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Gallegher und andere Geschichten

Richard Harding Davis: Gallegher und andere Geschichten - Kapitel 3
Quellenangabe
authorRebecca und Richard Harding Davis
titleGallegher und andere Geschichten
booktitleKürschners Bücherschatz
seriesKürschners Bücherschatz
publisherHermann Hillger Verlag
yearo.J.
translatorGertrude Hildebrandt-Eggert
illustratorW. Roegge
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20170302
projectid27ab685a
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Gallegher.

Von Richard Harding Davis.

Ehe Gallegher zu uns kam, hatten wir eine ganze Anzahl Burschen in Dienst, aus der indessen keiner besonders auffiel. So galten sie uns einer wie der andere. Wir unterschieden sie nicht einmal nach den Namen, und wurde einer gebraucht, so hieß es einfach: »Du, Bengel, komm einmal her,« oder wie es einem sonst just einfiel.

Mit Gallegher war das von allem Anfang anders. Er war so grundverschieden von den andern Jungen, daß er gar nicht als Gattung, sondern sogleich als Persönlichkeit in Betracht kam. Er war kurz und breit gebaut, aber von einer soliden, muskulösen Breite. Auf seinem Gesicht stand beständig ein verständnisvolles Lächeln, als wenn ihm die Menschen und die Welt gar keinen so besonderen Eindruck machten, seine Augen, die sehr schwarz waren, hatten den schlauen Blick eines Dachshundes.

Alles, was Gallegher wußte, hatte er auf der Straße gelernt; an und für sich ist das keine besonders gute Schule, aber sie zeitigt umsichtige Menschen. Gallegher wußte wenig von der Weltgeschichte, ja er konnte nicht einmal die dreizehn ursprünglichen Staaten Nordamerikas aufzählen, aber er kannte die sämtlichen Beamten des zweiundzwanzigsten Polizeidistriktes bei Namen und er vermochte den Klang der Glocke aus den Dampfspritzen von dem der Patrouillewagen oder Krankenkarren auf eine tüchtige Entfernung hin zu unterscheiden.

Gallegher war so sehr jung, und für seine Jahre so sehr alt, daß wir ihn dessenungeachtet alle gern mochten. Er lebte im äußersten Norden von Philadelphia, wo die Baumwoll- und Wollspinnereien am Flusse liegen, und wie er je nach Hause kam, wenn er das Redaktionsbureau um zwei Uhr morgens verließ, das war uns allen ein Geheimnis. Manchmal erwischte er einen Wagen, meist aber lief er den ganzen Weg und kam dann in dem kleinen Hause, wo er und seine Mutter allein wohnten, früh um vier Uhr an. Er kannte verschiedene Kutscher von den »Nachteulen«, jenen Fuhrwerken, die des Nachts die Straßen nach verspäteten Heimgängern absuchen, und wenn es ein sehr kalter Morgen war, so ging er gar nicht nach Hause, sondern kroch in eine dieser Droschken und kauerte sich, bis der Tag anbrach, auf die Kissen.

Außer seiner Behendigkeit und Fröhlichkeit besaß Gallegher die Gabe, die jüngeren Herren Redakteure zu amüsieren. Sein Klotztanz auf dem Pulte des Chefredakteurs, wenn der Herr sich in die Setzerei begeben hatte, um noch zwei Spalten Raum für wichtige Nachrichten vom Metteur zu erkämpfen, war für uns immer eine Quelle reiner Freuden, und seine Nachahmung der Komödianten in den Variété-Theatern entzückten sogar unsern Theaterkritiker, dem sonst ein Lächeln abzulocken die Schauspieler sich vergeblich mühten.

Aber Galleghers Spezialität war die Vorliebe für jede Neuigkeit, die sich auf ein Verbrechen bezog.

Nicht, daß er selbst einen verbrecherischen Hang gezeigt hätte. Im Gegenteil, er war ein geborener Detektiv, und sein düsteres Interesse für die Taten seltsamer Charaktere, seine Kenntnis ihrer Methoden machten ihn oft zu einem wertvollen Verbündeten unseres Polizeireporters, dessen tägliche Feuilletons das einzige im Blatt waren, das zu lesen Gallegher sich herbeiließ.

Einmal schickte ihn die Zeitung in das Heim für hilflose Waisen, weil man vermutete, daß es dort nicht mit rechten Dingen zuging. Gallegher erledigte seinen Auftrag, indem er sich selbst als hilflose Waise aufspielte und hielt die Augen so gut offen, daß sein Bericht zu einer Reform der Anstalt und zur Bestrafung der gewissenlosen Beamten führte.

Galleghers Kenntnis der Entlassungszeit aller Kapitalverbrecher war fast ebenso gründlich, als die des Polizeichefs selbst; er wußte auf Tag und Stunde anzugeben, wann »der holländische Nack« aus dem Gefängnis entlassen werden würde, und mit einem Blick wußte er »Dick Oxford, den Hehler,« und »Herrn Dan, den Taschendieb« zu identifizieren.

In Philadelphia machten derzeit zwei Ereignisse Sensation. Ein bevorstehender Wettkampf von Preisboxern und der Burrbanksche Mord. Mit beiden Angelegenheiten beschäftigte sich naturgemäß die Presse.

Richard F. Burrbank war einer der bedeutendsten Eisenbahnanwälte in New-York; er war auch der Besitzer von vielen Eisenbahnaktien und ein sehr wohlhabender Mann. Um sechs Uhr morgens hatte ihn der Haushofmeister am Fuße der Haustreppe mit zwei Schußwunden über dem Herzen aufgefunden. Er war tot. Sein Geldschrank, zu dem nur er und sein Sekretär die Schlüssel hatten, stand offen und 200 000 Dollars in Aktien, Wertpapieren und Geld, die er erst am Abend vorher hineingelegt hatte, fehlten. Der Sekretär war gleichfalls verschwunden. Sein Name war Stephan S. Hade, und dieser, sowie seine Personalbeschreibung waren nach allen Weltgegenden telegraphisch mitgeteilt worden. Belastungsmaterial war in Hülle und Fülle vorhanden, so daß kaum ein Zweifel aufkommen konnte, daß Hade der Mörder sei.

Es wurde viel davon gesprochen und im ganzen Lande wurden unglückliche Menschen verhaftet und nach New-York geschickt, um dort identifiziert zu werden. Drei davon waren in Liverpool festgenommen worden, und ein Mann in Sydney in Australien, als er eben an Land gehen wollte. Aber so viel man bisher wußte, war der Mörder entkommen.

Wir sprachen eines Abends in der Redaktion davon, und der Polizeireporter meinte, wenn jemand zufällig auf Hade stieße und ihn der Polizei überlieferte, so brächte ihm das ein Vermögen ein.

