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Gallegher und andere Geschichten

Richard Harding Davis: Gallegher und andere Geschichten - Kapitel 7
Quellenangabe
authorRebecca und Richard Harding Davis
titleGallegher und andere Geschichten
booktitleKürschners Bücherschatz
seriesKürschners Bücherschatz
publisherHermann Hillger Verlag
yearo.J.
translatorGertrude Hildebrandt-Eggert
illustratorW. Roegge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170302
projectid27ab685a
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Tirar y Soult.

Von Rebecca Harding Davis.

Robert Knight, der in Neu-England geboren und erzogen worden war, ging geradenwegs von der Schule nach einer Pflanzung in Louisiana. Der Wechsel war für ihn ein ganz ungeheurer.

Sein Dorthingehen hatte folgende Veranlassung. Er war Civil-Ingenieur. Unter den Farmen der Golf-Distrikte hatte sich eine Gesellschaft gebildet, die die Marschen trockenlegen lassen und große Reispflanzungen anlegen wollte. James B. Ead, der Knight kannte, nannte seinen Namen als den eines vielversprechenden jungen Mannes, der wohl im stande wäre, die einfache Arbeit, die sie verlangten, zu leisten und fügte hinzu, daß er ihr mehr Eifer und Zeit widmen würde als jemand, dessen Ruf schon begründet sei.

Nachdem Herr Knight den Schauplatz seiner Tätigkeit geprüft hatte, wurde er von dem Vorsitzenden der Gesellschaft, Herrn de Fourgon, aufgefordert, mit nach seiner Pflanzung, dem Lit de Fleurs, zu kommen, wo er die Direktoren der Gesellschaft treffen würde.

»Der Wechsel ist groß und plötzlich,«

schrieb er an seine vertraute Freundin Fräulein Cramer.

»Von Boston nach dem Blumenbett, von der Concord-Schule der Philosophie zu dem Beisammensein mit Ex-Sklavenhaltern. Ich erwartete in der Pflanzung ungeheure Fruchtbarkeit, Unordnung und Schmutz zu finden, in den Männern ungebildete Feueresser, in den Frauen Houris zu entdecken, ähnlich denen, von denen unsere Väter bei Thomas Moore zu lesen pflegten. Statt dessen finde ich die Farm zwar riesengroß, aber durchaus ordentlich; die Kornfelder sind mit der peinlichen Sorgfalt eines holländischen Gartens angelegt. Die Zuckerfabriken werden von geschickten Deutschen geleitet. Die Direktoren sind schlau und haben die Augen weit offen. Madame de Fourgon ist eine behäbige, alltägliche kleine Frau. Es sind noch andere Damen da – das Haus wimmelt von Gästen – aber keine einzige Houri ist darunter. Bis morgen ...

R. K.«

Das Schriftstück brach plötzlich ab, aber Knight war bis an den unteren Rand der Seite auf seinem Schreibblock gekommen. Er riß sie ab, steckte sie in einen Umschlag und letzteres in den Postsack. Er und Fräulein Cramer beobachteten derartigen Formen gegenüber eine gewisse männliche Rücksichtslosigkeit. Er schrieb ihr auf der Rückseite alter Briefcouverts, auf Schnitzeln von Einwickelpapier, allem, was ihm gerade zur Hand war. Sie mochte das gern. Er war arm und sie war arm, und sie schlugen sich als getreue Bundesgenossen, so gut es eben ging, durch die Welt. Es entzückte sie geradezu, ihrer Verachtung für eleganten Tand jeder Art in Kleidung, Literatur oder Religion Ausdruck zu geben.

»Gebt mir das Echte – das Dauerhafte!« war Emma Cramers Motto, und Knight fand dieses Empfinden sehr erhaben und schön. Emma selbst war ein kleines Geschöpf mit einer unbedeutenden Nase und Haut, Haaren und Augen von gleicher gelblicher Färbung. Eine gewisse Üppigkeit und Koketterie in der Kleidung würde sie entschieden hübsch gemacht haben. Aber sie ging in einem enganschließenden grauen Kleide einher, mit einem schwarzseidenen Tuch um den Hals geschlungen, während ihre Haare sich oben auf dem Kopfe zu einem kleinen Knoten türmten.

Aber so rauh wie sie war, dieser rauhe Schluß des Briefes gefiel ihr doch nicht.

Welcher Art waren die Frauen, die keine Houris waren? Er hätte doch wissen können, daß sie darauf einigermaßen neugierig sei. Hatten sie irgendwelche geistige Bildung? Sie dachte, sie würden wohl tanzen können und singen und sticken, wie die armen Dinger in den Harems.

Fräulein Cramer lebte auf einer Farm in der Nähe des Dorfes Throop in Massachusetts. An jenem Abende nahm sie, nachdem sie ihre Arbeit vollendet hatte, den Brief mit zur Frau Knight herüber. In keinem der Briefe, die sie von Robert erhielt, waren Geheimnisse enthalten, die seine Mutter nicht teilen durfte. Sie waren alle vertraute Freunde, und Frau Knight war vielleicht im Wesen am jugendlichsten und übermütigsten von den dreien. Knights wußten, wie Emma von ihrem Onkel überanstrengt wurde, denn das Mädchen war Waise und von ihm abhängig. Sie kannten die sämtlichen Medizinen, die sie für ihre geschwächte Verdauung einnahm, und wußten ganz genau, wieviel ihr die Bücherrezensionen für eine Bostoner Zeitung einbrachten. Emma vermochte auch auf den Dollar anzugeben, was Robert alljährlich während seiner Studienzeit verbraucht hatte. Sie hatten alle gemeinsam an der Sorge getragen, ob sich wohl eine Stellung für ihn finden würde, und freuten sich miteinander über diesen Anfang in Louisiana.

Frau Knight eilte ihr entgegen. »O, Sie haben auch einen Brief? Hier ist der meinige!«

Sie las den Brief unter nervösem Lachen und Nicken, und die Schmetterlingsschleife von gelbem Bande, die ihr Häubchen schmückte, flatterte wie im Triumphe. Emma setzte sich mit einem seltsam frostigen Gefühl, als wäre sie gewissermaßen vom Siege ausgeschlossen, aus die Stufen der Haustür.

