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Alfred de Musset: Gamiani - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
authorAlfred de Musset
titleGamiani
translatorHeinrich Conrad
isbn3-7466-1413-9
senderhille@abc.de
created20040617
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Die erste Nacht

Mitternacht war schon vorüber; aber die Säle der Gräfin Gamiani strahlten noch in hellem Lichterglanz.

Von den Klängen einer berauschenden Musik erregt, gaben sich die Gäste der Lust des Tanzes hin. Von Geschmeide und Edelsteinen funkelten die prachtvollen Toiletten der Damen. Anmutig und liebenswürdig stand die Gräfin als Königin des Balles in der Mitte ihrer Gäste; man sah ihr den Triumph über das Gelingen ihres mit verschwenderischer Pracht veranstalteten Festes an, von dem schon wochenlang vorher ganz Paris gesprochen hatte. Mit freundlichem Lächeln hörte sie allen den schmeichelnden Komplimenten zu, womit die Anwesenden ihr den Zoll für die Einladung entrichteten.

Meiner Gewohnheit gemäß stand ich abseits, um Beobachtungen zu machen, und da war mir bereits manches aufgefallen, was mir allerlei Zweifel an der Gräfin erweckte. Daß sie eine vollendete Weltdame war, konnte ich nicht bestreiten. Aber wie stand es mit ihren moralischen Qualitäten? Es reizte mich, ihr Herz mit dem Seziermesser des Forschers zu untersuchen. Doch etwas Befremdliches, mir Unerklärliches hinderte mich daran, der Sache wirklich auf den Grund zu gehen. Aus dem Lebenswandel dieser Frau ließen sich keine Schlüsse ziehen; es schien mir daher unendlich schwer, das Rätsel ihres Daseins aufzuhellen. Daß ein solches Rätsel vorhanden sein müsse, sagte mir eine bestimmte Ahnung.

Sie war jung, Besitzerin eines riesigen Vermögens, eine Schönheit nach dem Geschmack der Durchschnittsmenschen. Trotzdem stand sie allein in der Welt; sie hatte keine Freunde. Ihr mochte ihre Individualität genügen, aber die Gesellschaft fragte sich verwundert, warum ein solches Weib unvermählt bleibe.

Böse Zungen hatten sich eifrig mit diesem Thema beschäftigt. Man erzählte sich viel, aber zu beweisen war nichts. Die Gräfin Gamiani blieb undurchdringlich.

Einige nannten sie eine Foedora, Nach dem Balzacschen Roman Foedora, La femme sans coeur ein Weib ohne Herz und ohne Temperament, andere sprachen die Vermutung aus, ihr Herz müsse einmal eine tiefe Wunde empfangen haben, und sie sei auch deshalb so kalt, weil sie neue Enttäuschungen vermeiden wolle.

Diese Fragen beschäftigten mich lebhaft; ich strengte alle meine Geisteskräfte an, um ihre Lösung zu finden. Aber vergeblich – eine befriedigende Antwort kam mir nicht in den Sinn. Ich wollte meine unfruchtbaren Bemühungen gerade aufgeben, da hörte ich plötzlich hinter mir den spöttischen Ausruf eines alten Lebemanns: »Bah! Sie ist eine Tribade!« Dies Wort erleuchtete wie ein Blitz die Dunkelheit, die mich umgab. Jetzt war alles klar – in der Kette der Schlußfolgerungen fehlte kein Glied mehr; alle Widersprüche waren gelöst. Eine Tribade! Oh, dieses Wort schlägt mit seltsamem Klange an unser Ohr! Es ruft in unserer Phantasie eigentümlich verschwommene Bilder unerhörter Sinnenlüste hervor. Wir denken an eine Raserei der Wollust, an eine sinnlose Trunkenheit des Geschlechtstriebes, an ein furchtbares Genießen, das ewig unvollkommen bleibt. Vergeblich suchte ich diese Gedanken mir fernzuhalten; im Nu hatten sie meine geschlechtliche Phantasie in Feuer und Flammen gesetzt. Schon sah ich die Gräfin mit aufgelösten Haaren, nackt in den Armen eines anderen Weibes – keuchend, von Wollust erschöpft und trotzdem immer noch von unbefriedigten Begierden gepeinigt. – Mein Blut war siedend heiß, es wirbelte mir vor den Augen – halb betäubt sank ich auf ein Sofa.

Als ich mich wieder erholt hatte, stand in mir der Entschluß fest, um jeden Preis der Gräfin ihr Geheimnis zu entreißen. Mit nüchterner Überlegung erwog ich die Mittel und Wege, um zu diesem Ziele zu gelangen.

Ich beschloß endlich, Gamiani während der Nacht zu beobachten und mich zu diesem Zweck in ihrem Schlafzimmer zu verstecken. Gerade ihrem Bett gegenüber befand sich die Glastür des Ankleidezimmers. Ich erkannte sofort, daß dies der beste Beobachtungsposten sei. Einige Kleidungsstücke, die an der Wand hingen, boten ein leidliches Versteck. Ich verbarg mich hinter ihnen und beschloß, die Stunde des Hexensabbats zu erwarten. Kaum war ich in meinem Versteck, da erschien die Gräfin. Sie rief nach ihrer Kammerzofe, einem jungen Mädchen von dunkler Hautfarbe und mit üppigem Busen.

»Julie«, sagte sie, »ich brauche dich heute abend nicht. Du kannst zu Bett gehen... Ach, und was ich noch sagen wollte – solltest du in meinem Zimmer Geräusche hören, so kümmere dich nicht darum. Ich will allein sein.« Diese Worte ließen dramatische Ereignisse erwarten; ich wünschte mir Glück zu meinem kühnen Entschluß.

Die Gräfin hatte sich wieder zur Gesellschaft begeben. Immer schwächer wurde allmählich das Stimmengemurmel, das zu meinem Winkel herüberdrang. Endlich hatten alle Gäste sich entfernt, und Gräfin Gamiani blieb allein mit einer ihrer Freundinnen, Fräulein Fanny B***. Es dauerte nicht lange, und ich hatte sie im Schlafzimmer vor meinen Augen und hörte ihr Gespräch.

Fanny: Was für ein Mißgeschick! Der Regen fällt in Strömen, und kein Wagen ist zu haben!

Gamiani: Auch ich bin untröstlich, daß Ihnen das passieren muß. Leider kann ich Ihnen nicht helfen: mein Wagen ist zum Ausbessern beim Stellmacher.

Fanny: Meine Mutter wird sich beunruhigen.

Gamiani: Machen Sie sich darum keine Sorgen, liebe Fanny: Ihre Frau Mama weiß schon Bescheid; ich habe ihr sagen lassen, daß Sie die Nacht bei mir verbringen. Sie sind mein Gast.

Fanny: Sie sind wirklich zu gütig! Ich mache Ihnen gewiß Ungelegenheiten.

Gamiani: Aber nein! im Gegenteil: ein großes Vergnügen! Ich sehe darin ein entzückendes Abenteuer. Ich schicke Sie nicht in eines von meinen Fremdenzimmern, lassen Sie uns die Nacht beisammenbleiben.

Fanny: Warum? Ich werde Sie im Schlafe stören.

Gamiani: Aber machen Sie doch nicht so viele Umstände! Nehmen Sie an, wir seien zwei junge Freundinnen – Pensionsfreundinnen.

Ein sanfter Kuß bekräftigte ihre zärtlichen Worte.

Gamiani: Ich werde Ihnen beim Auskleiden helfen. Meine Zofe ist schon zu Bett; aber wir brauchen sie ja auch gar nicht.

Nein! Dieser entzückende Leib! Glückliches Mädchen! Ich bewundere Ihren Wuchs! Fanny: Sie finden ihn wirklich schön?

Gamiani: Entzückend!

Fanny: Ach! Sie wollen mir ja nur schmeicheln.

Gamiani: O wie wundervoll die Weiße Ihrer Haut! Man könnte eifersüchtig darauf werden.

Fanny: Nein, das brauchen Sie nicht. In diesem Punkte kann ich's mit Ihnen nicht aufnehmen. Nein – wirklich und wahrhaftig: Sie sind weißer als ich.

