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Für Vaterland und Ehre

Wilhelm Kranzler: Für Vaterland und Ehre - Kapitel 77
Quellenangabe
typereport
authorWilhelm Kranzler
titleFür Vaterland und Ehre
publisherHansa-Verlag Mercus Zutermann
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correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Erfolge der See- und Luftwaffen im April 1916

In den ersten Apriltagen hatte die deutsche Luftflotte recht bedeutende Erfolge über England. In sechs Tagen fanden fünf gute Angriffe statt.

Am 1. April wurde zunächst amtlich berichtet: »In der Nacht vom 31. März zum 1. April hat ein Marineluftschiff-Geschwader London und Plätze der englischen Südostküste angegriffen. Die City von London zwischen London- und Tower-Brücke, die London-Docks, der nordwestliche Teil von London mit seinen Truppenlagern, sowie Industrieanlagen bei Enfield und die Sprengstoff-Fabriken bei Waltham Abbey (nördlich von London) wurden ausgiebig mit Bomben belegt. Des weiteren wurde über Lowestoft, nachdem vorher eine Batterie bei Stowmarket (nordwestlich Harwich) erfolgreich angegriffen war, eine große Anzahl Spreng- und Brandbomben geworfen, eine Batterie bei Cambridge zum Schweigen gebracht und dort ausgedehnte Fabrikanlagen angegriffen. Endlich wurden die Hafenanlagen und Befestigungen am Humber mit Bomben belegt. Drei Batterien wurden dort zum Schweigen gebracht. Die Angriffe hatten durchweg sehr guten Erfolg, wie von unseren Luftschiffen durch die einwandfreie Beobachtung zahlreicher Brände und Einstürze festgestellt werden konnte. Trotz überaus heftiger Beschießung sind alle Luftschiffe bis auf »L 15« zurückgekehrt. »L 15« ist nach eigener Meldung angeschossen gewesen und mußte vor der Themse auf das Wasser niedergehen. Die von unseren Streitkräften angestellten Nachforschungen sind bisher erfolglos geblieben.«

Entladen einen angeschwemmten Mine an der flandrischen Küste unter Aufsicht eines Offiziers.

Am 2. April hieß es weiter: »In der Nacht vom 1. zum 2. April fand ein erneuter Luftschiffangriff auf die englische Ostküste statt. Die Hochöfen, großen Eisenwerke und Industrieanlagen am Südufer des Tees-Flusses, sowie die Hafenanlagen bei Middlesborough und Sunderland wurden anderthalb Stunden lang mit Spreng- und Brandbomben belegt. Starke Explosionen, Einstürze und Brände ließen die gute Wirkung des Angriffs deutlich erkennen. Trotz lebhafter Beschießung sind weder Verluste noch Beschädigungen eingetreten.«

Am 3. April wurden doppelt scharfe Angriffe auf England und zwar durch Heeres- und Marine-Luftschiffe gemeldet. Die Heeresleitung berichtete in ihrer sachlichen Kürze: »Heeres- und Marine-Luftschiffe haben heute Nacht die Docks von London und andere militärisch wichtige Punkte der englischen Ostküste, sowie Dünkirchen angegriffen.« Der Admiralstab meldete dazu: »Zum dritten Mal griff ein Marineluftschiff-Geschwader in der Nacht vom 2. zum 3. April die englische Ostküste, diesmal den nördlichen Teil, an. Edinburgh und Leith mit Dockanlagen am Firth-of-Forth, New-Castle und die wichtigen Werftanlagen, sowie Hochöfen, Fabriken am Tyne-Fluß wurden mit sehr gutem Erfolg mit zahlreichen Spreng- und Brandbomben belegt. Gewaltige Brände, heftige Explosionen mit ausgedehnten Einstürzen wurden beobachtet. Eine Batterie bei New-Castle wurde zum Schweigen gebracht. Trotz heftiger Beschießung sind alle Luftschiffe unbeschädigt zurückgekehrt und gelandet.«