»Das Blumenbett? Was für ein kurioser Name für eine Farm! Und wie merkwürdig von Herrn de Fourgon, Robert aufzufordern, daß er in seinem Hause bleiben möchte! Glauben Sie, daß er ihm Kostgeld anrechnet, Emma?«

»Nein, ich glaube nicht.«

»Nun, Robert wird dabei doch nichts sparen. Er muß es in anderer Weise wieder gut machen. Ich möchte nicht, daß er dem Manne gegenüber eine Verpflichtung behielte. Ich habe ihm geschrieben, daß er sein Geld auf die Sparkasse in Throop legen soll, bis er es zu irgend einem Unternehmen nötig hat. Es würden sich ihm wohl wundervolle Gelegenheiten für Kapitalsanlagen bieten, wenn er so das Land bereist – nach Osten, Westen und Süden, überall hin! Ein Haus voller Damen? Ich hoffe, er wird sich nicht Hals über Kopf verlieben. Robert muß eine gute Partie machen.«

Fräulein Cramer sagte nichts. Die Sonne war untergegangen, und kalte Dämmerung hatte sich über die steinigen Felder und ihre spärliche Heuernte herabgesenkt. Zur Rechten lag Frau Knights Fleck, in kleine Beete für Kartoffeln, Korn und Kohl geteilt. Als Emmas Augen darauf haften blieben, fiel ihr ein, wie viele Jahre lang sie der Witwe geholfen hatte, das Feld zu Harken und von Unkraut zu säubern, und wie sie über jeden Schilling, den die Gartenerzeugnisse einbrachten, triumphiert hatten. Für Robert – alles für Robert!

Jetzt hatte er seine Hand der Welt auf den Nacken gelegt und sie bezwungen! Nord und West und jener weite tropische Süden mit seinen Blumen und Houris – alles stand ihm offen! Sie blickte aus den von dürftigen Feldern begrenzten Horizont. Er war hinausgetreten, und sie war eingeschlossen!

Frau Knight beobachtete sie mit ihren grauen Augen. Sie hatte ein gewisses Mitgefühl mit dem Mädchen. »Da haben Sie eine Rose, Emma,« sagte sie, indem sie eine pflückte, die ein bißchen angefressen war.

Emma dankte ihr, wünschte ihr gute Nacht und ging den dunklen Weg hinab heimwärts. Sie blickte auf die Rose, lachte und warf sie weg. Was für eine Törin sie war! Die Tatsache, daß Robert ein gutes Gehalt bezog, konnte doch nicht die ganze Weltordnung in einem Tage umstoßen. Ihre Kameradschaft mit Knight, ihre Pläne, ihre Sympathie – das war die Weltordnung, die der armen Emma ewig und dauerhaft schien.

»Ich bin seine Freundin,« sagte sie sich nun innerlich. »Wenn er zwanzig Frauen hätte, so könnte doch keine meine Stelle einnehmen.«

Knight hatte in seinem Briefe ja auch keine Andeutung an Freien gemacht. Nie war ein Wort oder Blick der Zärtlichkeit zwischen ihm und Emma getauscht; dennoch sah sie ihn jetzt ganz deutlich am Altar, und ihm zur Seite eine schwarzäugige Houri.

Sie betrat das Farmhaus durch die Küchentür. Da stand der kalte Melonenpie und wartete, daß er zum Frühstück geschnitten würde, und die Kleider waren zum Plätten eingesprengt. Oben in ihrem eigenen kahlen Zimmer harrten Tinte und Papier, und zwei Bücher lagen zur Durchsicht bereit – »Auszug über griechische Philosophie« und »Über Drainage«.

Diese Bücher waren das eine, durch das sie ihn zu fesseln versucht hatte. Ihn fesseln! Griechische Philosophie! Drainage!

Sie warf die Bücher aus die Erde, trat vor den Spiegel, löste ihr Haar und wühlte mit den Fingern darin, riß das Tuch vom Halse, betrachtete mit atemlosem Eifer ihre hellfarbigen Augen, die sommersprossige Haut und glatte Nase, und dann begrub sie ihr Gesicht in den Händen und wandte sich der Dunkelheit zu.

*

Die Nachtluft, die in Throop so dünn und frostig war, wehte feucht und schwer von den guten und schlechten Gerüchen der Golf-Marschen nach dem Lit de Fleurs hinüber. Madame de Fourgons Gäste hatten die Abendtafel verlassen und saßen auf der niedrigen Veranda, die um das Haus herumlief, oder lagen in den Hängematten, die unter den riesigen Magnolienbäumen auf dem Grasplatze hin und her schwangen. Unter ihnen waren ein oder zwei Damen von unbestrittener Schönheit, aber Robert Knight war an jenem Abend völlig unberührt von dem guten oder schlechten Aussehen irgendwelcher Dame in Throope oder Louisiana. Er amüsierte sich über einen neuen Ankömmling, einen Monsieur Tirar, der von einer benachbarten Farm herübergeritten war. Knight hatte ihn zuerst für einen überreifen Knaben gehalten, aber als er näher an ihn herantrat, gewahrte er, daß sich schon Silberfäden in dem kurzgeschnittenen Haar und Bart zeigten.

Tirar hatte nach Tisch eine komische Geschichte erzählt und mit Pantomimen begleitet, über die die älteren Männer wie über die Sprünge eines Affen lachten. Während sie beim Kartenspiel saßen, spielte er mit den Kindern Croquet. Die Damen sandten ihn mit Aufträgen hierhin und dorthin. »José, mein Fingerhut liegt in der Bibliothek!« »José, bitte sehen Sie, wohin die Kinderfrau mit Baby gegangen ist!« u. s. w.

Nun war ein Stuhl für Mr. de Fourgons Tante, eine alte Frau mit schneeweißem Haar und zarten, vornehmen Zügen, herausgebracht worden. José flog, um einen Shawl zu holen, und hüllte sie hinein. Sie klopfte ihn auf seine rundliche Backe und sagte Knight, als er davonsprang, wie unschätzbar das cher enfant wäre.

»Er hat heute die Kreolensauce gemacht. Äh, der petit gourmand hat mancherlei Geheimnisse betreffs der Krabben und Suppen. Er sagt, die Chefs in Paris vertrauten ihm ihre Geheimnisse an, aber sie sind originell, Monsieur; sie sind in Josés kleinem Hirn entsprungen,« auf ihre Stirn tupfend. »Ah, hören Sie ihn jetzt! 's ist die Stimme eines Seraphs.«

Sie hob die Hände in die Höhe, um Schweigen im Himmel und auf Erden zu gebieten, lehnte sich zurück und schloß die Augen, während der kleine Mann mit seiner Guitarre zu den Füßen eines hübschen Mädchens saß und sang. Selbst Knights schwerfällige Nerven vibrierten. Noch nie hatte er eine solche Stimme gehört. Sie rührte sein Herz durch ihren unbestimmten Schmerz, ihr Pathos. Beschämt über seine Erregung wandte er sich, um wegzugehen. Aber atemloses Schweigen umgab ihn. Die Kreolen lieben sämtlich die Musik, und Josés Stimme war in den gesamten Ortschaften am Golf berühmt. Selbst die alten Negerinnen standen unbeweglich mit offenen Mündern.

