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Für und über die deutschen Frauen

Gerhard von Amyntor: Für und über die deutschen Frauen - Kapitel 5
Quellenangabe
typecauserie
booktitleFür und über die deutschen Frauen
authorGerhard von Amyntor (= Dagobert von Gerhardt)
year1889
firstpub1883
publisherVerlagsanstalt und Druckerei AG (vormals H. F. Richter)
addressHamburg
titleFür und über die deutschen Frauen
pages348
created20140715
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Madame Curaçao.

Ein heftiges, aber schnell vorüberziehendes Juni-Gewitter hatte sich entladen. Ich war genöthigt gewesen, in eine Droschke zu flüchten, und dieses nicht ganz wasserdichte Miethsgefährt setzte mich gerade vor dem schmiedeeisernen Gitter eines in vollstem Blüthenschmucke stehenden Vorgärtchens ab.

Noch fielen einzelne Tropfen und es war für die Zeit der nahen Sonnenwende empfindlich kalt geworden. Ich zahlte dem Kutscher seinen Lohn, spannte meinen Regenschirm auf und schritt, vorsichtig die allertiefsten Pfützen vermeidend, den mit schadhaft gewordenem Mosaikpflaster versehenen Weg entlang, der vom Straßengitter nach der glasüberdachten Seitenpforte der Villa führte.

Unwillkürlich mußte ich lächeln, denn der Besuch, den ich machen wollte, kam mir komisch genug vor. Ich hatte die Dame am Tage vorher im Eisenbahnwagen kennen gelernt. Es war von Blumen die Rede gewesen und ich hatte meinem Begleiter erzählt, daß ich lange auf der vergeblichen Suche nach einer grünen 20 Rose wäre, die ich einem die Rosenkultur als Sport treibenden älteren Herrn verehren wollte. Da hatte mein Gegenüber, eine tadellos, aber nur zu auffallend gekleidete Dame, das Wort ergriffen und geäußert, daß sie mehrere Arten grasgrüner Rosen in ihrem Garten hätte, und wenn ich ihr einen Besuch machen wollte. ständen mir so viel Augen, als ich wünschte, für meinen Zweck zur Verfügung. Was war mir übrig geblieben, als dieses so überraschende und doch so liebenswürdige Anerbieten dankbar anzunehmen. Ich hatte meinen Namen genannt, die Dame hatte ein Gleiches gethan unter Hinzufügung ihrer Wohnung, und auf dem Perron des Bahnhofes hatten wir uns nach höflichem Gruße getrennt; noch einen flüchtigen Blick hatte ich nach dem eleganten Gefährt werfen können, das meine neue Bekanntschaft erwartet hatte und in dem sie nun eilig davon fuhr.

»Du hast eine famose Eroberung gemacht,« sagte mein spöttelnder Begleiter, »ich gratulire.«

»Wer ist denn diese blumenspendende Fee?« fragte ich meinerseits.

»Du kennst sie also nicht? Ei, das ist ja die reiche »Curaçao« – zwei baare Millionen hat sie mindestens von ihrem Gatten geerbt, ungerechnet die Paläste, Landgüter, Bildersammlungen und dergleichen Zugaben!«

Durch diese Bemerkung war ich orientirt. Der Ehegemahl der prunkliebenden Dame hatte einen Pomeranzenliqueur erfunden, der weltberühmt geworden 21 war und ihm goldene Schätze eingebracht hatte; mitten zwischen seinen Destillirapparaten war er plötzlich gestorben, und die Wittwe war mit ihren zwei Knaben in die mir bezeichnete Vorstadtvilla übergesiedelt, in der sie die Renten ihres seltenen Vermögens so behaglich als möglich zu verzehren suchte. Behaglich auf ihre Weise! Die Welt munkelte allerlei Wunderbares von der reichen Frau; sie hätte einen Emporkömmlingsgeschmack; sie lebte trotz ihrer herausfordernden Toilette und ihrer glänzenden Equipagen so ungemüthlich, wie irgend einer ihrer Schooßhunde – ja, noch viel ungemüthlicher, denn diese Hunde hätten es gewiß noch am besten in ihrem Hause; ihren Leuten wenigstens gäbe sie kaum satt zu essen. Was erzählen böse Zungen nicht alles? Neid ist stets der Beweggrund liebloser Urtheile, und daß man die Dame »Madame Curaçao« getauft hatte, schien mir nur den Neid der lieben Nächsten, die weniger hatten, zu bestätigen.