»Mich sollte es nicht wundern, wenn ich ihm in Philadelphia auf der Straße begegnete,« sagte einer der Beamten. »Er wird natürlich verkleidet sein, aber man kann ihn ja immer daran erkennen, daß ihm der Zeigefinger der rechten Hand fehlt; der ist ihm, wie Sie ja wissen, abgeschossen worden, als er noch ein Junge war.«

»Sie müssen sich nach einem Manne im Arbeitskittel umsehen,« sagte der Chef, »denn da er Geld genug besitzt, um sich elegant kleiden zu können, so wird er versuchen, so wenig wie möglich wie ein Gentleman auszusehen.«

»Nein, das wird er nicht,« meinte Gallegher mit der ruhigen Impertinenz, die ihn uns so wert machte. »Er wird sich gerade wie ein Herr kleiden. Arbeiter tragen keine Handschuhe, und er muß Handschuhe tragen. Das erste, woran er nach dem Mord gedacht hat, wird der fehlende Finger und die Sorge gewesen sein, wie er den verbirgt. Er wird natürlich seinen Handschuhfinger mit Watte ausgestopft haben, als wäre ein richtiger Finger darin. Sobald er zum ersten Male die Handschuhe auszieht, fassen sie ihn. Das weiß er. Ich bin nun schon seit vierzehn Tagen hinter ihm her, und ich kann ihnen sagen, 's ist 'ne mühsame Geschichte, denn bei dem Wetter trägt alle Welt Handschuhe. Aber wenn man nur aufpaßt, dann wird man ihn schon finden. Und wenn man glaubt, ihn zu haben, muß man ihm freundlich die Hand schütteln, wie einem guten Bekannten. Fühlt man dabei, daß sein Zeigefinger aus Watte ist, dann heißt es, ihn bei der Kehle packen und um Hilfe schreien, bis Unterstützung kommt.«

Der Chef nickte und wir andern bewunderten staunend das kriminalistische Talent, das Gallegher in seiner ruhigen und trockenen Weise vor uns entwickelte.

Ungefähr eine Woche später kam der Geheimpolizist Hefflefinger, einer von Inspektor Byrnes Leuten, nach Philadelphia, um auf einen Einbrecher zu fahnden, über dessen Absichten er unterrichtet war. Er hatte den Verhaftungsbefehl, seine Legitimation und andere nötige Papiere bei sich, aber der Dieb war entflohen. Hefflefinger hielt es für angezeigt, unserer Redaktion seinen Besuch zu machen. Er gab Gallegher seine Karte und der kam, als er sie gelesen und entdeckt hatte, wer der Besucher war, völlig aus dem Häuschen. »Einer von Byrnes Leuten« war für Gallegher ein Ehrfurcht gebietenderes Wesen, als ein Minister. Er ergriff infolgedessen seinen Hut und Paletot, überließ es den andern, seine Pflichten zu erfüllen, und eilte hinter dem Gegenstande seiner Bewunderung her, der seine Kenntnisse der Stadt wertvoll und seine Gesellschaft unterhaltend fand.

Diese offenbare Pflichtverletzung hatte den Geschäftsführer veranlaßt, seine Untergebenen anzuweisen, daß, wenn Gallegher geruhen sollte, wiederzukommen, ihm mitgeteilt würde, daß man seiner Dienste nicht mehr bedürfe. Ohne zu ahnen, was ihm drohte, blieb der Junge mit seinem neuen Freunde bis spät am Abend zusammen und machte sich erst am folgenden Nachmittag wieder auf den gewohnten Weg nach dem Zeitungsbureau.

Gallegher wohnte nur wenige Minuten von der Station der Kensingtonbahn entfernt, von wo aus die Züge nach New-York und seinen Vorstädten fahren. Vor dieser Station geschah es, daß ein glattrasierter, wohlgekleideter Mann an Gallegher vorüber die Stufen zum Billetschalter hinaufeilte. Er hatte einen Spazierstock in der rechten Hand und Gallegher, der geduldig die Hände aller Handschuhe tragenden Menschen beobachtete, sah, daß, während sich drei Finger von des Mannes Hand um den Stockgriff schlossen, der vierte fast in gerader Linie mit der Handfläche stand.

Gallegher blieb atemlos stehen, während seine ganze kleine Gestalt erbebte. In der nächsten Sekunde war er hinter dem Manne her und hängte sich an seine Fersen, während seine Augen vor Erregung feucht wurden.

Er hörte, wie der Mann ein Billet nach Torresdale verlangte, einer kleinen Station unmittelbar vor Philadelphia. Als der Fremde außer Hör-, aber nicht außer Sehweite war, da forderte Gallegher gleichfalls ein Billet nach demselben Orte.

Der Fremde stieg in einen Rauchwaggon und setzte sich ganz in die Nähe der Tür. Gallegher nahm seinen Platz am entgegengesetzten Ende.

Der Fremde zog den Rockkragen über die Ohren und verhüllte damit den unteren Teil seines Gesichts, aber er konnte die Ähnlichkeit in seinen unstet blickenden Augen und festgeschlossenen Lippen mit den Bildern des Mörders Hade nicht verbergen. Nach einer halben Stunde erreichten beide Torresdale und der Fremde, der schnell heraussprang, schlug mit raschen Schritten den Landweg ein, der von der Station wegführt.

Gallegher gab ihm hundert Meter Vorsprung und folgte ihm dann langsam. Der Weg lief zwischen Feldern entlang, vorbei an einigen Holzhäusern, die weit von ihm ab inmitten von Küchengärten standen. Ein- oder zweimal blickte der Mann über die Schulter zurück, aber er sah nur den langen, trostlosen Weg, aus dem ein kleiner Junge in der Mitte durch den Schmutz patschte und ab und zu stehen blieb, um Schneebälle auf die Spatzen zu werfen.

Nach ungefähr zehn Minuten schlug der Fremde einen Seitenweg ein, der nur nach einem Gehöft, dem Adlerwirtshaus, führte, einer alten Herberge an der Straße, die als Hauptquartier der Raufbolde aus Philadelphia und als Schlachtfeld mancher Hahnenkämpfe bekannt war.

Gallegher kannte den Ort wohl. Er und seine Gefährten hatten dort zuweilen Halt gemacht, wenn sie an herbstlichen Feiertagen ausgegangen waren, um Kastanien zu suchen. Der Sohn des Wirtes hatte sie oft auf ihren Exkursionen begleitet, und obgleich die Jungen aus der Stadt ihn für einen Trottel hielten, so hatten sie doch eine gewisse Hochachtung vor ihm, weil er die Hunde- und Hahnenkämpfe so gründlich studiert hatte.

Der Fremde betrat das Wirtshaus durch eine Seitentür, und Gallegher, der es wenige Minuten später erreichte, ließ ihn einstweilen gehen und suchte seinen gelegentlichen Spielgefährten, den jungen Keppler. Er fand ihn im Holzschuppen.

»'s ist nicht schwer zu raten, was dich herbringt,« sagte der Wirtssohn mit einem Grinsen, »'s ist der Kampf.«

»Welcher Kampf?« fragte Gallegher unvorsichtig.

»Welcher Kampf? Nun, der Kampf,« entgegnete sein Gefährte mit der Verächtlichkeit des Besserwissens. »Er wird heute abend sein. Du hast das gerade so gut gewußt, wie ich; auf alle Fälle weiß es euer Sportberichterstatter. Er hatte gestern abend Lunte gerochen. Aber das hilft euch nichts. Du brauchst nicht zu denken, daß du irgend welche Gelegenheit haben wirst, etwas zu sehen. Die Billets sind verteufelt teuer.«

»O je!« rief Gallegher. »Aber wo wird's denn sein?«

»In der Scheune,« flüsterte Keppler. »Ich habe heute früh geholfen, die Seile zu spannen.«

»Ei, du bist ein Glückspilz!« rief Gallegher mit schmeichelhaftem Neide. »Könnt' ich denn nicht ein klein bischen davon zu sehen kriegen?«

»Vielleicht doch,« sagte der dankbare Keppler. »Hinten in der Scheune ist ein Fenster mit einem Holzladen. Du kannst dadurch hineinkommen, wenn dich einer hinaufhebt.«

»O,« brummte Gallegher, als ob ihm in dem Augenblick etwas einfiele, was er vergessen gehabt hätte. »Wer ist denn der Herr, der eben vor mir ankam – der mit dem Kragenmantel? Hat der irgend etwas mit dem Kampfe zu schaffen?«

»Der?« wiederholte Keppler im Tone ehrlichster Verachtung. »Nein, der ist kein Sportliebhaber. Er ist vorige Woche hier angekommen und sagt, sein Doktor hätte ihm Landluft verordnet. Gestern abend meinten sie im Gastzimmer, er halte sich wohl versteckt, und Vater hat ihn eben, nur um ihn auszuhorchen, gefragt, ob er sich den Kampf ansehen möchte. Er sah ganz erschrocken aus und sagte, er wollte so was nicht sehen. Und dann sagte Vater: ›Sie meinen wohl, Sie wollen nicht, daß die Kämpfer Sie sehen.‹ Vater meinte gar nichts Böses damit und wollte nur ein Späßchen machen; aber Herr Carleton, so nennt er sich, wurde kreidebleich und sagte ich will mir ganz gerne den Kampf ansehen, und dann lachte er und hat Späße gemacht.