Gamiani: Was fällt Ihnen ein, liebes Kind... Aber ziehen Sie sich doch ganz aus! Machen Sie's doch wie ich. Wovor genieren Sie sich denn? Sie tun ja gerade, wie wenn ein Mann im Zimmer wäre. Da! Sehen Sie sich doch im Spiegel!... Was meinen Sie, wie Paris sich beeilen würde, Ihnen den Apfel zuzuwerfen... Die Spitzbübin! Sie lächelt, weil sie sieht, wie schön sie ist. Man muß Sie küssen – auf Ihre Stirn, auf Ihre Wangen, auf Ihre Lippen. Überall sind Sie schön – überall!

Vor Wollust glühend, bedeckte der gierige Mund der Gräfin Fannys Leib mit unzähligen Küssen.

Sprachlos, zitternd ließ Fanny alles über sich ergehen. Sie begriff nicht, was Gamiani von ihr wollte.

Es war ein entzückender Anblick, dieses Paar nackter Frauengestalten: Wollust, Grazie, sinnliches Sichgehenlassen, zaghafte Scham! Eine Jungfrau, ein Engel in den Armen einer rasenden Bacchantin!

Und alle diese Schönheiten waren meinen Blicken ausgeliefert! Das Schauspiel brachte meine Sinne in den höchsten Aufruhr.

Fanny: O was machen Sie denn? Lassen Sie doch, Frau Gräfin, ich bitte Sie... Gamiani: Nein, nein, meine Fanny! Mein Kind, mein Leben, meine Wonne! Du bist zu schön! Ich liebe dich! Ich liebe dich rasend! Ich bin wahnsinnig!

Vergebens sträubte sich das schöne Kind. Küsse erstickten ihr Schreien. Gamiani umarmte sie, umschlang sie – aller Widerstand war vergeblich. Rasend vor Leidenschaft schleppte sie sie an ihr Bett -sie warf sie darauf hin, wie ein wildes Tier seine Beute.

Fanny: Was ist Ihnen denn? Um Gottes willen, Frau Gräfin – das ist ja entsetzlich! Lassen Sie mich los, oder ich schreie! Sie machen mir angst!

Gamiani antwortete nur mit immer heißeren, immer stürmischeren Küssen. Fester nur umschlangen sie ihre Arme – die beiden Leiber waren zu einem einzigen verschlungen.

Gamiani:Fanny! Sei mein! Sei ganz und gar mein! Komm! Nimm mein Leben hin! Nicht wahr – das ist Wonne? Wie du zitterst, süßes Kind! Ah! Du ergibst dich mir!

Fanny: Es tut weh! Es tut weh! Sie töten mich! -Ach – Ich sterbe...

Gamiani: Ja, so ist's recht! Presse dich an mich, meine Kleine, mein goldenes Lieb! Drücke mich... immer noch fester! Wie schön sie ist im Liebesrausch! Wie wollüstig... Du genießt! Du bist glücklich!... O mein Gott!

Es war ein seltsamer Anblick. Mit glühenden Augen, mit aufgelösten Haaren rutschte die Gräfin auf ihrem Opfer hin und her, dessen Sinne jetzt ebenfalls zur höchsten Wollust entflammt waren. Die beiden Weiber hielten sich in den Armen, umklammerten sich mit aller Macht. Jeder Stoß der einen wurde von der anderen erwidert; jedes Stöhnen, jeder Seufzer erstarb in heißesten Küssen. Das Bett krachte von den wütenden Stößen der Gräfin.

Bald war Fanny erschöpft; wie vernichtet ließ sie ihre Arme niedersinken. Totenblaß lag sie unbeweglich da wie eine schöne Leiche. Gamiani raste weiter. Die Wollust brachte sie aufs Äußerste, aber sie vermochte nicht zur Krisis zu gelangen. Mit einem wilden Satz stürzte sie sich mitten ins Zimmer; wälzte sich auf dem Teppich, in immer neuen lasziven Stellungen ihre eigenen Sinne aufpeitschend; ihre geschäftigen Finger mühten sich vergebens, ihr die höchste Befriedigung zu verschaffen.

Dieser Anblick raubte mir vollends die Besinnung.

Im ersten Augenblick hatten Ekel und Entrüstung alle anderen Gefühle in mir übertäubt. Ich war in Versuchung, vor die Gräfin hinzutreten, sie mit der ganzen Wucht meiner Verachtung zu Boden zu schmettern. Aber meine Sinne waren stärker als meine Vernunft. Das Fleisch – das unbändige, zuckende Fleisch triumphierte! Ich war betäubt, ich war wahnsinnig. Die Kleider riß ich mir vom Leib, und nackt, glühend, fürchterlich stürzte ich mich auf die schöne Fanny. Kaum hatte sie so viel Zeit, dieses neuen Angriffs gewahr zu werden, da war ich schon Sieger. Ich fühlte ihren geschmeidigen zarten Leib erschauern, unter meinem Leibe sich hin und her bewegen, jeden meiner Stöße erwidern. Wie glühende Pfeile kreuzten sich unsere Zungen, unsere beiden Seelen verschmolzen zu einer.

Plötzlich stöhnte Fanny: »O mein Gott – er mordet mich...!« Mit diesen Worten bäumte die Schöne sich empor, stieß einen Seufzer aus – und sank dann zurück, indem sie mich mit ihrer süßesten Liebesgabe überströmte.

»Ah, Fanny«, rief da auch ich. »Fanny – warte... nimm! Ah...!«

Und auch ich glaubte mein Leben zu verströmen. Welche Raserei der Liebe! Besinnungslos in Fannys Armen schwelgend, hatte ich nichts von den erbitterten Angriffen bemerkt, die die Gräfin gegen mich gerichtet hatte.

Unser Seufzen, unser Schluchzen hatte auch sie aus ihrem Taumel erweckt; vor Wollust und Neid außer sich, hatte sie sich auf mich gestürzt, um mir ihre Freundin aus den Armen zu reißen. Ihre Arme umschlangen und schüttelten mich, ihre Finger krallten sich in mein Fleisch, ihre Zähne verbissen sich in mich. Die Berührung von zwei Frauenkörpern, die beide von der höchsten Liebesleidenschaft erregt, beide von Wollust durchglüht waren, rief meine ermatteten Sinne wieder ins Leben zurück, verdoppelte, verdreifachte meine Begierden. Ich war ganz und gar Feuer. Machtvoll, siegreich blieb ich als Herrscher in Fannys Schoß. Mein Wille herrschte in diesem Knäuel von drei ineinander verschlungenen, verstrickten Menschenleibern. Ein Griff, und ich packte mit aller Kraft Gamianis Schenkel und hielt sie gespreizt oberhalb meines Kopfes.

»Gamiani!« rief ich. »Du bist mein! Leg dich vornüber, stütze dich fest auf deine Arme!« Gamiani begriff, was ich wollte, und ich konnte in aller Bequemlichkeit meine nimmersatte Zunge an ihrer heißen Scham spielen lassen. Sinnlos vor Wollust liebkoste Fanny mit tausend Küssen die wogenden Brüste, die sich über ihrem Gesicht hin und her bewegten. Im Nu war die Gräfin besiegt. Sie stammelte: »Wie das brennt! Zuviel...! Gnade...! O welche Wollust! Du machst mich tot...! Gott...! Ich ersticke!« Und wie eine leblose Masse sank Gamianis Leib zur Seite.

Fannys Erregung aber steigerte sich nur noch mehr. Sie warf ihre Arme um meinen Hals, umschlang mich, preßte mich an sich, kreuzte ihre Beine über meinen Lenden. Dann kamen stoßweise abgerissene Laute: »Liebster! Geliebter!... Gib dich mir!... Gib mir alles!... Nicht so heftig... Ein bißchen... Halt... Ah... so... so... Schneller!... Schneller doch!... O ich fühl's... ich... spritze... ich...«

Und starr, bewegungslos, lagen wir aufeinander, Mund an Mund gepreßt. Aber wir spürten kaum unsere fast erloschenen Atemzüge. Allmählich kamen wir wieder zu uns. Alle drei erhoben wir uns und starrten uns einen Augenblick verständnislos an.

Die Gräfin wurde sich als erste über die Situation klar. Ihrer Raserei sich schämend, warf sie sich schnell ein Hemd über. Fanny verbarg sich unter den Bettüchern und fing an zu weinen wie ein kleines Kind, das sich seiner Schuld bewußt wird, wenn diese begangen und nicht wiedergutzumachen ist.

