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Gallegher und andere Geschichten

Richard Harding Davis: Gallegher und andere Geschichten - Kapitel 4
Quellenangabe
authorRebecca und Richard Harding Davis
titleGallegher und andere Geschichten
booktitleKürschners Bücherschatz
seriesKürschners Bücherschatz
publisherHermann Hillger Verlag
yearo.J.
translatorGertrude Hildebrandt-Eggert
illustratorW. Roegge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170302
projectid27ab685a
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Rags Raegen.

Von Richard Harding Davis.

Rags Raegen war aus seinem Elemente heraus, seinem eigentlichen Elemente – dem Wasser, und ganz vorzugsweise dem Wasser des East River. Man kann wenigstens nicht behaupten, daß er, wenn es galt auf »die Dächer zu steigen«, in seinem eigentlichen Elemente war.

War er sonst von der Polizei verfolgt worden, so war er nach dem Flusse hingejagt und von der Lände aus kühn hineingesprungen, während seine Verfolger bestürzt ihm nachstarrten.

Ja, drei ehrbare Bürger seines Bezirks, die noch nichts von den Wasserkunststücken des jungen Raegen gehört hatten, kehrten einst zur Polizeiwache zurück und meldeten ihn dem Sergeanten als verloren an. Sie bedauerten aufrichtig, daß sie einen Mitbürger in den Fluß und damit in den Tod getrieben hätten. Sie wußten nicht, daß Rags Raegen ganz gemütlich bis zur Landungsstelle unter dem Wasser fortgeschwommen war, indessen sie immer noch darauf warteten, ihn in der Nähe der Sprungstelle wieder auftauchen zu sehen.

Diesmal aber konnten alle Schwimmkünste ihn nicht retten. Die Polizei stand zwischen ihm und dem Flusse und schnitt ihm die Flucht nach jener Seite hin ab; zudem hatte man recht gut gesehen, wie er Mc. Gonegal schlug und wie dieser lange Esel hinstürzte. Da blieb ihm also – wenn ihm seine Freiheit lieb war – nichts weiter übrig, als auf die Dächer zu steigen. Das wäre weniger schlimm gewesen, wenn er sich in »seinem Revier« und nicht in den Jagdgründen Mc. Gonegals befunden hätte. In der Kirschenstraße hätte ihm ja ein jeder aus Furcht oder Liebe ein Unterschlupf gewährt, aber in der 33. Straße war Gonegal der Herrscher. Hätte Rags Raegen außerdem gewußt, daß, um auf die Dächer zu steigen, jedes Haus günstiger für ihn gewesen wäre als Cases Haus, so würde er auch nicht gerade da die Treppen hinaufgestürmt sein. Leider hatte er aber keine Wahl, und Eile tat sehr not. So lief er denn mit vorgestrecktem Arme, immer drei Stufen mit einem Satze nehmend, die dunklen Treppen hinauf. In dem vierten Stock fiel er, der ganzen Länge nach, über einen Eimer, in dem ein Besen steckte. Rags fand noch so viel Zeit, das Wesen zu verfluchen, das den Eimer dort hingestellt hatte. Vom sechsten Stockwerke aus führte eine Leiter auf das Dach. Er stieg auch die hinauf und zog sie durch die schmale Falltür zu sich empor. Nun wagte er's, sich umzusehen nach einem schützenden Schornstein. Aber siehe, da taucht aus der Nachbar-Luke der Helm eines Policeman auf, und sieh da – diese Kanaillen! An den gegenüberliegenden Fenstern lagen die zerlumpten Kerls, die Italiener, und machten die Wächter der Gerechtigkeit auf ihn aufmerksam. Da war kein Bleiben. Er griff mit seinen Händen fest in die Dachluke hinein und sprang in den sechsten Stock zurück. Es war kein eigentlicher Fall, aber von der anstrengenden Hatz blieb ihm die Luft weg.

Dennoch stolperte er im nächsten Augenblicke die Treppen wieder hinab und in der Erinnerung an den Eimer tastete er sich sorgfältig mit den Händen und einem vorgestreckten Fuße zurecht. Wenn er nur auf seinem eigenen Terrain gewesen wäre, die Jagd würde ihm Spaß gemacht haben. Aber hier lief er ins Blinde hinein, und was ihm ein sicherer Schlupfwinkel schien, mochte ihn gerade der Polizei in die Arme führen.

