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Gaspar Ruiz

Joseph Conrad: Gaspar Ruiz - Kapitel 1
Quellenangabe
typenovelette
authorJoseph Conrad
booktitleGeschichten vom Hörensagen
titleGaspar Ruiz
publisherS. Fischer Verlag
year1959
firstpub
translatorErnst Wolfgang Freißler
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20080429
projectidc99363d2
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I

Ein Revolutionskrieg reißt so manche absonderliche Gestalten aus der Verborgenheit, die bei geordneten bürgerlichen Verhältnissen das gewöhnliche Los schlichter Leute ist.

Gewisse Persönlichkeiten werden berühmt durch ihre Laster und Tugenden, oder einfach durch ihre Taten, die eine zeitweilige Bedeutung haben mögen; und dann vergißt man sie. Nur die Namen einiger weniger Führer überdauern das Ende des bewaffneten Aufruhrs und werden in die Geschichte aufgenommen, so daß sie, aus dem lebenden Gedächtnis der Menschen entschwunden, in Büchern fortleben.

Der Name des Generals Santierra hat es zu dieser kalten, papierenen Unsterblichkeit gebracht. Er war ein Südamerikaner aus guter Familie, und die Bücher, die zu seinen Lebzeiten veröffentlicht wurden, zählten ihn unter die Befreier dieses Erdteils von der drückenden spanischen Herrschaft.

Dieser lange Krieg, der auf der einen Seite für die Unabhängigkeit und auf der anderen um die Herrschaft geführt wurde, nahm im Laufe der Jahre und unter den schwankenden Wechselfällen des Geschickes die unerbittliche Wildheit eines Kampfes auf Tod und Leben an. Jedes Gefühl von Barmherzigkeit und Mitleid verschwand in der Hochflut politischer Leidenschaften. Und wie es im Krieg gewöhnlich ist: die Masse des Volkes, die bei dem Ausgang am wenigsten zu gewinnen hatte, die litt am schwersten, an Leib und Leben und der armseligen Habe ihrer namenlosen Angehörigen.

General Santierra begann seine Laufbahn als Leutnant in der Patriotenarmee, ausgehoben und befehligt von dem berühmten San Martin, dem späteren Eroberer von Lima und Befreier Perus. Eine große Schlacht war eben an den Ufern des Bio-Bio-Flusses geschlagen worden. Unter den Gefangenen, die man unter den versprengten königlichen Truppen gemacht hatte, befand sich auch ein Soldat mit Namen Gaspar Ruiz. Sein riesenhafter Wuchs und der mächtige Kopf zeichneten ihn vor seinen Mitgefangenen aus. Seine Persönlichkeit war unverkennbar. Einige Monate zuvor war er, nach einem der vielen Scharmützel, die der großen Schlacht vorangingen, in den Reihen der republikanischen Truppen vermißt worden. Und nun, da er, die Waffen in der Hand, auf der Seite der Königlichen ergriffen worden war, konnte er nur das eine Schicksal erwarten, als Deserteur erschossen zu werden.

Dennoch war Gaspar Ruiz kein Deserteur; sein Geist war wohl nicht gewandt genug, die Vorteile oder Gefahren des Verrates richtig einzuschätzen. Warum hätte er die Partei wechseln sollen? Man hatte ihn tatsächlich gefangengenommen; er hatte schlechte Behandlung und viele Entbehrungen zu erdulden gehabt. Beide Parteien waren gleich unnachsichtig gegen die Gegner. Es kam ein Tag, da man ihm befahl, zusammen mit einigen andern gefangenen Rebellen im vordersten Glied der königlichen Truppen zu marschieren. Man hatte ihm eine Muskete in die Hand gedrückt; er hatte sie genommen, war marschiert. Er hatte keine Lust gehabt, sich wegen einer Weigerung auf besonders grausame Weise töten zu lassen. Er wußte nichts von Heldentum, doch hatte er die Absicht, bei der ersten Gelegenheit die Muskete wegzuwerfen. Unterdessen hatte er weiter geladen und geschossen, aus Angst, daß ihm irgendein Unteroffizier des Königs von Spanien beim ersten Anzeichen von Widerwillen eine Kugel durch den Kopf jagen würde. Über ihn und einige zwanzig andere solcher Deserteure, die man summarisch zum Tode durch Erschießen verurteilt hatte, war eine Wache gesetzt, von einem Sergeanten befehligt; diesem suchte er nun seinen primitiven Gedankengang klarzumachen.