Gamiani aber wandte sich zu mir und rief zornig: »Mein Herr, das ist ein recht erbärmlicher Überfall! Ihre Handlungsweise ist schändlich, hinterlistig, gemein! – Ich schäme mich Ihretwegen!« Ich wollte mich verteidigen, aber sie rief: »Oh, schweigen Sie nur! Sie sollten wissen, daß eine Frau niemals dem Manne verzeiht, der sich ihre Schwachheit zunutze gemacht hat!« Ich suchte mich so gut wie möglich herauszureden. Ich schwor ihr, ihre Kälte habe in mir eine verhängnisvolle, unwiderstehliche Leidenschaft erweckt, habe mich zur Verzweiflung gebracht, und so sei mir nichts anderes übriggeblieben als List und Gewalt.

»Übrigens«, so schloß ich, »können Sie wirklich glauben, Gamiani, ich würde jemals ein Geheimnis mißbrauchen, dessen Besitz ich mehr noch dem Zufall als meinem kühnen Handstreich verdanke? O nein! Das wäre denn doch zu unedel! Niemals, niemals in meinem Leben werde ich die Verzückungen dieser Augenblicke vergessen, aber ichwerde sie verschweigen, in mein Inneres verschließen. Habe ich gefehlt – nun, so bedenken Sie auch, daß eine rasende Begier mir in der Seele tobte. Oder noch besser, vergessen Sie alles und denken auch Sie nur noch an die Wonnen, die wir zusammen genossen haben, die wir uns jeden Augenblick von neuem verschaffen können... Und Sie, Fräulein Fanny, weinen Sie nicht! Tränen im Augenblick der Wonne? O nein! Denken Sie an weiter nichts als an die süße Glückseligkeit, die uns eben noch vereint hielt. Bewahren Sie sie in Ihrer Erinnerung wie einen glücklichen Traum, um den nur Sie ganz allein wissen! Ich schwöre Ihnen, niemals werde ich das Andenken an diese Stunde der Seligkeit beflecken, indem ich zu anderen davon spreche!«

Gamianis Zorn legte sich, Fannys Tränen versiegten. Wir wußten selber nicht, wie es kam – aber plötzlich waren unsere Glieder wieder ineinander verschlungen, und wir wetteiferten in toller Lustigkeit, in Küssen, in Liebkosungen. Und ich rief:

»O meine schönen Freundinnen! Verbannen wir die Furcht von dieser Stätte der Freude! Rückhaltlos – wie wenn diese Nacht die letzte wäre – wollen wir uns der Liebe, der Wollust überlassen!«

»Ja!« rief auch Gamiani. »Der Würfel ist gefallen. Auf zur Lust! Komm, Fanny! Küß mich doch, du tolles Ding! Da – meine Lippen. Laß mich dich beißen, laß mich an dir saugen, laß mich dich aussaugen bis aufs Mark. Alcide! Es ruft die Pflicht! Ah, du bist ein prächtiger Kerl! Wie reich dich die Natur ausgestattet hat!«

»Neid, Gamiani ? Wart, ich komme! Du verachtest die Wonne der Männerliebe – aber du wirst sie preisen, wenn du sie erst einmal so recht genossen hast. Bleib liegen, wie du liegst! Drücke den Unterleib noch weiter vor! Ah, wie du schön bist! Diese entzückende Stellung! Jetzt schnell, Fanny! Steig auf Gamiani hinauf und lenke du selbst meine drohende Waffe, den heißen Pfeil! Auf zum Angriff gegen die Festung! Los!... Nicht so, Gamiani! Das ist zu stark, zu schnell... ah! Du machst ja alle Wonne zuschanden!«

Die Gräfin warf sich wie eine Besessene unter mir hin und her. Fannys Küsse reizten sie mehr als alle meine Liebesmüh. Eine besonders heftige Bewegung Gamianis zerstörte die ganze Gruppe. Ich machte mir dies zunutze, um Fanny auf die Gräfin zu werfen und nunmehr mit aller Glut der Liebe das junge Mädchen anzugreifen. In einem Augenblick zerflossen, versanken wir in einem Meer von Lust.

Nach einer Pause sagte Gamiani lachend: »Was fiel dir denn auf einmal ein, Alcide, daß du plötzlich den Spieß umdrehtest?... O du brauchst dich nicht zu entschuldigen. Ich verzeihe dir: Du hattest begriffen, daß du zu viel Wonne aufgabst, indem du deine Mühe an eine Fühllose verschwendetest. Aber was willst du? Ich habe das traurige Geschick, mit der Natur in Zwiespalt zu liegen. Ich träume nur noch von Furchtbarem, Greulichem, Niedagewesenem. Ich jage dem Unmöglichen nach... O ja! Es ist entsetzlich! Immer in Enttäuschungen sich verzehren! Immer wünschen – nie befriedigt sein! Meine Phantasie tötet mich... ach ja, ich bin sehr unglücklich!« In ihren Worten lag ein so starker Ausdruck von Verzweiflung, daß ich mich von Mitleid gerührt fühlte. Das Weib war böse – aber sie litt selbst am meisten darunter. Ich wollte versuchen sie zu trösten und sagte:

»Vielleicht ist das nur ein vorübergehender Zustand, Gamiani! Du liest wohl zu viel schlechte Bücher?«

»O nein, nein! Das ist es nicht... Aber hört mich an. Ihr werdet mich beklagen... vielleicht werdet ihr mich begreifen – und entschuldigen.« Und sie erzählte:

Gamianis Jugend

In Italien wuchs ich auf, im Hause einer Tante, die schon in jungen Jahren Witwe geworden war. Im Alter von fünfzehn Jahren sah ich in den Dingen dieser Welt nur die Schreckbilder, die der fromme Eifer der gläubigen Christen von ihnen entworfen hat.

Alle meine Gedanken gingen in Gott auf, und ich verbrachte alle meine Tage in Gebeten zum Himmel, er möge mich von den Qualen der Hölle verschonen.

Diese Seelenängste waren mir von meiner Tante eingeflößt worden; niemals versuchte sie sie durch irgendein Zeichen von Zärtlichkeit zu beschwichtigen. Trost und Frieden fand ich nur im Schlaf. Meine Tage schlichen traurig dahin wie die Nächte eines zum Tode Verurteilten. Nur ab und zu rief meine Tante mich morgens in ihr Bett. Da empfing sie mich mit zärtlichen Blicken, mit freundlichen Worten. Sie zog mich an ihren Busen, ich lag zwischen ihren Schenkeln, und plötzlich preßte sie mich in krampfhafter Umschlingung an sich. Wild warf sie sich hin und her, ihr Kopf sank zur Seite – in einem wahnsinnigen Auflachen verlor sie die Besinnung. Erschreckt, keiner Bewegung fähig, sah ich sie an. Ich glaubte, sie hätte einen epileptischen Anfall ...

Eines Tages hatte sie eine lange Unterredung mit einem Franziskanermönch; zuletzt wurde ich hereingerufen, und der ehrwürdige Pater hielt folgende Ansprache an mich: »Liebe Tochter, du bist jetzt erwachsen. Der böse Feind kann schon sein Auge auf dich geworfen haben. Wenn du nicht rein und makellos bist, können seine Pfeile dich treffen. Hat aber keine Sünde dich besudelt, so bist du unverwundbar. Durch Schmerzen hat unser Herr Christus die Welt erlöst; durch Schmerzen wirst auch du dich von deinen Sünden erlösen. Bereite dich darauf vor, das Martyrium der Erlösung zu bestehen. Bitte Gott um die nötige Kraft und den nötigen Mut. Heute abend wirst du die Prüfung zu bestehen haben... Geh in Frieden, mein Kind!« Meine Tante hatte mir schon seit mehreren Tagen fortwährend davon gesprochen, daß man durch Leiden, durch Martern sich von seinen Sünden loskaufen müsse.

Die Worte des Mönchs erschreckten mich. Ich eilte hinaus. Als ich allein war, wollte ich beten, meine Zuflucht zu Gott nehmen. Aber ich konnte an nichts anderes denken als an die mir bevorstehenden Schmerzen.

Gegen Mitternacht kam meine Tante zu mir. Sie befahl mir, mich nackt auszuziehen, wusch mich vom Kopf bis zu den Füßen und ließ mich ein langes schwarzes Kleid anziehen, welches um den Hals durch eine Schnur zusammengezogen wurde, hinten aber offen war.

