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Geächtet

Juhani Aho: Geächtet - Kapitel 2
Quellenangabe
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typenarrative
authorJuhani Aho
booktitleFinnischer Tango
titleGeächtet
publisherVerlag Das Neue Berlin
editorHerbert Greiner-Mai
translator
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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1

»Seht zu, daß ihr Junnu in Ruhe lassen könnt«, schilt der Meister von der anderen Seite des Feldes quer über den ungemähten Roggen.

»Ja, wenn er nur selbst Frieden halten könnte«, murren die anderen.

Aber bald ist die Neckerei aufs neue im vollen Gange.

Alle Leute des Hofes sind im Bunde gegen einen einzigen. Er ist ein großer, plumper, dunkelhäutiger Knecht, der, ohne den Rücken ein einziges Mal zu strecken, drauflosmäht wie ein Sturmwind, allen anderen ein tüchtiges Stück voraus, indem er offenbar versucht, die Neckereien zu überhören. Aber sie wollen ihn wütend machen. Sie wollen ihn soweit bringen, daß er, um seinen Mut zu kühlen, wie gewöhnlich, wenn er gereizt wird, irgendeinen großen, schweren Gegenstand gegen sie schleudere. Auf diese Art haben sie ihn dazu gebracht, das Tabakmesser zu ergreifen und gegen die Stubenecke zu werfen oder große Steine vom Felde loszureißen. Nach einer solchen Entladung zieht er sich gern weit zurück und spricht nachher tagelang mit niemand. Und wenn er gar nichts in die Finger bekommen und sie auf keine andere Weise von sich fernhalten kann, dann betrachten sie ihn als richtigen Dummkopf und hetzen die kleinen Buben auf ihn, damit sie ihn zum Narren halten können.

Der Hofbesitzer ist sein einziger Beschützer; denn Junnu ist ein tüchtiger Arbeiter, durchaus zuverlässig in allem, wartet die Pferde vorzüglich und füttert hin und wieder das Vieh, um den Mägden zu helfen.

Nun hat das Possenspiel während der Mittagspause an der Feldgrenze wieder begonnen. Junnu ist beim Essen und hat seinen Hut, seine Pfeife und seinen Tabaksbeutel aufs Gras neben sich gelegt – außer beim Essen trennt er sich sonst nie von ihnen.

Wenn er gegessen hat und sich nach seinen Begleitern umsieht, findet er den Hut flott auf einem Baumstumpf hinter sich sitzend und die Pfeife daneben in einen Spalt gesteckt, so, als ob der Stumpf raucht. Dies erregt allgemeinen Jubel, und selbst der Bauer kann sich eines Schmunzelns nicht enthalten.

Ohne ein Wort zu sprechen, nimmt Junnu seinen Hut und seine Pfeife und fragt dann nach seinem Tabaksbeutel, der ihm ebenfalls abhanden gekommen ist.

»Weshalb fragst du uns, frage den Baum!« antwortet man, und das Gelächter wird noch unbändiger.

Doch die Neckerei geht erst recht an, als Tahvo, der Hofknecht, an dem Beutel zieht, der mit einer Nadel an Junnus eigenem Gürtel so befestigt ist, daß er auf dessen Hinterteil baumelt. Er kann sich nicht länger beherrschen, er schlägt hinten aus mit den Händen aus allen Kräften; da aber Tahvo zurückspringt, schlägt er sich an einem Fichtenstamm die Hände blutig. Ein paarmal keucht es in seiner Brust, und seine Nüstern erweitern sich. Aber dann nimmt er seine Sichel und geht hin, um abseits von den anderen allein zu schneiden.

»Er frißt so gierig, daß man ihm die Perücke vom Kopfe reißen könnte, ohne daß er es merkt!« ruft einer hinter ihm.

»Ja, die soll ihm auch einmal genommen worden sein«, antwortet Tahvo.

»So, wie denn?« fragt ein anderer.

»Damals, als er auf Staatskosten verpflegt wurde, im Bezirksgefängnis zu Kuopio!«

»Nun haltet den Mund!« kommandiert der Hofbesitzer und treibt die Leute wieder an die Arbeit.

Aber hier wird das gleiche Gespräch fortgesetzt.

