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Gaspar Ruiz

Joseph Conrad: Gaspar Ruiz - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Conrad
booktitleGeschichten vom Hörensagen
titleGaspar Ruiz
publisherS. Fischer Verlag
year1959
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freißler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080429
projectidc99363d2
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III

»Ja, meine Freunde«, pflegte er zu seinen Gästen zu sagen, »was wollen Sie? Ich war ein junger Mensch von siebzehn Jahren, ohne jede Lebenserfahrung und verdankte meinen Rang lediglich dem feurigen Patriotismus meines Vaters. Gott laß ihn in Frieden ruhen! Ich empfand eine unerhörte Demütigung, nicht so sehr wegen des Ungehorsams dieses Untergebenen, der ja schließlich und endlich für die Gefangenen verantwortlich war; sondern ich litt, weil ich, als der Junge, der ich war, Furcht hatte, selbst zum Adjutanten zu gehen. Ich hatte schon vorher seine rohe und bissige Art kennengelernt. Da er ein ganz gemeiner Mensch war, ohne anderes Verdienst als seinen wilden Mut, so ließ er mich seine Verachtung und Antipathie vom ersten Tag an fühlen, als ich zu dem Bataillon kam, das im Fort in Garnison war. Das war erst vierzehn Tage vorher gewesen. Ich wäre ihm mit dem Degen in der Hand gegenübergetreten. Vor seinem brutalen Spott aber schreckte ich zurück.

Ich kann mich nicht erinnern, daß ich je vorher oder nachher in meinem Leben mich so elend gefühlt hätte. Meine Nerven waren so qualvoll überreizt, daß ich wünschte, der Sergeant möchte tot niederfallen, und die stumpfsinnigen Soldaten, die mich anstarrten, möchten zu Leichnamen werden, und sogar die armseligen Kerle, denen ich durch meine Fürsprache eine Gnadenfrist erwirkt hatte, die sogar wollte ich tot sehen, weil ich ihnen nicht ins Gesicht schauen konnte, ohne mich zu schämen. Eine mörderische Hitze, wie ein Höllengestank, kam aus dem dunklen Loch, in dem sie eingeschlossen waren. Die gehört hatten, was vorging, schrien in heller Verzweiflung auf mich ein. Einer davon, zweifellos verrückt geworden, verlangte unaufhörlich, ich sollte den Soldaten befehlen, durch das Fenster zu schießen. Seine irrsinnige Zungenfertigkeit drehte mir das Herz um, und die Füße waren mir schwer wie Blei. Es war kein höherer Offizier in der Nähe, an den ich mich hätte wenden können. Ich brachte nicht einmal die Entschlußkraft auf, einfach wegzugehen. Ganz betäubt von meinen Gewissensbissen, stand ich mit dem Rücken gegen das Fenster. Sie müssen nicht glauben, daß das lange währte. Wie lange konnte es gewesen sein? Eine Minute? Wenn man es nach den seelischen Leiden messen wollte, dann war es wie hundert Jahre, länger als mein ganzes Leben seither. Nein, gewiß, es dauerte keine Minute. Das heisere Gebrüll der Unglücklichen erstarb ihnen in den trockenen Kehlen, und dann wurde plötzlich eine Stimme laut, eine tiefe Stimme, die leise murmelte. Sie forderte mich auf, mich umzuwenden.

Diese Stimme, Señores, kam aus dem Haupte von Gaspar Ruiz. Von seinem Körper konnte ich nichts sehen. Ein paar seiner Mitgefangenen waren auf seine Schultern geklettert. Er trug sie. Seine Augen zwinkerten, ohne mich anzusehen. Dies und die Bewegung seiner Lippen schien alles, dessen er unter seiner übermenschlichen Bürde fähig war. Und als ich mich umwandte, da fragte mich dieser Kopf – der überlebensgroß schien, wie er unter der Menge anderer Köpfe mit dem Kinn auf dem Sims ruhte –, fragte mich, ob ich wirklich entschlossen sei, den Durst der Gefangenen zu stillen.

Ich sagte lebhaft: ›Ja, ja‹ und trat ganz nahe an das Fenster heran. Ich war wie ein Kind und wußte nicht, was geschehen würde. Ich hatte nur den Wunsch, in meiner Hilflosigkeit und Reue getröstet zu werden.