Sie legte sich ein gleiches Kleid an, und wir fuhren in einem Wagen vom Hause fort. Eine Stunde später sah ich mich in einem großen Saal, der ganz mit schwarzen Stoffen ausgeschlagen war und durch eine einzige Lampe, die von der Decke herabhing, ein schwaches Licht empfing. Mitten in diesem Gemach befand sich ein Betschemel nebst einigen Kissen.

»Knie nieder, Nichte!« flüsterte meine Tante zu mir. »Bereite dich durch Gebete auf das vor, was dir bevorsteht, und ertrage mit Mut alle Leiden, die Gott in seiner Güte dir sendet!« Kaum war ich, gehorsam ihrem Gebote, niedergekniet, da öffnete sich eine Tür. Ein Mönch, der in derselben Weise gekleidet war wie meine Tante und ich, trat an mich heran, indem er einige Worte vor sich hinmurmelte. Plötzlich schlug er von hinten meine Rockschöße auseinander, so daß die ganze Rückseite meines Körpers entblößt war. Ein leichtes Zittern rann unwillkürlich durch die Glieder des Mönches. Offenbar brachte ihn der Anblick meines nackten Fleisches außer sich. Seine Hand betastete meinen ganzen Rücken, besonders meine Hinterbacken, und verweilte dann etwas weiter unten.

»Dies ist der Körperteil, womit das Weib sündigt; an diesem Körperteil muß sie Schmerzen leiden«, sagte eine Grabesstimme.

Kaum waren diese Worte erklungen, so fühlte ich furchtbare Schläge auf mich herabsausen. Erst waren es Ruten, dann knotige Stricke mit Eisenkugeln an den Enden. Ich klammerte mich an den Betschemel und bemühte mich, nicht zu schreien. Aber vergeblich – der Schmerz war zu stark. Ich sprang auf und lief im Saal herum, indem ich rief: »Gnade! Gnade! Diese Qual kann ich nicht ertragen! Lieber tötet mich! Barmherzigkeit, bitte, bitte...«

»Elende, feige Seele!« schrie meine Tante entrüstet. »Nimm dir mein Beispiel zu Herzen!« Mit diesen Worten riß sie sich das Kleid vom Leib und warf sich mit gespreizten Beinen, ganz nackt, auf die Erde. Die Hiebe hagelten auf sie hernieder; unerbittlich schlug der Henker immer weiter. In einem Augenblick waren ihre Schenkel von Blut überströmt.

Meine Tante aber hielt unerschütterlich stand; sie rief sogar fortwährend: »Stärker! Ah! Immer noch stärker!«

Dieser Anblick brachte mich von Sinnen. Ich verspürte einen übernatürlichen Mut und rief, auch ich sei bereit, alles zu erdulden. Sofort sprang meine Tante auf, um mich mit glühenden Küssen zu bedecken. Der Mönch dagegen fesselte mir die Hände und legte mir eine Binde über die Augen.

Und nun begann erst die eigentliche, fürchterliche Marter: bald hatte mich der Schmerz völlig betäubt; ich vermochte keine Bewegung mehr zu machen, ich fühlte nichts mehr. Offenbar aber wurden noch andere Menschen gemartert: durch das Geräusch der Schläge hindurch hörte ich dumpfes Geschrei, Ausrufe, das Klatschen von Händen, die auf Menschenfleisch niederfielen. Dann wieder wahnsinniges, nervöses, krampfhaftes Gelächter, in denen sich die Orgien der Sinne Luft machen. Zuweilen übertönte die Stimme meiner Tante, vor Wollust röchelnd, diese ganze seltsame Symphonie, dieses Saturnal von Blut und Schmerzen. Später begriff ich, daß das Schauspiel meiner Folterung nur dazu gedient hatte, um abgestumpfte Sinne aufzustacheln. Jeder meiner unterdrückten, erstickten Seufzer gab der Wollust neuen Ansporn.

Endlich hörte der Henker auf; ohne Zweifel nur darum, weil er vor Müdigkeit nicht mehr konnte. Ich war vor Angst und Schmerz völlig unbeweglich, ich hatte mich in mein Schicksal ergeben: ich glaubte sterben zu müssen. Als ich aber nach und nach wieder zum Bewußtsein kam, empfand ich ein eigentümliches Zucken und Kitzeln: mein ganzer Leib brannte, alle meine Glieder zuckten und zitterten.

Wollüstig warf ich mich hin und her; eine unersättliche Begier heischte Befriedigung. Plötzlich umschlangen mich zwei kräftige Arme. Etwas mir unbekanntes Heißes, Steifes schlug gegen meine Schenkel an, glitt dann zwischen sie und drang plötzlich in meinen Leib ein. Mir war zumute, als würde ich auseinandergespalten. Ich stieß einen furchtbaren Schrei aus, der aber von lautem Gelächter übertönt wurde. Zwei oder drei neue Stöße – und der Riesenpflock war seiner ganzen Länge nach in mich eingedrungen. Meine blutüberströmten Beine umschlangen die Schenkel meines Angreifers, und es war, wie wenn unser Fleisch sich vermischte und zu einem einzigen Leibe verschmölze. Meine Adern waren strotzend voll, alle meine Sehnen bis zum Zerspringen angespannt. Die Stöße folgten sich mit unglaublicher Geschwindigkeit und versetzten mich in eine solche Glut, daß es mir vorkam, als hätte man mir ein glühendes Eisen in den Leib gestoßen.

Bald schwanden mir die Sinne; ich glaubte im Himmel zu sein. Eine heiße, schleimige Flüssigkeit überströmte mich, drang bis in mein Innerstes ein – ich glaubte sie bis ins Mark meiner Knochen zu spüren... Es war zu viel... Auch aus mir schoß es hervor wie ein glühender Lavastrom. Ich fühlte, wie ein brennender, beizender Saft sich ergoß. Wild und immer wilder stieß ich, damit er noch reichlicher flösse. Dann versank ich erschöpft in einen Abgrund unerhörter Wollust.

Fanny: Gamiani, wie du zu malen weißt! Man spürt die Hölle im Leibe.

Gamiani:Das ist noch nicht alles. Bald wandelte sich meine Wollust in entsetzlichen Schmerz. Ich wurde auf die gräßlichste Weise vergewaltigt. Mehr als zwanzig Mönche stürzten sich wie wilde Kannibalen einer nach dem andern über mich her. Mein Kopf sank zur Seite. Wie ein Leichnam lag mein geschändeter Leib auf den Polstern. Man trug mich wie tot ins Bett.

Fanny: Infame Schlächterei!

Gamiani: Jawohl, infam! Ja, noch mehr als infam! Als ich wieder lebte, als ich endlich wieder gesund war, begriff ich die entsetzliche Verworfenheit meiner Tante und ihrer infamen Orgiengenossen, die nur noch der Anblick entsetzlichster Martern zu reizen vermochte. Ich schwor ihnen tödlichen Haß. Und dieser Haß erstreckte sich bald ohne Ausnahme auf alle Männer. Der Gedanke, die Liebesbezeugungen eines Mannes zu erdulden, war mir ekelhaft. Ich gab mich nicht mehr dazu her, das elende Spielzeug ihrer Launen zu sein. Aber ich hatte ein glühendes Temperament, das nach Befriedigung schrie. Ich ergab mich der Onanie und wurde von dieser erst später durch die sachverständigen Belehrungen geheilt, die mir die Nonnen des Klosters »Zum Herzen Jesu« erteilten. Diese Belehrungen gaben mir den Rest, verdarben mich ganz und gar...

Tränen erstickten Gamianis Stimme. Liebkosungen vermochten nichts bei dieser Frau. Um der peinlichen Szene ein Ende zu machen, wandte ich mich an Fanny und sagte: »Jetzt kommst du dran, schöne Kleine! Du bist in einer einzigen Nacht in gar viele Mysterien eingeweiht worden. Nun erzähle uns, wie es dir erging, als du zum erstenmal die Lust des Fleisches verspürtest!«

Fanny: Ich! O nein – das kann ich wirklich nicht erzählen!

Alcide: Deine Schamhaftigkeit ist hier nun wirklich nicht angebracht.

Fanny: O – es ist nicht deshalb. Aber nach der Erzählung der Gräfin wäre das, was ich berichten könnte, gar zu unbedeutend.

