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Für und über die deutschen Frauen

Gerhard von Amyntor: Für und über die deutschen Frauen - Kapitel 4
Quellenangabe
typecauserie
booktitleFür und über die deutschen Frauen
authorGerhard von Amyntor (= Dagobert von Gerhardt)
year1889
firstpub1883
publisherVerlagsanstalt und Druckerei AG (vormals H. F. Richter)
addressHamburg
titleFür und über die deutschen Frauen
pages348
created20140715
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Im Namen unserer Kinder!

»Donnerwetter, Jungens! Das ist ja wieder der reine Backofen! Macht die Fenster auf und laßt Gottes reine Luft herein!«

Der Herr Ordinarius der Quinta, ein noch jugendlicher Pädagoge mit einem Hünenkörper, dem täglich früh Morgens die Wohlthat einer eiskalten Abreibung zu Theil wird, rief es gutgelaunt, und die den Fenstern zunächst sitzenden Schüler beeilten sich, dem schon gewohnten Befehle des Luftfreundes nachzukommen und die unteren Flügel sperrangelweit aufzureißen.

»So, das thut wohl!« meinte der Lehrer, trat an eines der offenen Fenster und sog die Februarluft befriedigt in die kräftigen Lungen. Es war recht warm draußen – zehn Grad Wärme im Schatten – ein ausnahmsweise freundlicher Tag in diesem sonst launischen und nichtsnutzigen Monate. »Hiersemenzel!« begann er drauf, »wir sind gestern bei den Präpositionen stehen geblieben, welche den Accusativ regieren; wie hießen sie doch?«

Der aufgerufene Hiersemenzel deklamirt mit Gefühl 12 sein »Ante, apud, ad, adversus«, und die Stunde verläuft ohne Abenteuer, wenngleich die den Fenstern benachbarten Schüler mitunter die Empfindung einer leichten Gänsehaut haben, da es dem unzuverlässigen Herrn Februarius gefällt, trotz der zehn Grad Wärme ab und zu die Backen voll zu nehmen und einen kühlenden Eishauch den armen Jungens in den gebeugten Nacken zu pusten.

Der Pedell läutet die Glocke.

Der Ordinarius verläßt elastischen Schrittes das Klassenzimmer und nach wenigen Minuten tritt hüstelnd und kurzathmig ein kleines, älteres Männchen herein, das die Unterweisung der lieben Jugend im Französischen zu besorgen hat. Der kränkliche Herr in einem langen, wattirten, bis unter das Kinn zugeknöpften Rocke ist aus Pirna gebürtig, und trotz seines ewigen Kampfes mit den harten und weichen B's und P's, trotz seiner matten Aussprache des S und der singenden, sein Vaterland sofort bekundenden Redeweise hat er sich kühn und mit einem beneidenswerthen Selbstvertrauen der schwierigen Aufgabe unterzogen, aus den Söhnen der norddeutschen Tiefebene kleine Pariser zu machen.

»Ei, heert, das is je – Kott soll mich hieden – hier 'ne kanz vertammte Kälde! Hierschemenzel! mach' gleich de Fenster zu – hier kann mer je plind un daub werden.«

Der Primus springt auf und führt, seinen Mitschülern verstohlen zulächelnd, den Auftrag des Pseudofranzosen aus; er hat es nicht anders erwartet.

13 »Bieber!« – (der Knabe heißt eigentlich »Pieper«) – »effne doch de Heizglabbe! ich klaube, das Dermometer schteht in dieser Schtube auf dem Kefrierbunkt.«

Die Klappe, welche der verbrannten, Lungenaustrocknenden Luft einer im Keller befindlichen Centralheizung den Zutritt gestattet, wird geöffnet: heiß, betäubend, strömt der Odem dieses unterirdischen Höllenfeuers in das Klassenzimmer – das Thermometer steigt nach und nach auf 18 Grad – Hiersemenzel und Pieper bekommen Kongestionen nach dem Kopfe – ihren Genossen geht es nicht besser; mit gerötheten Gesichtern, mit feuchten Stirnen sitzen die meisten der durch Hitze mißhandelten Schüler da, nur der Pirnaer Franzose beginnt behaglich aufzuthauen und sich mehr und mehr als Mensch zu fühlen, er nimmt das unregelmäßige Verb »tenir« vor und erläutert der nur noch mit benebelten Sinnen lauschenden Klasse das Présent:

»je (gesprochen: sche) diens,
du diens,
il dient
« u. s. w.