Während er so hinuntertappte, wunderte er sich, daß sich noch keine Tür neugierig oder gastlich geöffnet hatte. Die Stille erschien ihm plötzlich unheimlich. Aber da kamen auch schon schwere Tritte die Treppe herauf, und vom Dache her vernahm er, wie jemand die Leiter, die er hinaufgezogen hatte, wieder herunterließ und sich zum Absteigen bereit machte. »Ah!« zischte Raegen, »ihr meint, jetzt habt ihr mich?« und drehte an einem Türknopf. Vergeblich! Er trat an die gegenüberliegende Tür und stemmte sich mit seiner breiten Schulter dagegen. Sie sprang mit einem Krache auf, und er stürzte in ein kahles, finsteres Zimmer. Seine Verfolger mochten unter dem Geräusch der eigenen Schritte das Krachen der Tür überhört haben. So schob er sie leise wieder in den Riegel. Dann blickte er sich um. In einem kleinen Nebenraume lagen Federbetten übereinander geschichtet. Er tauchte hinein, als wenn es das Wasser des East River wäre, kroch bis zur anderen Wand und blieb regungslos liegen. So lauschte er dem Schlage seines Herzens und den Fußtritten auf der Treppe.

Die kamen näher und näher und machten endlich vor dem äußeren Zimmer Halt. Er konnte das Stimmengemurmel der beratenden Männer hören. Dann wurde die Tür aufgestoßen und ein tiefes Schweigen folgte. Nur das Knacken eines Revolverhahnes ließ sich hören.

»Vielleicht steckt er da drinnen,« sagte eine tiefe Stimme, und dabei schüttelte man an den Betten herum.

»Ich war erst vor zwölf Stunden hier,« antwortete eine nicht minder rauhe Stimme. »Ich habe das Pärchen, das hier wohnte, herausgeholt. Sie schrieen erst wie besessen, gingen aber schließlich ganz ruhig mit. Sie haben einen Monat auf der Insel bekommen.«

»Und wer achtet nun auf die Zimmer?« fragte ein dritter.

»Vermutlich niemand. Ich wüßte auch nicht, auf was da viel zu achten wäre.«

»Hast recht,« stimmte der Baß bei. »Aber er ist nicht hier; doch im Hause muß er sein, denn er sprang zurück, als er mich auf dem Dache erblickte.«

»Und an mir ist er auch nicht vorbeigekommen,« fügte der andere hinzu.

Darauf schlossen sie die Tür, ihre Tritte verhallten, und alles blieb ruhig. Der junge Raegen hob seinen Kopf und holte tief Atem, ebenso, als wenn er lange Zeit unter Wasser gewesen wäre. Dann rieb er sich vorsichtig den Schweiß von der Stirn und aus den Augen, und schickte sich an, aus seinem Versteck hervorzukriechen. War es das Regen seines eigenen Körpers, das Knittern der Betten, was ihn da plötzlich schreckte? Ihm war es, als erstarre das Blut in seinen Adern zu Eis, sein Atem stockte. Von dem Nebenzimmer her kroch etwas zu ihm heran. Der Trieb der Selbsterhaltung wollte ihn antreiben aufzuspringen und sich zur Wehre zu setzen, doch zugleich überkam ihn das Gefühl des Geborgenseins in seinem Verstecke. So nahm er seine ganze Willenskraft zusammen und blieb steif auf dem nackten Boden liegen, obgleich seine Nerven wie im Fieber bebten. Aber dieses krauchende Geräusch ließ nicht nach. Was war das nur? Und es kam näher, immer näher. Ihn schüttelte das Entsetzen und so überwältigte er seinen Willen, warf die Bettstücke mit einem heiseren Schrei von sich und sprang auf die Füße, den Rücken gegen die Wand stemmend und die Arme weit von sich streckend, bereit, einen Mord zu begehen. – – –

Auf dem Fußboden rutschte ein kleines Baby daher, lächelte ihn an und nickte ihm zu. – – –

So stark die Furcht gewesen, die Raegen gepackt hatte, so stark war die Reaktion. Er sank auf die Betten nieder und lachte, lachte, als wenn ihn ein Krampf schüttelte.

Das Baby schien sich über sein Lachen zu freuen, es hielt im Rutschen inne, warf den Kopf zurück und lachte mit, als wenn das ein sehr schöner Spaß wäre, den sie so miteinander hätten. Dann mühte es sich feierlich auf die Füße zu kommen und trippelte auf ihn zu, beide nackten Ärmchen ihm entgegenstreckend und mit einem solchen Blick des Vertrauens, daß Raegen die Arme ausbreitete und das Kindchen an seine Brust drückte.