›Können Sie, Señor teniente, meine Hände von den Fesseln befreien lassen?‹ fragte mich Gaspar Ruiz' Kopf.

Seine Züge drückten weder Angst noch Hoffnung aus; seine schweren Augenlider zwinkerten über seinen Augen, die an mir vorbei gerade in den Hof blickten.

Ich antwortete stammelnd, wie in einem bösen Traum: ›Was meinst du, und wie kann ich zu den Fesseln an deinen Händen kommen?‹

›Ich will versuchen, was ich tun kann‹, sagte er. Und dann bewegte sich endlich dieser große, starr blickende Kopf, und alle die wilden Gesichter, die im Fensterrahmen zusammengedrängt waren, verschwanden im Nu. Er hatte seine Bürde mit einer Bewegung abgeschüttelt, so stark war er.

Und er hatte sie nicht nur abgeschüttelt, sondern sich auch aus dem Getümmel frei gemacht, und ich sah ihn nicht mehr. Einen Augenblick lang war überhaupt niemand mehr am Fenster zu sehen. Er war herumgefahren, hatte mit den Schultern und den Füßen herumgestoßen und so für sich freien Raum geschaffen, in der einzig möglichen Art, da ja seine Hände hinter dem Rücken zusammengebunden waren.

Endlich wandte er dem Fenster den Rücken und streckte mir durch die Stäbe seine Fäuste entgegen, um deren Gelenke ein fester Strick in vielen Windungen geschlungen war. Seine Hände waren dick geschwollen und sahen mit den knotigen Venen ungeheuer groß und unbeholfen aus. Ich sah seinen gebeugten Rücken. Er war sehr breit. Seine Stimme klang wie das Brummen eines Stieres.

›Schneiden Sie, Señor teniente, schneiden Sie!‹

Ich zog meinen Säbel, dessen unberührte Schneide noch nicht gedient hatte, und sägte die vielen Windungen des Strickes durch. Ich tat dies, ohne mir über das Warum und Wozu klar zu sein, augenscheinlich nur deswegen, weil ich dem Manne vertraute. Der Sergeant tat, als wollte er laut hinausschreien. Doch die Verblüffung raubte ihm die Stimme, und er blieb mit offenem Munde stehen, als sei er jählings verblödet.

Ich versorgte den Säbel und wandte mich den Soldaten zu. An die Stelle ihrer gewöhnlichen stumpfen Teilnahmslosigkeit war ein Ausdruck gespannter Erwartung getreten. Ich hörte die Stimme von Gaspar Ruiz innen schreien, die Worte aber konnte ich nicht ganz verstehen. Ich denke mir, daß es den Eindruck seiner Stärke erhöhte, daß er die Hände frei hatte. Damit meine ich den geistigen Eindruck, den außergewöhnliche körperliche Kraft auf unwissende Leute macht; denn in Wirklichkeit war er wohl nicht mehr zu fürchten als vorher, da ja die Gefühllosigkeit seiner Arme und Hände geraume Zeit anhalten mußte.

Der Sergeant hatte die Sprache wiedergefunden. ›Bei allen Heiligen‹, schrie er, ›wir werden einen Berittenen mit einem Lasso brauchen, um ihn wieder unschädlich zu machen, wenn er zum Richtplatz geführt werden soll. Nur ein guter Enlazador auf einem guten Pferde kann mit ihm fertig werden. Euer Gnaden belieben da eine sehr dumme Sache gemacht zu haben.‹

Ich hatte nichts zu sagen. Ich war selbst überrascht und fühlte eine kindische Neugier, was wohl geschehen würde. Der Sergeant aber dachte an die Schwierigkeiten, die es machen würde, Gaspar Ruiz zu bändigen, wenn erst der Augenblick, ein Exempel zu statuieren, gekommen sein würde.

›Oder vielleicht‹, fuhr der Sergeant verärgert fort, ›werden wir ihn niederschießen müssen, wenn er herausstürzt, sobald die Tür geöffnet wird.‹ Er wollte sich noch in weiteren Vermutungen über die mögliche Vollstreckung des Urteils ergehen, brach aber mit einem plötzlichen Ausruf ab, riß einem Soldaten die Muskete weg und stand lauernd da, die Augen auf das Fenster gerichtet.«

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