Gallegher hatte alles und weit mehr erfahren, als er hoffen durfte – so viel mehr, daß sein Weg zur Station zurück der reine Triumphmarsch war. Er mußte auf den nächsten Zug zwanzig Minuten warten, und die kamen ihm wie eine Stunde vor. Währenddessen sandte er an Hefflefinger ein Telegramm. Es lautete: »Ihr Mann ist dicht bei Bahnhof Torresdale, auf der Strecke nach Pennsylvanien; nehmen Sie eine Droschke und treffen Sie mich auf der Station. Warten Sie, bis ich komme. Gallegher.«

Mit Ausnahme des einen Zuges um Mitternacht hielt an dem Abende keiner mehr in Torresdale, deshalb riet er, eine Droschke zu nehmen.

Der Zug nach der Stadt schien sich nach Galleghers Ansicht schneckenmäßig zu bewegen. Er hielt auf offener Strecke, er fuhr sogar zurück und wartete auf einen Expreßzug, der ihm zuvorkommen sollte, oder er trödelte auf den Haltestellen. Als er endlich in den Bahnhof einfuhr, sprang Gallegher schon heraus, noch ehe der Zug stand und nahm eine Droschke, um den Sportberichterstatter aufzusuchen.

Der Herr war gerade bei Tisch und kam ihm mit der Serviette in der Hand entgegen.

»Ich habe den Mörder,« erklärte Gallegher atemlos.

Der Sportberichterstatter riß die Augen aus, führte Gallegher in seine Bibliothek und schloß die Türe. »Nun erzähle mir die Geschichte,« sagte er.

Gallegher berichtete alle die Einzelheiten und fügte hinzu, daß er an Hefflefinger telegraphiert habe. Er wünsche, daß dieser die Verhaftung vornehme und sie dadurch vor der Ortspolizei und den Reportern geheim bleibe.

»Hefflefinger mag Hade auf den Verhaftsbefehl hin arretieren, den er für den Einbrecher besitzt. Er kann ihn mit dem Nachtzuge nach New-York bringen, der um ein Uhr in Torresdale eintrifft. Er kommt dann erst um vier Uhr nach Jersey City, also eine Stunde später, als die Morgenblätter zum Druck gelangen. Natürlich müssen wir's mit Hefflefinger abmachen, daß er schweigt und keinem Menschen erzählt, wer sein Gefangener ist.«

Der Berichterstatter streckte die Hand aus und wollte Gallegher auf die Backe klopfen, aber er besann sich anders und schüttelte ihm statt dessen die Hand. »Mein Junge,« sagte er, »du bist ein ungewöhnlicher Kerl. Wenn ich den Bericht in der Nacht zu Wege bringe, dann bedeutet das 5000 Dollar für dich und Ruhm für uns beide und für die Zeitung. Nun will ich eine Zeile an den Geschäftsführer schreiben und du kannst sie ihm hintragen und erzählen, was du getan hast und was ich tun will, und dann wird er dich wieder in Gnaden anstellen und dein Gehalt erhöhen. Vielleicht weißt du gar nicht einmal, daß du entlassen bist?«

»Meinen Sie, daß Sie mich nicht mitnehmen wollen?« fragte Gallegher.

»Nein, natürlich nicht. Weshalb denn? Jetzt hängt die Sache nur von dem Geheimpolizisten und mir ab. Du hast dein Teil getan und gut getan. Wenn der Mann gefaßt wird, so gehört die Belohnung dir. Aber jetzt wärest du bloß im Wege. Du tust besser, wenn du nach dem Bureau gehst und Frieden mit dem Chef schließest.«

»Wenn die Zeitung ohne mich fertig werden kann, dann kann ich auch ohne die Zeitung fertig werden,« entgegnete Gallegher hitzig. »Und wenn Sie mich nicht mitgehen lassen, dann sollen Sie auch nicht gehen, denn ich weiß, wo ich Hefflefinger treffen werde, und Sie wissen es nicht, und ich werde es Ihnen auch nicht sagen.«

»O, schon gut, schon gut,« entgegnete der Berichterstatter und gab klein bei. »Ich will die Notiz durch einen Boten schicken, nur mach mir dann keine Vorwürfe, wenn du deine Stelle verlierst.«

Herr Dweier setzte sich an sein Pult und kritzelte die folgenden Worte:

»Ich habe zuverlässige Nachricht erhalten, daß Hade, der Mörder Burrbanks, heute abend bei dem Ringkampfe zugegen sein wird. Wir haben es so eingerichtet, daß er in aller Stille verhaftet werden kann, und daß die Tatsache den übrigen Zeitungen verborgen bleibt. – Ich brauche Sie wohl nicht darauf aufmerksam zu machen, daß dies die bei weitem wichtigste Nachricht für die nächste Nummer unserer Zeitung sein wird.

Ihr etc.
M. E. Dweier.«

Der Berichterstatter stieg in die Droschke und Gallegher flüsterte dem Kutscher seine Weisungen zu. Es war eine schauderhafte Nacht. Regen und Schnee fielen zu gleicher Zeit und gefroren im Fallen. Der Berichterstatter steckte sich eine Zigarre an, schlug den Kragen hoch und lehnte sich in die Wagenecke. »Wecke mich, wenn wir da sind, Gallegher,« sagte er. Er wußte, daß er eine lange Fahrt und viel hastige Arbeit vor sich haben würde, und wollte sich für die Anstrengung vorbereiten.

Gallegher schien der Gedanke, zu schlafen, geradezu verbrecherisch. Seine Augen leuchteten vor Erregung. Die Lichter in den Ladenfenstern strahlten einen breiten Schein auf das Eis des Pflasters, und die Laternen warfen mißgestaltete Schatten der Droschke, des Pferdes und des regungslosen Kutschers bald vor, bald hinter sich.

Nach einer halben Stunde rutschte Gallegher auf den Boden der Droschke und zog die Schutzdecke über sich. Es wurde kälter und der scharfe, feuchte, schneidende Wind fegte durch die Ritzen und Spalten, bis die Fensterscheiben eingefroren waren.

Einigemal blieb die Droschke stehen und Gallegher hörte, wie der Kutscher auf sich selbst, die Pferde oder auf den Weg fluchte. Endlich kamen sie am Bahnhof Torresdale an. Er lag ganz verlassen da und nur ein einsames Licht schnitt einen Strich in die Dunkelheit und zeigte einen Teil des Bahnsteigs und die im Regen glitzernden Geleise und Weichen. Sie hatten schon zweimal die Lichter passiert, ehe der Kriminalbeamte aus dem Schatten heraustrat und sie vorsichtig begrüßte.