Hätte es mich auch nie gelüstet, die Bekanntschaft der Dame zu suchen, so sah ich doch nicht ein, warum ich derselben hätte ängstlich aus dem Wege gehen sollen; war Madame Curaçao wirklich ungenießbar, so konnte ich die angeknüpften Beziehungen jederzeit mit Leichtigkeit wieder lösen – zudem wünschte ich grüne Rosen – ich beschloß also, von dem gütigen Anerbieten Gebrauch zu machen, und so stand ich denn mit meinem Regenschirme unter dem Glasdache der Villa Curaçao.

Mein Klingeln hatte keinen Erfolg; Niemand kam, die Pforte zu öffnen. Unschlüssig drückte ich den kleinen 22 Perlmutterknopf des elektrischen oder pneumatischen Glockenzuges, so tief ich nur konnte, in die Oeffnung des Ebenholzkranzes, der den Knopf umgab: die schrillen Töne eines sogenannten Carillons klangen durch den Vorflur; aber der Apparat, der das Thürschloß bewegen sollte, rührte sich nicht.

Vielleicht ist Jemand im Garten, dachte ich, und begab mich spähend hinter das Haus. Ein allerliebster Pleasureground zeigte sich meinen Blicken. Malerisch angeordnete Baumgruppen, Wein-übersponnene Wandelgänge – im Vordergrunde ein köstlicher Rasenteppich mit einer Fontaine – und dort zur Linken eine Clematis-umrankte, aus zierlichen Eisenstäben konstruirte Laube, aus welcher menschliche Stimmen zu mir herüberdrangen.

Ich hoffte den Gärtner oder einen Diener dort zu finden, denn noch immer fielen vereinzelte Tropfen und wenn der kalte Luftzug durch die Wipfel rauschte, rieselte es in Strömen zur Erde. Meine Erwartung wurde aber getäuscht; zwei Knaben, offenbar Brüder, im ungefähren Alter von sechs und sieben Jahren, saßen fröstelnd und durchnäßt auf einer hölzernen Gartenbank in der Laube.

Ich redete die Beiden an und fragte nach der Dame, der mein Besuch galt.

»Mama ist zu Hause,« entgegnete der ältere Knabe, während sich der jüngere in die Finger pustete und mich mit unbefangener Neugier musterte.

»Das ist mir sehr erwünscht, mein Junge,« – 23 versetzte ich freundlich, »und ich wäre Dir dankbar, wenn Du meine Anmeldung vermitteln wolltest; auf mein Klingeln hat Niemand geöffnet.«

»Der Joseph ist in die Stadt gegangen,« – platzte der Jüngere heraus.

»Aber die Karolina ist da,« – unterbrach ihn der Andere – »ich will sie rufen.«

Er stand auf, sprang munter davon und verschwand in einer Thür, die sich in der Rückfront des Hauses befand.

»Ihr werdet Euch hier erkälten,« sagte ich sorglich zu meinem kleinen Gegenüber, das mit mir allein in der Laube geblieben war. »Ihr solltet herein gehen und Eure Kleider wechseln; Ihr seid ja ganz naß.«

»Mama hat's verboten.« Diese Antwort klang kläglich und etwas vorwurfsvoll.

»Warum denn?«

»Weil wir die Teppiche nicht beschmutzen sollen.«

Ich warf einen Blick nach der Fußbekleidung des Knaben. Seine Stiefel waren allerdings bedeckt »mit jedes Bodens Unterschied«; er schien die Wege des Parkes nach allen Richtungen durchmessen zu haben.

»Nun,« – meinte ich – »Ihr braucht auch nicht den Salon der Mama zu betreten; aber Ihr könntet doch in der Kinderstube die Stiefel wechseln.«

»Ja, dann würden aber immer die Läufer auf der Treppe und im Korridor schmutzig werden. Mama hat gesagt, erst müßten wir trocken sein, dann sollte uns 24 Joseph die Stiefel abbürsten, und dann erst dürften wir wieder ins Haus kommen.«

Madame Curaçao schien mehr für die Sauberkeit ihres Hauses, als für die Gesundheit ihrer Kinder besorgt zu sein. Ich erwog diese Frage noch, als sich ein Hausmädchen, wahrscheinlich die von dem älteren Knaben schon erwähnte Karoline, mir näherte und mich bescheiden nach meinem Begehr fragte.

