohne andere Absicht, als ihn in eine grenzenlose Raserei zu bringen, ihn zu einer Tat zu reizen, die ihn von neuem in Ketten und Banden und in den Kerker bringen mußte. Darauf lauerten sie alle, um seine Spargelder in die Finger zu bekommen, die er, wie sie wußten, bei der Holzflößerei sich verdient hatte.

Alle hatten versucht, ihn zu hintergehen, alle waren sie ihm auf dem Nacken, und die Feinen an der Spitze.

»Wenn du bekennst, sollst du gut davonkommen«, hatte der Landvogt ihm damals vor Gericht gesagt. Aber er log, der Mann. Als er bekannt hatte, verurteilten sie ihn auf der Stelle zu Peitschenhieben. Wären seine Hände damals nicht gehörig gebunden gewesen, so hätte er den Mann am Richtertisch erwürgt.

Ja, wahr war es, was die anderen Gefangenen gesagt hatten, daß in dieser Welt der Arme nie sein Recht bekommt, wie es nun auch im Himmel damit sein möge. Sie säßen fett und gut, all die feinen Herren des Staates, und die Kleinbauern seien nur ihre Handlanger und Sklaven, sie wären nur so eine zusammengewürfelte Schar, ohne Ansehen der Person!

Der Pfarrer hatte doch damals seinen harten Sinn geschmolzen. Er sagte und versicherte, daß jeder, dem sein Urteil geworden und der ehrlich seine Strafe ausgestanden habe, ebensogut sei wie alle anderen, die keine Erlaubnis hätten, ihn zu quälen und zu plagen – frei könne er Pate und gerichtlicher Zeuge sein. Aber gelogen hatte er auch, dieser Pfarrer. Erst nachdem er aus dem Gefängnis herausgekommen war, fingen die Leute an, ihm recht im Ernst das Leben fast unerträglich zu machen. So konnte es ja freilich wahr sein, was der Pfarrer gesagt hatte, daß wenn er nicht für Menschen tauge, so tauge er doch für Gott – aber er verstand das alles nicht und konnte es nicht zu Ende denken; sooft er damit begann, rauschte es im Kopfe, und der Sinn verwirrte sich, so daß er nichts begriff.

Soviel war ihm aber jetzt klar, daß er fort mußte, fort von ihnen allen, fort für alle Zeit. Er wollte in die Einöde flüchten, sich wie ein Bär in seiner Höhle verbergen. Dann konnten sie sehen, die Hunde, ob sie kommen dürften, um sich mit ihm herumzubeißen.

Er erhebt sich heftig und geht hinaus – nicht einmal diese Nacht möchte er am gewohnten Orte bleiben.

Er nimmt seine Sachen aus der Schlafbude, steckt ein Brot in die Birkenrindentasche und schleicht aus dem Hofe, ohne daß ihn jemand sieht. Er entfernt sich bald von der Landstraße und begibt sich auf einen wenig betretenen Nebenpfad.

Er folgt dem Zaun der Pferdeweide, und hart daneben weidet drinnen Junnus rotbrauner Namensgenosse. Für ihn hatte er immer gut und zärtlich gesorgt, nun wiehert er ihm zu, als er seine Tritte in der Ferne hört. Er bleibt ein wenig neben ihm stehen, streichelt zärtlich seinen Hals, plaudert mit ihm und läutet eine Weile mit seiner Glocke. Das war sein einziger Freund, der einzige, der ihm nie ein verletzendes Wort zugerufen und in dessen Auge er nie versteckten Spott gelesen hatte.

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