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Für und über die deutschen Frauen

Gerhard von Amyntor: Für und über die deutschen Frauen - Kapitel 8
Quellenangabe
typecauserie
booktitleFür und über die deutschen Frauen
authorGerhard von Amyntor (= Dagobert von Gerhardt)
year1889
firstpub1883
publisherVerlagsanstalt und Druckerei AG (vormals H. F. Richter)
addressHamburg
titleFür und über die deutschen Frauen
pages348
created20140715
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Was er wohl gedacht haben mag?

Die Sonne neigte schon zum Untergange, als das Städtchen hinter uns lag und unser Wagen über den weichen Boden eines herrlichen Waldweges geräuschlos dahinfuhr. Das Thor eines Wildzaunes setzte unserer Fahrt ein Ziel, – wir stiegen ab, übergaben Pferde und Wagen einem in der Nähe schaffenden Holzarbeiter zur Beaufsichtigung, öffneten den Wildzaun und betraten zu Dreien die erhabene Waldeinsamkeit eines großen fürstlichen Wildparks. Der Spaziergang durch diese unberührte Natur war entzückend. Schweigend und sinnend gingen wir nebeneinander. Wir gelangten an eine Lichtung, wo eine malerische Försterei stand, und am gegenüberliegenden Waldsaume bemerkten wir mehrere Kanzeln oder Hochsitze. Es sind dies hölzerne, thurmähnliche Bauten, auf denen der Waidmann ungesehen und hoch über den witternden Nasen des vorsichtigen Wildes Aufstellung nehmen kann, um einen 59 sich vertraut nähernden Rothhirsch oder Schaufler zu belauern und mit der tödtlichen Kugel aus der Jagdbüchse zu erlegen.

Als wir auf die Lichtung heraustreten wollten, bemerkte uns ein am diesseitigen Rande derselben stehender Forstbeamter, – er winkte uns, zu halten, und kam leise auf uns zu.

»Bitte, meine Herrschaften,« sagte er höflich grüßend, – »betreten Sie nicht die Blöße! Seine Durchlaucht der Fürst sind auf dem nächsten Hochsitz und erwarten das Wild.«

Wir nickten einverstanden, blieben stehen und der Beamte zog sich wieder geräuschlos zurück.

Es dämmerte schon. Unser Standpunkt lag tiefer, als die vor uns ausgebreitete Lichtung, – wir hatten gerade den rosenroth leuchtenden Abendhimmel mit seinen duftigen, violetten Wolkengebilden uns gegenüber, so daß sich Alles, was auf der Lichtung vorging, scharf und deutlich wie ein Schattenriß vom lichten Hintergrunde des Himmels abhob. Noch war die Lichtung von keinerlei Wild besucht, – aber aus der Tiefe des Waldes erklang ein dumpfer, hohler, schauerlicher Ton. Ein brunstender Hirsch ließ seinen Kampf- und Liebesruf erschallen. Prosaische Gemüther wollen zwischen dem Schreien des Hirsches und dem Brüllen unseres Hausstieres eine Aehnlichkeit finden, – wer aber mit einiger Phantasie begabt ist und genauer hinhört, der wird bald genug herausfühlen, daß aus dem mächtigen unheimlichen Hirschschrei eine furchterregende 60 Leidenschaftlichkeit tönt, und er wird sich ohne große Anstrengung recht gut das Brüllen des blutlechzenden Raubthieres der Wüste vergegenwärtigen können.

Wir waren scheinbar ganz allein im Wald, und Abenddämmerung und Einsamkeit machen Ohr und Gemüth empfänglicher für die mächtigen Eindrücke der erhabenen Naturlaute. Da wieder ein heiserer, dumpfer, leidenschaftlicher Schrei! und wieder einer, und noch einer! Von verschiedenen Seiten tönten diese schauerlichen Kampfrufe und setzten sich zu einer großartigen, gewaltig packenden Waldsymphonie zusammen, zu einem wunderbaren Chopin'schen Nokturne im allergrößten Styl und von eigenthümlichster Rhythmik und Melodik. Meine junge Nachbarin schauderte, – sie zog ihre Talma fester zusammen und drückte sich ängstlich dicht an mich heran; zum ersten Mal in ihrem Leben hörte sie dieses interessante Konzert. Mein Freund und Hospes, ein alter Waidmann, lächelte ob des Eindrucks, den diese Waldstimmen auf die Dame machten, – für ihn war diese Musik eine wohlbekannte und er wußte, wie verhältnißmäßig ungefährlich auch der brunstende Hirsch in einem Wildpark ist.