Die nächste sehr erfreuliche Depesche besagte: »In der Nacht vom 3. zum 4. April wurden bei einem Marineluftschiff-Angriff auf die englische Südostküste Befestigungsanlagen bei Great Yarmouth mit Sprengbomben belegt. Die Luftschiffe sind trotz der feindlichen Beschießung unversehrt zurückgekehrt.«

Hatten wir diesmal leider wieder, wie im Vormonat, bei einem der drei für England so furchtbaren Ausflüge eines unserer Luftschiffe eingebüßt, den »L 15«, so waren doch wenigstens seine Mannschaften diesmal nicht untergegangen, sondern gerettet, d. h. gefangen genommen worden. Das ruchlose englische Verhalten gegenüber der um ihr Leben ringenden Besatzung von »L 19« lebte noch frisch in aller Gedächtnis.

Die Engländer mußten sich nach diesen neuen bitteren Erfahrungen noch weiter damit abfinden, daß gegen unsere Luftangriffe kein Kraut gewachsen war und daß unsere Luftschiffe ihnen im eigenen Lande gut vor Augen führen konnten, was es hieß, sich im Kriege gegen einen solch starken und tatkräftigen Gegner, wie es das Deutsche Reich ist, zu befinden. Es waren bisher wohl mehr als 80 deutsche Luftschiffe über England tätig gewesen, und bisher hatten die englischen Geschütze nur eines von ihnen zur Strecke gebracht; denn »L 19« war durch andere Verhältnisse vernichtet worden, nicht durch englische Geschosse.

Das österreichische Flottenkommando meldete am 4. April: »Die Besuche der italienischen Flieger in Laibach, Adelsberg und Triest wurden am 3. April nachmittags durch ein Geschwader von zehn Seeflugzeugen in Ancona erwidert, wo diese Bahnhof, zwei Gasometer, Werften und Kasernenviertel der Stadt mit verheerendem Erfolge bombardierten und mehrere Brände erzeugten. Die Gegenangriffe zweier feindlicher Abwehrflugzeuge wurden mit Maschinengewehrfeuer leicht abgewiesen. Im heftigen Feuer von drei Abwehrbatterien wurde eines unserer Flugzeuge durch zwei Schrapnellvolltreffer zur Landung vor dem Hafen gezwungen. Ein zweites Flugzeug, geführt von Fliegermeister Molnar, ging neben ihm nieder, übernahm die beiden Insassen und vervollständigte die Zerstörung des getroffenen Apparates, konnte jedoch infolge einer Beschädigung bei Seegang nicht wieder auffliegen. Ein feindliches Torpedoboot und zwei Fahrzeuge fuhren aus dem Hafen, um die beschädigten Flugzeuge zu nehmen, wurden jedoch von einigen unserer Flugzeuge mit Maschinengewehr und Bomben zum Rückzug gezwungen, worauf es zwei Flugzeugen, geführt von Seekadetten Varnos und Linienschiffs-Leutnant Senta, gelang, alle vier Insassen zu bergen und das havarierte Flugzeug zu verbrennen. Diese Rettungsaktion vollzog sich unter dem Maschinengewehrfeuer und den Bombenwürfen von zwei italienischen Seeflugzeugen, die nur 100 Meter darüber kreisten. Es sind somit zwei Flugzeuge verloren gegangen, alle übrigen aber und alle Flieger unversehrt zurückgekehrt.«

Rückkehr eines englischen Wasserflugzeuges während der Nacht an Bord seines »Mutterschiffes«. Zu den englischen Wasserflugzeugen gehören sogenannte »Mutterschiffe«, das sind Kriegsschiffe, die mit den nötigen Einrichtungen zur Aufnahme einer Anzahl von Wasserflugzeugen eingerichtet sind. An Bord dieser »Mutterschiffe« können auch leichtere Reparaturen beschädigter Flugzeuge vorgenommen werden. Unser Bild zeigt, wie ein derartiges »Mutterschiff« einem zurückkehrenden Wasserflugzeug durch Scheinwerfer den Weg weist.