Das Lied war zu Ende, und Tirar verzog sich ins Haus.

»Schnurriger Kerl!« sagte Mr. de Fourgon. »Nun wird er vielleicht monatelang keine Guitarre anrühren!«

»Er würde singen, wenn ich darum bäte,« sagte die alte Dame. »Er ehrt das Alter.«

Mr. de Fourgon hinter ihr zog die Augenbrauen in die Höhe. »José,« sagte er leise zu Knight, »ist ein ganz guter Kerl hier unter den Weibern und Babys; aber er hat eine jeunesse orageuse gehabt; unter seinen eigenen Leuten in St. Charles, da ist er der tollste Kerl von New-Orleans.«

»Ist er Pflanzer?« fragte der neugierige Neu-Engländer.

Madame Dessaix' scharfe Ohren hatten die Frage aufgefangen.

»Ach, der arme Junge! Er hat kein Land, keinen Morgen! Sein Vater war Spanier, Ruy Tirar, und heiratete Bonaventura Soult. Die Pflanzungen der Soults und Tirars an dem Bayon Sara waren riesengroß. Josés Vater hatte sein Teil. Aber Deichbrüche – Karten – der Krieg – alles hin!« und dabei öffnete sie weit ihre Hände. »Als Ihre Regierung den Frieden verkündete, da ließ sie unserem armen José mit zwanzig Jahren das Einkommen eines Bettlers.«

»Aber das geschah vor zwanzig Jahren,« sagte Knight. »Könnte er nicht durch seinen Beruf – sein Geschäft, sein Vermögen ersetzen? Was treibt er denn?«

»Treiben? treiben?« Sie wandte ihr erstauntes, verwirrtes Gesicht von einem zum andern. »Denkt er, daß José arbeiten soll? Mon Dieu

»Tirar,« sagte Mr. de Fourgon lachend, »ist nicht gerade ein Geschäftsmann, Herr Knight. Er hat zahllose Freunde und Verwandte. Wir alle sind Vettern der Tirars oder Soults. Er ist überall willkommen.«

»O,« sagte Knight mit einem verständnisvollen Nicken. Selbst bei seinem kurzen Aufenthalte in der Gegend hatte er schon andere Männer als José in völligem Nichtstun in einem Kreise leben sehen, der durchaus nicht mehr reich war. Sie waren weder alt, noch kränklich oder einfältig. Sie hatten einfach keine Lust zur Arbeit. Sie wurden erhalten und so sorgsam behütet, wie Stücke von unschätzbarem Porzellan.

Das erzürnte Knight und zog ihn doch auch wieder an, wie eben jede Neuheit einen jungen Mann. Er wandte sich von seinen Genossen weg und ging im Zwielicht auf und ab. Ohne Arbeit auf diesen reichen, üppigen Prairien zu leben, nie an das Morgen denken – es lag etwas Königliches darin. Es bewegte seine Phantasie. Er hatte, das muh man bedenken, seit zweiundzwanzig Jahren nichts anderes als Throop und anstrengende Arbeit gekannt.

Die Luft war frostig geworden. Innen, im Kamin, hatte Herr Tirar ein riesiges Feuer entzündet. Er kniete davor und fachte es mit dem Blasebalg an, während ein junges Mädchen, das nachlässig gegen den Kaminsims gelehnt war, die Flamme beobachtete und ab und zu José veranlaßte, noch einen Holzblock hineinzuwerfen. Die unbedeutende Handlung berührte Knight eigentümlich. Wie sie das Holz verschwendeten! Durch seine ganze Knabenzeit hatte er jeden Ast, jeden Zweig sammeln müssen. Wie oft hatte er sich danach gesehnt, ein großes, üppiges Feuer zu entzünden, so wie sie es hier taten.

Die junge Dame war ein Fräulein Venn, die höflich gegen ihn gewesen war. Ihm kam es in den Sinn, daß sie eigentlich so recht die Personifizierung des verschwenderischen Lebens dieses Platzes sei. Er dachte weder da noch später darüber nach, ob sie schön sei oder nicht. Aber die weichen, losen Massen rötlichen Haares und die großen, ruhigen blauen Augen mußten – bildete er sich ein – einem Weibe gehören, das eine großmütige Verschwenderin des Lebens war.

Vielleicht war Knight im Herzen gleichfalls ein Verschwender. Auf jeden Fall fühlte er einen seltsamen Eifer, mit Fräulein Venn näher bekannt zu werden. Er suchte sie am nächsten Morgen unter der Magnoliengruppe auf. Daß sie dumm war, unterlag gar keinem Zweifel. Sie hatte weiter nichts gelesen als ihre Bibel und die Zeitungsgeschichten, und hatte gar keine Meinung darüber. Aber sie gestand ihre Unkenntnis der Dinge nicht zu und log mit dem gleichmütigsten, unschuldigsten Lächeln.

»Hamlet? Ach ja, ich habe ihn gelesen, als er zuerst herauskam. Aber diese Art Dinge entschlüpfen meinem Gedächtnis, wie Wasser durch ein Sieb läuft.«

Für Robert, dessen geistige Fähigkeit durch Emmas sprühende Gedanken stets angeregt worden, war diese Stumpfheit wie ein dauniges Bett des Behagens. Emma strebte unaufhörlich mit jeder Fiber ihres Hirns nach Vervollkommnung. Dem Sinn Lucretia Venns hingegen würde es niemals einfallen, einen Plan für den folgenden Tag oder die Zukunft zu schmieden. Und in Throop gab es ebenfalls manch hartes Vorurteil zwischen den Nachbarn. Klug sein, bedeutete scharfen, beißenden Witz haben; Emmas Sarkasmus schnitt wie ein Schwert. Aber diese Leute waren von Geburt gutherzig; sie waren freundlich gegen alle Welt, und in Lucretia kam soviel natürliche Weichheit und Wärme zum Ausdruck, daß sie dadurch zum Mittelpunkte dieses behaglichen Lebens wurde. Die alten Leute nannten sie mit Kosenamen, die Hunde liefen hinter ihr her, die Kinder kletterten ihr auf den Schoß. Knight war in ihrer Nähe zu Mute, wie einem Reisenden, der lange Zeit in einer kahlen, trostlosen Gegend herumgeirrt ist, und nun in ein gastliches, vom Feuer durchwärmtes Zimmer eintritt.

