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Für und über die deutschen Frauen

Gerhard von Amyntor: Für und über die deutschen Frauen - Kapitel 24
Quellenangabe
typecauserie
booktitleFür und über die deutschen Frauen
authorGerhard von Amyntor (= Dagobert von Gerhardt)
year1889
firstpub1883
publisherVerlagsanstalt und Druckerei AG (vormals H. F. Richter)
addressHamburg
titleFür und über die deutschen Frauen
pages348
created20140715
sendergerd.bouillon@t-online.de
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»Bildung macht frei!«

Ueberhandnehmende Quacksalberei, Wunderdoktorei und Geheimmittel-Krämerei ist eines der vielen Zeichen unserer sich mit großem Selbstbewußtsein »aufgeklärt« nennenden Zeit. Da der einträgliche Handel mit allerlei sympathetischen oder weit über den Werth zum Kauf gestellten Heilmitteln die Dummheit der Käufer zur Voraussetzung hat, so könnte man versucht sein, einen allgemeinen intellektuellen Rückgang der jetzt lebenden Generation anzunehmen; ich glaube aber, daß dies ein unberechtigter Schluß wäre und daß vielmehr nur die gesteigerte Thätigkeit unserer Tagespresse, die Vermehrung ihrer Organe und die enorme Erleichterung einer wirksamen Reklame den Pfuschdoktoren und Heilmittelschwindlern größeren Vorschub leistet als früher.

Diesen Pseudohelfern aus Leibesnöthen stehen die Charlatane zur Seite, welche im Besitze der Mittel zu sein behaupten, die das Volk aus der geistigen Nacht erlösen sollen. So mancher Professor oder Journalist 298 oder politische Parteiführer hat das Rezept fix und fertig in der Tasche, nach welchem aller geistigen Noth der Massen ein Ende gemacht und die siegende Freiheit auf den Thron der Welt erhoben werden kann, und die auf der Tenne parlamentarischer Schönrednerei unzähligemale ausgedroschene Phrase: »Bildung macht frei« – ist zum Schiboleth gewisser, im Sturmschritt marschirender Parteien geworden.

Wie in allen Schlagwörtern, so steckt auch in diesem ein Maß von Wahrheit und zwar nicht nur ein Körnchen, sondern eine ganze Handvoll; ja, man kann die Phrase ohne Einschränkung als eine Panacee gegen alles Uebel dieser Welt gelten lassen, wenn man sich vorher über den Begriff des Wortes »Bildung« verständigt hat. Gewiß soll ein jeder Mensch Bildung zu erringen streben; er soll nicht nur sich selbst bilden, sondern er soll auch seine inferioren Mitmenschen zu bilden und dadurch das Reich der wahren Vernunft, d. i. das Reich Gottes schon hienieden herzustellen suchen; nur muß diese Bildung nicht blos dem Kopfe, sondern auch dem Herzen zu theil werden; sie muß nicht nur eine Bildung der Erkenntniß, sondern auch der sittlichen Kraft sein. Dank unserm wohleingerichteten Schulwesen befinden wir uns an der Spitze der gebildeten Nationen und mit Stolz weisen wir auf unsere statistischen Tabellen, nach welchen unter den Tausenden und aber Tausenden, die zum Heeresdienste ausgehoben werden, nur ein den andern Nationen gegenüber verschwindender Bruchtheil von Analphabeten existirt; und 299 dennoch ist es kaum zu glauben, ein wie ungeheurer Prozentsatz unserer Mitbürger aller und jeder Herzensbildung entbehrt, wie erschrecklich die Rohheit aller Art zunimmt, wie furchtbar sich die scheußlichsten Brutalitätsverbrechen mehren. Wenn ein intellektuell gebildeter Mensch vor den Schranken des Gerichtes steht wegen Handlungen, gegen deren nähere Bezeichnung sich die Feder sträubt, so werden wir unwillkürlich daran gemahnt, wie wesentlich die Allgemeingiltigkeit des Satzes »Bildung macht frei« einzuschränken oder wie universell der Begriff der Bildung zu erweitern ist, um die Wahrheit jenes Satzes zu retten.