Inzwischen ging auch unser U-Bootkrieg glänzend weiter. Eine dänische Zeitung meldete, daß in den allerletzten Tagen außer mehreren neutralen Schiffen auch 29 größere englische Schiffe und acht Segelschiffe versenkt wurden.

In Amsterdam eingetroffene amerikanische Blätter enthielten eine Meldung, wonach ein gewisser Oliver Vickery aus St. Louis, der auf britischen Dampfern beschäftigt war, erzählte, daß die britischen Handelsschiffe die amerikanischen Häfen zwar unbewaffnet verließen, aber auf hoher See Kanonen an Bord nähmen. Vickery fuhr am 15. Juni 1915 auf dem Dampfer »Leonatus«. Als sie in einige Entfernung von Cap Hatteras kamen, begegneten sie dem britischen Kreuzer »Glory«. Zwei Kanonen des Kreuzers wurden an Bord des »Leonatus« gebracht und eine vorne und eine achtern aufgestellt. Drei Mann von der Besatzung, die in Amerika für gewöhnliche Seeleute ausgegeben worden waren, entpuppten sich als britisches Marinepersonal, das die Bedienung der Geschütze übernahm. Als der Dampfer dann in Para in Brasilien eintraf, wurden die Geschütze verborgen. Als er später nach Boston zurückkehrte, wollten die Offiziere Vickery nicht erlauben, an Land zu gehen. Er machte sich aber heimlich davon.

Der U-Boot-Schrecken war auch bei den Italienern groß. Wir erfuhren über einen schweren Fall von Unbotmäßigkeit italienischer Seeleute. Vor einiger Zeit wurde unweit Derna (Cyrenaika) der italienische Dampfer »Bornida« versenkt. Ein vorüberfahrendes Transportschiff der italienischen Flotte wollte Schiffbrüchige aufnehmen, aber diese weigerten sich, an Bord des nach Italien gehenden Schiffes zu steigen, weil sie einen neuen U-Boot-Angriff fürchteten. Sie warteten lieber trotz der hohen See in ihren Rettungsbooten, bis ein anderer Dampfer kam, der nach dem nahen Derna fuhr und sie mitnahm. In Derna sollten die schiffbrüchigen Offiziere wie die Matrosen für den nationalen Sicherheitsdienst verwendet werden, was sie jedoch ablehnten. Darauf wurden sämtliche 35 Helden zu empfindlichen Strafen verurteilt und nach Italien zurückbefördert.

Ueber den fünften Luftschiff-Angriff in den ersten Aprilnächten wurde amtlich gemeldet: »Marineluftschiffe haben in der Nacht vom 5. zum 6. April ein großes Eisenwerk bei Whitby mit Hochöfen und ausgedehnten Anlagen zerstört, nachdem vorher eine Batterie nördlich von Hull mit Sprengbomben belegt und außer Gefecht gesetzt war. Ferner wurden die Fabrikanlagen von Leeds und Umgebung, sowie eine Anzahl Bahnhöfe des Industriegebietes angegriffen, wobei sehr gute Wirkungen beobachtet wurden. Die Luftschiffe wurden heftig beschossen; sie sind alle unbeschädigt gelandet.«

Am 8. April griffen vier Marineflugzeuge die russische Flugstation Papensholm bei Kielkond auf Oesel an. Die Station wurde mit zwanzig Bomben belegt; von vier zur Abwehr aufgestiegenen feindlichen Flugzeugen wurden zwei zur Landung gezwungen. Trotz heftiger Beschießung sind unsere Flugzeuge unbeschädigt zurückgekehrt. – Die Insel Oesel ist die größte Insel der Ostsee und dem Rigaischen Meerbusen im Norden vorgelagert. Von Kurland ist sie durch die 38 Kilometer breite Meerenge von Dontesnäs getrennt. Die Insel hat einen Flächenraum von über 2600 Quadratkilometern und hat etwa 40 000 Einwohner.