Da knickte und raschelte es im Geäst und ein Rudel Thiere trottete auf die Lichtung. Es mochten einige zwanzig Hindinnen sein, alte und Schmalthiere. Sie rückten äsend bis auf die Mitte des freien Platzes vor. Zwei junge, männliche Hirsche – Gabler, wie es schien – umkreisten in ausgelassenen Bewegungen die geschlossene Gesellschaft der Damen. Ein starker 61 Edelhirsch, mit zahlreichen Aesten an seinen Geweihen, folgte dem Rudel, – einen langgedehnten Kampfschrei ließ er ertönen, dann wandte er sich gegen seine jugendlichen Nebenbuhler und verscheuchte sie aus der unmittelbaren Nähe des Rudels.

Mein Herz pochte kräftig an meine Rippen, – die alte Jagdlust war in mir erwacht, und gespannt blickte und lauschte ich nach der Kanzel, wo, wie uns bekannt war, zwei scharfe Jägeraugen auslugten.

Plötzlich fiel ein Schuß, – nicht lauter, als wenn eine Salonbüchse abgefeuert worden wäre; ich zweifle, ob meine Nachbarin den Schuß gehört hatte. Sämmtliche Thiere schreckten zusammen, erhoben den Kopf in der Richtung des Knalles, machten eine Kehrtwendung und verließen den Weidegrund. Erst trotteten sie vereinzelt und langsam, – dann enger und schneller, – und zuletzt jagten sie dichtgedrängt und in wilder Flucht in das nahe Stangenholz.

Die Lichtung war leer, – doch nein! der starke Hirsch war allein und muthig stehen geblieben. Wie ein Erzbild stand er, stumm und bewegungslos, scharf und deutlich umrissen auf dem leuchtenden Abendhimmel. Stolz und hoch trug er sein Haupt und blickte in die mälig verblassende Röthe des Westens.

Warum war das edle Thier nicht geflohen? immer noch schaute es lichtwärts, – war der letzte Schein der versunkenen Sonne seine »Kibla,« die Gebetseite des Moslems, der sich Gott anrufend nach Mekka wenden muß?

62 Der Hirsch rührte sich nicht, – wir betrachteten ihn gespannt und athemlos. Jetzt schien es, als ob er sein Haupt langsam neigte, – aber die Silhouette desselben glitt so unbemerklich über den Hintergrund des Himmels, wie ein Minutenzeiger über das Zifferblatt einer Thurmuhr schleicht. Nach einiger Zeit stand der Hirsch mit erdwärts hängendem Haupt, und durch seinen Leib schien ein Schüttelfrost zu gehen – er veränderte die schöne, stolze Haltung und erschien auf einmal matt, verkrümmt, elend.

Das Thier trug den Tod am Herzen, – vom mörderischen Blei getroffen, machte es stehend die Qualen der Agonie durch, – es starb langsam, verlassen und unbemitleidet, wie ein Held, vor unseren Augen.

