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Gaspar Ruiz

Joseph Conrad: Gaspar Ruiz - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Conrad
booktitleGeschichten vom Hörensagen
titleGaspar Ruiz
publisherS. Fischer Verlag
year1959
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freißler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080429
projectidc99363d2
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V

Gaspar Ruiz, der mühelos die schweren Eisenstäbe des Kerkerfensters ausbiegen konnte, wurde mit den andern zur summarischen Hinrichtung hinausgeführt. ›Nicht jede Kugel trifft!‹ heißt das Sprichwort. Das ganze Verdienst von Sprichwörtern besteht in der treffenden und malerischen Ausdrucksweise. Ihre überzeugende Wirkung erklärt sich aus unserer Überraschung. Mit andern Worten, wir werden durch die Erschütterung überzeugt.

Was uns überrascht, ist die Form, nicht der Inhalt. Sprichwörter sind Kunst – billige Kunst; im allgemeinen sind sie nicht wahr; außer sie enthalten platte Banalitäten, wie zum Beispiel das Sprichwort: ›Besser eine Laus am Kraut, als gar kein Fleisch‹ oder ähnliche.

Einige Sprichwörter sind einfach blödsinnig, andere unmoralisch. Das eine, das aus dem naiven Gemüt des großen russischen Volkes heraus geboren wurde: ›Der Mensch feuert das Gewehr ab, aber Gott lenkt die Kugel!‹, ist von grauenhafter Frömmigkeit und ein bitteres Widerspiel zu der allgemeinen Auffassung von einem barmherzigen Gott. In der Tat wäre es eine unpassende Beschäftigung für den Beschützer der Armen, Unschuldigen und Hilflosen, die Kugel, sagen wir, in das Herz eines Vaters zu lenken.

Gaspar Ruiz war kinderlos, hatte keine Frau, hatte die Liebe nie gekannt. Er hatte wohl kaum je zu einer Frau gesprochen. Seine Mutter ausgenommen und die alte Negerin des Haushalts, deren runzlige Haut aschfarben und deren kümmerlicher Leib vom Alter verkrümmt war. Wenn einige von den Kugeln aus den Musketen, die da auf fünfzehn Schritte abgefeuert wurden, für Gaspar Ruiz' Herz bestimmt waren, dann verfehlten sie alle ihr Ziel. Immerhin nahm eine ein kleines Stück von seinem Ohr weg und eine andere einen Fleischfetzen von seiner Schulter.

Eine rote, wolkenlose Sonne senkte sich in den purpurnen Ozean und blickte mit starrem Stolz auf den mächtigen Wall der Kordilleren, die würdigen Zeugen ihres glorreichen Aufganges. Doch es ist kaum anzunehmen, daß sie auch die ameisengroßen Menschlein sah, die sich in törichter und lächerlicher Weise abmühten, zu töten und zu sterben, aus Gründen, die nicht nur an und für sich kindisch, sondern überdies auch nicht ganz verstanden waren. Jedenfalls beleuchtete die Sonne die Rücken des feuernden Pelotons und die Gesichter der Verurteilten. Von diesen waren einige auf die Knie gesunken, andere standen aufrecht, ganz wenige hatten die Köpfe von den erhobenen Flintenläufen abgewendet. Gaspar Ruiz, aufrecht, der größte von allen, ließ seinen ungefügen Kopf hängen. Die tiefstehende Sonne blendete ihn ein wenig, und er fühlte sich schon als toten Mann.

Er fiel bei der ersten Salve. Er fiel, weil er überzeugt war, daß er tot sei. Er schlug schwer auf den Boden auf. Der Ruck des Sturzes überraschte ihn. Ich bin offenbar nicht tot, dachte er sich, während er hörte, wie das Peloton auf Kommando neu lud. Da dämmerte in ihm zum erstenmal die Hoffnung auf Rettung. Er blieb mit straffen Gliedern ausgestreckt liegen, unter dem Gewicht von zwei Körpern, die kreuzweise über seinem Rücken niedergebrochen waren.

Während die Soldaten eine dritte Salve in den fast reglosen Leichenberg gefeuert hatten, war die Sonne den Blicken entschwunden, und fast unmittelbar nach dem Erlöschen des Ozeans fiel das Dunkel auf die Küsten der jungen Republik. Über dem düstern Tiefland blieben die schneeigen Spitzen der Kordilleren noch lange Zeit in leuchtender Glut. Die Soldaten setzten sich nieder und rauchten, bevor sie zum Fort zurückmarschierten. Der Sergeant schlenderte aus eigenem Antrieb durch die Reihen der Toten, den bloßen Säbel in der Hand. Er war ein gefühlvoller Mann und spähte nach irgendeinem noch so leisen Zucken, in der menschenfreundlichen Absicht, seine Klinge in jeden Leib zu bohren, der noch das geringste Lebenszeichen geben würde. Doch keiner der Körper bot ihm die Gelegenheit, seine Barmherzigkeit zu betätigen. Kein Muskel zuckte unter ihnen. Nicht einmal die mächtigen Muskeln von Gaspar Ruiz, der sich, von dem Blut seiner Nachbarn besudelt, tot stellte und sich bemühte, noch lebloser zu erscheinen als die andern.