Eines Nachmittags empfing er die Karte Herrn José Tirars, der kam, um ihm einen formellen Besuch abzustatten. Der kleine Herr trug einen blendendweißen Leinenanzug, und große Solitärs funkelten auf seiner Brust, in seinen Manschetten.

»Sie wollen ausreiten?« sagte er, als die Pferde vorgeführt wurden. »Lucretia, mein Kind, du willst reiten? Es wird regnen –« indem er an die Brüstung der Veranda eilte, »du wirst dich erkälten!«

»'s ist ja keine Wolke am Himmel,« sagte Herr de Fourgon. »Komm', Lucretia, steig' aus! José bildet sich immer ein, daß du irgend welcher Unannehmlichkeit entgegengehst.«

»Es wird stürmen,« beharrte Tirar. »Du mutzt ein wärmeres Kleid anziehen, ma petite

Fräulein Venn lachte, eilte nach ihrem Zimmer und wechselte das Kleid.

»Wohin wollen Sie denn reiten?« fragte José ängstlich, indem er sich zu Knight wandte.

»Nach den Marschen.«

»Dort ist's sehr gefährlich, Monsieur. Herden von wilden Tieren sind dort, und der Boden ist schlüpfrig,« und dabei raste er die Veranda aus und ab. »Bst! Tirar wird selbst mitreiten. Ich will des Kindes Leben nicht in Gefahr sehen – ich nicht!«

Knight ärgerte sich. »Welcher Art sind denn Monsieur Tirars Beziehungen zu Fräulein Venn?« fragte er seinen Wirt leise. »Er kontrolliert sie wie ein Vater.«

»Er ist ihr Vetter. Er pflegte das Kind auf den Knien zu schaukeln und wird sich nicht klar darüber, daß es zum Weibe herangereift ist. O ja, der arme kleine Kerl liebt sie, als wäre sie sein eigenes Kind! Als vor zwei Jahren ihr gemeinsamer Großvater, Louis Soult, starb, da hinterließ er all seinen Besitz Lucretia, und für José keinen Dollar. Es war brutal! Aber José war entzückt. ›Ein Weib muß Geld haben, oder sie friert in der Welt‹, sagte er. ›Aber für geschorene Lämmer, wie ich eins bin, sänftigt sich jeder Wind.«‹

Herr Knight war während der ersten Strecke des Rittes ziemlich schweigsam. »Ich wußte gar nicht,« sagte er gleich darauf zum jungen Mc Cann aus St. Louis, der gleich ihm ein Fremder war, »daß Fräulein Venn ein vermögendes Mädchen wäre.«

»O ja, sie hat den größten Landbesitz in hiesiger Gegend, und außerdem noch jährlich zehntausend.«

Zehntausend im Jahre! Und Emma, die sich bis Mitternacht mühte, um zwei oder drei Dollars zu erübrigen! Ein Strom ungewohnter Zärtlichkeit durchflutete sein Herz. Die liebe, treue Seele!

Zehntausend im Jahre? Knight hätte sich bei dem Gedanken geschämt, daß dieses Geld seine Gefühle gegen die junge Dame verändern könnte. Aber es änderte sie. Sie war nun nicht länger mehr eine gleichgültige und doch bezaubernde Erregerin seiner Einbildungskraft. Sie war eine Macht, etwas, das man mit Respekt betrachten mußte, wie eine Baugesellschaft oder eine Bahnverwaltung. Aber aus irgend einem unerklärlichen Grunde vermied er es, während des Rittes ihr nahe zu kommen. Fräulein Venn fühlte sich von diesem Verlassen verletzt und zeigte es in kindlicher Weise. Sie rief ihm wieder und wieder zu, daß er auf ein Reihernest achten sollte oder auf die Wasserschlangen, die am Rande des Kanals entlang flitzten, oder aus eine Familie von Chamäleons, die sich mit einer gesprenkelten Birne vergnügten. Da sie aber endlich merkte, daß er ihr trotzdem nicht zur Seite blieb, so gab sie ihre unschuldigen Versuche auf und ritt schweigsam weiter. Dann warf sich Herr Tirar kopfüber in die Bresche. Er gab zu Knights Bestem allerhand Nachrichten über Louisiana und seine eigenen Ansichten darüber. Er erzählte Geschichten und lachte selbst lauter darüber, als sonst jemand, während seine braunen Augen vor Lust strahlten; aber bei alledem beobachtete er Lucretia, um zu sehen, was für eine Wirkung seine Geschichten auf sie ausübten.

Sie hatten mittlerweile die Marschen, die am Golf entlang liegen, erreicht. Sie waren mit dünnem Grase überwachsen, das in der heißen Nachmittagssonne smaragdfarbig erglänzte. Die Flut tränkte den Boden darunter und drängte die engen Lagunen zurück, die sich seewärts hinstreckten. Eine Herde grobknochigen Viehs wandelte ziellos über die schwammige Fläche, zweifelhaft, ob das Land Wasser, oder das Wasser Land wäre. Sie stolperten beim Weitergehen aus bloßer Schwäche; ein Stück sank erschöpft zu Boden, und als Lucretias Pferd an ihm vorüberschritt, hob es schwach den Kopf, sah sie mit flehenden Augen an und ließ ihn wieder sinken.

Ein Schwarm Bussarde in der Ferne witterte die Beute und ließ sich langsam vom klaren Himmel hernieder, warf schwarze Streifen über das lebhafte Grün der Prairie und senkte sich tiefer und tiefer, bis er sich endlich zitternd auf dem sterbenden Tiere niederließ und das Fleisch von demselben zu reißen begann.