Er hatte noch nie ein so schönes Kind gesehen. Gesichtchen und Hände waren schmutzig genug, und das Kleid war voller Kohlen- und Aschenstreifen, aber das Gesicht glich keinem anderen, das Raegen je gesehen hatte. Und dann sah ihn das kleine Ding so voller Vertrauen an, gerade als hätten sie sich schon immer gekannt. Aber der Blick dieser Kinderaugen schien ihn zu schmerzen. Es waren so wunderbare schwarze Augen, von einer Tiefe, daß Rags sich beunruhigt fühlte.

»Wußtest du, daß du mir einen solchen Schreck einjagtest, daß ich dich töten wollte?« flüsterte Rags, als wollte er sich entschuldigen. »Wußtest du's?«

Allein das Kindchen lächelte nur dazu und streckte die Hände aus, um Rags Wange zu streicheln. Es lag etwas so wunderbar Sanftes, Weiches in dieser Berührung, daß Rags einen Freudenlaut ausstieß, und als es gar die Ärmchen fest um seinen Hals schloß und sein Gesichtchen an das seine legte und ihn zärtlich drückte, da schien es Rags, als sei ihm etwas Überirdisches passiert.

»Wie heißt du, Kleines?« fragte er.

Das Baby schlang statt aller Antwort seine Ärmchen fester um Raegens Hals, und ihm war, als wispere etwas leise an seinem Ohr.

»Wie sagtest du?« flüsterte er als Erwiderung.

»Magét!«

»Margarethe!« sagte Raegen, »'s ist ein sehr hübscher Name, und wie heißt dein Papa?«

Die Frage schien über des Kindes Geduld oder Wissen hinauszugehen, denn es begann auf Rags Kinn und Kehle mit den Fäustchen zu trommeln.

»Du bist wohl mächtig stark?« spottete der junge Riese. »Vielleicht weißt du nicht, kleines Fräulein,« fügte er ernst hinzu, »daß dein Papa und deine Mama eine Zeitlang auf der Insel beschäftigt sind, und daß du sie vier Wochen lang nicht wieder sehen wirst?«

Das Baby wußte nichts davon und machte sich augenscheinlich auch nichts daraus. Es war mit Rags und seiner Gesellschaft zufrieden.

Bei der Unterhaltung mit dem Kinde hatte Rags ganz vergessen, daß es Abend geworden war und völlige Dunkelheit aus das Zimmer herabsank. Ja, er hatte beinahe vergessen, daß er sich in einem Verstecke befand, von unfreundlichen Nachbarn umgeben, und daß in jedem Augenblicke die Vertreter der Gerechtigkeit eintreten und ihn in rauher Weise fortführen konnten. So wagte er nicht, Licht anzuzünden, sondern setzte sich so, daß das elektrische Licht von draußen auf des Kindes Gesicht fallen und er sehen konnte, wie es in seinen Armen einschlummerte.

Plötzlich fühlte er, daß er hungrig war, und so kam ihm der Gedanke, daß auch das Baby wohl dringend der Nahrung bedürftig wäre. Er legte deshalb seine kleine süße Last auf das Bett und suchte auf den Fußspitzen eine Fourageexpedition zu unternehmen. Ein halber Schinkenknochen und ein Kanten harten Brotes bildeten den Inhalt des einzigen Schrankes, der sich vorfand, und auf dem Tische fand er eine Flasche voll schlechten Whiskys. Daß die Polizei das Kind nicht gesehen hatte, war ihm gar nicht aufgefallen, aber daß sie an dieser Kostbarkeit ahnungslos vorübergegangen war, freute ihn unendlich. Nicht, weil sie ihm zufiel, sondern weil jene darum zu kurz gekommen waren. Das kam ihm so komisch vor, daß er einige Minuten lachend dastand und sich gar nicht wieder zu fassen vermochte. Dach als er dahinter kam, daß sonst gar nichts Genießbares aufzutreiben war, ernüchterte ihn das sehr schnell. Es war sehr heiß, und obgleich die Fenster geöffnet waren, stand ihm doch der Schweiß auf der Stirne, und die dumpfe Luft, die von Hof und Straße aufstieg, ließ ihn nach Atem ringen. Er feuchtete einen Lappen unter der Wasserleitung im Flure an, füllte eine Tasse mit Wasser und badete des Kindes Gesicht und Handgelenke. Die Kleine wachte auf, trank begierig das Wasser aus der Tasse und sah ihn dann an, als ob sie um mehr bäte. Rags weichte die Brotkruste im Wasser auf und hielt sie dem Kinde an die Lippen, aber bald schüttelte es den Kopf und sah ihn so vorwurfsvoll an, als wollte es eine Flut von Anklagen gegen ihn schleudern.