In den bisher verflossenen 20 Monaten des Weltkrieges gestalteten sich die Verluste an Kriegsschiffen und Kriegsfahrzeugen bei unserem Hauptgegner zur See, England, folgendermaßen: neun Linienschiffe, neun Panzerkreuzer, neun kleine Kreuzer, 16 Kanonenboote, Minensuchfahrzeuge und Monitore, 30 Zerstörer und Torpedoboote, 17 Unterseeboote und 13 Hilfskreuzer, im ganzen also 103 Gefechtseinheiten. Wir hatten also im Laufe von 20 Kriegsmonaten den Engländern 103 Gefechtseinheiten vernichtet, eine recht stattliche Zahl! In diesen Zahlen sind die Beschädigungen, auch die allerschwersten, nicht mitenthalten, sondern nur die einwandfrei festgestellten Totalverluste. Vergleicht man hiermit die Verluste unserer Verbündeten und die uns allen bekannten eigenen, so findet man, daß sie bedeutend kleiner sind. Weder wir noch die Oesterreicher oder Türken hatten bisher ein Linienschiff zu beklagen, während die Engländer allein deren neun einbüßten.

Das »Berner Intelligenzblatt« erfuhr aus verläßlicher Quelle über die wahre Wirkung der Zeppelin-Angriffe auf England: »Die Angriffe haben furchtbare Zerstörungen angerichtet. Ganze Häuserblocks sind zusammengestürzt. Die Wut der Bevölkerung ist unbeschreiblich. Jetzt erst fühlt man in London, daß sich England im Krieg befindet. Rüstungen jeder Art nehmen immer größeren Umfang an. Bisher überschritten die Schadenersatzansprüche 15 Millionen Franken.«

Eine erfreuliche, kurze aber inhaltreiche Meldung wurde am 19. April amtlich bekannt gegeben: »Im Monat März 1916 sind achtzig feindliche Handelsschiffe mit rund 207 000 Brutto-Registertonnen durch deutsche U-Boote versenkt worden oder durch Minen verloren gegangen.«

Der Kampf um Mora in Kamerun.

Der letzte feste Punkt in Kamerun, der gegen die feindliche Uebermacht gehalten werden konnte, war die Bergstellung Mora. Hier verteidigte sich Hauptmann von Raben mit einer Kompagnie gegen eine vielfache Uebermacht. Dem amtlichen Bericht über diese Heldenkämpfe entnehmen wir folgendes:

»Einen gesonderten Kriegsschauplatz hatte seit Beginn des Krieges Mora im äußersten Norden des Schutzgebietes gebildet. Am 27. August 1914 war die hier stehende dritte Kompagnie unter dem Hauptmann von Raben, von der ein vom Oberleutnant von Duisburg geführter Zug zur Besetzung des Postens Kusseri abgegeben war, von englischen Truppen angegriffen, hatte jedoch die Angreifer zurückgeschlagen. Da die Residentur Mora nicht zur Verteidigung gegen europäisch geschulte und bewaffnete Truppen eingerichtet war, hatte Hauptmann von Raben eine Bergstellung auf einem der nördlichen Ausläufer des Mandara-Gebirges in nächster Nähe von Mora bezogen. Ende September war zu ihm die Besatzung von Kusseri gestoßen, nachdem sie sich durch die den Posten einschließenden französischen Truppen durchgeschlagen hatte. Auch die Bergstellung Mora wurde dann von drei englischen Kompagnien, zu denen im Oktober vier französische Kompagnien nebst Geschützen und Maschinengewehren gestoßen waren, eingeschlossen. Darauf unternommene Sturmversuche hatten die Belagerten blutig zurückgeschlagen. Anfang Dezember 1914 hatte Hauptmann Dühring von Garua aus mit der zwölften Kompagnie vergeblich versucht, Mora zu entsetzen. Im März 1915 überbrachte Hauptmann Weise, dem mit neun farbigen Soldaten der Durchbruch durch die Einschließungslinie geglückt war, die erste Nachricht aus Mora nach Garua. Die ersten schriftlichen Meldungen des Hauptmanns von Raben waren im Oktober 1915 nach Jaunde gelangt.«

Damals hatten die tapferen Verteidiger nur noch 45 000 Patronen. Am meisten entbehrten sie Nachrichten über die Lage in Kamerun und in der Heimat.