»Ich bin der Sportberichterstatter von der ›Presse‹,« stellte sich Herr Dweier vor. »Glauben Sie, daß wir irgend welche Schwierigkeiten haben werden?«

Der Kriminalbeamte hatte mancherlei zu sagen. Er war nicht sicher, ob der Mann, den Gallegher aufgespürt, auch wirtlich Hade sei; er könne in Unannehmlichkeiten geraten, wenn er einen falschen arretiere, wenn es aber der richtige wäre, würde sich die Ortspolizei hineinmischen. Dweier brach das Gespräch kurz ab. »Wir werden Ihnen Hade in der Menge zeigen. Sobald der Kampf vorüber ist, arretieren Sie ihn. Sie bekommen von der ausgesetzten Belohnung 500 Dollar und haben den Ruhm, ihn verhaftet zu haben. Wenn Sie das nicht mögen – –«

Hefflefinger willigte bedingungslos ein.

Darnach bestiegen sie alle drei die Droschke. Aber nun gab es eine neue Frage. Wie sollten sie den Polizisten in die Scheune bringen, in der der Ringkampf stattfand? Keiner von ihnen hatte ja eine Eintrittskarte bei sich, und bei der Vorsicht vor fremden Gästen war ein unauffälliges Eintreten kaum zu ermöglichen. Aber Gallegher entsann sich des Fensters, von dem ihm der junge Keppler gesprochen hatte und baute darauf seine Pläne.

Endlich hielten sie vor einem großen schwarzen Schatten von Haus, das dunkel, unheimlich und verlassen aussah. Aber beim Knirschen der Räder auf dem Kiese öffnete sich die Tür und ließ einen Strom warmen, fröhlichen Lichtes heraus, und eine Männerstimme sagte: »Macht die Lichter aus.« Der Sprechende war Keppler; er bewillkommnete Herrn Dweier mit überschwenglicher Höflichkeit.

Die beiden Männer waren einen Augenblick im Lichtschein sichtbar, dann schloß sich die Türe hinter ihnen und das Haus stand düster und schweigend wie zuvor. Nur der Regen und Schnee tropfte von den Rinnen.

Gallegher löschte die Wagenlaternen aus und führte das Pferd nach einem langen, niedrigen Schuppen im Hofe, der, wie er bemerkte, mit allerhand Gespannen besetzt war.

Der Kutscher schickte sich an, das Pferd neben den anderen festzubinden. »Nein!« intervenierte Gallegher, »wir möchten es ganz nahe an dem unteren Tore haben. Wenn wir Zeitungsmenschen hier abfahren, so geht das in höllischer Eile, und der, der am nächsten an der Stadt ist, wird sie voraussichtlich am ersten erreichen. Sie können auf der Heimfahrt nicht hinter den andern, wie hinter einem Leichenwagen her fahren.«

»Dies muß das Fenster sein,« meinte Hefflefinger, der inzwischen die Hinterwand der Scheune inspiziert hatte.

»Heben Sie mich hinauf, bitte, und ich werde die Läden im Hurra öffnen!«

Der Beamte legte die Hände auf die Knie und Gallegher stieg auf seine Schultern, löste den hölzernen Riegel und zog den Laden auf, der die Öffnung verdeckte. Dann schwang er ein Bein nach innen über die Fensterbrüstung und lehnte sich hinab, um dem Polizisten hinauf zu helfen. »Mir ist geradeso, als bräche ich in ein Haus ein,« kicherte Gallegher, während er geräuschlos auf den Erdboden sprang. Die Scheune war sehr groß. An den beiden Schmalseiten entlang befanden sich Ställe, die durch eiserne Raufen nach der Scheune zu abgeschlossen wurden. In den Raufen lagen reichlich Heubündel, so daß Gallegher und der Polizist bequeme Verstecke fanden, von denen aus sie alles beobachten konnten, was unter ihnen vorging. Auf der mit Sägespänen bestreuten Tenne war der Kreis gezogen, in dem der Ringkampf stattfinden sollte.

In ihrem behaglichen Versteck überlegten Gallegher und der Kriminalbeamte noch einmal alles sorgsam.

Endlich tat sich der Torweg auf.

»Bitte, ein bißchen flink, meine Herren,« sagte der Manager fröstelnd, »lassen Sie die Tür nicht länger auf, als nötig.«

Es traten wohlgenährte und gutgekleidete Keulenträger ein, Boxer aus athletischen Klubs, Sportsleute, Berichterstatter und allerhand Schaulustige, deren einziger Gedanke der bevorstehende brutale Kampf war. Hade verbarg sein blasses Gesicht in einer Reisemütze aus Tuch und sein Kinn in einem wollenen Shawl. Er hatte es also doch vorgezogen, zu kommen, um Herrn Kepplers Argwohn keinen weiteren Grund zu geben.

Hefflefinger hob sich auf den Händen und Ellbogen hoch und machte eine Bewegung nach vorn, als ob er hinunterspringen und sogleich den Mörder packen wollte.

»Pst!« mahnte Gallegher. »In der Gesellschaft würden Sie sich nicht drei Minuten Ihres Lebens erfreuen, sobald man weiß, daß Sie Beamter sind.«

Der Polizist zog sich langsam zurück und vergrub sich wieder im Heu, aber während des langen Kampfes, der nun folgte, ließ er sein Auge nicht ein einziges Mal von der Person des Mörders abschweifen. Die Zeitungsreporter nahmen ihre Plätze in der ersten Reihe dicht hinter dem Ring ein, blickten auf ihre Uhren und baten den Ceremonienmeister, anzufangen.

Irgend jemand schob eine Kiste in den Ring und der Ceremonienmeister stieg hinauf.

»Gentlemen!« begann er seinen Speech: »Da wir alle gezwungen sind, Ruhe zu halten, so bitte ich Sie, Ihre Erregung nach Möglichkeit zu zügeln und ein feierliches Schweigen zu beobachten, sofern Ihnen daran liegt, daß uns die Polizei nicht auf die Hacken kommt und man uns auf ein bis zwei Jährchen einsperrt.«

Man nickte Beifall, und gleichzeitig flogen zwei hohe Hüte in den Ring, als Zeichen der Aufforderung zum Kampf.

Die eben noch zur Ruhe ermahnte Menge brüllte. Sie erwartete die beiden Gentlemen, die sich zum Vergnügen der Anwesenden mit den Fäusten bearbeiten würden, und diese beiden drängten sich denn auch schon durch die Menge in den Ring, entkleideten sich ihrer Röcke und boten sich dem Beschauer in der ganzen Schönheit der Kraftmenschen dar.

»Nehmt eure Plätze,« kommandierte der Ceremonienmeister.

In dem Augenblick, wo sich die beiden Männer gegenüberstanden, wurde die Menge so still, daß es in der Scheune, abgesehen von dem Klatschen, das der Regen aus dem Schindeldache verursachte und von dem Stampfen eines Pferdes so still wie in einer Kirche war.

»Los!«

Die beiden Boxer sprangen in eine Stellung der Verteidigung, die aber ebenso schnell aufgegeben, wie eingenommen wurde. Ein großer Arm fuhr wie eine Kolbenstange los, dann hörte man den Ton von Fäusten, die auf mattes Fleisch schlugen; daraus konnte man einen frohlockenden, eingezogenen Seufzer wilder Freude und Erleichterung von seiten der Menge vernehmen; der große Kampf hatte begonnen.

Nach einer Stunde dieser brutalen, verzweifelten Klopferei sank der anscheinend stärkere der beiden Preisfechter blutend und mit Beulen bedeckt in die Knie.