Es ist ein ergreifender Anblick, ein großes, schönes Geschöpf sterben zu sehen, wenn dieses Geschöpf auch nur ein Thier ist. Was mochte in der Seele des todtwunden Wesens vorgehen? Welche Vorstellungen und Erinnerungen mochten sein Hirn durchkreuzen? Denn große Thorheit wäre es, annehmen zu wollen, daß ein so hoch organisirtes Lebewesen, wie der Edelhirsch, keine Erinnerungen und keine Vorstellungen habe. Was mochte das beklagenswerthe Thier empfinden, das soeben noch in der Blüthe der Kraft, auf der Sonnenhöhe des Daseins, die wir die Liebe nennen und die selbst noch als reiner Fortpflanzungstrieb die Erscheinung eines Wiederkäuers veredelt und verschönt, den Vollgenuß der Existenz gekostet hatte und das nun zum Tode verwundet, verlassen und vergessen, einsam verenden sollte? 63 Nicht ein einziges Thier war umgekehrt, um theilnehmend nach dem sterbenden Gefährten zu sehen, – aus der Ferne des Walddickichts tönten von Neuem die Brunstschreie, – das Liebewerben wurde unbekümmert fortgesetzt, und in das Ohr des verdrängten Bewerbers schallten die Triumphrufe der glücklicheren Nebenbuhler.

Immer beutesicherer kroch der Tod dem Thier an's Herz, – nicht jener Tod, den sich Faust vorstellt, wenn er sehnend ausruft:

»O selig der, dem er im Siegesglanze
Die blut'gen Lorbeern um die Schläfe windet,
Den er, nach rasch durchrastem Tanze,
In eines Mädchens Armen findet –«

nicht »entzückt«, »entseelt« war das Thier neben dem weiblichen Wesen seiner Wahl »dahin gesunken«, – noch immer lebte es, – es starb stückweise und es blieb ihm die volle Muße, den Schmerzensbecher körperlichen Leides bis zur Neige auszutrinken!

Wir standen stumm, sinnend, wehmüthig bewegt. Die junge Frau, deren Linke gespannt in meinem Arme ruhte, brach zuerst das Schweigen und flüsterte schauernd: »Die Jagd ist etwas Entsetzliches!«

»Das wohl nicht!« entgegnete leise mein Freund, – »sie ist nicht schlimmer und ebenso nothwendig als die Qualen einer Pferdedressur oder das Schlachten eines Stücks Hausvieh durch die Hand des Metzgers. Der sentimentale Mensch gehört nun einmal zur Gattung der Fleischfresser.«

64 »Ich könnte kein Thier tödten,« meinte die Dame aufrichtig.

»Bewußt möchte auch ich nicht irgend ein Thier einem langsamen Tode weihen,« erwiderte unser Wirth. »In der Aufregung des Waidwerks aber fehlt uns jede Zeit zur Reflexion und ein schnell tödtender Meisterschuß auf das Blatt erfüllt das Herz des Jägers jederzeit mit Befriedigung und Freude.«

Da kam neues Leben in das verendende Thier. Es raffte die letzte Kraft zusammen und schleppte sich matt und hinkend, langsam, sehr langsam ziehend, nach dem nahen Holze, wo es unseren Blicken entschwand.

Dicht neben uns wurden Tritte hörbar. Grüßend trat der Forstbeamte wieder heran.

»Die Jagd ist aus,« meinte er. »Seine Durchlaucht haben den Park schon verlassen. In einiger Zeit werde ich mit den Hunden auf die »Schweißfährte« gehen, um den erlegten Hirsch zu suchen.«

Der erfahrene Förster wollte das sterbende Thier nicht stören, – er ließ ihm Zeit, unaufgescheucht zu verenden, um dann mit Hülfe der Hunde die Beute zu bergen, bevor sie das Raubzeug des Waldes witterte und anschnitt.

Wir grüßten dankend und begaben uns auf den Rückweg. Es war ziemlich dunkel geworden, doch immer noch drangen vereinzelte, unheimliche Brunstschreie aus dem Walde. Bald saßen wir auf unserem Gefährt, schützten uns durch warme Decken gegen die kühle 65 Nachtluft, unser Freund schnalzte mit der Zunge, und dahin schossen die muthigen und durch das Warten ungeduldig gewordenen Lithauer.

»Jetzt hat der Held des Abends wohl schon ausgerungen,« äußerte ich nach längerer Gesprächspause zu meiner Nachbarin, als wir uns wieder dem Stromthale der Lahn näherten.