Ueber die Uebergabe Moras heißt es dann in dem amtlichen Bericht: »Vor einigen Tagen haben die Zeitungen die amtliche englische Nachricht gebracht, daß die Besatzung von Mora sich ergeben habe; Munitionsmangel habe sie zu diesem Schritte gezwungen. So ist eingetreten, was nach den Meldungen des Hauptmanns von Raben erwartet werden mußte. Auch der größte Heldenmut, der zäheste Wille, durchzuhalten, muß erlahmen, wenn die Mittel zur Fortsetzung des Kampfes ausgegangen sind. Die Leistungen der tapferen Verteidiger der Bergstellung werden durch die schließliche Uebergabe nicht geschmälert; sie sind und bleiben eine Glanzleistung der Schutztruppe.« – Mit Mora war der letzte Platz Kameruns gefallen, auf dem die deutsche Flagge noch wehte. Das Schutzgebiet war jetzt seinen Feinden ausgeliefert. Seine Verteidiger waren auf das gastliche Gebiet von Spanisch-Muni übergetreten, soweit sie nicht in der von ihnen so heldenhaft verteidigten Erde zur letzten Ruhe gebettet oder in Kriegsgefangenschaft geraten waren. Mochten sie sich nun von den großen Anstrengungen des Krieges erholen, um dereinst freudig mitarbeiten zu können an dem Wiederaufbau des Schutzgebietes!

Die fünfte Kriegsrede des deutschen Reichskanzlers.

Am 5. April hatte der Reichskanzler zum fünften Male während dieses Krieges vor dem deutschen Volke und vor aller Welt über die allgemeine Lage gesprochen. Die Spannung, mit der seine Darlegungen erwartet und aufgenommen wurden, war aber nicht geringer, der Zudrang zu den Tribünen ebenso gewaltig, wie bei seinen früheren Reden. Und auch die Wirkung, die Herr von Bethmann Hollweg auf seine Zuhörer ausübte, war tiefgehend und nachhaltig, wie immer. Gewiß trugen unser unvergleichliches Heer und unsere herrliche Marine das beste zu den rednerischen Erfolgen des Reichskanzlers bei; mit ihren ununterbrochenen gewaltigen Siegen schufen sie allein schon die gehobene Stimmung bei dem leitenden Staatsmann und bei seinen Hörern im Reichstag, die dankbar jeden gutgeprägten Satz, jedes kräftige Wort mit jubelndem Beifall unterstrichen. Allein im letzten Grunde waren es weniger die starken Ausdrücke und die stimmungssteigernden Wendungen, die des Kanzlers Reden so eindrucksvoll gestalteten, als vielmehr die Offenheit, Sachlichkeit und Bescheidenheit, deren er sich befleißigte. Diese Eigenschaften lagen offenbar im Charakter und Wesen des Herrn von Bethmann Hollweg, und deshalb hörte man ihn nie leere Redensarten vortragen, sondern hatte immer das Gefühl, daß ein sich seiner großen Verantwortung vor Volk und Geschichte voll bewußter Staatsmann redete.