Das tat ihm so weh, daß ihm die Tränen in die Augen stiegen.

»Liebstes Mädchen,« rief er, »ich möchte dir alles geben, was ich nur irgend hätte. Aber, siehst du, ich kann nichts bekommen? Es liegt doch nicht dran, daß ich nicht will – du lieber Gott, Kleines, du denkst doch das nicht etwa?«

Das Kind lächelte dazu, gerade als ob es ihn verstanden hätte, und streichelte ihn, wie um ihn zu trösten, so daß Rags wieder das himmlische Behagen fühlte, das ihn schon vorhin überschlich, als das Kind ihn liebkoste. Endlich kroch sie ihm auf den Schoß und schlief ein, während Rags regungslos dasaß und ihr mit einem zusammengeknifften Zeitungsblatt Luft zufächelte. Inzwischen war es ganz dunkel geworden. Von draußen drang das Geschwätz der Nachbarn herein. Als aber gar eine Gruppe zu einem Leierkasten zu singen anfing, schalt er sie betrunkene Narren. So groß war sein Ärger, daß sie das Kind wecken könnten. Dann, je weiter die Nacht voranschritt, wurde es kühler und stiller. Rags saß unbeweglich. Nur dann und wann schauerte er zusammen und bewegte vorsichtig seine steifgewordenen Glieder. Der Arm, mit dem er das Kind hielt, wurde ihm steif und starr, aber er empfand ein wahres Vergnügen an dem Schmerze, wurde ganz unempfindlich dagegen. Endlich versank auch er in einen unruhigen Schlaf, aus dem er nur erwachte, um den kleinen, weichen Körper noch näher an sich heranzuziehen. Und dann schlossen sich seine Augen wieder, sein Kopf sank schwer gegen die Mauer, und Mann und Kind schliefen friedlich in der dunklen Ecke des verlassenen Gebäudes. – – –

*

Als Rags am andern Morgen erwachte, schien die Sonne sengend zu dem offenen Fenster herein. Jedes Glied tat ihm weh und seine Augen brannten wie Feuer. Das kleine Baby atmete in harten, langen, unregelmäßigen Stößen, sein Mund war geöffnet, die winzigen Fäustchen waren geballt und um die festgeschlossenen Augen zogen sich tiefe blaue Ringe. Rags fühlte, wie ihn ein Frösteln der Ungewißheit, der Furcht überschlich, als er sich hilflos nach Rettung umsah. Er hatte schon früher in den Mietskasernen derartige Babys gesehen; so waren sie, wenn die jungen Doktoren aus den Sanitätswachen unter die Dächer kletterten, um sie anzusehen, und ebenso, nur still und ruhig, waren sie, wenn die Krankenwagen kamen und sie fortholten. Rags trug das Kind in das äußere Zimmer, wo die Sonne noch nicht hingekommen war, und legte es vorsichtig auf eine Decke; dann ließ er das Wasser ablaufen, bis es leidlich kühl war, badete der Kleinen Gesicht, Füße und Hände und hielt eine Tasse Wasser an ihre geöffneten Lippen. Sie erwachte dann und lächelte wieder, aber sehr schwach, und als sie ihn ansah, wurde er sich angstvoll bewußt, daß sie ihn nicht kannte, und daß sie durch ihn hindurch und an ihm vorbei nach Dingen schaute, die er nicht gewahrte.

Er wußte nicht, was er tun sollte, und er wollte ihr doch so gerne helfen. Milch war das einzige, von dem er wußte, daß kleine Kinder sie begehren. Aber er hatte keine. So machte er wieder ein Gemengsel von trockenem Schinken und Brot zurecht, feuchtete es mit Whisky an und hielt es der Kleinen an die Lippen. Das Kind kostete und stieß seine Hand weg, dann blickte es auf, stieß einen schwachen Schrei aus und schien so deutlich, wie es nur ein Erwachsener vermocht hätte, zu sagen: »Es nützt dir nichts, Rags. Du bist sehr gut gegen mich, aber ich kann das Zeug wirklich nicht genießen. Gräme dich nicht darum, ich mache dir ja keine Vorwürfe!«