»Was er wohl gedacht haben mag,« fragte sie nachdenklich, – »als ihm das unbekannte Gefühl des Sterbens aufdämmerte?«

»Mit dieser Frage, meine gnädige Frau, berühren Sie ein tief philosophisches Problem. Es giebt eine Weltanschauung, die Alles nur von der stofflichen Seite betrachtet und überall, wo etwas wie Geist aus der rohen Materie hervorblitzen will, das nichtssagende Schlagwort der »Kraft« in Bereitschaft hat. Für Leute dieser Richtung existirt Ihre Frage nicht; sie sehen auch in dem sterbenden Hirsche nur ein Stück athmende, organisirte Materie, – alle Lebensäußerungen des Thieres werden mit dem ebenfalls nichtssagenden Räthselworte »Instinkt« abgefertigt und der Tod des lebenden Wesens ist nichts Anderes als der gedankenlose, zufällige Zerfall des Organismus in seine elementaren Bestandtheile. Dem gegenüber steht die Brahmanenlehre und der Glaube des Buddhismus, daß selbst Menschenseelen den Thierkörper durchwandern und daß, während Tugend und Frömmigkeit zur »Nirwâna« gelangen, zur seligen, gleich Nichts gesetzten Vereinigung mit dem höchsten Wesen, die Bösen in dem Leib irgend eines niedrig organisirten 66 Lebewesens ihre Auferstehung zu neuen Qualen des irdischen Daseins erleiden. Zwischen diesen Extremen haben Sie die Wahl Stellung zu nehmen und dem verendenden Hirsch ein mehr oder minder gefülltes Maß seelischer Empfindungen zu bewilligen.«

Meine Nachbarin lächelte schmerzlich.

»Auf dieses Gebiet der Unterhaltung vermag ich Ihnen nicht zu folgen,« flüsterte sie; doch mit dem praktischen Sinne der Frau setzte sie mir die Frage: »was glauben Sie von der Sache?« sofort die Pistole der geforderten Entscheidung auf die Brust. Unser Rosselenker wendete sich um, und die Spitze des kurzen Maserpfeifchens, das er zur Heimfahrt in Brand gesetzt hatte, aus dem Munde nehmend, rief er scherzend:

»Um Gottes Willen, gnädige Frau, bringen Sie meinen Freund nicht auf dieses Thema! er ist im Stande, Ihnen die verwegensten Dinge plausibel zu machen. Nehmen Sie sich ein Beispiel an mir! Ich denke über solche Dinge grundsätzlich nie nach, da ich fest überzeugt bin, daß dabei nichts Gescheidtes herauskommt. Ich kann dem Thierreich unmöglich menschliche Reflexionen bewilligen, – ich bin ein arger Ketzer und zweifle selbst an der Fortexistenz des Menschen, seitdem ich meine gute, alte Mutter habe sterben sehen. Der Tod ist etwas zu Erbärmliches und dabei so unleugbar Thatsächliches, daß ich mir nicht recht einen Vorgang denken kann, der ihn hinterher wieder aufheben und ungeschehen machen soll. Und nun gar der Tod eines Hirsches! Was soll merkwürdig dabei sein? Solch' 67 Geschöpf, das sein Leben lang nichts Anderes thut, als fressen, saufen, verdauen, schlafen und dumpf hindämmern, stirbt eben, indem es diese lieb gewordenen Gewohnheiten wieder aufgiebt, es giebt da durchaus nichts Trauriges, und das Thier, das doch sicher keine logischen Schlüsse macht, vollzieht diesen Sterbeakt, ohne irgend welche sentimentale Betrachtungen dabei anzustellen. Alles Wehmüthige und Geheimnißvolle, was Sie darin finden wollen, legen Sie aus dem Schatz Ihrer eigenen Ideen und Ihrer menschlich angekränkelten Phantasie dem außerordentlich einfachen Vorgang unter. Es ist die Modekrankheit unserer Tage: wir denken zu viel!«

Ich hatte Zeit gehabt, mich zu besinnen.