Ich gab ihr meine Karte und beauftragte sie, dieselbe der »gnädigen Frau« zu bringen.

Der Erbprinz, der vorhin den Botendienst besorgt hatte, war in den Garten zurückgekehrt, und die beiden fröstelnden Jungen guckten mich wieder mit jener unbefangenen Ausdauer an, die ein Vorrecht der Kinder ist.

»Die gnädige Frau lassen bitten,« tönte Karolinens Stimme aus der Hintertreppenthür; darauf verschwand das Mädchen, um die Hauptpforte an der Seite der Villa zu öffnen und ich schritt, begleitet von den mit dem Bann belegten Knaben, dem Eingange zu. Gewissenhaft machte mein Convoi unter dem Glasdache draußen Halt, und allein erstieg ich die mit coquelicotrothem Smyrna belegten Marmorstufen des Erdgeschosses.

Im Korridor begrüßte mich wieder Karoline und führte mich durch eine Flucht von drei größeren Zimmern nach einem kleinen einfenstrigen Raum, wo sie mich die gnädige Frau zu erwarten bat.

Wie ungemüthlich sah es in diesem Hause aus! So reich auch die Gemächer, die ich durchschritten hatte, ausgestattet waren, so unbenutzt und wahrhaft 25 überflüssig mußten sie Jedem erscheinen, der sie betrat. Die Kronleuchter in Gaze verhüllt – die Oelgemälde an den Wänden verschleiert – die Polstermöbel mit Staubkappen überzogen – selbst das plastische Kunstwerk, das auf einer schwarzen Marmorsäule in einer Ecke des ersten Salons paradirte, war hinter so dichten Leinwandfalten verborgen, daß es ganz unmöglich war, auch nur annähernd etwas von seiner Bedeutung zu errathen.

Nur das kleine Zimmerchen, in dem ich die Herrin des Hauses erwartete, verrieth, daß es bewohnt war. Auch hier waren die Wände mit Oelgemälden überladen; aber die Bilder waren unverhüllt. Schade, daß all diese Schätze sans rime et sans raison durcheinander hingen, die meisten zu hoch oder in so ungünstiger, spiegelnder Beleuchtung, daß man nur Unwillen über die rohe Hand empfand, die mit den Gemälden so wahllos verfahren war, als wären es Neu-Ruppiner Bilderbogen. Ich glaubte eine Mondscheinlandschaft von Oswald Achenbach zu erkennen; sie hing unmittelbar unter dem Plafond, und man bekam Genickschmerzen, wenn man sie länger betrachtete. In dem lichtlosen Winkel neben dem Fenster war ein unzweifelhafter Alma-Tadema versteckt, und eine Hochgebirgslandschaft, die im schrillen Reflex dem Fenster gegenüber hing, schien ein echter Kamecke. Die einzigen Bilder, die gutes Licht hatten, waren die Portraits der Madame Curaçao und eines männlichen Pendants, das jedenfalls den seligen Gatten und Pomeranzenliqueur-Erfinder 26 vorstellte. Die Handschrift des Autors dieser Bilder war mir unbekannt; das Verdienst desselben war sicher weit geringer gewesen als der Verdienst, den er bei Herstellung des Konterfeis eingestrichen hatte: das Honorar hatte wohl mehr Gewicht gehabt, als sein Ruhm.

»Entschuldigen Sie, Herr Baron, wenn ich Sie habe warten lassen,« – flötete die mir schon bekannte Stimme der Göttin dieses Tempels. Sie war durch eine Hinterthür eingetreten und deutete einladend auf einen himmelblauen Fauteuil, indem sie sich in der Ecke einer dito himmelblauen Causeuse niederließ. »Ich war gerade beschäftigt, etwas Staub zu wischen; man muß so etwas selbst thun, denn, Sie wissen, die Domestiken sind zu ungeschickt und ahnen nicht den Werth eines Kunstwerkes.«

Ich nickte einverstanden und gewann durch einen flüchtigen Blick auf die Toilette der Dame die Bestätigung ihrer Angabe. Sie war in einem keineswegs tadellosen Négligé; die weiße Latzschürze verbarg nur unvollkommen eine recht bedenkliche Stelle in dem Texte ihres Rockes; die rechte Hand, mit der sie eine seidene Quaste der himmelblauen Tischdecke bearbeitete, konnte die Spuren der staubwischenden Thätigkeit nicht ganz in Abrede stellen; nur das Häubchen, das auf dem unfrisirten Haare saß, war sauber und kokett, und wahrscheinlich hatte sich Frau Curaçao nur zurückgezogen, um es in Eile aufzustülpen und sich so zur Annahme eines Besuches ein klein wenig reputirlicher zu machen.