So hatte auch diesmal der Reichskanzler alle phrasenhafte Verherrlichung unserer unvergleichlichen Truppen und ihrer Führer verschmäht und sich auf wenige, aber tief empfundene und äußerst wirksame Dankesworte beschränkt. Dagegen sprach er eingehend von unseren Kriegszielen, eingehender und deutlicher als je früher, aber nüchtern sachlich, wie es ein auf ununterbrochene militärische Erfolge gestützter Staatsmann aus dem Kraftgefühl der Nation heraus tun konnte. Daß wir lediglich zu unserer Verteidigung in den Krieg ausgezogen waren, daß die Geschichte mit ehernem Zwang neue Zustände geschaffen hatte, daß die alten Verhältnisse unwiederbringlich dahin waren, daß das Schicksal der Schlachten im Osten und im Westen uns und unsere Bundesgenossen vor gewaltige Zukunftsaufgaben gestellt hatte: das war der Kern der neuesten Kanzlerrede. In diesem Zusammenhang machten die Sätze über Polens Geschick, über die Pflichten gegenüber der Bevölkerung zwischen den baltischen Seen und den wolhynischen Sümpfen, gegenüber Polen, Litauern und Letten, besonderen Eindruck. Ebenso lauschte man mit angestrengtester Aufmerksamkeit den Ausführungen über die Forderung realer Sicherheiten im Westen und über den lange niedergehaltenen vlämischen Volksstamm, dessen Erhaltung und Einheit gesichert werden müsse. Was in gegenwärtiger Zeit über deutsche Friedensziele überhaupt gesagt werden konnte, das war in diesen Darlegungen deutlich für jedes politische Ohr ausgesprochen. Die feindlichen Staatsmänner, soweit sie verstehen wollten, wußten jetzt ebenfalls, wie die Umrisse der deutschen Friedensziele aussahen.

Daß auch die Zurückgabe der Kolonien zu den Bedingungen eines ehrenvollen Friedens gehörte, hatte der Reichskanzler noch ausdrücklich hervorgehoben. Ebenso, daß unseren gequälten deutschen Landsleuten in Rußland eine ausreichende Entschädigung und die ungehinderte Rückkehrmöglichkeit werden müsse. Das alles waren Ziele, die für ein unbesiegtes und unbesiegbares Volk wie das deutsche wahrlich nur Selbstverständlichkeiten bedeuteten und himmelweit ablagen von den großmäuligen Friedensbedingungen unserer Gegner. Mit überzeugender Wirkung stellte diesen Forderungen der Kanzler die englische Anmaßung eines Mr. Asquith gegenüber, der als erste Voraussetzung einer Kriegsbeendigung die Zerschmetterung Preußen-Deutschlands verlangte, gleichzeitig aber sich darüber wunderte, daß der deutsche Reichskanzler ihn nicht zu Friedensverhandlungen einlud!

Das Endziel dieses furchtbaren Ringens sollte uns Nachbarn schaffen, die mit uns gemeinsam arbeiten wollten an allen Werken des Friedens. Ein Europa der gemeinsamen Kulturarbeit und des endgültigen Dauerfriedens sollte aus den unendlichen Opfern an Gut und Blut erstehen, die dieser Krieg von allen Beteiligten forderte. Das war des siegreichen Deutschland hochragendes Kriegsziel. Wollten es unsere Feinde nicht anerkennen, so mußte unser gutes Schwert weiter sprechen und unser Arm zu immer stärkeren Schlägen ausholen. Die Verantwortung für die Fortsetzung des furchtbaren Krieges, für das entsetzliche Blutvergießen lag nicht bei uns, sondern bei denen, die Deutschland immer wieder zum Prügelknaben der Welt machen wollten.

Mit einer persönlichen Erinnerung an sein letztes Zusammensein mit dem Kaiser und mit einem lebhaften Appell an den einheitlichen Geist und Willen von Regierenden und Regierten schloß der Reichskanzler seine eindrucksvolle, halbstündige Rede unter dem einmütigen begeisterten Beifall des ganzen Reichstages.

Die Ausführungen des Reichskanzlers wurden an vielen Stellen durch lebhaften Beifall aus dem Hause und von den Tribünen unterbrochen.

Ein deutsches Waldlager bei Verdun. Ein malerisch gelegener Waldlager am Fuße der Côte Lorraine, dessen Schallen unseren Truppen ein willkommener Aufenthaltsort bei grober Hitze ist.

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