»Da haben Sie die auf den kürzesten Ausdruck gebrachte Weisheit einer gewissen nagelneuen Philosophie!« rief ich lachend. »Doch glauben Sie nicht Alles, was da unser Freund frohgemuth zum Besten gab, – er ist ein arger Schelm und will durch seine Behauptungen nur Oel in das Feuer der Debatte gießen. Ich bin – um Ihre Frage ohne Umschweife zu beantworten – weder ein Materialist, der mit der Menschenseele folgerichtig auch die Thierseele leugnen muß, noch ein buddhistischer Schwärmer, der in jenem Hirsche vielleicht die Seele seines verstorbenen Großonkels wittert. Zwischen diesen beiden Negationen liegt nun ein ungeheures Gebiet positiver Möglichkeiten, und ich bin ehrlich genug, Ihnen einzugestehen, daß ich dieses Gebiet für sehr dunkel halte trotz des Brillantfeuers, das philosophische 68 Köpfe zur Aufhellung desselben anzuzünden versucht haben. Ich glaube aber, – und auf das Wörtchen »glaube« lege ich den Nachdruck, denn wir wissen hier nichts Bestimmtes – daß in der Seele des verendenden Hirsches Dinge vorgehen, die mit den Vorstellungen eines sterbenden Menschen eine entfernte Aehnlichkeit haben. Das Thier hat sicher seine Verlassenheit und Hülflosigkeit der kreatürlichen Nothwendigkeit des Sterbens gegenüber empfunden, hat aber vielleicht auch eine Art Trost aus dem Gefühle geschöpft, daß es eben ganz passiv und machtlos unter dem Einfluß einer höhern, ihm gänzlich unbekannten Gewalt stand, die wir Gott nennen. Ob der Gedanke, daß eine ewige Ruhe, eine Potenzirung zu höheren, schöneren Daseinsformen dem kurzen Kampfe folgen werde, die Seele des sterbenden Thieres durchblitzt, wer kann darüber ernstlich aburtheilen wollen? Ich halte jedes Lebewesen für eine wechselnde Erscheinungsform der ewig wirkenden und sich ewig gleich bleibenden Gottheit, – das Aeußere, das Sichtbare dieser Erscheinungsform kann durch den Tod verändert, aber durchaus nicht vernichtet werden, – auf die Ewigkeit des Stoffes pocht ja mit Vorliebe auch der Materialist; – das Wesen, der geistige Inhalt solcher Erscheinungsform, also das unsichtbare Etwas, das eben die Existenz des Hirsches konstituirt, ist vollends unvernichtbar, meiner Ueberzeugung nach etwas durchaus Ewiges, und so stehen wir allerdings vor der Frage, ob der Hirsch als solcher ein unsterbliches Wesen sei. Man kann über diese 69 Frage lächeln, so gut der Bauer Unteritaliens gelächelt haben mag, als er den Philosophen Pythagoras über den Linien und Winkeln des »Magister Matheseos« brütend fand; ich wage sie nicht zu beantworten, – es genügt mir, nur auf die unergründliche Tiefe des Gedankens hinzuweisen.«

Ich weiß nicht, ob meine wißbegierige Nachbarin mir gefolgt war, – halb spöttisch rief sie ungeduldig aus:

»Da haben wir's! Immer, wenn man die gelehrten Herren etwas fragt, bekommt man eine Menge delphischer Orakelsprüche zu hören, aber nie eine direkte Antwort auf die klar gestellte Frage! ›Was hat der Hirsch gedacht, was hat er empfunden, welche Vorstellungen haben ihn bewegt, als er starb?‹ Das wollte ich wissen, – und ich weiß es noch immer nicht!«

»Wir Alle wissen's nicht,« entgegnete ich, den kleinen, ungestümen Feuerkopf beruhigend, – »und ich zweifle, ob man in hunderttausend Jahren mehr darüber wissen wird, als wir. Trotz der scheinbar so großen Klarheit der uns umgebenden Dinge und Verhältnisse, trotz des Posaunenschalls, mit dem eine gewisse Schule einseitiger Naturforscher die neuesten Entdeckungen und das Ende alles Dunkels und Zweifels verkündet, leben wir in einem Chaos nur halb erkannter Schemen und unnahbarer Geheimnisse, und ich gebe Ihnen, gnädige Frau, den freundschaftlichen Rath, überall, wo Sie eine Grenze des Wissens schmerzlich empfinden, recht achtsam auf die Stimme des niemals irrenden weiblichen Herzens zu lauschen und den erlösenden Glauben an 70 die ewige Liebe innig zu pflegen; – dies ist das einzige Mittel, wie wir kurzsichtigen und kurzlebenden Staubgeborenen uns behelfen können, um durch das Dunkel des Lebens und die Begrenzung alles menschlichen Wissens nicht erdrückt zu werden. Mit diesem Glauben muß der Weise den fürchterlichen Hunger stillen, den der nimmersatte Wissenstrieb so oft peinvoll empfindet.«

