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Gauguin und van Gogh

Carl Sternheim: Gauguin und van Gogh - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorCarl Sternheim
titleGauguin und van Gogh
publisherLuchterhand
seriesProsa
volumeII
year1964
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20140226
projectid1d642c23
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Erstes Kapitel

Als Vincent van Gogh, Maler und Niederländer, am zwanzigsten Februar 1888 mehr tot als lebendig nach Arles an der Rhone im südlichen Frankreich kam, wo er Rue Cavalerie 30 in der Herberge Carrel unterkroch, war er in vielen Ländern herumgeworfen worden, zuletzt in Gassen an der Peripherie von Paris, deren stinkende Fäulnis ihm Hirn und Nerven geschwächt hatte, gestrandet. In Kneipen, Kellern, Dachkammern, auf Hurenbetten, wo Silber und Kupfer sprang, gute Worte verstummten, hatte aus Alkohol und Absinthräuschen seine Sehnsucht voll Abscheu heftiger ins Freie gepocht, bis er eines Morgens ein Nichts im Koffer dem Zuchthaus der Weltstadt entsprungen war.

Auf dem Marsch zum Bahnhof an des Schlachthofs Rückfront vorbei stand beim Anblick von Hekatomben für den Bauch von Paris aufgebrochener Schweine und Rinder, die mit frischem Rot bluteten, das mit tausend Farben prangende Bukett vor ihm, das er statt seiner schwarzen holländischen Schinken endlich malen wollte.

Blitzschnell war seines Lebens Anlaß zwei Atemzüge lang in ihm klar: als reines Licht vom Himmel auf Pflanzen geschüttet, des Wesentlichen Kern, sei's in ein paar Blumen aufzusaugen.

Das sollte zum Ausgleich bisher finsteren Wandels für den Rest diesseitigen Lebens sein geziemender Geleitbrief sein.

Stille des Städtchens fiel ein Bausch Watte auf sein Ohr, als er, den Leib in eines schäbigen Gasthofsbetts Laken, erlebtes Elend, Grind und Krätze aus Erinnerung würgte, große Luft, Erdbodenduft, saure Würze durchs offne Fenster in den durstenden Leib schlang. Pflanzen roch er, feuchte Furche, Uhu, Salamander wie in Kinderjahren, als er im Mutterarm geruht hatte. Heimat, Eltern, Geschwister traten vollkommen deutlich zu ihm, und glücklich bestätigend nickte er in die Nacht, die erste unter einem Himmel, der mit Licht bei Licht, Bändern Milch und Schüsseln Blau das Haus einwölbte.

Saft und Sonne floß in Knospen, als er am andern Morgen vom Zimmer auf den Rasen trat, der mit Heiterkeit beim Haus begann. Aus Halm und Rute bäumte Schöpfung flockig und gepelzt, von Holz und Faser der Olive troff Saft. Beim nächsten Hügel, der die Welt verbarg, stürzte gliederwerfend der Mann zu Boden, löste auch des eigenen Leibs zu festgefügte Teile in glückseligen Schweiß; danach war ihm blank der Blick, und erst jetzt hatte er zu innerem Einblick Kraft und Ausblick in die Welt: was ihn von Ort zu Ort, Mensch zu Mensch schließlich aus der großen Stadt landeinwärts gestoßen hatte, war das deutlich gespürte Fehlen des runden Mittelpunkts in ihm, den Oberflächenideen der Menschen ausgetrieben hatten. Die, wie sie hinter fromme Vorwände sich vermummten, sannen, wie gewinnen wir, zu gelten, Geld?

War ihm von Jugend auf, Eltern, Lehrern, Freunden nicht gepredigt: tu das und unterlaß das andere, weil's sonst dein Fortkommen stört? Und immer war das Kommen zu Gold und Goldeswert als Mittel verstanden, den Nächsten sich geneigt zu machen, sich ihm zu empfehlen, dem Gefälligen wie ein Ei dem andern zu gleichen. Er aber hatte bald gespürt, seiner Sehnsüchte Anlässe lagen vom Schenkbereich der Menschen ab. Durch Bezahlung blieb nur seine Notdurft zu stillen.

Doch über der Seele, Vernunft geheimen Wunsch war im Qualm der Großstadt, beim Krachen gemergelter Menschenknochen keine Gewißheit zu erlangen. Alle Frage schlang dort Lärm, jeden Herzschlag Eile; Laut verschluckte Gegenlaut. In jenem Blumengleichnis aber hatte sich sein Drang, zum Wesen des Alleinzigen vorzudringen, am gesegneten Tag offenbart.

In welche Formen, Begriffe der heilige Inhalt zu fassen sei, darüber schwebte dem Willigen keine Ahnung vor. Nur Eins spürte er in begnadeter Stunde: der Weg lief nicht schriftlicher Überlieferung, keiner Erfahrung anderer nach, doch durch des Herzens Aufschwung, Tat seiner Hände so, daß er sich der Schöpfung ohne Absicht, als sie durch eigenes Gesicht innezuwerden, nahte.

Das geschähe durch hingesunkene Betrachtung, und das Einfache habe er zuerst zu sehen, aus seiner Kenntnis Anschluß an Gestuftes und Zusammengesetztes zu finden.

