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Gaspar Ruiz

Joseph Conrad: Gaspar Ruiz - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Conrad
booktitleGeschichten vom Hörensagen
titleGaspar Ruiz
publisherS. Fischer Verlag
year1959
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freißler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080429
projectidc99363d2
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VIII

»Señores«, erzählte der General seinen Gästen, »obwohl meine Gedanken sich damals mit Liebe beschäftigten und dementsprechend erfreulich waren, so berührte mich der Anblick jenes Hauses stets unangenehm, besonders im Mondlicht, in dem die geschlossenen Fensterläden und der Anschein einsamer Verwahrlosung besonders düster wirkten. Dennoch nahm ich auch weiter den Reitweg daran vorbei, weil er viel kürzer war. Der verrückte Royalist heulte und lachte mir jeden Abend entgegen, bis er genug hatte. Doch nach einer Zeit hörte er auf, am Weg zu erscheinen, als habe ihn meine Gleichgültigkeit ermüdet. Wie sie ihn dazu brachten, das sein zu lassen, weiß ich nicht. Jedenfalls hätte es mit Gaspar Ruiz im Hause ein leichtes sein müssen, ihn mit Gewalt zurückzuhalten. Es war nun ein Punkt ihrer Taktik, drinnen im Haus alles zu vermeiden, was mich hätte reizen können; wenigstens stellte ich es mir so vor.

Obgleich ich im Banne des strahlendsten Augenpaares von ganz Chile stand, bemerkte ich doch nach einer Woche oder so die Abwesenheit des alten Mannes. Noch einige Tage gingen vorüber. Ich begann zu glauben, daß vielleicht diese Royalisten sonstwohin ausgewandert seien. Als ich aber eines Abends der Stadt zueilte, da sah ich wieder jemand im Torwege. Es war nicht der Irre; es war das Mädchen. Sie hielt eine der Holzsäulen umfaßt und stand schlank und bleich da, die großen Augen von Entbehrung und Kummer tief eingesunken. Ich sah sie scharf an, und sie begegnete mit einem merkwürdig forschenden Blick meinen Augen. Dann, als ich den Kopf wandte, nachdem ich schon vorbeigeritten war, schien sie ihren ganzen Mut zusammenzunehmen und winkte mich ganz eindeutig zurück.

Ich gehorchte, Señores, fast ohne zu denken, so groß war meine Verwunderung. Die wuchs noch, als ich hörte, was sie mir zu sagen hatte. Sie begann damit, daß sie mir für meine Nachsicht gegen die Schwäche ihres Vaters dankte, so daß ich mich vor mir selbst schämte. Ich hatte Verachtung zeigen wollen, nicht Nachsicht! Jedes Wort muß ihr die Lippen versengt haben, doch sie verlor nicht einen Augenblick lang die liebenswürdige, melancholische Würde, die mir gegen meinen Willen Respekt einflößte. Señores, wir sind keine Gegner für Frauen. Doch ich konnte kaum meinen Ohren trauen, als sie ihre Erzählung begann. ›Die Vorsehung‹, schloß sie, ›schien das Leben dieses Soldaten gerettet zu haben, dem Unrecht geschehen war und der nun auf meine Ehre als Caballero und auf mein Mitgefühl mit seinem Leid baute.‹

›Unrecht geschehen‹, bemerkte ich kalt. ›Nun, das ist auch meine Ansicht: und Sie haben einen Feind Ihrer Sache beherbergt.‹

›Es war ein armer Christenmensch, der im Namen Gottes an unserer Tür um Hilfe flehte, Señor‹, gab sie einfach zurück.

Ich begann sie zu bewundern. ›Wo ist er jetzt?‹ fragte ich förmlich.

Doch diese Frage wollte sie nicht beantworten. Mit unglaublichem Takt und einem fast feindseligen Zartgefühl brachte sie es fertig, mich an den fehlgeschlagenen Versuch zu erinnern, den Gefangenen im Wachtzimmer das Leben zu retten, – ohne doch dabei meine Eitelkeit zu verletzen. Sie kannte natürlich die ganze Geschichte. Gaspar Ruiz, sagte sie, ließe mich inständig bitten, ihm zu General San Martin persönlich freies Geleit zu verschaffen. Er habe dem Oberbefehlshaber eine wichtige Mitteilung zu machen.

Por Dios, Señores, das alles ließ sie mich schlucken und gab dabei vor, dem armen Mann nur als Sprachrohr zu dienen. Als ein Opfer der Ungerechtigkeit erwarte er, sagte sie, bei mir ebensoviel Großmut zu finden wie bei der Royalistenfamilie, die ihm Zuflucht gewährt hatte.