Die muntere Frau reichte mir mit warmem Drucke die kleine in Glacé gekleidete Hand.

»Sie haben Recht!« seufzte sie und dachte in diesem Augenblicke sicher an den fern weilenden, geliebten Gatten.

Wir fuhren eine Zeit lang schweigend dahin. Die goldene Sichel des ersten Mondviertels war schon untergegangen und vom tiefblauen Himmelsdome leuchteten die blinkenden, flimmernden Sterne.

»Es ist ein Bestreben unserer Zeit,« unterbrach ich endlich das Schweigen, indem ich dem bisher weiter verarbeiteten Gedanken Worte lieh, – »das Geheimniß zu leugnen, und wenn die Geistesfackel in diesen oder jenen Winkel des Ideenlabyrinths nicht hineinzuleuchten vermag, zu behaupten, daß der Winkel leer sei und absolut nichts enthalte. Man bemüht sich auf alle mögliche Weise, dem verhüllten Bilde zu Saïs den Schleier abzureißen, und wenn es durchaus nicht glücken will, behauptet man kurz entschlossen, daß hinter dem Schleier nichts verborgen sei. Man taumelt aus einem Extrem in das andere, – der Eine macht aus den Thieren Geschöpfe mit Menschenseelen, der Andere macht 71 den Menschen zu einem Thiere, dessen Stammvater der Affe ist. Der erbitterte Kampf diametral entgegenstehender Meinungen beweist zur Genüge, daß die ventilirte Frage nicht inhaltsleer ist, und daß in dem uns scheinbar so bekannten und thatsächlich doch so unbekannten Thierreiche noch Geheimnisse schlummern, von deren Existenz sich die Schulweisheit manches Philosophen nichts träumen läßt.«

»Meine Herrschaften, ich rathe Ihnen, lassen Sie dieses Thema endlich ruhen!« rief mein Freund lachend von seinem Fahrsitze zu uns zurück, – »Sie verderben sich sonst noch die Nachtruhe. Errichten Sie dem erlegten Hirsche da, wo ihm die tödtliche Kugel den Liebestraum beendete, ein Denkmal und schreiben Sie mit den nöthigen Veränderungen die Worte darauf, die sich der brave Ovid für seine Aschenurne selbst komponirt hat:

»Hic ego qui jaceo tenerorum lusor amorum
Ingenio perii Naso poeta meo -
«Hier liegt' ich, der besungen die Lust der zärtlichen Liebe,
Naso, dem Untergang brachte sein Dichtertalent.

Ja, ja! staunen Sie nur! auch ich habe mein Theil lateinischen Ballastes noch im Lebensnachen, um ihm einigen Tiefgang zu sichern! Und das Verslein paßt mutatis mutandis gut: das Talent, an dem der Hirsch zu Grunde ging, war seiner Liebe blinde Leidenschaft. Hätte er sich ein kühles Herz bewahrt und wäre er vor schönen Augen geflohen, er lebte in dieser Stunde noch, – wir armen Männer!!«

72 Und bergauf knirschten die Räder im Kies des Schlangenweges, der nach dem Schlosse führte. Eine Stunde später hatte ich mein Nachtlager gesucht, – aber der Schlaf wollte nicht gleich kommen. Immer dachte ich an den sterbenden Hirsch, – und immer tönte mir die Frage unseres weiblichen Gastes im Ohre: »Was er wohl gedacht haben mag?« Weißt Du eine sichere Antwort, geliebte Leserin? 73

 


 

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