Die Quecksilbersäule hat fast schon den zwanzigsten Theilungsstrich über dem Nullpunkte erreicht; Pieper, alias Bieber, leidet unter den Symptomen einer sich vorbereitenden Apoplexie – da, Gott lob, tönt die Glocke des Pedells. Das alte Herrchen, das in der unmittelbaren Ausströmung der »Heizklabbe« ordentlich verjüngt worden war und den wattirten Gehrock burschikos aufgeknöpft hatte, zieht sich wieder wie eine Schnecke in sein schafwollenes Haus zurück, drückt alle 14 Knöpfe sorgfältig durch die entsprechenden Löcher, schützt sich mit einem Shawle, der sich wie eine Boa Konstriktor um seinen Hals windet, und verläßt die Quinta, um beim ersten Schritte in den weniger erwärmten Korridor zusammenzuschauern und einem erneuten Hustenanfalle zu unterliegen.

Freiviertelstunde!

Die geschmorten, armen Jungen greifen nach ihren Mützchen und stürzen in ihren leichten Anzügen (nur einige wenige Muttersöhnchen besitzen Paletots, in welche der eine oder andere derselben erst vorsichtig hineinschlüpft) nach dem freien, zugigen Hofe, um dort gesetzt, in pedantischer Prozession – (Laufen und Springen ist wegen der Kleinheit des Raumes bei Strafe untersagt) – auf und ab zu wandeln und den Schweiß auf den Stirnen trocknen zu lassen.

Zu schnell verfließt die kurze Zeit des durch die unerbittliche Schulordnung auf ein Minimum heruntergedrückten Uebermuthes – die wißbegierigen Lämmlein kehren hüpfend und stoßend in die Klassenställe zurück und das ewige Einerlei des Lektionsplanes beginnt sich von Neuem abzuhaspeln.

In der Quinta erscheint der Rechenlehrer, ein verständig-temperirter Mann in den mittleren Jahren, der sich weise vor allen Extremen hütet und zu Hause selbst die moralischen Prügel einer zungengewandten Xanthippe erträgt, um nur nicht die Horazische aequa mens in einem Zornausbruche des Widerstandes einzubüßen. Dieser Virtuose der Pythagoräischen 15 Rechentafeln, dessen Wahlspruch das ne quid nimis ist, ermäßigt die Zimmerwärme auf 15 Grad, da er ein Mehr als der Gesundheit nicht zuträglich betrachtet. Er ist gerade dabei, einem nichtsnutzigen Bengel klar zu machen, daß man Centner und Silbergroschen nicht addiren könne und läuft beinahe Gefahr, gegen seine Gewohnheit heftig zu werden, weil ihn das zunehmende Niesen und Husten der Schüler erheblich stört, als der Herr Direktor das Zimmer betritt, um den Herrn Rechenmeister einmal hinsichtlich seines pädagogischen Verfahrens zu inspiziren. Auch der Herr Direktor wundern sich baß über den wüsten Lärm fortgesetzter Nasenexplosionen und Hustenanfälle der jugendlichen Rechenkünstler; er glaubt sich in einem geräuschvollen Schafstalle zu befinden und geht kopfschüttelnd an das Thermometer.

»Fünfzehn Grad,« – sagt er befriedigt – »eine höchst angemessene Temperatur – ich begreife nicht, wie empfindlich die Respirationsorgane der heutigen Jugend sind – das war zu meiner Zeit doch anders!«

Der Scholarch verläßt das Zimmer und ist am anderen Morgen gar nicht sehr erstaunt, daß zehn Quintaner durch ihre Abwesenheit glänzen – sie sind erkrankt, und nach den gestrigen Husten- und Niesenvorboten war etwas anderes kaum zu erwarten – nur kann er nicht einsehen, warum sich die Unpäßlichkeiten der lernbegierigen Jugend in seinem Gymnasium so auffallend vermehren.

Diese kleine im Geschmack der bekannten Schulhumoresken gehaltene Erzählung gab mir ein Thüringer 16 zum Besten, mit dem ich in einer Abtheilung des Eisenbahnwagens zusammen saß.