José ritt die Vögel nieder und brüllte vor Wut. Er kehrte zurück und sprach hastig auf spanisch, während er trübselig über die ungeheure leere Fläche blickte. »Ich hasse den Tod überall, aber das ist Massenmord! Auf diesen unglücklichen Marschen gibt es mehr Tiere, als sich nähren können; sie sterben zu Hunderten. Das arme Vieh ist tot, Gott sei Dank!« Nach einer Pause rief er: »Gut, gut, Herr Knight, Ihre Auftraggeber werden dieses Delta bald in festen Grund und Boden verwandeln; es ist eine edle Arbeit! Ungeheures Vermögen,« mit einer vielsagenden Handbewegung, »liegt unter diesem Schmutz verborgen.«

»Weshalb beteiligen Sie sich dann nicht an dem edlen Werke?« fragte Mc Cann. »Das heißt, wenn es sich mit ihren anderen Beschäftigungen vereinbaren läßt?«

»Ich? Ich habe keinerlei Beschäftigung! Was für Arbeit sollte ich wohl tun?« sagte José, indem er mit den Fingern schnippste. Gleich darauf ritt er mit besorgtem Gesichte zu Fräulein Venn heran.

»Lucretia, mein Kind, ist dir schon der Gedanke gekommen, daß du mich lieber haben würdest, wenn ich Doktor oder Rechtsanwalt oder sonst etwas wäre?«

Sie sah ihn befremdet an, sagte aber nichts.

»Mir ist es noch nie eingefallen,« fuhr er ernsthaft fort. »Ich habe alljährlich drei- bis vierhundert Dollars, um meine Garderobe zu kaufen. Ich habe die Tirarschen Juwelen. Was brauche ich noch mehr? Was ich nötig habe, fällt mir immer zu.«

»Natürlich, warum auch nicht?« antwortete sie zerstreut, während ihre Augen wie suchend über die Marschen schweiften.

»Dann machst du dir also nichts daraus?« beharrte er ängstlich. »Ich möchte, daß mein kleines Mädchen mit dem alten José zufrieden ist. Was die übrige Welt anbetrifft –« er knippste verächtlich mit dem Daumen.

Fräulein Venn lächelte schwach. Sie hatte ihn nicht einmal gehört. Sie beobachtete Knight, der die Gesellschaft verlassen hatte und allein heimwärts ritt. José schien, als ständen in ihren Augen Tränen.

»Lucretia!«

Keine Antwort.

»Lucretia, gräme dich nicht! Ich bin hier!«

»Du! O, mon Dieux! Du bist immer hier!« rief sie ärgerlich.

José rang nach Luft, als hätte er einen Schlag empfangen, dann zog er sein Pferd am Zügel und blieb zurück, während Herr Mc Cann froh seinen Platz einnahm.

Herr Tirar kehrte von diesem Tage an nicht mehr auf die Pflanzung zurück. Einstmals traf er Herrn de Fourgon unterwegs und fragte mit melancholischem Lächeln, ob sich Lucretia wohl befände. »Vergiß nicht, Jean,« fügte er ernsthaft hinzu, indem er ein Stückchen mitritt, »ich bin des kleinen Mädchens Vormund. Wenn sie sich je verheiratet, dann muß ich, José, sie fortgeben. Es war so lächerlich von ihrem Vater, einen so jungen Kerl wie mich zu ihrem Vormunde zu machen!«

»Aber durchaus nicht! Absolut nicht! Sehr passend, Tirar,« sagte Herr de Fourgon höflich, worauf Josés Gesicht noch bleicher und ernster wurde.

Eines Nachmittags erschien er aus der Galerie. Seine Schuhe waren unsauber, sein Anzug hatte die Farbe einer beschmutzten Motte.

»Ah, mon enfant,« rief Madame Dessaix gütig aus ihrem Stuhl in einer schattigen Ecke. »Was ist denn geschehen? Kein weißer Anzug, nichts von Brillanten, kein frohes Lachen? Was ist denn, José?«

»Nichts, Madame,« sagte der kleine Mann traurig. »Ich werde alt. Ich kleide mich nicht mehr, wie ein junger Mann. Ich passe mich dem Alter der Runzeln an.«

»Runzeln? Bah! Komm und setz dich zu mir. Nach wem schaust du aus?«

»Ich – mir war's, als hätte ich Lucretia lachen hören, als ich den Abhang heraufritt.«

Madame Dessaix nickte bedeutsam, legte den Finger auf die Lippen und führte ihn mit dem Entzücken, das eine Französin an Liebesleuten hat, auf den Fußspitzen nach dem Ende der Galerie, wo sie ihm, während sie das Weinlaub auseinanderbog, Lucretia in einer Hängematte unter einem gigantischen schwarzen Walnußbaum zeigte. Ein Nebel von hängendem, grünem Moose umschloß sie. Sie lag darin wie ein weicher, weißer Vogel in einem ungeheuren Neste. Knight stand gegen den Baumstamm gelehnt und blickte auf sie herab, während sein schmales Gesicht erregt und erhitzt aussah. Er hatte zu ihr gesprochen, aber sie antwortete nicht. Sie lächelte träge, wie sie zu tun pflegte, wenn die Kinder ihre Wangen streichelten.

» Voilà!« flüsterte Madame Dessaix triumphierend. Dann blickte sie auf Herrn Tirar und gewahrte, daß er unverwandt hinsah. Er riß sich mit einem seltsamen Tone in der Kehle los.

»Ja, ja! Nun – was gibt sie ihm zur Antwort?«

» Mère de Dieu! Was kann sie antworten? Er ist jung. Er ist ein Mann, der seinen eigenen Weg geht. Er wird keine Antwort als die eine bekommen: Wir betrachten die Sache als abgemacht.«

Tirar machte keine Bemerkung. Er wandte sich weg und ging schnell nach dem Hofe hinab, wo die Kinder waren, und stand eine Zeitlang unter ihnen und den Kühen. Die Stalljungen, die an Scherze und Neckereien von ihm gewöhnt waren, schlugen Purzelbäume und trieben vor seinen Füßen allerhand Possen. Und da sie gewahrten, daß er weder über sie lachte noch schalt, beobachteten sie ihn genauer und betrachteten seine schäbigen Kleider mit erstaunter Verachtung.

»Don José ist krank.« »Don José, sehen Sie nicht, wie schmutzig Ihre Schuhe sind?« flüsterten sie.

Aber er stand an den Zaun gelehnt und war taub und blind für sie.

Seine Quälgeister gingen zu einer andern Art der Attacke über. »Don José nicht trank, aber sein Pferd ist krank. Arme Chiquita! Sie ist nun altes Pferd!«

»'s ist eine verfluchte Lüge!« Tirar wandte sich so voll Wut zu dem nächsten Knaben, daß der zurücksprang. »Sie ist nicht alt. Bring' sie heraus!«

Die Neger stolperten in ihrer Angst übereinander. Die kleine weiße Mähre wurde vorgeführt. José streichelte sie mit zitternden Händen. Wie groß auch der Kummer sein mochte, der ihn erschütterte, im Augenblick kam er nur hierdurch zum Ausdruck.

