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Geächtet

Juhani Aho: Geächtet - Kapitel 10
Quellenangabe
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typenarrative
authorJuhani Aho
booktitleFinnischer Tango
titleGeächtet
publisherVerlag Das Neue Berlin
editorHerbert Greiner-Mai
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correctorreuters@abc.de
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9

Der im Flaggenschmuck prangende Festzug hält am Johannistage vor Mustisee-Station, deren halbfertige Gebäude mit grünem Birkenlaub geschmückt sind. Es ist der erste Zug auf der neuen Strecke, ein Vergnügungszug, zu dem die Eisenbahngesellschaft alle Arbeiter und Beamte der Bahn und als Ehrengäste alle hervorragenden Männer der Kirchspiele eingeladen hat, welche die Linie durchzieht.

Von Junnu hat niemand etwas gehört oder gesehen seit dem Tage, an dem die Lokomotive seine Kuh überfuhr und er fortging, wie man sagt, nach dem Kirchhof zu.

Dann und wann glaubten aber die Führer der Materialzüge, ihn am Waldsaum in der Nähe der Schienen herumschleichen zu sehen. Dort, wo die Bahn, die schnurgerade eine Strecke Weges an der Station vorüberläuft, plötzlich eine scharfe Kurve macht und zwischen gesprengten Felsblöcken hinauf auf einen gewundenen Sanddamm und über einen Morast führt, liegt ein Mann auf den Knien und versucht, eine Schiene von der Bahnschwelle loszureißen. Schweißtriefend, in fieberhafter Bewegung und hin und wieder nach der Station schielend, versucht er mit derbem Schlag mittels einer Birkenstange die Schiene vom Boden loszuzwängen.

Er hat seine letzten Kräfte für diese Arbeit aufgespart, die er nun ins Werk setzt.

Alle seine Feinde, alle seine Verfolger und Plagegeister, die Ingenieure, den Landvogt, seinen Hofbesitzer, Tahvo, die Arbeiter, die Lokomotive und deren Führer und alle anderen, die im Bunde gegen ihn gewesen sind, von denen der eine nicht besser ist als der andere, diese will er nun alle miteinander vernichten, sie von einem gemeinsamen Rachen verschlingen lassen und kopfüber in den dünnen bodenlosen Morast hinabsenden ...

So hat er es sich ausgedacht – das ist ihm klargeworden in diesen Tagen, wo er den Wald durchstreift hat unter nagendem Hunger, nur hervorgelockt durch die Lokomotive, die hin und her eilte, unwiderstehlich hinab zur Eisenbahnlinie gezogen, wo er auf alles genau achtgegeben hat. Er hat sich während der Nacht dorthin geschlichen, gesehen, wie die Schienen gelöst und wieder festgenagelt wurden, und er hat gehört, wie die Arbeiter zusammen über den Festzug nach dem Städtchen am St. Johannistag sprachen ...

Hätte er nur eine Eisenstange und einen schweren Schmiedehammer gehabt, so daß er mit einem einzigen Schlag und einem Ruck das spröde Eisen hätte sprengen können ...

Aber der Nagel will nicht aus seinem Lager. Und doch, er muß sein Werk vollbringen, es soll gelingen, es muß!

Die Lokomotive sprüht Dampf auf der Station, das Volk strömt in schwarzem Gewimmel zusammen, sie springen in die Wagen, nun rufen sie schon Hurra, und nun spielt die Musik, daß der Wald widerhallt.

Er schlägt mit aller Kraft mit dem Axtrücken, und die Niete springt. Er steckt die Stange unter die Schiene, und sie gibt ein wenig nach. Aber der andre Nagel bindet noch, und die Schiene gleitet wieder langsam zurück.

Der Zug pfeift zur Abfahrt von der Station – gedehnt und durchdringend.

Der zweite Nagel ist ebenso fest wie der erste. Er kann ihn nicht zerschmettern, bis sie schon vorbeigefahren und – gerettet sind.

Er könnte es ja auf ein andermal verschieben? Nein, das will er nicht, das kann er nicht – jetzt, jetzt gerade soll es geschehen. Jetzt sollen alle seine Qualen gerächt werden.

Er ergreift wieder die Stange, führt sie unter die Schiene und wirft sich darauf.

Er nimmt die Axt und fängt wieder an, mit der Schneide dreinzuschlagen, um das Eisen zu spalten. Aber die Axt trifft einen Stein, schlägt Funken nach allen Seiten, und die Schneide springt ab. Der Zug ist schon sehr nahe, sein Kolbenschlag nähert sich mit fliegender Schnelle.

Er packt wieder die Stange, führt sie unter die Schiene und wirft sich mit dem ganzen Gewicht seines Körpers darauf ... die Schiene klafft vom Boden auf, die Schwelle kracht, und der Nagel löst sich.

Nun, nun werden sie ihm nicht entwischen! Aber als er sich noch einmal niederwirft, während er schon das Geklapper der Räder von den Felswänden widerhallen hört, bricht die Stange, und er stürzt rücklings auf die Gleise. Rasend springt er auf, umkrallt mit den Händen die Bahnschiene, hakt seine Finger hinein, erfaßt mit den Zähnen den Nagel und zerrt und rückt, ohne mehr zu wissen, was er tut ...

Die Lokomotive keucht hinter seinem Rücken ...

Sie entschlüpfen seinen Händen, sie werden gerettet, sie fahren über seinen Leichnam dahin ...

Niemals!

Er dreht sich zur Seite, sieht die Lokomotive mit den wehenden Flaggen und strahlenden Glasaugen, sie donnert und rasselt vorwärts – und ein neuer Gedanke kommt ihm blitzschnell.

Er bückt sich, schlägt den Arm um einen mächtigen Felsbrocken, hebt ihn hoch und springt auf das Gleis, er schließt die Augen und schleudert den riesigen Block gegen die heranbrausende Lokomotive; er hört ein fürchterliches Krachen, schwankt und fällt bewußtlos in den Graben neben dem Damm.

Als er wieder zur Besinnung kommt, fühlt er, daß er rücklings auf einem Boden liegt, der in Bewegung ist, rings um ihn stehen rufende und eifrig gestikulierende Menschen, er sieht die Ingenieure, den Landvogt, den Bauer und Tahvo ... sein Kopf schmerzt ihn, und das Blut rinnt über sein Gesicht.

Die Pfeife der Lokomotive entsendet ein langgezogenes, schadenfrohes Zischen, der Rauch wirbelt an seinen Augen vorüber. Er begreift, daß er im Festzug sich befindet, der ihn in die Stadt führt – für immer.

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