Es war im Viereck des Forts, im Rücken der Batterien, die die Reede von Valparaiso beherrschen. Der Offizier, der ihn identifiziert hatte, war fortgegangen, ohne auf seinen Einspruch zu hören. Sein Schicksal war besiegelt; seine Hände waren ganz fest hinter dem Rücken zusammengebunden; im ganzen Körper hatte er Schmerzen von den vielen Stockschlägen und Kolbenstößen, mit denen man ihn den mühseligen Weg vom Ort seiner Gefangennahme bis zum Festungstor hergetrieben hatte. Diese häufigen Hiebe waren das einzige Zeichen von Aufmerksamkeit, das die Gefangenen von der Eskorte während des viertägigen Marsches durch wasserarmes Gebiet empfangen hatten. Beim Übersetzen über die seltenen Flüsse erlaubte man ihnen, ihren Durst zu stillen, indem man sie hastig, wie die Hunde, schlappern ließ. Abends, wenn sie ganz zerschlagen auf dem steinigen Grund des Rastplatzes niedersanken, warf man ihnen ein paar Fetzen Fleisch zu.

Als er, nach einem nächtlichen Gewaltmarsch, am frühen Morgen im Vorhof des Kastells stand, da fühlte Gaspar Ruiz seine Kehle ausgedörrt, und die Zunge lag ihm trocken und schwer im Mund. Und Gaspar Ruiz war nicht nur sehr durstig, es nagte auch ein dumpfer Zorn an ihm, dem er allerdings nicht recht Ausdruck verleihen konnte; denn seine geistigen Fälligkeiten standen in keinem Verhältnis zu seiner Körperkraft.

Die übrigen Verurteilten ließen die Köpfe hängen und sahen verstockt zu Boden. Gaspar Ruiz aber wiederholte immerfort: »Warum hätte ich zu den Königlichen überlaufen sollen? Warum hätte ich überlaufen sollen? Sag mir, Estaban!«

Er wandte sich an den Sergeanten, der zufällig aus seiner Gegend war. Dieser aber zuckte nur einmal die mageren Schultern und kümmerte sich dann nicht weiter um die tiefe, murmelnde Stimme hinter ihm. Es war in der Tat nicht einzusehen, warum Gaspar Ruiz hätte überlaufen sollen. Seinen Leuten ging es viel zu elend, als daß sie die Nachteile eines Regierungswechsels hätten spüren können. Gaspar Ruiz hatte von sich aus keinen Grund zu wünschen, daß dem König von Spanien die Herrschaft erhalten bliebe. Ebensowenig hatte er sich für den Umsturz begeistert. Er war auf die selbstverständlichste und einfachste Art auf die Seite der Unabhängigkeitspartei gekommen. Eines Morgens war eine Bande Patrioten aufgetaucht, hatte in einem Umsehen, unter dem Rufe ›Viva la Libertad!‹, seines Vaters Ranch umringt, die Wachhunde erstochen und eine fette Kuh geschlachtet. Ihr Offizier sprach, nach einem langen und erfrischenden Schlaf, mit beredter Begeisterung über die Freiheit. Als sie abends aufbrachen und einige von des Vaters besten Pferden als Ersatz für ihre lahmen Tiere mitnahmen, da zog auch Gaspar Ruiz mit, den der redegewandte Offizier dringend dazu aufgefordert hatte. Kurz darauf kam eine Abteilung; königlicher Truppen, um den Distrikt zu beruhigen, brannte die Ranch nieder und trieb, was von Pferden und Vieh noch da war, fort; die alten Leute, ihrer ganzen irdischen Habe beraubt, blieben unter einem Busch sitzend zurück und konnten zusehen, wie sie mit den unschätzbaren Freuden des Daseins fertig wurden.

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