»Es gibt in Attahapas gar kein Pferd, das ihr gleich käme,« murmelte er leise. »Ich bin alt, aber sie ist jung!«

Die Stute wieherte vor Vergnügen, während er sie streichelte, und dann stieg er auf.

Als er aus der Umzäunung ritt, wurde ein schwerfälliges Pferd aus dem Stalle geführt. Knight kam heran, um aufzusitzen. José betrachtete es mit zorniger Verachtung.

»Ah, das niedriggeborene Vieh! Und sein Herr ist ebenso! Aber wer kann sagen, was dem kleinen Mädchen beliebt?«

Doch Tirar konnte seine Augen der Tatsache nicht verschließen, daß die Gestalt auf dem schweren Pferde männlich und schön wäre. Der Mut in seinem Herzen war tief gesunken.

»José ist alt und dick – dick. Das ist, ein junger Bursche – er ist wie ein Mann!« Sein Kinn zitterte wie das einer hysterischen Frau. Im nächsten Augenblick warf er sich auf den Hals der Stute. »Jetzt habe ich nur dich, Chiquita, niemanden als dich!«

Sie legte die Ohren zurück und flog leichtfüßig wie ein Reh über die Prairie. Als Herr Tirar an Knight vorüberkam, grüßte er ihn mit vollendeter Höflichkeit.

»Komischer kleiner Kerl,« sagte Robert zu Mc Cann, der sich ihm angeschlossen hatte. »Man könnte ihn für eine Verkörperung der Übertreibung in der Welt halten. Aber das Pferd, das er reitet, ist ein schönes Tier.«

»Ja, in ihrer Jugend war sie ein famoses Rennpferd, habe ich mir sagen lassen. Tirar spricht von ihr, als wäre sie eine Blutsverwandte. Ich möchte, wir hätten jetzt Pferde von ihrer Art. Ihr Ungeheuer sinkt bei jedem Schritt in den Morast.«

»Der Schmutz ist heut tiefer als sonst. Ich verstehe das gar nicht. Wir haben doch keinen Regen gehabt.«

Sie trennten sich nach wenigen Minuten, und Knight setzte seinen Weg nach den Seemarschen fort.

Die Marschen waren immer schweigsam, aber heut lag eine besondere tiefe Ruhe über ihnen. Die Sonne war durch tiefhängenden Nebel versteckt, aber sie verwandelte ihn in zeltartige Schleier von sanftem, silberigem Schimmer. Die Farben und selbst die Gerüche der Marschen waren unter diesen Nebeln seltsam verschärft; die Luft hielt den starken Duft des Grases und der Rosen unbewegt fest; die Lagunen, die meist schokoladenfarbig waren, hoben sich tintenschwarz aus den Säumen von gelbem und purpurfarbenem Kraut und Gras; die zahllosen kreisrunden Pfützen von klarem Wasser schienen sich in der Zahl vermehrt zu haben und hüpften und gurgelten, als wären sie lebendig.

Hätte die arme Emma nur einmal ihre Augen von den Brachfeldern in Throop nach dieser seltsamen, verzauberten Ebene schweifen lassen können!

Er gebot sich selbst Einhalt. Was für ein Recht hatte er, Emma herbeizuwünschen? Lucretia –

Aber Lucretia würde darin weiter nichts sehen, als Schmutz und Unkraut!

Lucretia war eine gute Seele; aber schließlich, dachte er mit Lachen, waren ihre besten Eigenschaften die einer freundlich gesinnten Kuh. An eben diesem selben Tage hatte er sich mit der ganzen Macht, die sein Hirn in Worte zu kleiden vermochte, bemüht, um sie zu werben, und sie hatte ihn mit dem amüsierten, behaglichen, ochsenartigen Blick angesehen, den diese Tiere haben, wenn das lange Gras sie in die Weichen kitzelt. Sie hatte ihm keine bestimmte Antwort gegeben.

Knight suchte deshalb seinen Weg durch die sumpfige Prairie in verdrossener übler Laune, die durch die ungewöhnliche Tiefe des Schmutzes auch nicht gerade rosiger wurde. Alle paar Minuten mutzte er in die Wasserpfützen reiten, um die schlammigen Klumpen von den Füßen seines Pferdes abzuspülen.

Wohin Herr Tirar an diesem Tage geritten war, vermochte er selbst, als der Nachmittag herankam, nicht deutlich zu sagen. Ihm war es dunkel in der Erinnerung, als hätte er bei einem oder zwei Farmhäusern ohne jeden Grund vorgesprochen. Er war keiner, der geistige Getränke liebte, und hatte den ganzen Tag nur Wasser getrunken, trotzdem war sein Kopf benommen, als erhöbe er sich von einem langen Trinkgelage. Als er wieder zu sich kam, war er auf den niederen Marschen. Chiquita war plötzlich stehen geblieben, sperrte, wie ein Maulesel, die Beine auseinander und wollte keinen Schritt mehr weitergehen. Was war denn mit diesem Abzugskanal? Er war gleichfalls stehen geblieben und war zu einem stagnierenden schwarzen Teiche angeschwollen.

Jetzt war José völlig wach. Er begriff, was geschehen war. Eine schwere Springflut im Golfe hatte alle Abzugskanäle, die die Marschen durchschnitten, gesperrt. Der große Fluß, für den sie Mündungen bildeten, er zwang sich schon einen Weg über ihre Dämme und strömte durch den ganzen schlammigen Boden. Es lag keine augenblickliche Gefahr zu ertrinken nahe, aber wenn er sich nicht sofort rettete, so war kein Zweifel, daß er von dem Schlammboden festgehalten wurde und dort ertrinken mußte.

Wenn Chiquita –?

Er wandte ihren Kopf landwärts und sprach ihr zu. Sie fing an, sich sehr sorgsam weiterzubewegen, prüfte jeden Schritt und sprang ab und zu auf eine Scholle festen Bodens. Zweimal hielt sie inne und änderte die Richtung. José stieg verschiedentlich ab und versuchte sie zu führen. Aber bald saß er bis an die Knie im Schlamm. Er sah, daß der Instinkt des Pferdes sicherer war als seine Vermutungen und blieb deshalb ruhig im Sattel. Zu gewöhnlichen Zeiten würde er geflucht und geschimpft, und vielleicht, da er allein war, sogar geweint haben, denn José war im Grunde genommen feige und liebte sein Leben sehr. Aber heute war im Herzen des kleinen Mannes Ebbe. Seine Lebenslust war mit Lucretia gegangen. Seine Liebe zu ihr hatte ihm in seinen eigenen Augen eine gewisse Würde verliehen; ohne sie war er ein armer Spaßmacher, der seine Scherze von Haus zu Haus trug, um damit die Almosen zu bezahlen.

