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Gaspar Ruiz

Joseph Conrad: Gaspar Ruiz - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Conrad
booktitleGeschichten vom Hörensagen
titleGaspar Ruiz
publisherS. Fischer Verlag
year1959
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freißler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080429
projectidc99363d2
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IV

»Gaspar Ruiz war auf das Sims geklettert und saß dort, die Füße gegen die dicke Mauer gestützt und die Knie leicht angezogen. Das Fenster war nicht ganz breit genug für die Länge seiner Beine. Ich in meiner Verblüffung glaubte nicht anders, als daß er das Fenster für sich allein haben wollte. Er schien eine bequeme Stellung einzunehmen. Keiner von den Gefangenen wagte ihm nahe zu kommen, nun, da er mit den Händen schlagen konnte.

Por Dios‹, hörte ich den Sergeanten hinter mir knurren. ›Ich werde ihn jetzt gleich durch den Kopf schießen, dann bin ich die Schererei los. Er ist ja doch verurteilt.‹

Daraufhin sah ich ihn ärgerlich an. ›Der General hat das Urteil noch nicht bestätigt‹, sagte ich, obgleich ich wohl wußte, daß das nur leere Worte waren. Das Urteil brauchte keine Bestätigung. ›Du hast kein Recht, ihn zu erschießen, außer er macht einen Fluchtversuch‹, fügte ich fest hinzu.

›Aber, sangre de Dios!‹ brüllte der Sergeant und riß die Muskete an die Schulter. ›Er will ja jetzt ausbrechen, sehen Sie doch!‹

Ich aber schlug den Lauf hoch, als habe Gaspar Ruiz mich behext, und die Kugel flog irgendwo über die Dächer. Der Sergeant stieß das Gewehr auf den Boden und stierte. Er hätte den Soldaten befehlen können, zu schießen, doch er tat es nicht. Und hätte er es getan, so hätten sie ihm gerade damals wohl nicht gehorcht.

Gaspar Ruiz saß still, die Füße gegen die dicke Mauer gestützt, seine haarigen Hände um die Eisenstange geklammert. Eine unverfängliche Stellung. Eine Zeitlang geschah gar nichts. Doch plötzlich dämmerte uns, daß er seinen Rücken straffte und die Arme anzog. Seine Lippen waren zusammengekniffen. Dann bemerkten wir, daß die schmiedeeiserne Stange sich unter seinem furchtbaren Druck langsam krümmte. Die Sonne traf voll auf seine zusammengekrümmte reglose Gestalt. Auf seiner Stirn brach der Schweiß in zahllosen Tropfen aus. Während ich es verfolgte, wie die Eisenstange sich krümmte, sah ich unter seinen Fingernägeln ein wenig Blut austreten. Dann ließ er los. Einen Augenblick lang blieb er ganz verkrümmt sitzen, ließ den Kopf hängen und blickte träge in die aufwärtsgekehrten Flächen seiner mächtigen Hände. Fast schien es, als sei er eingeschlafen. Plötzlich aber warf er sich zurück, stemmte die Sohlen seiner nackten Füße gegen die andere Mittelstange und bog auch diese, doch in entgegengesetzter Richtung als die erste.

So groß war seine Kraft, daß sie mich in diesem Fall von meinen schmerzlichen Gedanken befreite. Und der Mann schien nichts getan zu haben. Die eine Stellungsänderung ausgenommen, als er seine Füße brauchen wollte – diese hatte uns alle durch ihre Blitzesschnelle überrascht –, habe ich die Erinnerung an absolute Unbeweglichkeit. Doch er hatte die Stäbe sehr weit auseinandergebogen. Nun konnte er hinaus, wenn er wollte. Er ließ aber die Beine noch immer hängen, sah über die Schulter zurück und winkte den Soldaten. ›Reicht das Wasser herauf‹, sagte er. ›Ich will sie der Reihe nach trinken lassen.‹

Man gehorchte ihm. Einen Augenblick erwartete ich, daß Mann und Krug verschwinden, untergehen würden in dem wütenden Ansturm. Ich dachte, sie würden ihn mit den Zähnen herunterreißen. Es gab ein Getümmel. Er aber hielt den Krug am Henkel hoch und wehrte den Anprall nur mit den Füßen ab. Sie flogen bei jedem Stoß zurück, brüllten vor Schmerz; und die Soldaten lachten und sahen auf das Fenster.