Alcide: Glaube doch das nicht, du liebe kleine Unschuld! Was sträubst du dich noch? Sind wir denn nicht durch die Wollust unserer Sinne zu einem einzigen Wesen geworden? Wir brauchen voreinander nicht mehr zu erröten. Wir haben alles getan – und so können wir auch alles sagen.

Gamiani: Da, Schönste – einen Kuß, zweihundert Küsse, wenn du willst! Laß dich doch bereden! Und sieh, wie verliebt Alcide ist – sieh, wie seine Manneswaffe dir droht!

Fanny: Nein, nein – laßt mich! Alcide, ich habe keine Kraft mehr.

Bitte, bitte... Gnade! Gamiani, wie bist du wollüstig!. .. Fort, Alcide!... Oh...

Alcide: Keinen Pardon, zum Donnerwetter! Entweder gibst du uns die Odyssee deiner Jungfernschaft zum Besten, oder Curtius stürzt sich mit Wehr und Waffen in... Fanny: Wenn ihr es denn durchaus wollt...

Gamiani und Alcide: Ja, ja! Fanny: In vollkommener Unschuld, das kann ich euch schwören, erreichte ich mein fünfzehntes Jahr. Selbst in Gedanken hatte ich mich niemals mit der Verschiedenheit der Geschlechter beschäftigt.

Gedankenlos lebte ich dahin – und gewiß, ich war glücklich... Da war ich einmal an einem sehr heißen Sommertage ganz allein zu Hause, und ich verspürte ein eigentümliches Bedürfnis, die lästigen Kleider von mir abzuwerfen, um meine Glieder frei dehnen zu können.

Ich zog mich aus, ich warf mich, fast nackt, auf einen Diwan... ach, ich schäme mich... ich streckte die Beine aus, ich spreizte sie, soweit ich konnte, warf mich hin und her. Ohne es zu wissen, nahm ich die unzüchtigsten Stellungen ein. Der Stoffbezug des Diwans war sehr kalt; dadurch hatte ich ein angenehmes Gefühl; ein wollüstiges Kitzeln überrieselte meinen ganzen Leib. Frei dehnte sich meine Brust in der lauen, von Düften geschwängerten Luft, die mich umgab. Welche süße, entzückende Wollust! Ich war in einer köstlichen Ekstase. Mir war's, als ergösse sich in mich ein neues Leben, als wäre ich stärker, größer, als söge ich einen göttlichen Odem ein, als erblühte ich unter den Strahlen eines schöneren Himmels.

Alcide: Du bist poetisch, Fanny.

Fanny: Oh, ich übertreibe nicht. Ich beschreibe nur ganz genau meine Gefühle. Wohlgefällig betrachteten meine Augen meinen Körper, meine Hände glitten über meinen Hals, über meinen Busen, über meinen Leib. Zwischen den Schenkeln verweilten sie, und ich versank unwillkürlich in tiefes Träumen. Die Worte »Liebe«, »Geliebter«, deren Sinn ich gar nicht verstand, schwebten mir unaufhörlich vor.

Als ich aus meinen Träumen erwachte, war ich erstaunt, mich allein zu finden. Ich fühlte eine ungeheure Öde um mich herum; ich hatte vergessen, daß ich Verwandte, daß ich Freunde besaß. Ich erhob mich und blickte traurig um mich. So blieb ich eine Zeitlang in Gedanken versunken, den Kopf melancholisch vornüber geneigt, die schlaff herabhängenden Hände ineinander gefaltet. Dann fing ich von neuem an, mich zu betasten, und ich fragte mich, ob denn nicht mein Körper zu irgendeinem Zweck da wäre. Gefühlsmäßig begriff ich, daß mir irgend etwas fehlen müsse – irgend etwas, das ich nicht näher bezeichnen konnte, das ich aber wollte, das ich von ganzer Seele begehrte. Ich muß wie eine Wahnsinnige ausgesehen haben, denn von Zeit zu Zeit lachte ich sinnlos laut auf; meine Arme öffneten sich, wie wenn sie den Gegenstand meiner Wünsche umschlingen wollten. Ja – ich umarmte mich selber. Ich mußte etwas Wirkliches, etwas Körperliches haben, das ich umfassen konnte, und in meinem unbewußten Sinnentaumel nahm ich mich selber. Ich preßte meine Arme um mich, und ich hatte das Gefühl, als ob ich einen anderen Menschen umschlänge. Durch mein Fenster sah ich in der Ferne Baumwipfel und grüne Rasenflächen; ich hätte mich im Grase wälzen oder in die Lüfte über dem Blätterdach emporschweben mögen. Ich blickte zum Himmel, und es kam eine Sehnsucht in mir auf, mich in die Luft zu verflüchtigen, mich den Wolken, dem Äther, den Engeln zuzugesellen. Vielleicht war ich dem Wahnsinn nahe: heiß klopfte das Blut gegen meine Schläfen.

Ganz außer mir, hatte ich mich wieder auf die Kissen des Diwans gestürzt. Eins derselben umschlang ich mit meinen Schenkeln, ein anderes preßte ich in meine Arme. Leidenschaftlich hielt ich es umfaßt; wild küßte ich es, ja, ich glaube sogar, ich lächelte ihm zu. Meine Sinnlichkeit hatte triumphiert, ich war wie trunken. Plötzlich erzitterte ich – ich hielt ein in meinem Spiel. Mir war, als zerflösse ich, als löste ich mich auf. »O mein Gott!« schrie ich. Ein plötzlicher Schrecken erfaßte mich, und ich sprang auf. Ich war ganz naß. Ich konnte nicht begreifen, was mir da passiert war, und glaubte, ich sei verwundet. Ich fürchtete mich, warf mich auf die Knie nieder und betete zu Gott, er möge mir verzeihen, falls ich unrecht getan habe.

Alcide: Du liebe kleine Unschuld! Hast du denn von dem Vorfall, der dich in solche Angst versetzte, mit keinem Menschen gesprochen?

Fanny: Nein, niemals! Das hätte ich nie gewagt. Bis vor einer Stunde war ich noch ganz unerfahren. Du erst hast mir die Lösung des Rätsels gegeben.

Alcide: O Fanny, dieses Geständnis hebt mich auf den Gipfel des Entzückens empor. Teure Freundin, empfange eine neue Probe meiner Liebe!... Gamiani, reize mich, rege mich auf, damit ich diese zarte Blüte mit Himmelstau beträufle.

Gamiani: Welches Feuer! Welche Glut! O Fanny, du bist ja schon ganz außer dir... Ach, sie genießt ... sie genießt.

Fanny: Alcide, Alcide! Ich sterbe... ich... Und die süße Wollust berauschte uns, versetzte sie und mich in den Himmel.

Nachdem ich meinen Sinnen einen Augenblick Ruhe gegönnt hatte, nahm auch ich das Wort und erzählte:

Ich bin von jungen und kräftigen Eltern gezeugt. Meine Kindheit war glücklich: Trübsal und Krankheiten kannte ich nicht. Und so war ich denn schon mit dreizehn Jahren zum Mann gereift, und die Stacheln des Fleisches machten sich lebhaft geltend.

Da ich zum geistlichen Stande bestimmt und nach den strengsten Vorschriften der Keuschheit erzogen war, bekämpfte ich mit aller Macht die ersten Begierden meiner Sinne. Mein Fleisch lehnte sich gebieterisch, machtvoll auf, empörte sich – ich aber kasteite es unbarmherzig. So verdammte ich mich zum schärfsten Fasten. Nachts, während ich schlief, verschaffte die Natur sich Erleichterung; ich aber erschrak darüber, wie wenn ich mir eine sündhafte Ausschweifung hätte zuschulden kommen lassen. Ich verdoppelte meine Anstrengungen und paßte noch mehr auf, um alle finsteren Mächte von mir fernzuhalten.

Dieser beständige innere Kampf machte mich schließlich stumpf und halb blödsinnig. Meine erzwungene Enthaltsamkeit versetzte meine Sinne allmählich in eine Reizbarkeit, wie ich sie früher nie gekannt hatte.

Oftmals erlitt ich Schwindelanfälle. Ich hatte das Gefühl, als ob alles um mich herum sich drehte und schließlich ich selber mich mitdrehte. Wenn mein Blick zufällig ein junges Weib traf, war mir's, als strahlte es von Feuer und würfe elektrische Funken aus.