Er tat aber ganz vernünftig alles, was er konnte, um sein Leben zu retten – warf seine schweren Stiefel und den spanischen Sattel weg, um der Stute das Gewicht zu erleichtern, klopfte ihr den Hals, sang ihr was vor und lachte, um sie aufzuheitern. Einmal, als die Umschau ganz verzweifelt ausfiel, sprang er ab. »Sie soll nicht sterben!« sagte er zornig. Er versuchte sie wegzutreiben, aber sie stand still und sah ihn bedeutsam an.

»Aha!« rief José voll Entzücken, indem er einem unsichtbaren Zuschauer zunickte. »Siehst du's wohl? Sie will mich nicht verlassen! So, mein Liebling, du und Tirar wollen bis zuletzt zusammenbleiben!« Er stieg wieder auf.

Danach schritt Chiquita langsam, aber sicher vor. Sie erreichte ein höher gelegenes Plateau. Selbst dort vergrößerten sich die Pfützen zusehends; das gurgelnde schwarze Wasser schimmerte zwischen den breiten Grashalmen hervor. In weniger als einer Stunde würde auch diese Fläche der See gleichen.

Aber in weniger als einer Stunde würde ihn Chiquita auf festen Grund und Boden bringen.

José sprach nun unaufhörlich zu ihr auf spanisch und schlug bald diese, bald jene Richtung vor.

»Ha! Was ist das?« rief er, indem er sie hochriß. »Jener schwarze Klumpen dort am Abzugskanal? Ein Mann – nein! Ein Pferd und ein Mann! Sie versinken – sind festgehalten!« Er schwieg einen Augenblick still und zitterte vor Erregung. Dann rief er: »Es ist Knight! Wie eine Ratte in der Falle gefangen! Er wird sterben – Gott sei Dank!«

Wenn Knight tot wäre, würde Lucretia wieder sein liebes kleines Mädchen sein.

Der Gedanke durchblitzte ihn einen Augenblick. Knights Rücken war ihm zugewandt. José wartete einen Augenblick ungesehen.

Nach dem ersten mörderischen Triumphe hoffte er, daß sich Knight würde retten können. Tirar war feige, aber er war doch im Grunde seines Herzens ein Mann – wie sehr ein Mann, mußte sich noch erweisen. Je länger er auf den Ingenieur hinblickte, desto mehr haßte er ihn mit blinder, kindischer Wut.

»Aber ich bin kein Mörder – ich!« sagte er sich mechanisch wieder und wieder.

Chiquita scharrte mit dem Fuße und war ungeduldig, weiterzukommen. Das Wasser stieg um ihre Hufe. Es glitzerte nun allerwärts zwischen dem Schilfe. Der Tod wartete auf die beiden Männer – ein stiller, ruhiger, gewisser Tod – um so schrecklicher, als keine Gewalt dabei in Frage kam. Der silberfarbene Nebel umschloß die Welt noch immer, wie die Wände eines Zeltes; seine purpurnen und gelben Schattierungen glänzten ruhig in seinem Lichte; über den Köpfen senkten sich die schwarzen, unheimlichen Bussarde tiefer und tiefer. Tirar knirschte, als er sie gewahrte, mit den Zähnen.

Chiquita konnte einen Mann retten, aber nur einen.

Die Tirars und Soults waren seit Generationen Männer voll Mut und Ehre gewesen. Ihr Blut stürmte jetzt durch seine kleine, behäbige Gestalt.

Ein Gedanke durchzuckte ihn wie ein zweischneidiges Schwert. »Wenn Knight stirbt, so bricht ihr das Herz. Aber ich!« Dann knipste er wieder verächtlich mit dem Finger. »Was macht sie sich aus dem armen alten José?«

Wir wollen nicht fragen, was während der nächsten zehn Minuten in seinem Herzen vorging.

Er und sein Gott waren allein miteinander.

Er ritt zu Knight heran und klopfte ihm auf die Schulter. »Hallo, was ist denn geschehen?«

»Ich bin festgeklemmt. Dieses Untier von Pferd sinkt in dem teuflischen Schlamm.«

»Schlagen Sie es nicht! Ich will mit Ihnen das Pferd wechseln, wenn Sie's eilig haben, nach der Pflanzung zu kommen. Chiquita bringt Sie schneller dorthin als Ihr Gaul.«

»Aber Sie? Ich verstehe Sie nicht recht. Was wollen Sie denn tun?«

»Ich habe keine Eile.«

»Dieses Pferd wird Sie nicht tragen. Es kommt mir so vor, als würde der Schlamm tiefer.«

»Ich kenne die Pferde und den Schlamm unserer Marschen besser als Sie. Kommen Sie, nehmen Sie Chiquita!«

Knight stieg ab und bestieg die Stute mit einem verblüfften Gesichte. Er hatte angefangen zu glauben, daß er tatsächlich in Gefahr wäre, und fühlte sich beschämt, daß José die Sache so leicht nahm.

»Nun gut, adieu, Monsieur Tirar!« sagte er. »Es ist sehr gütig von Ihnen, daß Sie mir das verdammte Vieh abnehmen. Ich werde es, wenn irgend möglich, morgen verkaufen.« Er nickte José zu und griff scharf in die Zügel. »Komm' vorwärts!« sagte er, indem er Chiquita mit der Reitgerte berührte.

José sprang wie eine Katze auf ihn zu.

»Tod und Teufel! Wagen Sie nicht, sie zu berühren!« indem er ihm die Gerte entriß und sie erhob, um ihm einen Schlag zu versetzen, » Pardon, monsieur!« sagte er, indem er sich aufrichtete, »mein Pferd erträgt keinen Schlag. Reden Sie kein Wort, und Chiquita wird Sie sicher heimbringen.« Seine Hand ruhte für einen Augenblick auf dem Halse der Mähre. Er flüsterte ihr etwas auf spanisch zu, und dann wandte er sich um, damit er sie nicht fortgehen sähe.