Ha! das war gut und geschickt gesprochen, zu einem blutjungen Kerl, wie ich es war. Ich fand sie erhaben. O weh! sie war nur unversöhnlich.

Schließlich ritt ich davon, ganz begeistert für die Sache, und verlangte nicht einmal Gaspar Ruiz zu sehen, von dem ich bestimmt annahm, daß er im Hause sei.

Bei ruhiger Überlegung begann ich aber Schwierigkeiten zu sehen, denen zu begegnen ich allein mich nicht imstande fühlte. Es war nicht leicht, einem Oberbefehlshaber mit einer solchen Geschichte zu kommen. Ich fürchtete einen Fehlschlag. Schließlich hielt ich es für besser, die ganze Sache meinem Divisionsgeneral Robles vorzulegen, der ein Freund meiner Familie war und mich erst kürzlich zu seinem Adjutanten ernannt hatte.

Er nahm mir die Angelegenheit ohne alle Umstände sofort aus der Hand.

›Im Haus! Natürlich ist er im Haus‹, sagte er geringschätzig. ›Sie hätten mit gezogenem Säbel hineingehen und ihn zur Übergabe auffordern sollen, anstatt im Torweg mit dem Royalistenmädel zu schwatzen. Die Leute hätte man schon längst dort herausjagen sollen. Wer weiß, wie viele Spione sie kerzengerade in der Mitte unserer Lager schon beherbergt haben. Freies Geleit zum Oberbefehlshaber! Die Frechheit von dem Kerl! Ha, ha! Jetzt werden wir ihn also heute nacht hopp nehmen, und dann wollen wir schon herausbringen, was er zu sagen hat, das so verdammt wichtig wäre. Ha, ha, ha!

General Robles – Friede seiner Seele – war ein kurzer, dicker Mann mit runden, starren Augen, polternd und jovial. Als er meine Betrübnis sah, fügte er hinzu:

›Kommen Sie, kommen Sie, Chico. Ich verspreche Ihnen sein Leben, wenn er keinen Widerstand leistet. Und das steht nicht zu erwarten. Wir werden einen guten Soldaten nicht zugrunde richten, wenn es sich vermeiden läßt. Ich sage Ihnen was! Ich bin neugierig, Ihren starken Mann zu sehen. Unter einem General tut er's nicht, der Picaro. Gut. Er soll einen General haben und mit ihm sprechen. Ha, ha! Ich will bei der Aushebung selbst dabeisein, und Sie kommen natürlich mit.‹

Und in derselben Nacht noch wurde es ausgeführt. Früh am Abend wurden das Haus und der Obstgarten unauffällig umstellt. Später verließen der General und ich einen Ball, den wir in der Stadt besucht hatten, und ritten im leichten Galopp hinaus. Kurz vor dem Hause hielten wir an. Eine berittene Ordonnanz hielt uns die Pferde. Ein leiser Pfiff warnte die Leute, die rings um die Schlucht auf Posten waren, und wir schritten behutsam dem Torweg zu. Das verrammelte Haus im Mondschein schien leer.

Der General pochte an die Tür. Nach einer Weile fragte eine Frauenstimme von innen, wer da sei. Mein Vorgesetzter stieß mich hart an. Ich schnappte nach Luft.

›Ich bin's, Leutnant Santierra‹, stotterte ich hervor, als würgte mich etwas. ›Öffnen Sie die Tür.‹

Sie öffnete sich langsam. Das Mädchen, eine dünne Kerze in der Hand, begann allmählich vor uns zurückzuweichen, als sie einen zweiten Mann neben mir sah. Ihr unbewegtes weißes Gesicht sah geisterhaft aus. Ich folgte hinter General Robles. Ihre Augen waren auf die meinen gerichtet. Ich machte eine Gebärde der Hilflosigkeit hinter dem Rücken meines Vorgesetzten und versuchte zur selben Zeit meinem Gesicht einen beruhigenden Ausdruck zu geben. Keiner von uns dreien brachte einen Laut hervor.

Wir befanden uns in einem Raum mit kahlen Wänden und Boden. Ein ungefüger Tisch und ein paar Stühle standen darin, sonst nichts. Eine alte Frau mit gelöstem grauem Haar rang die Hände, als wir auftauchten. Ein lautes Lachen gellte gespenstisch durch das leere Haus. Daraufhin versuchte die alte Frau an uns vorbeizukommen.

›Niemand verläßt das Zimmer!‹ sagte General Robles zu mir.

Ich schlug die Tür zu, hörte die Klinke einschnappen, und das Lachen war nur mehr schwach vernehmbar.