Die Männer außerhalb des Ringes gerieten dabei ganz außer Rand und Band; sie ertränkten Kepplers Bitte um Ruhe in einer Flut von Flüchen und unartikulierten Ausrufen des Zornes, als wenn die Schläge auf sie niedergeprasselt wären, und dann brüllten sie laut vor Freude. Sie wogten von einer Seite des Rings nach der anderen, und jede Muskel spannte sich gleichzeitig mit der ihres Günstlings, und als ein New-Yorker Korrespondent über die Schulter flüsterte, daß dieser Kampf das größte Ereignis seit dem Gefechte zwischen Heenan-Sayers sei, da nickte Herr Dweier beistimmend.

In der Aufregung des Tumultes war es zweifelhaft, ob jemand die drei schnell auseinander folgenden Schläge hörte, die von außen mit ungeheurer Wucht gegen das Scheunentor schmetterten. Wenn es doch geschah, so war es schon zu spät, denn die Tür fiel aus den Angeln und gleichzeitig sprang ein Polizeihauptmann in den Lichtkreis, gefolgt von seiner Mannschaft.

In dem Schrecken und der allgemeinen Flucht, die nun folgte, standen einige der Leute wie angewachsen, als ob sie einen Geist gesehen hätten; andere stürmten in blinder Wut in die Arme der Offiziere und wurden bis gegen die Seile, die den Ring umzogen, zurückgedrängt; wieder andere tauchten Hals über Kopf in die Ställe zwischen die Kühe und Pferde, und noch andere hielten der Polizei die Goldrollen, die sie in den Händen gehalten, entgegen und baten wie Kinder, man möchte sie entwischen lassen.

Im Augenblick, wo die Türe fiel und der Tumult einsetzte, rutschte Hefflefinger über das Kreuzgitter, aus dem er gelegen hatte, und ließ sich in den Stall niederfallen. Mit Blitzesgeschwindigkeit sprang er dann quer durch den Raum und wie ein Hund an Hades Kehle. Der Mörder war im Augenblick der ruhigere von den beiden.

»Holla,« stöhnte er. »Hände los, sage ich. Wozu die Gewaltsamkeit, 's ist doch wohl kein so großes Unrecht, wenn man einem Gefecht zusieht? Hier in der rechten Hand habe ich eine Hundertdollarnote. Nehmen Sie die und lassen Sie mich hinausschlüpfen. Es sieht ja keiner. Da!«

Aber der Kriminalbeamte hielt ihn nur noch fester.

»Ich verhafte Sie wegen Einbruchs,« flüsterte er halblaut. »Sie müssen jetzt mit mir gehen, und zwar schnell. Je weniger Aufsehen Sie machen, desto besser für uns beide. Wenn Sie nicht wissen, wer ich bin, so können Sie meine Marke unter dem Rocke fühlen. Ich habe die Vollmacht, 's ist alles in Ordnung, und wenn wir aus diesem verteufelten Gedränge heraus sind, will ich Ihnen die Papiere zeigen.«

Er nahm die eine Hand von Hades Kehle und zog ein paar Handschellen aus der Tasche.

»Das ist ein Irrtum, 's ist eine Beleidigung,« keuchte der Mörder bleich und zitternd, aber in heller Angst und Verzweiflung um sein Leben. »Lassen Sie mich los, sag' ich Ihnen! Nehmen Sie Ihre Hände weg! Sehe ich wie ein Verbrecher aus, Sie Narr!«

»Ich weiß, wem Sie ähnlich sehen,« flüsterte der Geheimpolizist, während sein Gesicht sich zum Gefangenen niederbeugte. »Nun, wollen Sie nun gutwillig als Einbrecher mitgehen, oder soll ich den Leuten hier erzählen, wer Sie sind und weshalb ich Sie verhafte? Soll ich Ihren wahren Namen ausrufen oder nicht? Soll ich's Ihnen sagen? Rasch, reden Sie, soll ich!«

Es war etwas so Triumphierendes – so unnötig Wildes in dem Gesicht des Beamten, daß der Gefangene sofort sah, der Mann wüßte wirklich, wer er sei, und Hades Augen öffneten und schlossen sich wieder, er taumelte hin und her und würgte und schluckte, als ob seine Kehle heiß und trocken sei. Selbst für einen so abgehärteten Kenner des Verbrechertums wie Gallegher, der dicht daneben stand, und die Scene aufsog, lag etwas so Verächtliches in der Angst des Mannes, daß er ihn beinahe mit einer Anwandlung von Mitleid betrachtete.

»Um Gottes willen,« flehte Hade, »lassen Sie mich los. Kommen Sie mit in mein Zimmer und ich will Ihnen die Hälfte des Geldes geben. Ich will ehrlich mit Ihnen teilen. Wir können uns beide fortmachen. 's ist für jeden von uns ein Vermögen. Wir können alle beide fort. Sie werden zeitlebens ein reicher Mann sein. Verstehen Sie – zeitlebens.«

Aber der Geheimpolizist preßte – zu seiner Ehre sei's gesagt – die Lippen nur noch fester aufeinander.

»Das genügt,« flüsterte er als Antwort. »Das ist mehr, als ich erwartete. Sie haben sich schon Ihr Urteil gesprochen. Kommen Sie!«

Zwei Beamte in Uniform hemmten an der Türe ihren Ausgang, aber Hefflefinger lächelte flüchtig und zeigte seine Marke.

»Einer von Byrnes Leuten,« sagte er zur Erläuterung; »bin geradenwegs herübergekommen, um den hier festzunehmen. Er ist ein Einbrecher: Arlie Lane alias Carleton, ich habe dem Hauptmann die Papiere gezeigt, 's ist alles in Ordnung. Ich will nur seine sieben Sachen aus dem Gasthofe holen und mit ihm nach der Station fahren. Ich denke, wir fahren heute schlank durch nach New-York.

Die Beamten nickten und lächelten bewunderungsvoll dem Vertreter der vielleicht besten Kriminalpolizei der Welt zu und ließen ihn durch. Dann wandte sich Hefflefinger um und sprach mit Gallegher, der noch immer, wachsam wie ein Hund, an seiner Seite stand. »Ich gehe nach seinem Zimmer, um die Papiere und alles zu holen,« flüsterte er, »dann bringe ich ihn nach der Station und nehme den nächsten Zug. Ich habe mein Teil getan, vergeßt Eures nicht.«

»O, Sie sollen Ihr Geld schon ganz richtig kriegen,« sagte Gallegher. »Und ja,« fügte er mit dem beistimmenden Lächeln eines Sachverständigen hinzu, »wissen Sie, Sie haben es recht gut gemacht.«

Herr Dweier hatte geschrieben, während der Tumult sich legte, und ebenso hatte er, ehe der Kampf begann, geschrieben. Nun ging er hinüber nach der Stelle, wo die übrigen Korrespondenten in ärgerlicher Abgeschlossenheit standen.

Die Zeitungsleute hatten den Offizieren, die sie gefangen hielten, mitgeteilt, daß sie die wichtigsten Zeitungen des Landes verträten und verhandelten heftig mit dem Hauptmann, der den Überfall geleitet und erklärt hatte, daß sie seine Gefangenen seien.

»Seien Sie doch kein Trotzkops, Scott,« sagte Dweier, der zu erregt war, um höflich oder politisch zu sein. »Sie wissen doch, daß wir nicht zum Vergnügen hierher gekommen sind. Sie haben kein Recht, uns zu halten.«

»Wenn wir unser Material nicht sofort telegraphieren können,« fiel ein New-Yorker ein, »dann kommen wir für die Zeitungen zu spät, und –«

Hauptmann Scott erklärte, er kümmere sich verteufelt wenig um die Zeitungen. Das einzige, was er wüßte, wäre, daß sie ihn nach dem Stationsgebäude begleiten müßten, um dort verhört zu werden. Wenn der Richter sie frei lassen wollte, dann möchte er tun, was ihm beliebe, aber seine Pflicht sei, sie in Gewahrsam zu bringen.