Herr Knight erreichte die oberen Marschen in ungefähr zwei Stunden. Er gewahrte ein Boot, das den Kanal hinabfuhr, und da er Mr. de Fourgon und einige andere Herren von der Pflanzung darin erkannte, ritt er auf sie zu.

»Gott sei Dank, daß Sie in Sicherheit sind, Herr Knight!« rief Mr. de Fourgon. »Aber wie kommt denn das? Das ist ja Chiquita, auf der Sie reiten! Wo haben Sie sie denn gefunden?«

»Der närrische kleine Mexikaner bestand darauf, daß wir mit den Pferden tauschen sollten. Mein Gaul war im Schlamm eingesunken und –«

Die Männer sahen sich an.

»Wo haben Sie ihn verlassen?«

»In der Seemarsch, dicht an der Mündung des Kanals. Wie, was denken Sie denn? Ist er in Gefahr? Halt!« rief er, als sie ohne ein Wort weiter wegruderten. »Um Gottes willen, lassen Sie mich mit!« Er ließ Chiquita am Ufer und sprang in das Boot, indem er ein Ruder ergriff. »Meinen Sie, daß er sein Leben meinetwegen gewagt hat?« sagte er.

»Es sieht ganz danach aus,« sagte Herr Mc Cann, »und doch hätte ich darauf schwören können, daß er Sie gerade gar nicht leiden möchte.«

»Das alte Tirar-Blut ist noch nicht von der Erde verschwunden,« sagte Mr. de Fourgon mit leiser Stimme. »Aber nun paßt auf! Gleichzeitig einschlagen! Ich fürchte, wir kommen zu spät!«

Die ganze Marsch stand unter Wasser, ehe sie dieselbe erreichten. Sie fanden Josés Gestalt vom Wasser überflutet, aber in einem schwarzen Walnußbaum eingeklemmt, in den er geklettert war. Sie fiel wie ein Stein ins Boot.

Mr. de Fourgon legte sein Ohr an Josés Herz, drückte seine Brust und stand auf, worauf er durch ein Kopfschütteln ihre fragenden Blicke beantwortete. Er nahm sein Ruder auf und ruderte während einiger Minuten schweigend.

»Scharf zu, meine Herren!« sagte er heiser. »Die Nacht ist fast da. Wir wollen ihn nach meinem Hause bringen.«

Aber Knight glaubte nicht, daß José tot wäre. Er strich und rieb den aufgedunsenen Körper auf dem Boden des Bootes. Als sie das Haus erreichten, und nach stundenlangem, vergeblichem Bemühen selbst der Arzt es ausgab, wollte Knight nicht auf ihn hören.

»Er soll nicht sterben, sage ich Ihnen! Weshalb sollte sein Leben an Stelle des meinen hingegeben sein? Ich habe ihm nicht einmal gedankt, ich Tölpel!«

Nur wenige Augenblicke später blickte er von seinem Reiben auf, und sein Gesicht wurde plötzlich totenbleich. Der Doktor legte seine Hand auf Tirars Brust. »Das Herz schlägt!« rief er erregt. »Treten Sie zurück! Luft – Branntwein!«

Endlich öffnete José seine Augen, und seine Lippen bewegten sich.

»Was ist's, mein guter Kerl?« riefen sie alle, indem sie sich um ihn scharten. Aber nur Knight verstand das Geflüster. Er erhob sich, und erstauntes Verstehen stand in seinen Augen geschrieben.

Er zog Mr. de Fourgon beiseite und sagte: »Ich verstehe es jetzt. Ich weiß, weshalb er es tat,« und eilte hastig fort, um Fräulein Venn zu suchen.

Am nächsten Morgen wurde Herr Tirar in einem Lehnstuhl auf die Galerie getragen.

Er war der Held des Tages. Der gesamte Hausstand von Madame Dessaix bis zu den kleinen schwarzen Negerkindern umkreiste ihn. Fräulein Venn kam strahlend, errötend, die sanften Augen voll Tränen, die Galerie herab. Sie schob sie alle beiseite und setzte sich neben ihn, indem sie seine kalten Hände mit ihren warmen streichelte.

»Bin ich's, die du haben möchtest, José? Nicht die andern? Nur mich?«

»Wenn du ein bißchen Zeit für mich übrig hast, Lucretia?« sagte er demütig.

Sie antwortete so lange Zeit nicht, daß er sich umwandte und ihr ins Gesicht blickte.

»Ein bißchen Zeit? Alle Zeit!« flüsterte sie.

José bog sich vor. Sein erkältetes Herz schien, seit er aus dem Wasser gezogen war, kaum noch zu schlagen. Nun jagte es das Blut heiß durch seinen Körper.

»Was meinst du, Kind?« sagte er streng. »Bedenke wohl, was du sagst. Es ist der alte José. Willst du sagen, daß –?«

»Ja, und das habe ich immer gedacht,« sagte sie ruhig. »Wir sind doch nur übrig geblieben – du und ich. Und Chiquita,« fügte sie lachend hinzu.

*

Eine Woche später erhielt Frau Knight von Robert einen Brief mit der Geschichte seiner Rettung. Sie vergoß darüber viele Tränen.

»Obgleich ich gar nicht einsehe, warum er es für eine so außergewöhnliche Tat des kleinen Mannes hält!« dachte sie. »Jeder Mensch würde Robert gern retten, selbst ein wilder Mexikaner. Und weshalb er um alles in der Welt an Emma Cramer geschrieben hat, um ihr sein Leben, weil es in Gefahr gewesen ist, anzubieten, das geht über meine Begriffe. Sie hat keinen Dollar!«

Gleich darauf sah sie durchs Fenster, daß das Mädchen mit eiligen, leichten Schritten die Felder durchschritt.

»Sie hat von ihm gehört! Sie will mir's erzählen. Nun, ich habe wohl gedacht, Robert würde ein vermögendes Mädchen heiraten, da ihm nun die Wahl offen stand –«

Aber das Herz der Witwe war tief gerührt worden. »Die arme Emma! Sie war Robert wie ein Hund getreu gewesen. Wenn sie kein Geld hat, so wird sie seines sparen, wie es keine Erbin täte. Die Vorsehung macht alle Dinge recht,« dachte sie nachgiebig. »Und sieh'! hat das Mädchen nicht an einem Wochentage ihr bestes weißes Kleid angezogen?! Wie sie sich freuen muß! Ich will ihr entgegengehen. Sie hat keine Mutter, die sie jetzt küssen könnte oder zu ihr sagen: Gott segne dich! – das arme Kind!« Und sie eilte nach der Pforte.

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