Dieser Zustand hatte mehrere Monate gedauert, da fühlte ich plötzlich eines Morgens in allen meinen Gliedern eine Art Krampf, eine heftige Spannung; dann hatte ich ein fürchterliches konvulsivisches Zucken wie bei einem epileptischen Anfall. Ich hatte Licht-Halluzinationen in einer Stärke wie noch nie zuvor: zuerst sah ich einen schwarzen Kreis sich mit ungeheurer Schnelligkeit vor mir drehen; er wurde größer und immer größer und schließlich unermeßlich groß: plötzlich brach ein funkelndes Licht aus dem Mittelpunkt des Kreises hervor, und alles wurde hell. Ich sah einen endlosen Horizont, einen in Flammen stehenden Himmel, von tausend Raketen durchkreuzt; und alle diese Raketen fielen als ein Regen von Goldstücken, von funkelnden Saphiren, Smaragden und Rubinen wieder herab.

Das Feuer erlosch; ein Tageshimmel, der wie bläulicher Samt aussah, breitete sich über mir aus. Mir war, als schwämme ich in einem klaren weichen Licht, lieblich wie der blasse Widerschein des Mondes in einer schönen Sommernacht. Und auf einmal kamen aus der weitesten Ferne wie ein Schwarm goldener Schmetterlinge, wie aus Luft und Dunst gewoben, unzählige Myriaden von nackten Mädchen auf mich zu – blendenden Fleisches, durchscheinend wie Bildsäulen von Alabaster.

Ich stürzte meinen Sylphiden entgegen, aber sie entschwanden mit neckischem Lachen; ihre köstlichen Gruppen lösten sich für einen Augenblick im azurblauen Äther auf, dann erschienen sie wieder, noch leuchtender, noch fröhlicher. Reizende Blumensträuße köstlicher Gestalten, die mich mit boshaft lachenden Blicken ansahen. Allmählich verschwanden diese jungen Mädchen; und es erschienen Frauen im Alter der Liebe, der zärtlichen Leidenschaften.

Einige von ihnen waren lebhaft, munter, mit feurigen Blicken, mit wogenden Brüsten; andere waren bleich und gingen vornübergebeugt wie Ossianische Jungfrauen. Ihre schmiegsamen, liebeatmenden Leiber waren von dünner Gaze umhüllt. Sie schienen vor Sehnsucht, vor Erwartung zu sterben; sie streckten mir ihre geöffneten Arme entgegen und flohen doch immer wieder, wenn ich mich hineinstürzen wollte.

Außer mir vor Erregung warf ich mich auf meinem Bett hin und her. Ich stützte mich auf Füße und Stirn, hob meinen Leib empor und schüttelte meinen glorreich aufgerichteten Priap. Ich sprach in den unzüchtigsten Worten von Liebe und Liebeslust. Erinnerungen an meine klassischen Studien mischten sich in meine Träume: ich sah Jupiter in Liebesglut, Juno, wie sie seinen Blitzstrahl lenkte. Ich sah den ganzen Olymp in brünstigem Taumel, in seltsamem Durcheinander. Und dann nahm ich an einer Orgie teil, an einem höllischen Bacchanal: in einer tiefen finsteren Höhle, die von mißduftenden, rotbrennenden Fackeln erleuchtet war, warfen blaue und grüne Flammen einen widerlich häßlichen Schein auf hundert Teufel mit Bocksgesichtern und lächerlich großen Zeugungsgliedern.

Die einen, prachtvoll bestückt, hatten sich auf eine Schaukel geschwungen, stürzten sich von dort auf eine Frau, drangen plötzlich mit der vollen Länge ihres Spießes in sie ein und verschafften ihr die entsetzlichen Zuckungen eines heftigen und unerwarteten Genusses. Andere Teufel von schalkhafterer Natur stellten eine prüde Dame auf den Kopf, und unter wildem Gekicher trieben sie mit einem Rammbock einen gewaltigen feurigen Priap in sie hinein – hämmerten ihr in ihrem Mutwillen ein Unmaß von Wollust in den Leib. Die Boshaftesten dieser Bande hatten eine Messalina an Händen und Füßen gebunden und ergingen sich vor ihren Augen in den lüsternsten, unzüchtigsten Ausschweifungen. Rasend, schäumend vor Gier krümmte sich das arme Weib im Verlangen nach dem Liebesgenuß, der ihr teuflisch versagt wurde.

Tausend kleine Teufelchen, von denen einer häßlicher, zappeliger oder kriecherischer als der andere war, rannten auseinander und wieder zusammen, lutschten, kniffen, bissen, tanzten im Reigen, verquirlten sich. Überall war Lachen, Lärmen, Rasen, Zucken, Schreien, Seufzen, Ohnmachtsanfälle vor Geilheit.

Ganz nackt lag eine Nonne auf dem Boden ausgestreckt, das Auge zur Wölbung der Höhle emporgewandt. Sie empfing in frommer Inbrunst die weiße Hostie, die ihr auf der Spitze eines stattlichen Weihwedels ein großer Teufel mit Stab und umgestülpter Mitra reichte. Etwas weiter hinten ließ sich eine Teufelin die Stirn mit Lebenssaft taufen, während eine andere, die eine Sterbende darstellte, verschwenderische Mengen der heiligen Wegzehrung erhielt.

Ein Oberteufel wurde von vier gewöhnlichen Teufeln auf den Schultern getragen; er paradierte mit seiner erotosatanischen Kraft und verspritzte alle Augenblicke Ströme heiliger Säfte. Jeder warf sich zu Boden, wenn er vorüberzog. Es war die Prozession des heiligen Sakraments. Plötzlich aber schlägt es Eins; da fassen alle diese Teufel sich bei der Hand und bilden einen riesigen Reigen.

Der Reigen beginnt sich zu drehen, sie steigen in die Luft, zucken wie Blitze. Die Schwächsten aber werden in diesem sinnlos galoppierenden Gewirbel nach unten gerissen. Ihr Sturz läßt auch die anderen purzeln. Es entsteht eine entsetzliche Verwirrung, ein grauenerregendes Durcheinander grotesker Verrenkungen, gräßlicher Kopulationen... ein Chaos zerschundener, von wüster Begierde befleckter Leiber – bis endlich ein dichter Qualm diesen Spuk verhüllt.

Gamiani: Sie wissen Ihre Erzählung wundervoll auszuschmücken, Alcide. Ihr Traum könnte in einem Buch stehen.

Alcide: O... wir müssen ja doch die Nacht hinbringen. Aber hören Sie weiter: was jetzt kommt, ist reine Wirklichkeit:

Als ich von diesem entsetzlichen Fieberanfall wieder zu mir kam, hatte sich das Gefühl der Schwere im Kopf gemindert; aber ich fühlte mich matter. An meinem Bett saßen drei Weiber; alle drei waren noch jung und trugen als Kleidung nur ein weißes Nachtgewand. Ich glaubte immer noch im Fieberwahn zu liegen, aber mir wurde erzählt, mein Arzt habe die Ursache meiner Krankheit erkannt und beschlossen, mir dafür das einzige wirksame Heilmittel zu verordnen.

Ich griff nach einer weißen weichen Hand, die ich mit Küssen bedeckte. Zwei frische rote Lippen preßten sich auf meinen Mund. Diese wonnige Berührung elektrisierte mich; ich glühte vor Liebe in wahnsinniger Glut.

»O schöne Freundinnen«, rief ich, »ich will glücklich sein bis zum Übermaß; ich will in euren Armen sterben. Teilt meine Entzückungen, meinen Liebestaumel!