27 »Ich begreife Ihre Vorsicht,« versicherte ich höflich, »Sie haben so viele seltene und wunderschöne Sachen in Ihrem Heim, daß es einem wahren Museum ähnelt.«

»Nun ja, man hat einige Kostbarkeiten,« erwiderte sie bescheiden. »Mein seliger Oskar war ein rechter Enthusiast – wo er nur einen Kunstschatz erwerben konnte, da griff er zu – kein Preis war ihm zu hoch, wenn es galt, ein Bild, eine Statuette, eine seltene Majolika oder Bronze zu erwerben; er war zu idealistisch!« Sie nahm das Staubtüchlein, das sie wohl in Zerstreuung noch immer in der Linken hielt, in die rechte Hand und tupfte gerührt damit auf die feuchten Augen.

»Er hat nicht geahnt, welche Last und Sorge er mir mit seinen Liebhabereien bereiten sollte. Sie haben die hunderterlei Dinge in den anderen Zimmern gesehen; das will täglich gesäubert sein. Mein Joseph zerschlug mir gleich am Tage nach seinem Dienstantritt eine japanische Vase – er darf die vorderen Räume nicht mehr betreten; auf so ein Hausmädchen ist auch kein Verlaß – nun bin ich gezwungen, Alles selbst zu thun. Glauben Sie es wohl? ich komme oft nicht dazu, ein wenig auszufahren und Luft zu schnappen, blos weil mir die Instandhaltung der Zimmer obliegt.«

Ich hatte Noth, ein Lächeln zu unterdrücken. »Sie Aermste!« brachte ich theilnehmend hervor, »so erfahren auch Sie die alte Wahrheit, daß es keine Rose ohne Dornen giebt.«

28 »Keine Rose ohne Dornen? Doch, Herr Baron, ich habe eine dornenlose Rose in meinem Garten –«

»Bitte, meine gnädige Frau, nennen Sie mich nicht Baron; ich bin kein Baron, ich bin ein schlichter Edelmann – die Baronie sind mir die Götter schuldig geblieben.«

»O, ich weiß, was sich schickt,« beharrte sie geziert. Ich begriff nur ihre Fertigkeit in dem, was sich nicht schickt, und lächelte diplomatisch. »Sie erinnern mich zur guten Stunde,« fuhr sie fort, »an mein Versprechen. Ich will Ihnen meine grüne Rosen zeigen – erwarten Sie aber nichts Schönes, ich finde diese Blumen entsetzlich – und Sie mögen so viel Augen, als Sie nur wünschen, davon mitnehmen.«

Sie stand auf, und wir schritten wieder durch die Flucht der Vorderzimmer, um nach dem Garten zu gelangen.

»Sehen Sie, das ist mein Tod!« rief sie emphatisch aus, indem sie im mittleren Salon stehen blieb und eine Gazebedeckung von einer Etagère abhob – »alle diese zerbrechlichen Kostbarkeiten muß ich hüten und säubern.«

Da lagen indische Pfauenwedel und aus Elfenbein geschnitzte chinesische Sächelchen; dazwischen standen prächtige Vasen aus Cloisonné, mosaikverzierte Becher, Gefäße aus Craqueléporzellan, Kistchen aus Sandelholz, mit Elfenbein und Schildkrot eingelegt, und auf dem obersten Brett in der Mitte ein mächtiger Elephant aus Bronze, der eine Räuchermaschine zu sein schien. 29 Ich drückte meine Bewunderung über dies bunte, seltene Durcheinander aus.

»O, das ist noch gar nichts!« erwiderte Frau Curaçao – »hier giebt es noch mehr davon!« Sie drückte sich vorsichtig zwischen den überall umherstehenden Guéridons und Blumenständern hindurch und entfernte die Schutzdecke von einem über dem Sopha angebrachten Sims. »Das muß gehütet werden, wie das Auge im Kopfe!«

Auf dem Sims kamen exotische, gestickte Fächer zum Vorschein, Dolche und Schwerter, lackirte Schachteln, Majoliken in allen Farben und Formen, tauschirte Tabatièren, Inkrustationen, ciselirte Vasen, Nachbildungen des Hildesheimer Silberfundes, Marmorstatuetten und allerlei Gethier aus Bronze mit bunten Steinen statt Augen in den Köpfen.