»War denn das ein gutes Werk, daß man ihm Staatsverpflegung verschaffte?«

»Oh, er stahl einen Milcheimer ... er hatte ihn aus einer Bauernhütte hinaus in die Einöde geschleppt und den anderen Banditen gegeben.«

»Wer hat dir das gesagt?«

»Er hat es selbst erzählt.«

»Halt's Maul, du langbeiniger Köter!« ruft Junnu plötzlich zum Erstaunen aller.

»Halt selber dein Maul – Wolfsrücken!«

Junnu hat einen langen Rücken und kurze Beine, das bekommt er immer wieder zu hören.

»Ja, auf diesem Rücken fanden wohl so viele Peitschenhiebe Platz, daß der Stockmeister meinte, er werde kaum mit Prügeln fertig. ›Sollen wir von vorn anfangen?‹ fragte er den Landvogt, und so bekam Junnu zwei Rationen Peitschenhiebe als Zugabe zum Bezirksgefängnis ... aber er gab nichtsdestoweniger keinen Laut von sich ...«

»Gott weiß, ob er sich auch vor einer Kosakenpeitsche nicht ergeben hätte.«

»Nun, das wäre doch möglich, besonders wenn es seinem eigenen Vater eingefallen wäre, ihn damit zu kitzeln.«

Junnu war ein Kind der Liebe, und dies hatte Anlaß zu dem boshaften Gerücht gegeben, Junnus Vater sei ein russischer Kosake, der früher im Dorfe gelebt habe.

»Seht jetzt zu, daß ihr eure Zungen etwas zügelt!« ruft der Bauer streng.

»Herr Jesus, behüte uns!« schreien die Weiber in wilder Angst, und den Männern entfährt wie aus einem Munde ein derber Fluch.

Denn Junnu hat einen riesengroßen Stein vom Felde aufgerafft, ihn hoch erhoben, als wär's eine Rolle Birkenrinde, und wirft ihn mit einem furchtbaren Fluch und vor Grimm verzerrtem Gesicht mitten unter die Schnitter.

Den anderen gelingt es, fortzukommen; aber Tahvo sinkt am Fuß getroffen neben dem Stein in die Knie.

»Er schlägt mich tot, er schlägt mich tot«, brüllt er.

»Unsinn, sei nur vernünftig, er hat nicht mal den Knochen beschädigt«, sagt der Bauer, der mit den anderen Tahvos Fuß untersucht.

»Das Tier. Bindet ihn, haltet ihn fest, ehe er uns entgeht.«

Die Männer springen auf und rennen durch den Roggen gerade auf Junnu los, aber mit einer Bewegung schleudert er sie alle von sich.

»Nun sollt ihr Junnu in Frieden lassen und den Roggen nicht niedertrampeln. Weg hier, und jeder an die Arbeit!«

»Verteidigt der Hofbesitzer noch diesen Wilden, der nicht einmal sieht, was er wirft? Das lag wahrhaftig nicht an ihm, daß er nicht meinen Kopf traf.«

»Dann hättest du es dir selber zu verdanken gehabt. Habe ich dich etwa nicht gewarnt?«

»Ich will nur mein Geld für Schmerz und Schaden haben, und wenn ich es zum Prozeß kommen lassen muß«, brummt Tahvo und humpelt wieder zu seiner Sense hin.

»Ja, ihr könnt ja darüber streiten, wie ihr wollt, aber es gibt eine Grenze für jede Art von Spiel und Neckerei«, sagt der Besitzer, indem er geht.

Aber er kann kaum ein unheimliches Gefühl bemeistern, als er den Stein näher betrachtet, der beim Fall halb in die Erde gedrungen und so groß ist, daß er selbst ihn kaum bewegen kann. Es war doch ein großes Gottesglück, daß er nicht schlimmer traf.

Junnus Augen ist die ganze Welt als eine Menge roter und gelber Streifen erschienen, Feld und Wald schwankten. Aber die Überanstrengung seiner Kräfte bereitet ihm auf einmal Übelkeit, und er fühlt sich so schwach, daß er kaum aufstehen kann. Er setzt sich ein wenig hin, dumm und stumpf, dann erhebt er sich und schreitet davon, hinein in die weite Einöde; er geht, ohne zu wissen, wohin, und er geht, ohne daß er weiß, weshalb. Erst eine gute Strecke Weges weiter, als er einen Zaun erreicht, wird es ihm klar, während er hinüberklettert, daß er nahe daran gewesen ist, einen Mann zu erschlagen, und daß er im Grunde auch, als er den Stein schleuderte, diese Absicht gehabt hat.

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