Er lag mit dem Gesicht nach unten. Der Sergeant erkannte ihn an seiner Gestalt; und da er selbst ein sehr kleiner Mann war, so sah er mit Neid und Verachtung auf die große Kraft, die da niedergestreckt lag. Er hatte gerade diesen Soldaten nie leiden mögen. Von einer dunklen Feindseligkeit geleitet, führte er einen mächtigen Hieb nach dem Hals von Gaspar Ruiz, auch in der vagen Absicht vielleicht, sich des Todes dieses starken Mannes zu versichern, als könnte ein kraftvoller Körper eher den Kugeln widerstehen. Denn der Sergeant zweifelte nicht daran, daß Gaspar Ruiz vielfach getroffen war. Dann ging er weiter und marschierte bald darauf mit seinen Leuten ab; die Leichen wurden den Krähen und Geiern überlassen. Gaspar Ruiz hatte nicht geschrien, obwohl er das Gefühl hatte, daß ihm das Haupt abgeschlagen worden sei, und als die Dunkelheit kam, schüttelte er die Toten ab, deren Gewicht ihn bedrückt hatte, und kroch auf Händen und Füßen über die Ebene fort. Nachdem er, wie ein wundes Tier, an einem seichten Bach viel getrunken hatte, richtete er sich auf und wankte mit leerem Kopf ziellos davon, wie verloren unter den Sternen der klaren Nacht. Ein kleines Haus schien vor ihm aus dem Boden zu wachsen. Er taumelte unter das Vordach und schlug mit den Fäusten an die Tür. Es gab keinen Lichtschimmer. Gaspar Ruiz hätte glauben können, daß die Einwohner geflohen seien, wie die so vieler anderer Häuser in der Nachbarschaft, hätten nicht laute Schmähreden auf sein Klopfen geantwortet. In seinem fieberhaft geschwächten Zustand schien ihm das ärgerliche Kreischen eine Sinnestäuschung, die weitere Fortsetzung des höllischen Traumes, von seiner unerwarteten Verurteilung zum Tode, von dem Durst, den er gelitten hatte, von den Salven, die auf fünfzehn Schritt gegen ihn abgefeuert worden waren, und von dem Streich, der ihm das Haupt vom Rumpf geschlagen hatte. »Öffnet die Tür«, schrie er, »öffnet in Gottes Namen!« Eine wütende Stimme krächzte ihm entgegen: »Kommt herein, dieses Haus gehört euch. Das ganze Land gehört euch. Kommt und nehmt es euch.«

»Um Gottes Barmherzigkeit willen«, murmelte Gaspar Ruiz.

»Gehört nicht das ganze Land euch Patrioten?« kreischte die Stimme auf der andern Seite der Tür weiter. »Bist du kein Patriot?«

Gaspar Ruiz wußte es nicht. »Ich bin ein Verwundeter«, sagte er apathisch.

Innen wurde alles still. Gaspar Ruiz gab die Hoffnung auf, eingelassen zu werden, und legte sich unter dem Vordach gerade vor der Tür nieder. Es war ihm völlig gleichgültig, was mit ihm geschehen würde. Sein ganzes Bewußtsein schien in seinem Nacken konzentriert, wo er einen wütenden Schmerz empfand. Seine Gleichgültigkeit gegen sein Geschick war echt.

Der Tag brach an, als er aus einem fiebrigen Halbschlummer erwachte. Die Tür, an die er im Dunkeln gepocht hatte, stand nun weit offen, und ein Mädchen lehnte an den Pfosten und stützte sich mit den ausgebreiteten Armen. Er lag auf dem Rücken und starrte zu ihr empor. Ihr Gesicht war bleich, und ihre Augen waren ganz dunkel. Ihr hängendes Haar schien schwarz wie Ebenholz gegen die weißen Wangen. Ihre Lippen waren voll und rot. Hinter ihr sah er einen anderen Kopf, mit langen grauen Haaren und einem dünnen Gesicht mit einem Paar ängstlich gefalteter Hände unter dem Kinn.

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