Das ebenso tiefe als schöne Wort Jesu Christi: »Lasset die Kindlein und wehret ihnen nicht, zu mir zu kommen, denn solcher ist das Himmelreich« – zeigt uns den Weg, wie wir zu dem allein richtigen Verständniß der freiheitfördernden Bildung gelangen können; jede andere Deutungsart läßt die Phrase eben eine – Phrase bleiben, eine glänzende Nichtigkeit, eine heuchlerische Unwahrheit. Warum spricht der Menschensohn den Kindern das Himmelreich, d. h. das Reich der wahren Freiheit zu? Gewiß nicht wegen ihrer intellektuellen Bildung! sondern weil sie, statt wissend zu erkennen, erst glaubend ahnen; weil ihnen das gesunde Herz noch nicht durch einseitige Dressur des Hirnes verkrüppelt ist.

Kalte, unfruchtbare Erkenntniß ohne den warmen Pulsschlag eines veredelten Herzens ist die Hölle; wird 300 zum Monstrum, zum Kakodämon. Selbst einen Meister tiefster Gelehrsamkeit nennen wir erst dann gebildet, wenn er auch sein Herz gelehrt hat mitzufühlen mit dem Herzen seines Nächsten, sich zu freuen mit den Fröhlichen und mit zu weinen mit den Traurigen, wenn er die große Kunst gelernt hat, alle Funde subtilster Denkarbeit in warmblütige Thaten des Herzens umzusetzen. Wer noch so scharfsinnig zu spekuliren, noch so haarspaltend seine Forschungsobjekte zu zerlegen versteht, und hat keine Liebe im Herzen und bleibt dem Elende und den Thränen einer Welt gegenüber ungerührt, der ist ein intellektuell abgerichtetes Menschenthier, nichts mehr, und all sein Wissen wiegt die Bildung eines Tagelöhners nicht auf, der das Herz auf dem rechten Fleck hat. Bildung macht frei, gewiß! Aber nur die universelle Bildung des ganzen, erkennenden und fühlenden Menschen; einseitige Verstandesdressur macht unfrei, sie erzeugt Sklaven der Leidenschaften, Heloten gemeinster Selbstsucht, Ungeheuer jeder Art.

Die Nichtbeachtung des Grundgesetzes von der Polarität der menschlichen Natur zerstört jedesmal die Harmonie ihrer Erscheinungsform; dies zeigt sich nicht nur auf dem Gebiete philosophischer Spekulation, sondern auch auf dem weiten Felde praktischer Thätigkeit. Der Politiker, der sich auf Kosten seines Herzens in das Prokrustesbett irgend einer sozialen oder ökonomischen Doktrin einzwängt, läuft Gefahr, ein bewußtes Scheusal zu werden. Die hartnäckigste Verranntheit in irgend welches politische Credo bleibt so lange 301 unbedenklich, als sich ihren Bethätigungsbemühungen das ehrliche Streben nach Herzensbildung zugesellt; ein Mensch der radikalsten Richtung, der ein gebildetes, zart empfindendes Herz im Busen trägt, kann ein Gentleman sein und auf unsere Achtung und Theilnahme gerechte Ansprüche erheben; erst wenn das Ethische in ihm unter dem Wust seiner Weltverbesserungstheorien verschüttet und erstickt ist, erst dann wird er zur Bestie, die den Meuchelmord predigt und zu jenen Schand- und Schauerthaten fortschreitet, die unserem Zeitalter abwechselnd die Röthe der Scham und die Blässe des Entsetzens ins Antlitz malen.

 

Wie die einseitige Verstandesrichtung und die Loslösung ihrer Forderungen von dem veredelnden Einflusse eines gebildeten Herzens den Menschen zuletzt bildungsfeindlich macht und zum reißenden Thiere erniedrigt, das zeigen schwarz auf weiß die Offenbarungen unserer vorgeschrittensten und konsequentesten sozialdemokratischen Preßerzeugnisse; in einem Artikel der »Freiheit« wurde vor einiger Zeit zur Ausrottung jener »erbärmlichen Brut« aufgefordert, die sich aus Fürsten, Ministern, Staatsmännern, Prälaten, Offizieren, Richtern und Advokaten, Journalisten und Bourgeois zusammensetzt. Vor dem Mordstahl und der Dynamitpatrone soll also nur der sozialdemokratische Haufe und die rudis indigestaque moles der ungelehrten Menge verschont bleiben; das ist die Freiheit, die jene einseitige Bildung anstrebt, und es sieht wie grausame Ironie aus, wenn der heilige 302 Name der Freiheit als Titel über dem Organe einer so hirnverbrannten und blutdürstigen Doktrin steht.