»Lieber Gott,« stöhnte Rags mit einem seltsamen Gefühle, »was mache ich nur?« Da fiel ihm ein, daß wohl noch andere Leute im Hause wohnten, die vielleicht noch schliefen, und denen er das Frühstück stehlen könne. Von dieser Hoffnung neu belebt, lief er barfüßig die Treppe hinunter und versuchte verschiedene Türen zu öffnen. Sie gaben alle nach, doch die Zimmer waren alle leer und verlassen. Dann fiel ihm ein, daß er zu dieser Stunde wohl sogar einen Ausflug aus die Straße wagen könnte. Er hatte Geld bei sich, und die Milch- und Bäckerwagen mußten jeden Augenblick vorüberkommen. Er lief zurück, um sich einen Topf zu holen, beugte sich einen Augenblick über das Kind und errötete wie ein Mädchen, als er sich niederbog und es auf die bloßen Ärmchen küßte. »Ich gehe aus, um dir Frühstück zu holen,« sagte er. »Ich bleibe nicht lange, sollte es aber doch geschehen,« fügte er hinzu und zuckte die Schultern, »so werde ich dir den Polizeiwachtmeister schicken. Wenn ich nur nicht schon verwiesen worden wäre, Ruhe zu halten,« murmelte er, als er die Treppe hinunterschlüpfte. »Wenn das nicht wäre, so könnten sie mir ja allerhöchstens einen Monat aufbrummen. Es war doch nur ein Straßenkampf, und irgend wer muß doch gesehen haben, daß Gonegal zuerst den Revolver gezogen hat.« Er setzte sich auf die oberste Stufe der ersten Treppenflucht und wartete. Unten konnte er durch die offene Haustür einen Teil der Straße sehen, und als er das Rasseln eines herankommenden Wagens hörte, lief er hinab, aber nur, um sich im nächsten Augenblicke mit einem Fluche zurückzuwenden und wieder die Treppe hinaufzuspringen. Er hatte die Polizisten jenseits der Straße im Zwiegespräch stehen gesehen.

»Was tun sie wohl zu dieser Stunde außer Bett?« fragte er sich ärgerlich. »Machen sie tagsüber nicht Schwierigkeiten genug, müssen sie herumlungern, ehe anständige Leute aufstehen. Ich möchte bloß wissen, ob sie mich auf dem Korn haben!« Er sank, als er des Kindes Zimmer erreicht hatte, auf die Knie nieder und spähte vorsichtig aus dem Fenster auf die Polizisten, zu denen sich zwei andere Männer gesellt hatten, mit denen sie ernsthaft sprachen. Raegens erkannte in den neu Hinzugekommenen zwei von Mc. Gonegals Freunden und schloß mit einem momentanen Stolzgefühle, daß die Beamten nur seinetwegen zu so früher Stunde auf sein mußten. Aber der nächste Gedanke war, daß er Mc. Gonegal ernstlich verwundet haben mußte, und daß sie sich deshalb so bemühten, seiner habhaft zu werden. Zu seiner Überraschung merkte er, daß ihm das nur darum beunruhigte, weil es seinem Suchen nach Nahrungsmitteln Einhalt gebot. »Mir scheint, ich kann dir die Milch doch nicht besorgen, Kleines,« sagte er scherzend zu dem Kinde, denn die Erregung erfrischte ihn. »Die Sonne draußen ist meiner Gesundheit nicht gut.« Die Kleine legte sich in seinen Armen zurecht und schlief wieder ein, was Rags ernüchterte, denn er erachtete es für ein schlimmes Zeichen, und sein eigener quälender Hunger deutete ihm an, wie das Kind litt. Als er ihr wieder sein Gemengsel anbot, nahm sie es gierig, und Rags stieß einen Seufzer der Befriedigung aus. Dann aß er selbst etwas Brot und Schinken, trank die Hälfte des Whiskys und legte sich neben das Kind, um es zu fächeln. Es kam Rags seltsam unbegreiflich vor, daß er sich so befriedigt fühlte, als er ihm diesen kleinen Dienst erwies, doch er vergaß das und alles andere bei der Beobachtung der eigenartigen Schönheit des schlafenden Kindes und in dem seltsamen Gefühle der Verantwortlichkeit und Selbstachtung, die das kleine Wesen in ihm erweckt hatte.