Von solchem Wunsch entflammt, warf Vincent lodernde Blicke, bis er sich losreißend und nach Haus eilend, die bunte Landschaft im Augapfel trug, sie in der Stube Schatten auf dunklen Grund stellend, ersehnte Offenbarung aus ihr zu lesen hoffte. Doch ging es ihm wie den Kleinen, die in Fibeln der Buchstaben endlose Reihen sehen und ihren in Worte gefügten Sinn auch dann nicht fassen, sagen richtig die Lippen einen nach dem anderen auf. Das macht, noch ist ihnen das einzelne Bild nicht so vertraut, daß sie über es fort geeinte Gruppen begriffen. So fiel Mitgebrachtes in lauter Farbenbuchstaben auseinander, und des Ganzen Bedeutung und beherrschten Ausdruck konnte er nicht finden.

Darum tat er, was Instinkt ihn hieß. Blicke sprengten Schöpfung aus Rahmen und Verhältnissen, in die sie obenhin gespannt schien, zerlegten sie in ihre Kerne. Wo er stand und ging, gewöhnte sich Vincent, Welt nicht im zufälligen Verein doch in der von Umwelt streng getrennten Einzelheit zu sehen. Er holte den Baum aus dem Boden, den Ast vom Stamm, von dem Zweig, Blatt, Gefieder, besah an allem das Ursprüngliche, den besonderen Stoff und Farbe und Bau. Von Haus und Kirche köpfte er Dächer, durch Auf- und Grundriß, Gebälk, Verschnürung hindurch des benutzten Materials Natur und des Erbauers Absicht mit ihm zu merken. Felsen sprengte er, teilte die Wasser, schob begegneten Männern, Weibern das Kleid zur Seite und erkannte durch dringendes Hinsehen Haut, Blut, Muskel und Skelett an ihnen.

Oft drängte sich ihm aus Vergangenheit, Schrift, Bildern und Erzähltem mitgebrachte Vorstellung ins Blickfeld. So scharf er den Blick auf das Objekt ansetzte, entzog es sich unter wahrscheinlichem Vergleich, sprang statt des zu Erkennenden Wahrheit die erworbene Erinnerung vor ihn hin. Dann mußte er den Willen zu gründlicher Wahrnehmung, stärkere Kräfte der Nerven spannen, bis ihm Erschöpfung ein vorläufiges Ziel setzte.

Doch war kein Tag verloren. Am neuen Morgen sah er das vor ihn gebreitete Land bewußter an, bis er nicht mehr ängstlich am Nächsten zu haften brauchte. Aus dem großen Buch der Natur las er von der aufgeschlagenen Seite schon einfache Reihen ab.

Wie von anderen schwierigen Gebilden wußte er aber von sich selbst jetzt nichts mehr und fragte, treu dem leitenden Gesetz nicht danach. Mißachtete, ob er aß, trank, wie viel Stunden er schwer schaffte, ruhte; prüfte Kleidung und Nahrung nicht.

Vergaß das Weib. Früher, untersetzt und breitschultrig, hatte er ins lockende Fleisch zugegriffen. Nun klaffte wie zu anderen Gesichten auch zu ihm der Abgrund. Traf er es, spannte Schmerz ihm den Leib vom Hals zum Schoß, er drückte sich fort. Froh war er nur, wo er aus Kenntnis, bei seinen Gräsern, Büschen, allerhand Natur schon Meister war.

Von einer Gruppe zarter rosa Pfirsiche vor knospenden Apfelbäumen wirft er an hellem Morgen das Bild auf den Malgrund. Strahlt augenblickliche Wirklichkeit ihm zu, setzt Vincent für die zufällige Erscheinung die gültigere Form seiner Erfahrung aus ihr. Mit wehendem Haar ohne Hut, den flatternden, hinschießenden Pinsel in der Faust, ist er die rührendste Erscheinung. Bauern, die vorbeigehen, spüren es.

Abend wird es, wieder Tag und oft wieder Abend. Der Arm auf dem Farbbrett wird nicht müde, Ströme Chromgelb, Karmin, Kremserweiß, Smaragdgrün aus Tuben auf die Palette zu drücken, durch blitzschnelle Übersetzung im illuminierten Hirn in Lorbeer, Mandel, Pfirsichblüten zu wandeln. Bunt steht wollüstiger Frühling da und ist durch des Meisters Wurf im Bild wollüstiger und bunter. Als Vincent einige Stilleben und Landschaften in seiner Kammer beisammen hat, sitzt er vor ihnen und sieht gerührt den Effekt.

Die Skizzen stark und still atmen die in sie verschwendete Demut. Man ist aus ihnen durch den Mittler bewegt; nimmt das Dargestellte, als sei man selbst betroffen, ernst. Hat das Maß aus ihnen zu den Dingen.

Der Maler schaut zum Tisch, zum Fenster hinaus, auf sie zurück. Schließlich blickt er über sie in Vergangenheit. Eisenbahn tritt in die Netzhaut, Bahnhof mit Signal, Lichtern, Menschengewimmel. In ihm, an seiner Seite ein zager Herr: sein Bruder Theo.

Doch rauscht im gleichen Moment anderes, riesigeres Andenken ihm ins Herz. Über alle Erscheinung glänzt eines Mannes Aug ihn an, dröhnt ein Name, der ihm bis heut nicht teuer noch vertraut war: Paul Gauguin!

 

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