Alle lachten und hielten sich die Seiten. Nur der Sergeant war düster und mürrisch. Er fürchtete, die Gefangenen würden sich erheben und ausbrechen – was eine schlimme Geschichte gewesen wäre; deswegen aber war keine Angst nötig, und ich stand selbst mit gezogenem Säbel vor dem geöffneten Fenster. Als sie durch Gaspar Ruiz' Kraft hinlänglich zahm gemacht waren, traten sie einer nach dem andern vor, reckten die Hälse und legten die Lippen an den Rand des Kruges, den ihnen der starke Mann von seinen Knien weg zuneigte, mit einem ganz merkwürdigen Ausdruck von Barmherzigkeit, Freundlichkeit und Mitgefühl. Dieses scheinbare Wohlwollen war natürlich nur die Folge seiner ganzen Stellung auf dem Sims und auch der Sorgfalt, mit der er es vermied, das Wasser zu verschütten; denn wenn ein Mann weiter mit seinen Lippen an dem Rand des Kruges klebte, nachdem ihm Gaspar Ruiz gesagt hatte: ›Du hast genug gehabt‹ da war wenig von Zärtlichkeit oder Barmherzigkeit zu merken in dem Fußstoß, der ihn heulend und hilflos weit in das Innere des Gefängnisses schleuderte, wo er noch zwei oder drei andere niederriß, bevor er selbst stürzte. Sie drängten sich wieder und wieder zu ihm; es sah aus, als wollten sie den Brunnen trocken trinken, bevor sie zum Tode gingen; den Soldaten aber machte Gaspar Ruiz' planvolles Vorgehen so viel Spaß, daß sie das Wasser bereitwillig zum Fenster schleppten.

Als der Adjutant nach seiner Siesta herauskam, da gab es wegen dieser Geschichte einigen Krach, kann ich Ihnen versichern. Und das Schlimmste dabei war, daß der General, den wir erwartet hatten, an dem Tage gar nicht in die Festung kam.«

Die Gäste des Generals Santierra sprachen einstimmig ihr Bedauern darüber aus, daß ein Mann von solcher Körperstärke und Duldsamkeit nicht gerettet worden sei.

»Er wurde nicht durch meine Vermittlung gerettet«, sagte der General. »Die Gefangenen wurden eine halbe Stunde vor Sonnenuntergang zur Hinrichtung geführt. Gaspar Ruiz machte keine Schwierigkeiten, entgegen den Befürchtungen des Sergeanten. Es wurde kein Berittener mit einem Lasso gebraucht, um ihn zu überwältigen, als wäre er ein wilder Stier aus dem campo. Soviel ich weiß, marschierte er mit freien Händen hinaus, zwischen den andern, die gefesselt waren. Ich habe es nicht gesehen. Ich war nicht dabei. Ich war in Arrest gesetzt worden, weil ich mich in die Bewachung der Gefangenen eingemischt hatte. Um die Dämmerstunde, als ich betrübt in meinem Quartier saß, hörte ich drei Salven und dachte, daß ich nie wieder von Gaspar Ruiz hören würde. Er fiel mit den andern. Aber wir hörten trotzdem noch von ihm, obwohl sich der Sergeant brüstete, daß er ihn mit dem Säbel über den Nacken gehauen habe, als er tot oder sterbend unter den Leichen lag. Das habe er getan, sagte er, um ganz sicher die Welt von einem gefährlichen Verbrecher zu befreien.

Ich gestehe Ihnen, Señores, daß ich an diesen starken Mann mit einer Art Dankbarkeit und Bewunderung dachte. Er hatte seine Kraft ehrlich benutzt. In seinem Herzen lebte nicht die Wildheit, die seiner Körperkraft entsprochen hätte.«

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