»Die Sache bedarf keines Kommentares« – fügte er aufgebracht hinzu. »Wenn ich 24 Stunden im Regimente wäre, ich wollte es schon ändern. Es ist zu toll! Ich habe fünf schulpflichtige Kinder – ich bin gesetzlich gezwungen, sie in die Schule zu schicken – das Schulgeld wird jedes Jahr erhöht – meine Kinder lernen nur sehr mäßig – es sind keine Genies – was sie mir aber unausgesetzt mit nach Hause bringen, das sind Krankheiten – Krankheiten, die durch das verkehrte Verfahren der Herren Lehrer künstlich erzeugt werden!«

»Aber, verehrter Herr,« – entgegnete ich bescheiden – »wie wollen Sie denn derartigen Erscheinungen vorbeugen?«

»Mein Herr!« rief er leidenschaftlich, »ich müßte mich sehr irren, wenn Sie nicht Soldat gewesen sind. Was würde ein General thun, wenn er bei der Besichtigung einer Kaserne im Winter in einem Mannschaftszimmer eine Temperatur von 18 oder 19 Grad Réaumur fände?«

»Das kommt nicht vor.«

»Gut. Wenn es aber vorkäme? Bitte, antworten Sie mir: was würde der General thun?«

»Nun, ich glaube, der Stubenälteste würde in den Arrest spazieren und der Chef der Truppe würde ebenfalls einige Anzüglichkeiten hinsichtlich seiner Kasernenordnung zu hören bekommen.«

17 »Sehen Sie, Verehrter? Und eben so, wie die Armee den Soldaten schützt, verlange ich, daß die Kultusbehörde unsere armen Schulkinder schütze. Bei Strafe muß es einem Lehrer untersagt sein, die Klassenwärme nach seinen subjektiven Empfindungen zu steigern oder zu mindern – bei Strafe, verstehen Sie mich?«

»Aber,« – wandte ich ein – »unsere Lehrer sind doch intelligente Leute, haben meistens selbst Familie und werden doch für gewöhnlich die Schüler nicht durch ein Verfahren, wie Sie es eben darzustellen beliebten, krank machen?«

»Das ist noch sehr die Frage – solche Dinge passiren überall und öfter als zu oft. Ich habe die größte Hochachtung vor dem Wissen, dem Eifer und der Hingebung der deutschen Lehrer – alle Achtung! – ich nehme gern den Hut ab. Was aber Schulmänner und alte Jungfrauen in Ertragung von Zimmerhitze leisten können, das übersteigt jede Erwartung. Mein Schwiegersohn ist selbst Oberlehrer und ich habe ihm neulich meinen Hausarzt auf den Hals geschickt, um ihn daran erinnern zu lassen, daß sich ein Mensch langsam und sicher tödtet, der bei 18–19 Grad Wärme des Winters im Zimmer sitzt. Nein, glauben Sie mir, das, was wir bedürfen, ist ein Gesetz, eine strenge Vorschrift für sämmtliche Schulen in Betreff der Heizung. Vierzehn bis fünfzehn Grad – kein Strich darüber! Der Lehrer ist dafür bei strenger Strafe verantwortlich zu machen, und es müssen Revisoren ernannt werden, die jederzeit das Recht haben, 18 die Klassen in Betreff der Wärme zu revidiren. Wem von den Herren Lehrern das zu wenig dünkt, der mag seinen Pelz anbehalten – wem es zu viel ist, der mag einen Sommerrock anziehen – aber nur nicht eine so hochwichtige Sache in das persönliche Belieben des Einzelnen gestellt. Dabei gehen unsere Kinder körperlich zu Grunde!«

»Sie mögen vielleicht Recht haben, daß – –«

»Verzeihen Sie mir,« unterbrach er mich – »Sie stehen mit der Presse in Beziehung – versprechen Sie mir, dieses Thema zur Sprache zu bringen – Sie werden sich den Dank aller Väter und Mütter schulpflichtiger Kinder erwerben.«

»Ach, bester Freund, es ist keine dankbare Aufgabe, gegen bestehende Uebelstände zu Felde zu ziehen – die Leser wollen meist nur unterhalten, selten belehrt werden –«

»Ich weiß, ich weiß – aber im Namen unserer Kinder bitte ich Sie – erfüllen Sie meinen Wunsch.«

Ich gab nach und versprach das Meinige zu thun.

Dieses Versprechen kann ich nicht besser erfüllen, als indem ich die hochwichtige Angelegenheit hierdurch an das Herz der deutschen Frauen lege. 19

 


 

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