Er fühlte nicht, wie ermattet er selbst war, sonst hätte er dagegen angekämpft, aber die Hitze des Tages, die Schlaflosigkeit der Nacht und der Whisky in seinem leeren Magen trieben ihn unwillkürlich in eine dumpfe Benommenheit hinein, so daß der Papierfächer seinen Händen entfiel und er in schweren Schlaf auf das Bett zurücksank. Als er erwachte, war es fast dämmerig und sechs Uhr vorbei, was er dem Rufen der Zeitungsjungen unten auf der Straße entnahm. Er sprang auf, verfluchte sich selbst und war von den bittersten Gewissensbissen gepeinigt.

»Ich bin ein Trunkenbold, ja, das bin ich,« sagte Rags zornig. »Ich habe sie den ganzen Tag in der Hitze liegen lassen, ohne eine Menschenseele, die sich um sie kümmerte. Margarete atmete so leise, daß er kaum noch Leben in ihr zu entdecken vermochte und sein Herzschlag vor Furcht stockte. Er nahm das Kind auf und fächelte und streichelte es, bis es erwachte, und dann wandte er sich verzweiflungsvoll dem Fenster zu und blickte hinab. Soviel er sehen konnte, war da niemand, der ihn kannte, oder den er kannte, und so entschloß er sich rücksichtslos, einen nochmaligen Beutezug nach Lebensmitteln zu wagen.

»Jetzt sind's ja fast zwei Tage, daß das Kind nichts zu essen bekommen hat,« sagte er mit lautem Vorwurf, »und du hast sie leiden lassen, um dir eine Erholungsreise nach der Insel zu ersparen. Du bist ein roher Kerl,« fuhr er leise fort, »und das tust du, nachdem sie zu dir herangekommen ist und sich um dich gekümmert hat und ihr Gesicht an deines geschmiegt, grad wie ein Engel.« Er zog die Schuhe wieder aus und huschte vorsichtig die Treppe hinunter.

Als er an der untersten Flucht anlangte, hörte er einen Zeitungsjungen etwas ausrufen, doch konnte er die Worte nicht verstehen. Rags wollte gerne ein Blatt haben, vielleicht stand über ihn selbst etwas darin. Der Junge kam näher und Rags bog sich vor, um zu hören.

»Extrablatt! Extrablatt!« rief der Junge im Weiterlaufen. »Voller Bericht über den Totschlag Pike Mc. Gonegals durch Rags Raegen.«

Die Lichter in der Straße schienen plötzlich aufzuflammen und sich dann zu verdunkeln, und Rags war wie geblendet und taumelte einen Schritt vor.

»Halt,« brüllte er, »halt! Totgeschlagen, nein, bei Gott, nein,« rief er und stolperte die Treppe halb hinunter, »halt, halt!« Doch niemand hörte auf Rags, und seine eigene Stimme tat ihm Einhalt. Er sank aus die Stufen nieder und schlug die Hände vor die Augen.

»'s ist eine Lüge! Eine Lüge!« flüsterte er heiser. »Ich schlug ihn in der Notwehr nieder. Weiß Gott! Er trieb mich dazu. Er zog seinen Revolver. Ich habe es nur in der Notwehr getan.«

Und dann veränderte sich Rags Aussehen mit einem Schlage, und der Schrecken, das Entsetzen, die aus seinen Zügen gesprochen hatten, wandelten sich in Verschmitztheit und böse Verschlagenheit. Seine Lippen legten sich fest aufeinander, und er atmete hastig durch die Nüstern, während sich seine Finger um die Knie krampften und wieder lösten. Alles, was er auf den Straßen und Werften und Dächern gelernt hatte, all jene traurigen Erfahrungen und gefährlichen Kenntnisse, die ihn zu einem Helden unter den Dieben und Einbrechern an der Flußseite gemacht hatten, rief er jetzt zur Hilfe herbei. Er trat der Tatsache mit der kühlen Überlegung eines objektiven Beurteilers entgegen. Er wußte, daß die Geschichte seines Lebens in den Büchern der Polizeibehörde seit dem Tage, an dem er zehn Jahre alt geworden war, mit erbarmungsloser Genauigkeit geführt wurde, daß die Freunde, die er besaß, mehr durch Furcht als Liebe an ihn gefesselt waren, daß seine Feinde nur auf eine Gelegenheit warteten, lange geduldete und bitter empfundene Kränkungen zu rächen, und daß seine einzige Sicherheit in schneller Flucht bestand. Die Fährboote wurden natürlich überwacht; er wußte auch, daß die Depots mit Männern überfüllt waren, deren einzige Aufgabe darin bestand, die ankommenden Verbrecher zu beobachten und die fortwollenden festzuhalten. Aber er kannte einen alten Mann, der zu klug war, um irgend welche Fragen zu stellen, und der ihn über den East River nach Cestoria rudern würde, und dann kannte er noch einen andern an der Westseite, dessen Boot stets zur Verfügung schweigsamer Weißgesichter war, die zu einer beliebigen Tag- oder Nachtstunde bei ihm anklopften, und die er hinüber nach dem Jersey-Ufer lotste, wobei er sich in guter Entfernung von den Lichtern der Fährboote und der grünen Lampe des Polizeibootes hielt. Und einmal drüben, brauchte er nur seinen Namen zu wechseln und zu schreiben, daß ihm unter der Adresse Geld geschickt würde, und zu arbeiten, bis Gras über die Geschichte gewachsen war. Er sprang in voller Kraft wieder auf die Füße, aufs höchste und angenehmste von der ihn bedrohenden Gefahr und ihrem möglicherweise verhängnisvollen Ausgange erregt, und dann kam ihm gleich einem plötzlichen Blitzstrahl die Erinnerung an das kleine Kind, das auf den schmutzigen Betten oben im Zimmer lag.