Bevor in dem Zimmer noch ein weiteres Wort gesprochen werden konnte, hörte ich zu meiner Verblüffung entfernten Donner.

Ich hatte in das Haus den Eindruck einer wunderbar klaren Mondnacht mitgenommen, ohne einen Wolkenfleck am Himmel. Ich konnte meinen Ohren nicht trauen. Da ich ganz jung meiner Erziehung wegen weggeschickt worden war, so war mir das meistgefürchtete Naturphänomen meiner Heimat nicht vertraut. Ich sah zu meinem unsagbaren Erstaunen den Ausdruck von Entsetzen in den Augen meines Chefs. Plötzlich fühlte ich Schwindel. Der General taumelte schwer gegen mich; das Mädchen schien inmitten des Zimmers zu wanken, das Licht fiel ihr aus der Hand und ging aus; ein gellender Schrei ›Misericordia!‹ der alten Frau fuhr mir durch die Ohren. In der pechschwarzen Finsternis hörte ich, wie der Mörtel von den Wänden abbröckelte und auf den Boden fiel. Ein Glück, daß keine Decke da war. Während ich mich an die Türklinke klammerte, hörte ich, wie über meinem Kopf das Scharren der Dachziegel aufhörte. Der Stoß war vorbei.

›Hinaus aus dem Haus! Die Tür! Fliehen Sie, Santierra, fliehen Sie!‹ heulte der General. Sie müssen wissen, Señores, in unserem Lande schämen sich selbst die Tapfersten nicht der Furcht, die bei einem Erdbeben den Leuten bis in die Knochen fährt. Man gewöhnt sich nie daran. Je öfter man es erlebt, desto stärker wirkt der namenlose Schreck.

Es war mein erstes Erdbeben, und ich war der Ruhigste von allen. Ich erkannte, daß der Krach draußen von dem Torweg herrührte, dessen Holzpfeiler und Ziegelvordach eingestürzt waren. Der nächste Stoß würde wahrscheinlich das Haus zerstören. Das donnerähnliche Tosen nahte wieder. Der General raste rings um das Zimmer, vielleicht um die Tür zu finden. Er machte einen Lärm, als versuche er an den Wänden hochzuklettern, und ich hörte ihn deutlich den Namen mehrerer Heiligen anrufen. ›Hinaus, hinaus, Santierra!‹ brüllte er.

Die Stimme des Mädchens war die einzige, die ich nicht hörte.

›General!‹ schrie ich. ›Ich kann die Tür nicht rühren. Wir müssen eingeschlossen sein.‹

Ich erkannte seine Stimme nicht wieder in dem Durcheinander von verzweifelten Flüchen, die er ausstieß. Señores, ich kenne viele Leute in meinem Lande, besonders in den stark von Erdbeben heimgesuchten Provinzen, die bei geschlossenen Türen weder essen noch schlafen noch beten oder sich auch nur zum Kartenspiel niedersetzen. Die Gefahr liegt nicht im Zeitverlust, sondern die Verschiebung der Wände kann es bewirken, daß eine Tür überhaupt nicht mehr aufzubringen ist. Das war es, was auch uns geschehen war. Wir waren gefangen und hatten von niemand Hilfe zu erwarten. Es gibt keinen Mann in meinem Lande, der in ein Haus gehen würde, wenn die Erde wankt. Es gab auch nie einen – mit einer einzigen Ausnahme: Gaspar Ruiz.

Er war aus irgendeinem Schlupfwinkel, in dem er sich draußen verkrochen hatte, herausgekommen und war über die Balken des zerstörten Vordaches geklettert. Durch das furchtbare unterirdische Grollen der nahenden Verwüstung hörte ich eine mächtige Stimme das Wort ›Erminia‹ brüllen, mit der Lunge eines Riesen. Ein Erdbeben verwischt gründlich alle Rangunterschiede. Ich nahm meine ganze Entschlußkraft zusammen, um die Schrecken des Augenblicks zu überwinden und schrie zurück: ›Sie ist hier‹. Ein Brüllen wie von einem wütenden wilden Tier antwortete mir, während mein Kopf wirbelte, mein Mut sank und mir der Angstschweiß wie Regen über die Brauen lief.

Er hatte die Kraft, einen der schweren Pfosten des Vordaches aufzunehmen. Er hielt ihn unter dem Arm wie eine Lanze, doch mit beiden Händen, rannte damit wütend gegen das wankende Haus, mit der Gewalt eines Sturmbocks, sprengte die Tür auf und stürzte ungestüm über unsere hingestreckten Leiber herein. Der General und ich rafften uns auf und sprangen hinaus, ohne uns einmal umzusehen, bis wir über der Straße waren. Dann hielten wir uns aneinander und sahen zu, wie das Haus plötzlich zu einem Haufen formlosen Gerümpels zusammensank, hinter dem Rücken eines Mannes, der auf uns zuschritt, die leblose Gestalt einer Frau in den Armen. Ihr langes schwarzes Haar hing fast bis zu seinen Füßen herab. Er legte sie ehrfürchtig auf den schwankenden Boden, und das Mondlicht fiel auf ihre geschlossenen Augen.