Bildung macht frei, ja! aber nur die gleichzeitige Bildung von Kopf und Herz. Es scheint an der Zeit, diese alte Wahrheit immer wieder aufs neue zu predigen, bis sie die Spatzen von den Dächern zwitschern. Sie ist manchem verloren gegangen. Es giebt Bildungsfanatiker, welche unsere Schulen reformiren und auf Kosten des Herzens nur die Köpfe unserer Kinder mit todtem, abstraktem Lehrstoff überfüllen wollen. Mancher sogenannte Gebildete hat es vergessen, daß gerade die Jugend das lebhafteste methaphysische Bedürfniß hat; er will ihr die beseligenden Mysterien der Religion vorenthalten und statt dessen eine Vermehrung der mathemathischen und naturwissenschaftlichen Lehrstunden aufbürden. Wir sind Feinde jedes Gewissenszwanges, jeder konfessionellen Selbstgerechtigkeit, jeder Ueberhebung und Unduldsamkeit; wir lassen jeden nach seiner Façon selig werden und sehen das Wesen einer religiösen Unterweisung unserer Kinder weder in der Belastung des Gedächtnisses mit todtem Memorirstoff noch in der Anleitung zu einer liebeleeren Haltung gegen Andersgläubige; wer aber mit der Religion überhaupt tabula rasa machen und statt des Brotes derselben den jungen Seelen nur den Stein chemischer Formeln und mathematischer Sätze bieten will, der stellt eine knospende Pflanze aus dem Sonnenlichte in den Keller, um sie dort zum Blühen zu bringen. Die Religion, die geheimnißvolle aber jedem denkenden Wesen eingeborene 303 Beziehung zur Gottheit, ist der wahre Sonnenschein, in dem allein die sittlichen Keime der Kindesseele gedeihen und zur Reife gelangen können, und so sehr es uns geboten scheint, daß die lernende Jugend der Gegenwart weniger mit griechischen Aoristen gequält und mehr mit den Wundern der täglich reicher erschlossenen Naturgesetze bekannt gemacht werde, so will es uns doch bedünken, daß man das eine thun und das andere nicht unterlassen soll und daß es ein Mord, ein Seelenmord an dem heranwachsenden Geschlechte wäre, wenn man dem Geschrei der flachen Köpfe und kurzsichtigen Neuerer nachgeben und aus den Schulen den Religionsunterricht verbannen wollte. Nur wer arbeiten und beten gelernt hat, nur ein solcher hat sich das mögliche Maß irdischer Freiheit errungen; nur dem, der seine intellektuellen Kräfte geübt und entwickelt, sein Wissen bereichert, aber auch die Ueberzeugung gewonnen hat, daß jede Erkenntniß ohne sittliche Kraft und ohne Liebe zu Gott und dem Nächsten nicht ein Segen, sondern ein Fluch ist, nur einem solchen werden wir echte und rechte Bildung zugestehen.