Ich werfe die Decke ab, reiße mir das Hemd vom Leibe und strecke mich auf meinem Bett aus. Ein Kissen wird mir unters Gesäß geschoben und bringt mich in die vorteilhafteste Stellung. Stolz, glorreich steht mein Priap empor. Und ich rufe:

»Du reizende Schwarze mit den festen weißen Brüsten, setz dich unten aufs Bett, strecke deine Beine neben meinen aus. Gut so! Setze meine Fußsohlen an deinen Busen. Kitzle sie sanft mit deinen hübschen Liebesknospen. Entzückend! Ach, du bist köstlich. – Und du, meine Blonde mit den blauen Augen, komm heran! Du sollst meine Königin sein. Setze dich rittlings auf den Thron. Nimm in die Hand das glühendheiße Zepter, stoß es tief, stoß es ganz in dein wonniges Zauberreich hinein!... O! Nicht so schnell... warte doch! Mach es langsam, taktmäßig wie ein Reiter, der gemächlich dahintrabt. Laß die Wonne so lange dauern wie nur irgend möglich... Und du, meine schöne Große mit der entzückenden Fülle der Formen, spreize die Schenkel, hier über meinem Kopf!... Wundervoll! Du errätst meine Absicht. Spreize die Schenkel recht weit auseinander – noch weiter! Mein Auge muß deine ganze Schönheit schauen können, mein Mund dich glühend küssen, meine Zunge dich liebkosen, in dich eindringen können... Aber warum sitzest du so steif aufrecht? Beuge dich doch vorwärts, damit die andere deine Brüste küssen kann!«

»Komm! komm!« rief die Schwarze ihr zu, indem sie ihr die bewegliche Zunge zeigte, die spitz war wie ein venezianischer Dolch. »Komm! Laß mich deine Augen, deinen Mund mit meinen Küssen verzehren. So lieb ich dich! O du Wollüstige!... Gib deine Hand! Da! So! Vorwärts! Aber sanft! sachte!...«

Und alle drei bewegen sie sich, rutschen hin und her, reizen sich zu immer heißerer Wollust an. Ich verschlinge diese reizvolle Szene mit den Augen, genieße die wollüstigen Bewegungen, diese Gruppe sinnlicher Selbstvergessenheit. Schreie, Seufzer werden laut, verschmelzen ineinander. Ein glühender Strom fließt durch meine Adern. Ich zittere am ganzen Leib. Meine Hände greifen in heiße Brüste oder wühlen krampfhaft in noch geheimeren Reizen.

Meine Finger werden müde – meine Lippen lösen sie ab. Gierig sauge ich – nage, beiße! Ich höre es schreien, ich solle einhalten, ich würde sie töten – aber ich sauge, ich beiße mit verdoppelter Gier. – Diese Ausschweifung gab meinen Kräften den Rest. Schwer sank mein Kopf zurück. Ich konnte nicht mehr.

»Genug! genug!« rief ich. »O meine Füße! Welch wollüstiges Kitzeln! Aber du tust mir weh – meine Füße krampfen sich zusammen – ich – oh...« Ich fühlte das Delirium der Liebeswonne zum dritten Male sich nahen. Wütend stieß ich von unten zu. Meine drei Schönen verloren gleichzeitig das Gleichgewicht – und die Besinnung. Ohnmächtig seufzend sanken sie in meine Arme, und mich überströmte ihr Liebessaft.

Himmelswonnen! Oder Höllenwonnen? Es überströmte mich wie ein unendlicher Glutstrom.

Gamiani: Welche Wonnen hast du genossen, Alcide! O ich beneide dich darum!... Und du, Fanny?... Die Stumpfsinnige! Ich glaube gar, sie schläft!

Fanny: Laß mich, Gamiani! Weg mit deiner Hand! Du drückst mich. Ich bin ganz hin... tot... Was für eine Nacht, o mein Gott!... laß uns schlafen... ich...

Das arme Kind gähnte, drehte sich um und kroch an der äußersten Bettkante ganz in sich zusammen.

Ich wollte sie an mich ziehen, aber die Gräfin sagte:

»Nein, nein! Ich begreife, wie ihr zumute ist. Aber ich... ich bin von ganz anderer Natur als sie. Mich verzehrt, mich foltert eine Aufregung, ein Drang... o ich möchte mich zu Tode lieben!... Die Berührungen eurer beiden Leiber, eure Erzählungen, die wollüstigen Spiele, die wir getrieben haben... dies alles bringt mich außer mir, daß ich nicht mehr weiß, was ich tue... In meinen Gedanken tobt die ganze Hölle, Feuer strömt mir durch die Glieder... Aber, o Schmerz, ich weiß nichts Neues mehr zu ersinnen!

Alcide: Was machen Sie denn, Gamiani? Sie springen aus dem Bett?

Gamiani: Ich kann's nicht mehr aushalten – ich verbrenne! Ich möchte... Aber so besorg's mir doch endlich!... Drücke mich... schlage mich... O! nicht genießen können!

Die Gräfin knirschte mit den Zähnen, furchtbar rollten ihre Augen. Ein Krampf schüttelte alle ihre Glieder – es war entsetzlich anzusehen. Fanny bekam Angst; erschrocken richtete sie sich im Bette auf. Ich selbst fürchtete eine Nervenschwäche.

Vergebens bedeckte ich mit meinen Küssen Gamianis geheimste Reize; meine Hände waren müde von den Liebkosungen, die sie ohne Unterlaß an die unbezähmbare Furie verschwendeten. Die Quellen ihrer Liebessäfte waren versiegt. Es kam wohl Blut, aber die Ekstase der Wollust wollte sich nicht einstellen... Endlich sagte Gamiani: »Laß nur... bleibt allein; schlaft!...« Mit diesen Worten sprang sie aus dem Bett, öffnete eine Tür und verschwand. »Was will sie denn nur, Fanny? Begreifst du etwas davon?«

»Psst, Alcide! Höre doch, welch ein Geschrei!« »Sie bringt sich um!... O mein Gott, die Tür ist verschlossen!... Ah, sie ist in Julies Kammer. Wart... da über der Tür ist ein Glasfenster. Rück mit mir das Kanapee heran. So! jetzt zwei Stühle oben drauf. Komm, steig mit hinauf. Hier oben können wir alles sehen!«

Welch ein Anblick! Beim bleichen Schimmer eines flackernden Nachtlichtes sahen wir die Gräfin mit gräßlich verdrehten Augen, die Lippen mit Schaum bedeckt, die Schenkel mit Blut und Liebessaft besudelt, sich heulend auf einem großen Teppich von Katzenfellen Katzenfelle sind ein bekanntes, sehr wirksames Liebesreizmittel – ohne Zweifel wegen der großen Menge von Elektrizität, die sie enthalten. Die Weiber von Lesbos bedienten sich ihrer stets bei ihren Saturnalien. wälzen. Mit unglaublicher Geschwindigkeit warf sie ihre Lenden auf dem Teppich hin und her. Von Zeit zu Zeit schleuderte sie die Beine in die Luft, so daß sie beinahe auf dem Kopf stand und wir ihren ganzen Rücken sahen. Dann sank sie mit gellendem Lachen wieder auf die Katzenfelle zurück. Plötzlich rief sie:

»Julie! Komm her! Vor meinen Augen dreht sich alles im Kreise! Wart, du verdammtes verrücktes Frauenzimmer – ich beiß dich!« Julie war ebenfalls ganz nackt, aber strahlend von Kraft und strotzend von Gesundheit. Sie stürzte sich auf die Gräfin und band ihr erst die Hände, dann die Füße zusammen.

Die krampfhaften Zuckungen Gamianis waren jetzt auf ihrem Höhepunkt: ich bekam Angst, als ich sie so sah. Julie aber tat, als ob gar nichts weiter los wäre.

Wie eine Besessene tanzte und sprang sie um ihre Herrin herum; dabei befeuerten ihre geschäftigen Finger ihre Wollust immer mehr und mehr, bis ihr schließlich die Sinne schwanden und sie sich in einen großen Lehnstuhl warf. Die Blicke der Gräfin waren allen ihren Bewegungen gefolgt. Das ohnmächtige Gefühl, daß sie sich nicht dieselbe trunkene Wollust verschaffen konnte, verdoppelte noch ihre Wut. Sie war ein weiblicher Prometheus, der von hundert Geiern zugleich zerfleischt wurde. Auf einmal hörte ich sie schreien:

»Medor! Medor! Mach mir's!« Sofort stürzte ein großer Hund aus einer Zimmerecke hervor und begann brünstig ihre Klitoris zu lecken, deren rote, glühende Spitze zwischen ihren Schenkeln hervordrang.

Ihre Wollust schien zugleich den Höhepunkt des Schmerzes zu erreichen, denn je eifriger die Bestie leckte, desto lauter stöhnte, schluchzte, schrie Gamiani. Plötzlich rief sie aus: »Milch! Milch! O schnell! Milch!« Ich wußte nicht, was dieser Schrei bedeutete, der fast wie ein Todesröcheln klang. Doch bald wurde es mir klar, denn Julie kam mit einem riesig großen Godemiché, der mit heißer Milch gefüllt war, die man durch Druck auf eine Feder zehn Schritte weit hinausspritzen lassen konnte. Mittels zweier Riemen schnallte sie sich das sinnreiche Instrument an der passendsten Stelle ihres Leibes an. Der reichstbegabte Hengst hätte es wohl kaum – an Dicke wenigstens – mit diesem stolzen Werkzeug aufnehmen können.