Señores, wir saßen mit Mühe auf. Unsere Pferde bäumten sich wie verrückt und wurden nur mit Mühe von Soldaten gehalten, die von allen Seiten herbeigelaufen waren. Niemand dachte damals daran, Gaspar Ruiz gefangenzunehmen. In den Augen von Menschen und Tieren loderte wilde Furcht. Mein General näherte sich Gaspar Ruiz, der regungslos wie eine Statue über dem Mädchen stand. Er ließ sich bei den Schultern rütteln, ohne die Augen von ihrem Gesicht zu lassen.

›Que guape!‹ brüllte ihm der General ins Ohr. ›Du bist ein mordsbraver Kerl, du hast mein Leben gerettet. Ich bin General Robles, komm morgen in mein Quartier, wenn Gott es uns in Gnade vergönnt, einen neuen Tag zu sehen.‹

Er rührte sich nicht – als wäre er taub, gefühllos, unempfindlich.

Wir ritten der Stadt zu und waren ganz beschäftigt mit unseren Verwandten, unseren Freunden, an deren Schicksal wir kaum zu denken wagten. Die Soldaten rannten neben unseren Pferden her. Alles war vergessen angesichts der ungeheuren Katastrophe, die über ein ganzes Land hereingebrochen war.«


Gaspar Ruiz sah das Mädchen die Augen öffnen. Das Aufschlagen ihrer Augenlider schien ihn aus seinem Traum zu wecken. Sie waren allein; das entsetzte und verzweifelte Schreien der heimatlos gewordenen Leute füllte die Ebenen der weitgestreckten Küste und drang wie ein Flüstern in ihre Einsamkeit.

Sie erhob sich und sandte furchtsame Blicke nach allen Seiten. »Was ist?« rief sie halblaut aus und starrte ihm ins Gesicht. »Wo bin ich?«

Er beugte traurig und wortlos den Kopf.

»... Wer seid Ihr?«

Er kniete langsam vor ihr nieder und berührte den Saum ihres groben schwarzen Rockes. »Euer Sklave!« jagte er.

Da erblickte sie den Haufen Gerümpel, der einst das Haus gewesen war, ganz verschwommen in einer Staubwolke. »Ah!« schrie sie auf und preßte die Hand an die Stirn.

»Dort hab ich Euch herausgetragen«, flüsterte er zu ihren Füßen.

»Und sie?« fragte sie in einem tiefen Seufzer.

Er erhob sich, faßte ihren Arm und führte sie behutsam zu der unförmigen Ruine, die halb unter einem Erdrutsch verschüttet war.

»Kommt horchen«, sagte er.

Der klare Mond sah sie über den Haufen von Steinen, Balken und Ziegeln klettern, der ein Grab war. Sie preßten das Ohr an die Spalten und lauschten auf ein Stöhnen.

Endlich meinte er: »Sie sind rasch gestorben. Ihr seid allein.«

Sie setzte sich auf ein abgebrochenes Balkenende und legte einen Arm über ihr Gesicht. Er wartete, näherte dann seine Lippen ihrem Ohr und flüsterte: »Wir wollen fortgehen.«

»Niemals – nie fort von hier«, schrie sie auf und warf die Arme hoch.

Er beugte sich über sie, ihre erhobenen Arme fielen auf seine Schultern, er zog sie hoch und begann zu gehen, den Blick starr geradeaus gerichtet.

»Was tut Ihr?« fragte sie schwach.

»Ich entfliehe meinen Feinden«, antwortete er, ohne seine leichte Bürde anzublicken.

»Mit mir«, seufzte sie hilflos.

»Niemals ohne Euch«, gab er zurück. »Ihr seid meine Stärke.«

Er preßte sie eng an sich. Sein Gesicht war ernst und seine Schritte waren fest. Die Brände, die in den Ruinen der zerstörten Dörfer ausbrachen, überstrahlten die Ebene mit rotem Feuerschein; und die fernen Wehklagen, die Schreie » Misericordia! Misericordia!« klangen ihm verzweiflungsvoll in die Ohren. Er schritt vorwärts, feierlich und beherrscht, als trüge er ein kostbares und zerbrechliches Heiligtum.

Dann und wann zitterte die Erde unter seinen Füßen.

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