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Gaspar Ruiz

Joseph Conrad: Gaspar Ruiz - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Conrad
booktitleGeschichten vom Hörensagen
titleGaspar Ruiz
publisherS. Fischer Verlag
year1959
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freißler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080429
projectidc99363d2
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II

Gaspar Ruiz, als Deserteur zum Tode verurteilt, dachte weder an seinen Heimatort noch an seine Eltern, denen er infolge seiner Gutmütigkeit und großen Körperstärke ein guter Sohn gewesen war. Der praktische Wert dieser Eigenschaften für seinen Vater wurde noch durch seine folgsame Veranlagung erhöht. Gaspar Ruiz hatte eine friedliebende Seele.

Jetzt aber war er bis zu einer Art stumpfer Empörung gereizt, da er durchaus keine Lust hatte, den Tod eines Verräters zu sterben. Er war kein Verräter. Wieder sagte er zu dem Sergeanten: »Du weißt, ich bin nicht desertiert, Estaban. Du weißt, ich bin mit drei andern unter den Bäumen zurückgeblieben, um den Feind aufzuhalten, während die Patrouille floh!«

Leutnant Santierra, fast noch ein Knabe damals und noch nicht an die blutigen Torheiten des Krieges gewöhnt, hatte sich in der Nähe aufgehalten, gleichsam fasziniert durch den Anblick dieser Leute, die nun erschossen werden sollten – ›zum Exempel‹, wie der Commandante gesagt hatte.

Der Sergeant wandte sich mit einem überlegenen Lächeln an den jungen Offizier, ohne den Gefangenen auch nur eines Blickes zu würdigen.

»Zehn Leute hätten nicht ausgereicht, um ihn gefangenzunehmen, mi teniente. Überdies sind die drei andern nach Dunkelwerden wieder zur Truppe gestoßen. Warum hätte er, unverwundet und der Stärkste von allen, das nicht auch tun sollen?«

»Meine Stärke ist gar nichts gegen einen Reiter mit einem Lasso«, protestierte Gaspar Ruiz lebhaft. »Er hat mich eine halbe Meile weit hinter seinem Pferde hergeschleift.«

Für diese ausgezeichnete Begründung hatte der Sergeant ein verächtliches Lächeln. Der junge Offizier rannte weg, um den Kommandanten zu suchen.

Bald darauf kam der Adjutant vorbei, ein widerborstiger, roher Mensch in einer zerlumpten Uniform, mit ausdruckslosem, gelbem Gesicht und schnarrender Stimme. Von dem erfuhr der Sergeant, daß die Verurteilten nicht vor Sonnenuntergang erschossen werden sollten; daraufhin bat er um die Anweisung, was er bis dahin mit ihnen tun solle.

Der Adjutant blickte wütend über den Hof, zeigte dann auf die Tür eines kleinen kerkerartigen Wachzimmers, das Luft und Licht durch ein schwervergittertes Fenster bekam, und sagte: »Treibt die Schufte dahinein!«

Der Sergeant faßte den Stock fester, den er kraft seiner Würde trug, und befolgte den Befehl mit Feuereifer. Er schlug Gaspar Ruiz, der sich langsam bewegte, über Kopf und Schulter. Gaspar Ruiz stand einen Augenblick still unter dem Hagel von Hieben, biß sich nachdenklich auf die Lippe, als sei er von einer unerhörten Gedankenarbeit ganz in Anspruch genommen – und folgte dann den andern ohne Hast. Die Tür wurde verschlossen, und der Adjutant nahm den Schlüssel mit sich fort.

Am Mittag war die Hitze in dem niedrigen gewölbten Raum, der bis zum Ersticken überfüllt war, unerträglich geworden. Die Gefangenen drängten sich an das Fenster und baten ihre Wächter um einen Schluck Wasser; doch die Soldaten blieben in trägen Stellungen liegen, wo sich hinter den Wällen ein bißchen Schatten fand, während der Posten mit dem Rücken gegen die Tür saß, eine Zigarette rauchte und von Zeit zu Zeit philosophisch die Augenbrauen hochzog. Gaspar Ruiz hatte sich mit unwiderstehlicher Gewalt seinen Weg zum Fenster gebahnt. Seine mächtige Brust brauchte mehr Luft als die andern; sein großes Gesicht ruhte mit dem Kinn auf dem Fenstersims, war eng an die Stäbe gedrückt und schien die übrigen Gesichter zu stützen, die sich der Luft zudrängten. Das stöhnende Flehen war zum verzweifelten Geschrei geworden, und das Toben dieser durstigen Leute zwang einen jungen Offizier, der eben über den Hof ging, zu brüllen, um sich verständlich machen zu können.

»Warum gebt ihr den Gefangenen nicht ein wenig Wasser?«

Der Sergeant entschuldigte sich mit der Miene gekränkter Unschuld durch die Bemerkung, daß alle diese Leute dazu verurteilt seien, in wenigen Stunden zu sterben.

Leutnant Santierra stampfte mit dem Fuß. »Sie sind zum Tode verurteilt, nicht zur Marter«, schrie er. »Gebt ihnen sofort Wasser.«

Dieser augenscheinliche Ärger machte auf die Soldaten Eindruck. Sie begannen sich zu rühren, und die Schildwache nahm ihre Muskete auf und stand stramm.