»Aber dann ist's ja zu spät, verstehen Sie denn nicht?« brüllte Dweier. »Sie sollen uns jetzt gehen lassen, sofort.«

»Das kann ich nicht,« erklärte der Hauptmann, »und nun genug davon. Sie alle sind vor noch nicht drei Tagen angewiesen worden, Frieden zu halten, und da sind Sie schon wieder und kämpfen wie die Räuber. Wenn ich einen von ihnen loslasse, kostet's mich meine Stelle.«

Was Dweier äußerte, war so wenig höflich gegen den tapfern Hauptmann Scott, daß der überanstrengte Herr den Berichterstatter bei den Schultern ergriff und ihn zweien von seinen Leuten zuschob.

Das war mehr, als Dweier ertragen konnte, und er hob aufgeregt die Hand, um Widerstand zu leisten. Aber ehe er noch Zeit hatte, etwas Törichtes zu tun, wurde sein Gelenk von einer kräftigen kleinen Hand gepackt, und er fühlte, daß eine andere in der Tasche seines Überrocks wühlte.

Er ließ die Hände sinken und gewahrte im Hinabblicken Gallegher, der dicht neben ihm stand und ihn am Handgelenk festhielt. Dweier hatte die Existenz des Knaben völlig vergessen und hätte scharf gesprochen, wenn nicht etwas in Galleghers unschuldigen Augen ihm Einhalt geboten hätte.

Galleghers Hand hatte Dweiers Notizbuch erfaßt, worin die Beschreibung von Hades endlicher Verhaftung gleichzeitig mit einem packenden Bericht über den Zweikampf sich befand. Der Knabe hielt seine Augen unverwandt auf Dweier geheftet, zog es heraus und barg es mit einer schnellen Bewegung in seiner Weste. Herr Dweier nickte verständnisvoll. Dann blickte er auf seine zwei Wächter, und da er bemerkte, daß sie noch auf das Wortgefecht der Korrespondenten mit ihrem Vorgesetzten lauschten und nichts gesehen hatten, so bückte er sich und flüsterte Gallegher zu: »Zwanzig Minuten vor drei Uhr wird der Satz geschlossen. Wenn du bis dahin nicht hinkommst, dann nützt es nichts, aber wenn du zur Zeit da bist, dann kommen wir allen zuvor.«

Galleghers Augen blitzten. Er nickte mit dem Kopfe, zum Zeichen, daß er verstanden hätte, und wandte sich kühn, um durch die Tür zu entschlüpfen. Aber die Beamten, die sie bewachten, brachten ihn zu einem jähen Halt und veranlaßten ihn, zu Dweiers Erstaunen zu einer Flut von Tränen.

»Lassen Sie mich zu meinem Vater. Ich will zu meinem Vater,« schrie der Knabe krampfhaft. »Sie haben Vatern festgenommen. O, Väterchen, Väterchen, sie wollen dich ins Gefängnis schleppen.«

»Wer ist denn dein Vater, Kleiner?« fragte einer der Wächter am Tore.

»Keppler ist mein Vater,« schluchzte Gallegher. »Sie wollen ihn einsperren und ich werde ihn nie wiedersehen.«

»O doch,« sagte der Offizier gutmütig, »er ist da in dem ersten Patrouillenwagen. Du kannst hinüberlaufen und ihm gute Nacht sagen, und dann gehst du am besten zu Bett. Das ist hier kein Ort für Kinder.«

»Danke schön, Herr,« schluchzte Gallegher noch unter Tränen, als die beiden Beamten ihre Stöcke hoben und ihn in die Dunkelheit hinausschlüpfen ließen.

Im Hof herrschte große Verwirrung. Pferde stampften und zogen unruhig hin und her und schoben die Wagen ineinander; die Lichter blitzten aus jedem Fenster des Hauses, das erst einen so unbewohnten Eindruck gemacht hatte, und die Stimmen der Gefangenen ertönten noch in lauten Ausrufen. Drei Polizeipatrouillenwagen bewegten sich im Hofe hin und her, gefüllt von widerwilligen Gefangenen, die standen oder saßen und wie Schafe zusammengepackt waren und keinerlei Schutz vor Regen und Schnee hatten.

Gallegher stahl sich in eine dunkle Ecke und beobachtete die Scene, bis seine Augen die Position erfaßt hatten.

Dann drängte er sich zwischen den Pferdehufen und Wagenrädern hindurch.

Endlich fand er die Droschke, die er am fernsten Tore festgemacht hatte. Sie stand noch da und das Pferd, wie er es verlassen hatte, mit dem Kopfe nach der Stadt zu gewandt. Gallegher öffnete das große Tor geräuschlos und mühte sich, die Leine loszubinden. Der Knoten war mit einer dünnen Eisschicht bedeckt und es währte mehrere Minuten, bis er ihn zu lösen vermochte. Aber endlich brachten ihn seine Zähne auseinander, und die Zügel in der Hand sprang er auf das Rad. Und während er so stand, lief ein Furchtgefühl, wie ein elektrischer Strom, seinen Rücken hinunter, der Atem versagte ihm und er stand regungslos da und blickte mit weit offenen Augen in die Dunkelheit.

Ein Beamter war plötzlich hinter einem Wagen, keine fünfzig Schritt weit, aufgetaucht, und sah so scharf auf Gallegher hin, daß der Knabe das Gefühl hatte, er müßte ihn sehen. Gallegher stand mit einem Fuße auf der Radnabe, mit dem andern auf dem Kasten, zum Sprunge bereit. Es schien eine Minute zu dauern, ehe sich einer von ihnen bewegte, und dann trat der Offizier einen Schritt nach vorne und fragte streng: »Wer ist da? Was tust du da?«

Nun war keine Zeit zum Parlamentieren. Gallegher wußte, daß er bei der Tat ertappt war und daß sein einziges Heil in offener Flucht lag. Er sprang auf den Kutschkasten, zog im selben Augenblick die Peitsche hervor und gab dem Pferde einen scharfen Hieb über Kopf und Rücken. Das Tier sprang vorwärts, griff scharf aus und verschwand in der Dunkelheit.

»Halt!« rief der Beamte.

So viele von Galleghers Bekannten unter den Kanal- und Mühlarbeitern waren schon in derselben Weise angerufen worden, daß er genau wußte, was in der nächsten Minute erfolgen würde, wenn er dem Befehle nicht Folge leistete. So schlüpfte er von dem Sitze auf das Fußbrett und duckte sich.

Der dreimalige Knall einer Pistole bewies, daß seine frühzeitige Bildung ihm einen wertvollen Bestand nützlicher, allgemeiner Kenntnisse verschafft hatte. »Laß dich nicht graulich machen,« sagte er beruhigend zu dem Pferde, »er schießt in die Luft.«

Die Pistolenschüsse wurden sofort durch das Geklingel der Glocke am Patrouillenwagen beantwortet, und als Gallegher zurückblickte, sah er, wie dessen Laternen in der Dunkelheit hin und her schwankten und wie die Lichter einer Jacht erschienen, die sich in den Sturm hinauswagte.

»Ich hatte nicht darauf gerechnet, daß du mit einem Patrouillenwagen um die Wette laufen solltest,« sagte Gallegher zu seinem Tiere, »aber, wenn sie ein Wettrennen haben wollen, müssen wir ihnen ordentlich was zu raten geben!«

Philadelphia, das vier englische Meilen nach Süden lag, sandte einen schwachen, gelblichen Schein himmelwärts. Es war noch bitter kalt. Regen und Schnee durchdrangen die Kleider des Knaben und ließen ihn erschauern.