Ich hielt es für unmöglich, daß eine weibliche Scheide ein solches Ding aufnehmen könnte; aber zu meiner großen Überraschung genügten fünf oder sechs, allerdings sehr heftige Stöße, begleitet von spitzen, ohrenbetäubenden Schreien, um dieses Riesending spurlos verschwinden zu lassen. Die Gräfin litt wie eine arme Seele in der Hölle: krampfhaft starr, bewegungslos wie aus Marmor gemeißelt lag sie da. Man hätte sie mit Cassinis Kassandra Diese Statue, die Kassandra darstellt, wie sie von den Kriegern des Ajax vergewaltigt wird, ist bemerkenswert durch ihren Ausdruck unsäglichen Schmerzes. vergleichen können. Julie bewegte sich mit vollendeter Geschicklichkeit auf und ab. Der Hund war natürlich dadurch seiner bisherigen Genüsse beraubt; er wußte jedoch Ersatz zu finden, denn unverzüglich stürzte er sich auf die stramme Julie, zwischen deren heftig stoßenden halbgeöffneten Schenkeln ein köstliches Kleinod zu sehen war. Dieses bearbeitete Medor so eifrig und inbrünstig, daß Julie plötzlich vor Wollust nicht weiter konnte und mit ihren Stößen aufhörte.

Der Genuß, den eine Hundezunge verschafft, muß ungeheuer groß sein, denn es gibt keinen zweiten, der sich so intensiv in den Gesichtszügen eines Weibes ausspricht. Der Gräfin war diese Unterbrechung äußerst unangenehm, denn nur ihre Schmerzen wurden dadurch verlängert, der Augenblick des höchsten Genusses aber hinausgeschoben. Sie fluchte und schimpfte deshalb auf ihre Zofe mit den Ausdrücken einer Gassendirne. Hierdurch wurde Julie wieder an ihre Pflicht erinnert, und sie setzte ihre Arbeit mit verstärkten Kräften fort. Plötzlich bäumte die Gräfin sich wild empor, schloß die Augen, riß den Mund auf – Julie begriff, daß der rechte Augenblick gekommen war, und ihr Finger ließ den Federmechanismus des Godemichés spielen. Gamiani aber stammelte:

»Ach!... Oh!... halt... ich zerfließe... oh, wie das weh tut... oh, wie das süß ist... ich genieße... aaah...«

Höllische Geilheit!

Ich hatte nicht mehr die Kraft, mich vom Fleck zu rühren. Meine Vernunft war dahin, meine Blicke hafteten wie gebannt an dieser Szene höchster Wollust.

Der Anblick dieser wilden Verzückungen, dieser brutalsten Befriedigung der Sinne machte mich schwindlig. Ich fühlte nichts mehr als das wilde Pulsieren meines Blutes – ich selber war ganz und gar nur noch blinde wollüstige Gier. Ich war brünstig wie ein Vieh.

Auch Fannys Gesicht war merkwürdig verändert. Stier sah sie vor sich hin – ihre Arme umklammerten mich krampfhaft. Ihre Lippen waren geöffnet, ihre Zähne fest aufeinandergepreßt – auch sie war wahnsinnig vor fleischlicher Begierde, vor einem wütenden Liebesverlangen, das nach der schrankenlosesten Wollust schreit. Plötzlich lagen wir auf dem Bett und verschlangen uns wie wilde Tiere. Unsere Leiber waren aufeinandergepreßt, rieben sich, elektrisierten sich gegenseitig in krampfhaften Umschlingungen: schreiend, beißend vermählten wir unser Fleisch. Es war ein blitzschneller tierischer Genuß – aber unser Blut erheischte gebieterisch diese Befriedigung. Endlich machte der Schlaf unserer Liebeswut ein Ende.

Nach einer fünfstündigen, unendlich wohltuenden Ruhe erwachte ich zuerst. Schon glänzte die Sonne in voller Pracht am Himmel. Fröhlich drangen ihre Strahlen durch die Vorhänge des Gemaches und warfen goldene Lichter auf die bunten Teppiche, auf die glatten seidenen Bezüge der Möbel.

Dieses wundervolle, farbenverklärte und poetische Erwachen nach einer Nacht schmutziger Ausschweifungen gab mich mir selber zurück. Mir war, als sei mir ein entsetzlicher Alpdruck von der Brust genommen. Und an meiner Seite in meinen Armen atmete leise ein sanft bewegter Busen, ein Busen wie von Lilien und Rosen, ein Busen so jung, so zart, so rein, daß ich mich scheute, ihn nur mit meinen Lippen zu berühren, wie wenn er von dem bloßen Anhauch hätte verwelken können. Welch ein entzückendes Geschöpf war meine Fanny! Wie sie so halbnackt auf der breiten niedrigen Bettstatt lag, sah ich in ihr das Ideal meiner schönsten Träume verwirklicht. Ihr Kopf ruhte anmutig auf dem schön gerundeten Arm; ihr Profil zeichnete sich lieblich und rein ab wie ein Raffaelsches Bild; ihr Leib war in allen seinen Einzelheiten – und auch in seiner Gesamtheit von geradezu wunderbarer Schönheit. O welche Wollust, meine Blicke ungestört an dem Anblick aller dieser Reize sich weiden zu lassen! Und zugleich welch schmerzlicher Gedanke, daß die holde Jungfräulichkeit dieses fünfzehnjährigen Mädchens in einer einzigen kurzen Nacht auf ewig zerstört war!

Ihre Frische, ihre Anmut, ihre Jugend – unsere Orgie hatte alles befleckt, alles besudelt, alles in Unflat und Schmutz gezogen.

Diese bis dahin so naive, so zarte Seele, diese Seele, die bisher von Engelshänden sanft gewiegt worden war – sie war jetzt ein Spielball unreiner Geister. Sie konnte keine Illusionen mehr haben, konnte sich nicht mehr in Träumen wiegen – für sie gab es keine erste Liebe mehr, keine holden Überraschungen. Das ganze poetische Seelenleben einer Jungfrau war unwiederbringlich dahin.

Mit einem Lächeln auf den Lippen erwachte das arme Kind. Sie glaubte ihre gewohnten, unschuldigen Morgengedanken wiederzufinden. Aber ach – mich sah sie! Sie lag nicht in ihrem eigenen Bett, sie befand sich in einem fremden Zimmer. O wie schnitten ihre traurigen Klagen mir ins Herz. Vor Tränen konnte sie bald nicht weitersprechen. Bewegt sah ich sie an. Ich schämte mich meiner selbst.

Fest schlang ich sie in meine Arme und küßte ihr unersättlich, unersättlich jede einzelne Träne von den Wangen.

Von Sinnenlust war nicht mehr die Rede. Nur meine Seele ergoß sich ganz und gar. Meine Zunge, meine Augen redeten die Sprache heißer, innigster Liebe.

Wortlos vor Erstaunen, vor Entzücken hörte Fanny mir zu. Sie sog meinen Odem, meine Blicke in sich ein.

Zuweilen preßte sie mich plötzlich an sich, wie wenn sie sagen wollte: »O ja! Noch bin ich dein – ganz, ganz dein!«

Wie sie mir in vertrauensseliger Unschuld ihren Leib hingegeben hatte, so gab sie mir jetzt ihre vertrauende Seele im Rausch der Liebe. Ich fand diese ihre Seele in einem Kuß, den ihre Lippen mir gaben – ich gab ihr dafür meine eigene Seele zurück. Wir waren im Himmel – weiter wußten wir nichts.

Endlich standen wir auf.

Ich wollte mich nicht entfernen, ohne mich noch nach der Gräfin umzusehen. In einer unzüchtigen, gemeinen Stellung lag sie im Schlaf über Julies Bett hingeworfen. Ihr Gesicht war verstört, ihr Leib beschmutzt, besudelt. Wie ein betrunkenes Weib, das nackt in den Rinnstein gefallen ist, lag sie da im Pfuhl ihrer Wollust. Da rief ich meiner Geliebten zu: »O fort von hier Fanny!... Fort von dieser Stätte der Gemeinheit!«

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