»Ich kann's nicht tun,« murmelte er heftig, »ich kann's nicht,« rief er, als ob er mit irgend jemandem verhandelte. »Es liegt schon ein Strick um meinem Hals, und alles spricht gegen mich; jeder für sich, und von Gnade ist keine Rede.« Er warf die Arme in die Luft, als wollte er die Gedanken zurückstoßen, und wühlte mit den Fingern im Haar. Sein altes Ich stand in ihm auf und verspottete ihn als einen schwachen Toren und stellte ihm vor Augen, wie groß seine persönliche Gefahr wäre, und so sprang er vorwärts, nicht nur auf die Straße, sondern als ob er dem andern Ich entfliehen wollte, das ihn zurückhielt. Er war noch barfuß, und als er das gewahrte, hielt er inne und kehrte um, damit er seine Schuhe hole; doch dann malte er sich aus, wie das Baby dort läge, bewußtlos, mit den dunklen Ringen unter den Augen, und er fragte sich tiefbewegt, was er wohl tun sollte, wenn sie bei seiner Rückkehr ihn anlächelte und ihm die Händchen entgegenstreckte.

»Ich wage nicht umzukehren,« sagte er atemlos. »Ich wage es nicht; totschlagen ist für solche Sorte wie Pike Mc. Gonegal noch zu gut, aber ich kämpfe nicht mit kleinen Kindern. Und vielleicht, wenn ich zurückginge –, vielleicht – fände ich nicht den Mut, sie zu verlassen; ich kann's nicht, ich wage mich nicht zurück.« So blieb er regungslos, die Hand auf das Treppengeländer gestützt, stehen und kämpfte allein in dem Schweigen des leeren Hauses einen gar schweren Kampf.

Die Lichter in den Läden unten leuchteten eines nach dem andern auf, die Minuten dehnten sich zu halben Stunden, und noch immer stand er dort, wo der Straßenlärm, der von unten heraufdrang, ihm von Flucht und einem langen Leben voll unerlaubter Freuden sprach, und über ihm lag das Kind im Dunkeln und streckte im Schlafe die Ärmchen nach ihm aus.

*

Der grämliche alte Sergeant des einundzwanzigsten Polizeireviers hatte die Abendzeitung zum drittenmal durchgelesen und dämmerte beim hellen Lichte der Gaslampe an seinem Pulte, als ein junger Mann mit bleichem, hagerem Gesichte, ein Kind auf dem Arme, von der Straße hereintritt.

»Ich möchte die Frau sprechen, die nach dem Stationshause sieht – schnell,« sagte er.

Dem grämlichen alten Sergeanten gefiel der befehlshaberische Ton des jungen Mannes wie überhaupt seine ganze Erscheinung nicht, denn er trug weder Hut noch Rock und war barfuß; so sagte er mit bedachtsamer Würde, daß die Frau sich eben niedergelegt hätte, und fragte, was der junge Mann von ihr wolle? »Dieses Kind,« sagte der Besucher mit seltsam belegter Stimme, »'s ist krank. Die Hitze hat es überwältigt und es hat achtundvierzig Stunden nichts zu essen gehabt, es ist am Verhungern. Klingeln Sie nach der Frau, bitte, und schicken Sie jemanden nach dem Doktor.«

Der Beamte lehnte sich, die Hände unter das Knie gestützt, behaglich vor und dabei glitzerten seine goldenen Manschettenknöpfe. Er bildete sich ein, er wäre humoristisch beanlagt, und wählte diesen unglücklichen Augenblick, um es darzutun.