Es ist ein Jammer, anzusehen, wie schlecht berathene Eltern und Erzieher ihre Kinder und Pfleglinge in immer mehr beschleunigter Hast mit todten Kenntnissen vollzupfropfen suchen und dabei des Seelenhungers dieser Kleinen ganz vergessen. Das Leben sei ein Kampf, sagen sie, ein Kampf ums Dasein; die Konkurrenz der wachsenden Bevölkerung mache diesen Kampf immer erbitterter und rücksichtsloser, der Sieg 304 werde immer schwieriger; da gelte es, den Verstand der Kinder schon früh zu wecken und immer gründlicher zu drillen, damit sie für das Konkurrenzgemetzel nur ja recht zeitig geschickt gemacht würden; die ethischen Forderungen der Religion seien ein Luxus, zu dem Zeit und Mittel der harten Gegenwart nicht mehr ausreichten; wenn »der Junge« nur was Tüchtiges lerne, dann werde er schon seinen Weg machen; alles übrige werde sich von selbst finden. Mit solchen Ansichten, sagen wir es rund heraus, bildet man Zuchthauskandidaten. Wehe dem Menschen, der in der Pracht einer Lenzlandschaft, eines Sonnenunterganges oder des gestirnten Himmels einer Winternacht nicht mehr sieht, als die Zeichenschrift unwandelbarer Naturgesetze! der in der Welt nur noch ein starres perpetuum mobile, ein sich selbst aufziehendes und ergänzendes Uhrwerk erblickt, und den die ahnenden Schauer der entzückten Seele nicht zu einem Gotte tragen, der hinter dem Kosmos verborgen ist! Wie der Mensch diesen Gott benennt, ob er ihn mit den höchsten menschlichen Qualitäten ausrüstet, ob er ihn als unnahbar und unfaßlich mit irgend einem Worte der philosophischen Fachsprache bezeichnet, wir sind weitherzig genug, darin keinen Unterschied zu machen und der individuellen Vernunft keine ausschließliche Formel aufzuzwingen; aber aus tiefinnerster Ueberzeugung sagen wir mit dem Psalmisten: »Die Thoren sprechen in ihrem Herzen: es ist kein Gott« –, und wer eine junge Seele bilden will, der wende sie nicht von diesem Urquell aller Liebe und aller Freiheit ab!

305 Bildung macht frei – ja und wahrhaftig! aber nur jene Bildung, welche dem reifenden und früchtetragenden Geiste ein kindliches, d. i. ein gläubig ahnendes Herz erhält. »Lasset die Kindlein zu mir kommen!« Uns ist jenes berühmte und berüchtigte Wort Stahls: »Die Wissenschaft muß umkehren,« wenn wir auch zugeben wollen, daß es absichtlich paradox gefaßt war, immer als ein spitzfindiger Unsinn, als ein scharfsinniger Gallimathias vorgekommen. Die Wissenschaft darf nie die Magd der Religion sein; sie ist ihre freigeborene Tochter; und wenn sie verwegen auf die höchsten und halsbrecherischsten Schwindelpfade klimmt, man soll sich ihres Muthes und kalten Blutes freuen, ihr Glück auf den Weg wünschen und nimmermehr ein Zurück zurufen. Wohl aber soll man die Erträge der wissenschaftlichen Forschung mit der Stimme des Gewissens und den Geboten des Sittengesetzes in Einklang bringen; der Kopf muß durch das Herz immer regulirt werden; die Wissenschaft verabsolutiren und sich der Ethik verschließen, das heißt den Ast absägen, auf dem man selber sitzt. Wohin die Verabsolutirung der Wissenschaft führen kann, das ließe sich an dem Beispiele eines Physiologen erhärten, der etwa am Leibe seiner eigenen Mutter die gewaltsame Vivisektion vollzöge, um irgend einem interessanten Lebensprozesse auf die Spur zu kommen. Der Kompromiß zwischen dem bereicherten Geiste und dem zart besaiteten Herzen, das ist der Schlußstein aller Bildung; Wissenschaft und Sittengesetz heißen die Pathen, welche die Freiheit eines Menschen 306 aus der Taufe heben. Könnten wir die Sonne inniger und vertrauender Gottesliebe aufgehen machen über unserer schwerverfinsterten Zeit: das Elend wäre beseitigt, die Ketten der Sklaverei wären zerbrochen und ein neuer Völkerfrühling würde tagen. In alle Häuser, in denen Menschen gesellig wohnen, in die Hütten und Paläste, aber auch in die Lazarethe und Gefängnisse, in die Bergwerke und Fabriken, wollen wir den Ruf dringen lassen: Bildung macht frei, aber nur jene Bildung von Kopf und Herz, welche, wie ein elektrischer Strom zwischen zwei Polen, das milde Licht der Gottesliebe erzeugt! 307

 


 

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