Es zuckte wider meinen Willen um meinen Mund. »Der reine Trödelkram!« rief eine boshafte Stimme in mir; aber schnell legte ich mein Antlitz in ehrfurchtsvolle Falten und sagte bewundernd:

»Wenn Sie alle diese Schätze staubfrei erhalten, dann sind Sie eine Zauberin, der Nichts unmöglich ist.«

Triumphirend sah mich meine Nachbarin an. »Vier Stunden täglich wische ich hier, hier in diesem Salon, den Staub! Den Rest meiner freien Zeit widme ich den anderen Zimmern. Bitte, prüfen Sie dies Ding hier, ob ein Stäubchen daran haftet!« Sie nahm einen Dolch, dessen Scheide mit Fischhaut überzogen war, vom Gesims und reichte ihn mir.

30 Anerkennend mußte ich bestätigen, daß auch die feinsten Vertiefungen in der Fischhaut reingebürstet waren.

Die Frau fing an, mir aufrichtig leid zu thun; statt der Lust an dem Schönen kannte sie nur die Last der Ueberbürdung mit demselben; ihre Monomanie, die Kunstliebhaberin zu spielen, stand in zu kläglichem Gegensatze zu der Aschenbrödelrolle, zu der sie sich selbst verurtheilte.

»Ich glaube, es regnet nicht mehr,« rief sie, durch die große Fensterscheibe blickend, »wir wollen eilen, daß wir in den Garten kommen.«

Als wir durch die Thür des letzten Saales nach dem Korridor traten, stammelte sie ein etwas verlegenes: »Entschuldigen Sie einen Augenblick!« huschte zurück in den Saal und ich bemerkte, wie sie mit einem Bürstchen, das sie aus irgend einem Winkel geholt hatte, schnell ein paar Mal über den Teppich fuhr, den wir überschritten hatten. Hastig kam sie wieder an meine Seite und sagte, noch keuchend von der kleinen Anstrengung:

»Es ist ein echter Perser! Ich schone ihn, so viel ich nur kann. Ein Geschäftsfreund meines seligen Oskar brachte ihn aus dem Orient mit – er war eigentlich für den Schah bestimmt – aber für gute Worte und noch besseres Gold hat ihn der Reisende erworben.«

Im Garten angekommen, zeigte ich auf die beiden Knaben, die immer noch klappernd in der Laube saßen 31 und denen der Trocknungsprozeß schon so viel Wärme entzogen hatte, daß ihre Gesichter bläulich schimmerten.

»Wird es für die junge Welt nicht zu kühl werden? Die Knaben sind arg durchnäßt gewesen.«

»Kommt einmal her!« rief Mutter Curaçao, nach der Laube gewendet.

Die Knaben gehorchten; Hoffnung verklärte ihre Züge.

»Wie sehen Eure Stiefel aus!« grollte die Frau, »als ob Ihr einen Acker gepflügt hättet! So dürft Ihr mir nicht ins Haus kommen – das fehlte mir noch!«

Ich warf der Strengen einen bittenden Blick zu.

»Ruft den Joseph!« fuhr sie milder fort, »er soll Euch vor der Thür die Stiefel ausziehen; Ihr geht dann auf Strümpfen die Treppe hinauf – aber nach dem Kinderzimmer, versteht Ihr? – und oben zieht Ihr Euch völlig um, bevor Ihr herunter zu Mama kommen dürft. Daß Ihr mir keinen Schmutz ins Haus bringt! Nun macht fort!«

Sie schaute befriedigt lächelnd zu mir auf; dann seufzte sie tief:

»Nichts als Sorge hat man mit so wilden Buben!«

Auch diese Knaben waren für sie nur lebendige Kunstwerke, die sie der Güte des seligen »idealistischen« Oskar verdankte, und deren staubfreie, saubere Erhaltung ihr herzlich wenig Freude zu machen schien.

Wir kamen zu den grünen Rosen. Frau Curaçao hatte Recht gehabt: ärmliches, niedrig kriechendes 32 Gezweig mit fahlgrünen, unscheinbaren Blüthen! Das hartnäckige Streben der Blumenzüchter, Rosen in allen möglichen Farben zu erzeugen, kam mir wie eine Verirrung vor, wie eine Todsünde gegen den guten Geschmack; eine rothe Centifolie oder eine gelbliche Theerose war und blieb für mich die Königin aller Blüthenwunder. Mit gütiger Erlaubniß meiner Begleiterin entnahm ich dieser Rosenmißgeburt ein paar Augen, wickelte den Raub in ein Blättchen Papier und trat den Rückweg an.