Als man aber ein paar Krüge gefunden und am Brunnen gefüllt hatte, da zeigte es sich, daß man sie nicht durch die Eisenstäbe durchreichen konnte, weil diese zu eng standen. In der Hoffnung, ihren Durst löschen zu können, stürmten die Gefangenen ans Fenster, und das Jammern derer, die dabei niedergetreten wurden, klang fürchterlich. Als aber die Soldaten, die die Krüge zum Fenster gehoben hatten, sie nun hilflos wieder auf den Boden stellten, da waren die Aufschreie der Enttäuschung noch gräßlicher zu hören.

Die Soldaten der Unabhängigkeitsarmee waren nicht mit Feldflaschen ausgerüstet. Es fand sich eine kleine Zinnschale. Ihre Annäherung an das Fenster verursachte aber einen solchen Aufruhr, ein solches Wut- und Schmerzgebrüll in der undeutlichen Masse von Gliedern hinter den gespannten Gesichtern am Fenster, daß Leutnant Santierra sofort ausrief: »Nein, nein, du mußt die Tür aufmachen, Sergeant!«

Der Sergeant zuckte die Schultern und erklärte, daß er kein Recht hätte, die Tür zu öffnen, selbst wenn er den Schlüssel besäße. Den aber hätte er nicht. Der Garnisonsadjutant verwahrte den Schlüssel. Diese Leute da machten viel unnütze Schererei, da sie ja doch bei Sonnenuntergang unbedingt sterben müßten. Warum man sie nicht gleich morgens früh erschossen habe, könne er nicht verstehen.

Leutnant Santierra wandte dem Fenster hartnäckig den Rücken. Auf seine eifrigen Vorstellungen hin hatte der Kommandant die Exekution aufgeschoben. Diese Gunst war ihm gewährt worden mit Rücksicht auf seine Familie und auf die hohe Stellung seines Vaters unter den Führern der Republikanischen Partei. Leutnant Santierra glaubte, daß der Kommandierende General das Fort im Laufe des Nachmittags inspizieren würde, und in seiner Naivität hoffte er, daß seine Fürsprache diesen strengen Mann dazu bestimmen würde, wenigstens einige der Delinquenten zu begnadigen. Die Änderung seiner Gefühle ließ ihn seinen Schritt als eine verfehlte und kindische Einmischung erscheinen. Es war ihm plötzlich klar, daß der General nie seine Bitte auch nur anhören würde. Er konnte diese Leute nicht retten und hatte nur die Verantwortung auf sich geladen für die Leiden, die sich zu der Grausamkeit ihres Schicksals gesellt hatten.

»Dann gehe sofort und hole den Schlüssel vom Adjutanten«, sagte Leutnant Santierra.

Der Sergeant schüttelte mit schüchternem Lächeln den Kopf, während seine Augen seitwärts auf Gaspar Ruiz' Gesicht gerichtet waren, das unbewegt und schweigsam durch das Fenster starrte, unter einem Haufen anderer wüster, verzerrter Gesichter.

»Seine Gnaden der Herr Adjutant de Plaza hält eben Siesta«, murmelte der Sergeant; und selbst gesetzt den Fall, daß er, der Sergeant, sich bei ihm Zutritt verschaffen könnte, so wäre das einzig zu erwartende Ergebnis, daß man ihm die Seele aus dem Leibe prügeln würde, weil er es gewagt hatte, die Ruhe Seiner Gnaden zu stören. Er machte eine entschuldigende Handbewegung, stand stocksteif und blickte bescheiden auf seine braunen Zehen hinunter.

Leutnant Santierra bebte vor Entrüstung, zögerte aber doch. Sein hübsches, ovales Gesicht, glatt und weich wie das eines Mädchens, glühte vor Scham über seine Hilflosigkeit. Er fühlte sich gedemütigt. Seine bartlose Oberlippe zitterte; er schien im Begriff, entweder in einen Wutanfall oder in Schmerzenstränen auszubrechen.

Fünfzig Jahre später konnte sich der General Santierra, der ehrwürdige Veteran aus den Zeiten der Revolution, noch immer gut an die Gefühle des jungen Leutnants erinnern. Seitdem er das Reiten ganz aufgegeben hatte und sogar das Gehen über die Grenzen seines Gartens hinaus beschwerlich fand, war es dem General die größte Freude, in seinem Hause die Offiziere der fremden Kriegsschiffe zu bewirten, die den Hafen anliefen. Für Engländer, als alte Waffengefährten, hatte er eine Vorliebe. Die englischen Seeleute jeden Ranges nahmen seine Gastfreundschaft mit Neugier an, denn er hatte Lord Cochrane gekannt und an Bord der patriotischen Flotte, unter dem Befehl jenes unvergeßlichen Seehelden, die Blockade und sonstigen Manöver vor Callao mitgemacht – eine der glorreichsten Episoden in den Befreiungskämpfen und ein Ruhmesblatt in der kriegerischen Überlieferung der Engländer. – Er war ein leidlicher Sprachenkenner, dieser greise Veteran der Freiheitsarmee. Eine eigene Art, über seinen langen weißen Bart zu streichen, sooft ihm im Französischen oder Englischen ein Wort fehlte, gab seinen Erinnerungen den Anstrich behäbiger Würde.

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