»Halten Sie das Haus für 'ne Apotheke, junger Mann?« fragte er, »oder,« fügte er scherzhaft hinzu, »für ein Findelhaus?«

Der junge Mann sprang voller Wut an das Gitter vor dem Pulte: »Zum Teufel auch,« keuchte er, »wollt Ihr sofort klingeln, oder ich hol' Euch da herunter und blase Euch das Lebenslicht aus.«

Das Kind schrie plötzlich auf und Rags trat zurück, streichelte es sacht und murmelte etwas zwischen seinen zusammengebissenen Zähnen. Der Sergeant rief den Leuten im Nebenzimmer etwas zu, und um dem verzweifelten Besucher zu Willen zu sein, klingelte er nach der Beschließerin. Die Beamten trotteten langsam, die Spielkarten in der Hand und die Pfeifen im Munde, herein.

»Dieser Mann,« sagte der Mann mürrisch, wobei er mit dem Ende seiner Cigarre auf Rags wies, »ist entweder betrunken, oder verrückt, oder ein bißchen von beiden.«

Die Beschließerin kam majestätisch die Treppe herab. Sie war in ein langes, loses Gewand gehüllt und fächelte sich mit einem Palmblatt-Fächer, doch als sie das Kind erblickte, fiel ihre Majestät gleich einem Mantel von ihr ab, und sie lief auf die Kleine zu und nahm sie in die Arme. »Du armes kleines Ding,« murmelte sie, »und o, wie schön!« Dann wirbelte sie zu den Männern hin: »Sie, Connors,« sagte sie, »laufen Sie nach meinem Zimmer hinauf und holen Sie die Milch aus dem Eisschrank; und Moore, zieh'n Sie Ihren Rock an und sagen Sie dem Doktor, ich wolle ihn sehen. Und einer von ihnen kann dann noch Eis kleinschlagen und in ein Handtuch tun. Aber flink ein bißchen!«

Raegen trat besorgt zu ihr heran. »Ist sie sehr krank?« flüsterte er, »sie wird doch nicht sterben?«

»I bewahre,« sagte die Frau, »aber sie ist von der Hitze mitgenommen und ist nicht ordentlich besorgt worden; das Kind sieht ja halb verhungert aus. Sind Sie der Vater?« fragte sie scharf. Aber Rags entgegnete nichts, denn sobald sie ihm gesagt hatte, daß die Kleine nicht sterben würde, hatte er diese in die Arme genommen und drückte sie fest an die Brust, als ob er sie verloren gehabt hätte und sie ihm nun wiedergeschenkt worden wäre.

Sein Kopf war über sie geneigt, und so bemerkte er Wade und Heffner nicht, die beiden Polizisten, die müde und erhitzt von der Straße hereinkamen. Sie warfen einen flüchtigen Blick auf die Gruppe und dann zuckten sie zusammen und der eine stieß einen langen leisen Pfiff aus.

»Nun?« rief Wade überrascht. »So sind Sie also doch hier, Raegen? Sie haben uns aber mal schön in Atem gehalten! Wer hat Sie denn eingebracht?«

Die übrigen Leute blickten neugierig auf Rags, als sie mit einem Male den Namen des Mannes fallen hörten, nach dem sie alle zwei Tage lang unermüdlich gesucht, und die Frau hörte plötzlich mit dem Milcheinfüllen auf und starrte in unverhohlenem Erstaunen auf den jungen Mann. Raegen warf den Kopf zurück und musterte kalt die Gruppe von Männern, die ihn im Halbkreise umstand.

»Wer mich eingebracht hat?« meinte er trotzig mit einer gewissen prahlerischen Klangfarbe im Tone, und dann hielt er inne, als ob es kaum der Mühe lohnte zu reden, und als ob des Kindes Gegenwart ihn über alles andere emporhöbe. So nahm er die Kleine aus und legte ihre Wange an die seine. »Wer mich einbrachte?« wiederholte er dann ruhig, ohne die Augen von dem Gesichte des Kindes zu heben. »Niemand! ich habe mich selbst gestellt.

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