Es regnete nicht mehr, aber die Gartenwege waren wie ein Schwamm mit Wasser vollgesaugt; unsere Tritte hinterließen tiefe Spuren in dem gesiebten Kies. Frau Curaçao hatte diesen Umstand schon vorher bedacht; sie hatte sich mit einer Harke bewaffnet und, wie ein Fuchs seine Fährte mit der Ruthe verwischt, so harkte sie im Gehen unsere beiderseitigen Fußspuren hinter uns zu.

»Man muß so etwas gleich selbst besorgen,« sagte sie erklärend, »auf den Gärtner ist kein Verlaß, für solche Sachen hat er keine Augen.«

Auch der Garten war der armen reichen Frau eine Quelle nicht des Genusses, sondern vermehrter Mühewaltung.

Auf dem Nachhausewege beschloß ich, nie wieder das Heim dieser sonderbaren Dame zu betreten. Leute, welche so wenig Kunstsinn besitzen, daß sie, statt sich am Schönen zu erfreuen, sich zum ängstlich zitternden Sklaven desselben machen, flößen mir geringe Sympathie ein. Wohnzimmer, die mit allerlei Raritäten 33 und Bildwerken derart vollgepfropft sind, daß man sich in ihnen nicht mehr frei bewegen kann aus Furcht, irgend etwas Gebrechliches zu berühren und zu beschädigen, sind eben keine Wohnzimmer mehr und haben für mich keinerlei Reiz. Der künstliche Schmuck eines bewohnten Raumes muß mit Maß und Geschmack ausgewählt werden; wer ohne jede Beschränkung Kunstwerke anzusammeln vermag, der richte sich eine Bildergalerie, ein Raritätenkabinet ein, aber er überlade die Wohnräume nicht so, daß ein Werk das andere erdrückt und die Zimmer selbst jede Gemüthlichkeit und Behaglichkeit verlieren.

Nach einer Woche las ich in der Zeitung, daß der älteste Knabe der staubwischenden Frau Curaçao das Zeitliche gesegnet hatte; er war einer Unterleibsentzündung erlegen. Wahrscheinlich hatte er sich am Tage meines Besuches den Keim zu dieser tödtlichen Erkrankung geholt.

Im Frühlinge des nächsten Jahres begegnete ich auf einem Spaziergange dem jüngeren, jetzt einzigen Söhnchen der Wittwe. Der Knabe kam mit Ranzen und Schiefertafel aus der Schule und sah so elend aus, daß ich erschrocken stehen blieb und ihn anredete.

»In welche Klasse gehst Du denn, mein Junge?«

»In die zweite der Gymnasialvorschule.«

»Also ein richtiger Oktavaner – alle Achtung! Du bist wohl sehr fleißig? Du siehst ein wenig blaß aus – spielst Du denn nicht mehr in eurem schönen Garten?«

34 »Nein!« – antwortete er betrübt – »in den Garten darf ich gar nicht mehr.«

»Warum denn nicht?«

»Mama erlaubt es nicht; ich könnte mich erkälten, meint sie, wie der Fritz, den sie begraben haben.«

»Mein armer Schelm! Dann mußt Du wohl fleißig mit dem Diener spazieren gehen?«

»Nein, das darf ich auch nicht; Mama sagt, ich bringe dann immer zu viel Schmutz in das Haus.«

»Aber, Kind, was treibst Du denn, wenn Du nicht in der Schule bist?«

»Ich bin dann oben in meiner Stube; Mama schließt mich immer ein, damit ich die Teppiche auf den Treppen nicht beschädige.«

»Ei, das ist ja aber – – hm! hm! – Gott schütze Dich, mein Junge! Erzähle Deiner lieben Mama, daß Du mich gesehen hast und daß ich Dir gesagt habe, Du müßtest mehr in die frische Luft gehen, Du sähest gar nicht gesund aus. Adieu – vergiß es nicht!«

Ich weiß nicht, ob meine Bestellung Früchte getragen hat; offenbar war Madame Curaçao, um die Charybdis zu vermeiden, mit ihrem Söhnlein in die Skylla gestürzt. 35

 


 

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