Selbst der Gedanke, daß der schwerbeladene Patrouillenwagen bald in sicherer Entfernung im Schmutze stecken bleiben würde, vermochte ihn nicht aufzuheitern, und die Aufregung, die ihn bis dahin unempfindlich gegen die Kälte gemacht hatte, erstarb allmählich und machte ihn schwach und nervös.

Aber sein Pferd war von dem langen Stehen durchkältet und lief nun eilig davon, nur zu bereit, das halb erstarrte Blut in den Adern zu erwärmen.

»Du bist ein gutes Tier,« sagte Gallegher kläglich. »Du hast mehr Energie als ich. Nimm dir an mir kein Beispiel. Herr Dweier hat gesagt, wir müssen die Konkurrenten schlagen.«

Ein Teil seines Weges lag parallel mit den Bahngeleisen, und so fuhr Gallegher geraume Zeit neben langen Reihen von Fracht- und Kohlenwagen, die dort ruhig während der Nacht standen. Die phantastischen, vorstädtischen Queen Anne-Stationsgebäude lagen dunkel und verlassen, aber an einem oder zweien der Ecktürme konnte er die Beamten an ihren Pulten schreiben sehen, und der Anblick tröstete ihn in gewisser Weise.

Einmal dachte er daran, zu halten, um sich die Decke zu holen, in die er sich bei der Hinfahrt gewickelt hatte, aber er wollte die Zeit nicht daran wenden und fuhr mit klappernden Zähnen und vor Kälte erbebenden Schultern weiter.

Er begrüßte die erste einsame Reihe geschwärzter Häuser mit einem schwachen Freudenschrei. Die verstreuten Laternen auf den Pfählen hellten seine Laune auf, und selbst das schlechte Straßenpflaster ertönte unter den Füßen seines Pferdes wie Musik. Große Mühlen und Fabrikgebäude, in denen nur aus dem untersten Stockwerke das Licht des Nachtwächters leuchtete, nahmen die Stelle der düsteren Farmhäuser und kahlen Bäume ein, die ihn mit ihren grotesken Formen erschreckt hatten. Er war nach seiner Berechnung fast eine Stunde gefahren und in der Zeit hatte sich der Regen in feuchten Schnee verwandelt, der schwer herniederfiel und an allem haften blieb. Er kam an einem Block von Arbeiterhäusern nach dem andern vorüber, die so still und schweigsam dalagen, wie die Schläfer darinnen, und endlich wandte er des Pferdes Kopf in die Breite Straße, die große Hauptstraße, die die Stadt von einem Ende zum andern durchschneidet und in zwei Hälften teilt.

Er fuhr geräuschlos über den Schnee und Schmutz in der Straße, und seine Gedanken wandten sich nur nach dem Zifferblatt der Rathausuhr, das er so sehr zu sehen wünschte, als ihn eine heisere Stimme von einem Seitenwege anrief: »Halt, Sie da! Halt! Halt!«

Gallegher wandte den Kopf, und obgleich er sah, daß die Stimme unter dem Helme eines Polizisten hervorkam, so bestand seine einzige Antwort darin, daß er das Pferd zu einem Galopp anspornte.

Der Polizist seinerseits gab die Antwort darauf durch einen scharfen Pfiff. Ein anderer Pfiff antwortete aus einer Seitenstraße vor ihm. »Hallo,« sagte Gallegher, scharf an den Zügeln ziehend, »'s ist einer zu viel.« Das Pferd blieb schweratmend stehen, während große Dampfwolken aus seinen Flanken aufwallten.

»Weshalb, zum Teufel, haben Sie denn nicht gehalten, als ich Sie anrief?-« fragte die Stimme nun dicht neben dem Wagen.

»Ich habe nichts gehört,« entgegnete Gallegher sanft. »Aber ich hörte Sie pfeifen und Ihren Genossen auch, und da dachte ich, vielleicht meinten Sie mich und hielt an.«

»Sie haben mich ganz gut gehört. Warum brennen Ihre Laternen nicht?« fragte die Stimme.

»Müssen die denn brennen?« fragte Gallegher sich überbiegend und sie mit plötzlichem Interesse betrachtend.

»Das wissen Sie wohl, und wenn Sie's nicht wissen, dann haben Sie kein Recht, eine Droschke zu fahren. Ich glaube so wie so nicht, daß Sie der rechtmäßige Kutscher sind. Wo haben Sie den Wagen her?«

»Natürlich ist's nicht meine Droschke,« entgegnete Gallegher mit einem leichtherzigen Lachen. »Sie gehört Luke Nc-Govern. Er hat sie bei Cronin stehen lassen und ist hineingegangen, um ein Glas zu trinken, und er hat zuviel getrunken und mein Vater hat gesagt, ich soll sie statt seiner nach dem Stalle fahren. Ich bin Cronins Sohn. Nc-Govern ist nicht in der Lage zu fahren. Sie können selbst sehen, wie er das Pferd schlecht behandelt hat. Er stellt es immer in Bachmanns Stall unter, und da will ich eben hinfahren.«

Galleghers Kenntnis der lokalen Berühmtheiten verwirrte den eifrigen Beamten so, daß er Frieden gab. Er sah den Knaben mit einem durchdringenden Blicke an, der einen weniger geschickten Lügner in Verwirrung gebracht hätte, aber Gallegher zuckte nur leicht mit den Schultern, wie vor Frost und wartete mit anscheinender Gleichgültigkeit, was der Beamte nun zunächst sagen würde. Eine zweite schneebedeckte Gestalt tauchte plötzlich aus dem Schatten der Häuser hervor.

»Was ist denn, Reeder?« fragte sie.

»O, nicht viel,« antwortete der erste Beamte. »Dieser kleine Kerl hat keine Laternen angesteckt, da rief ich ihm zu, er sollte halten, und weil er's nicht tat, pfiff ich nach Ihnen, 's ist alles in Ordnung. Er will nach Bachmanns Stall fahren. Fahren Sie los,« fügte er verdrießlich hinzu.

»Hotte hü!« sagte Gallegher. »Gute Nacht!« rief er über die Schulter zurück.

Gallegher stieß einen kleinen Erleichterungsseufzer aus, als er von den zwei Polizisten wegtrabte, und rief bittere Verwünschungen auf ihre Häupter, weil sie zwei Narren wären, die sich in seine Sachen mischten.

Es war so kalt, daß, als der Knabe mit den Füßen gegen das Fußbrett stampfte, um sich zu erwärmen, ein scharfer Schmerz seinen Körper durchflog, und als er die Arme um die Schultern schlug, wie er die Kutscher hatte tun sehen, da kribbelte das Blut in den Fingerspitzen so schrecklich, daß er vor Schmerzen laut aufschrie.

Er war schon oft so lange aufgeblieben, hatte sich aber noch nie schläfrig gefühlt. Er sah undeutlich über seinem Kopfe eine runde Lichtscheibe schweben, die ihm wie ein großer Mond erschien, und endlich fiel ihm ein, es wäre wohl die Uhr, die er so ersehnt hatte. Er war daran vorbei, ehe es ihm recht klar wurde, aber diese Tatsache machte ihn wieder wach, und als seine Wagenräder um das Rathaus bogen, da dachte er daran, daß er auf das andere große Uhrengesicht blicken müßte, das sich über dem Bahnstationsgebäude befindet und die Stunden der Nacht zeigt.

Er war ganz verblüfft, als er sah, daß es halb drei war und ihm nur noch zehn Minuten verblieben. Dies und die vielen elektrischen Lichter, sowie der Anblick der gewohnten Gebäude schreckten ihn auf. Er stand auf und rief dem Pferde zu und trieb es zu einem rücksichtslosen Galopp auf dem schlüpfrigen Asphalt an. Gallegher wußte nicht recht, wie es geschah, aber plötzlich wurde er von allen Seiten angerufen, sein Pferd wurde zurückgerissen und er sah, wie zwei Männer in Droschkenkutschertracht sich an des Gaules Kopf hingen, seine Flanken streichelten und ihn beim Namen nannte. Und die andern Droschkenkutscher, die ihren Stand an der Ecke hatten, umschwärmten den Wagen, während alle zu gleicher Zeit sprachen und fluchten und wild mit den Peitschen in der Luft herumfuchtelten.

Sie sagten, sie wüßten, die Droschke gehörte Nc-Govern, und sie wollten wissen, wo dieser sei, und warum er nicht auf dem Bock säße, sie wollten wissen, wo Gallegher den Wagen gestohlen habe.

Diesem war zu Mute, als ob er plötzlich aus einem häßlichen Traum zum Bewußtsein erweckt würde, und er stand während einer Sekunde wie ein halber Nachtwandler da.

Sie hatten die Droschke unter einem elektrischen Licht zum Stillstand gebracht und sein Schein blitzte kalt aus den niedergetretenen Schnee und die ihn umgebenden Männer.

Gallegher bog sich vor und brüllte: »Laßt mich los!«, während er heftig an den Zügeln zog. »Laßt mich los, sage ich euch. Ich habe keine Droschke gestohlen und ihr habt kein Recht, mich aufzuhalten. Ich will ja nur nach dem Bureau der ›Presse‹ fahren,« flehte er. »Sie schicken's euch richtig wieder. Sie bezahlen für die Fahrt. Ich will ja nicht damit durchbrennen. Der Kutscher ist arretiert worden, und ich fahre nur nach dem Zeitungsbureau. Hört ihr wohl?« rief er und seine Stimme brach in einen Schrei der Leidenschaftlichkeit und Enttäuschung. »Ich sage euch, gebt die Zügel frei. Laßt mich, oder ich bringe euch um!« Und sich vorbeugend schlug der Knabe wild in die Gesichter der Männer, die das Pferd beim Kopfe gepackt hielten.

Einer aus der Menge griff hinauf, packte ihn bei den Knöcheln, zog ihn mit einer schnellen Bewegung vom Bock und warf ihn auf die Straße. Aber er war im Nu wieder auf den Beinen und faßte den Mann bei der Hand.

»Nicht aufhalten, Herr,« rief er, »bitte, lassen Sie mich fort! Ich habe die Droschke nicht gestohlen. Bei Gott nicht! Ich sage die Wahrheit. Bringen Sie mich nach dem Bureau der ›Presse‹, und sie werden's Ihnen da bestätigen. Ich werde alles bezahlen, was Sie fordern, 's ist nur noch solch ein kleines Stück Weg, und ich komme so weit her. Bitte, halten Sie mich nicht auf,« schluchzte er, indem er des Mannes Knie umklammerte. »Um Himmels willen, Herr, lassen Sie mich gehen!«

*

Der Geschäftsführer der ›Presse‹ nahm das Sprachrohr und antwortete »Noch nicht« auf eine Frage, die der Nacht-Redakteur ungefähr fünfmal während der letzten zehn Minuten gestellt hatte. Hierauf ging er in den Setzersaal.

»Nun?« fragte der Nacht-Redakteur.

»Ich glaube, wir können nicht mehr warten,« erwiderte der Geschäftsführer. »Was meinen Sie?«

»'s ist schon über die gewohnte Zeit,« entgegnete jener, »und wir verfehlen die Vorstadtzüge, wenn wir noch länger warten.«

Während sie so standen, vernahm man einen plötzlichen Ruf und das Auf- und Abrennen von Menschen unten in den Reporterzimmern. Man hörte das Geräusch vieler Fußtritte auf den Treppen, und durch die Verwirrung erklang die Stimme des einen Redakteurs. »Laufen Sie zu Naddens und holen Sie etwas Branntwein.«

Niemand im Setzersaal sagte ein Wort, aber die Setzer, die eben im Begriff waren, nach Hause zu gehen, warfen ihre Überröcke wieder ab und wandten die Augen nach der Tür. Diese wurde von draußen aufgestoßen und in der Öffnung erschienen ein Droschkenkutscher und der Redakteur der Stadtneuigkeiten. Sie schleppten zwischen sich die Mitleid erregende Gestalt eines kleinen Knaben, der naß und jammervoll aussah, während der Schnee auf seinem Anzuge schmolz und in kleinen Pfützen auf die Erde lief. »Ih, das ist ja Gallegher,« sagte der Nachtredakteur im Tone tiefster Enttäuschung.

Gallegher schüttelte die ihn Stützenden ab und machte einen unsicheren Schritt vorwärts, während seine Finger ungelenkig an seiner Weste knöpften.

»Herr Dweier,« begann er schwach, während seine Augen angstvoll auf dem Geschäftsführer ruhten, »ist arretiert worden, und ich konnte nicht schneller herkommen, weil sie mich aufgehalten und mir die Droschke fortgenommen haben – aber –« er zog das Notizbuch aus der Tasche und hielt es ihnen mit den regenfeuchten Deckeln entgegen, »aber wir haben Hade gefaßt, und hier ist Herrn Dweiers Bericht.«

Und dann fragte er mit einem seltsamen Ton in der Stimme, der halb wie Furcht, halb wie Hoffnung klang. »Komme ich noch zur Zeit, Herr?«

Der Geschäftsführer nahm das Buch und schob es dem ersten Setzer hin, der die Blätter herausriß und an seine Leute verteilte, und zwar so schnell, wie ein Spieler die Karten. Dann bückte sich der Geschäftsführer und nahm Gallegher in die Arme, setzte sich nieder und schnürte seine nassen, schmutzigen Stiefel auf.

Gallegher machte einen schwachen Versuch, dieser Erniedrigung des leitenden Oberhauptes zu widerstehen, aber sein Widerspruch war nur sehr matt und sein Kopf sank schwer zurück auf die Schulter des Herrn.

Für Gallegher schienen sich die Lichter im Kreise zu drehen und in bunten Farben zu schimmern; die Gesichter der Berichterstatter, die vor ihm knieten und seine Füße und Hände rieben, wurden unklar und fremd, und das Getöse der großen Pressen klang wie aus weiter Ferne, wie das Rauschen des Meeres. Und dann kamen ihm der Ort und die Einzelheiten mit plötzlicher Deutlichkeit wieder ins Gedächtnis zurück.

Gallegher blickte mit einem schwachen Lächeln auf und in das Gesicht des Geschäftsführers. »Sie werden mich doch nicht wegjagen, weil ich fortgelaufen bin, nicht wahr, nein?« flüsterte er.

Der Geschäftsführer antwortete nicht sogleich. Sein Kopf war gesenkt und er dachte aus irgend welchem Grunde an seinen eigenen kleinen Jungen, der daheim im Bette lag. Dann sagte er ruhig: »Diesmal nicht, Gallegher.«

Galleghers Kopf sank behaglich auf des Mannes Schulter, und er lächelte verständnisvoll den jungen Leuten zu, die sich um ihn scharten. »Sie hätten keinen Grund dazu,« sagte er mit einem Anfluge seiner früheren Unverfrorenheit, »ich habe ja doch alle geschlagen.«

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