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Für und über die deutschen Frauen

Gerhard von Amyntor: Für und über die deutschen Frauen - Kapitel 23
Quellenangabe
typecauserie
booktitleFür und über die deutschen Frauen
authorGerhard von Amyntor (= Dagobert von Gerhardt)
year1889
firstpub1883
publisherVerlagsanstalt und Druckerei AG (vormals H. F. Richter)
addressHamburg
titleFür und über die deutschen Frauen
pages348
created20140715
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Gesellschaftliche Bräuche und Anschauungen.

Zu den Lebensregeln der lieben bauernpfiffigen Mittelmäßigkeit gehört der Grundsatz, in Gesellschaften nur dann die wahre Meinung zu sagen, wenn man voraussetzen darf, daß diese Meinung andere nicht verstimmen werde. Besonders dürfte das weibliche Geschlecht, das ja in seinen edelsten Vertreterinnen nicht gern den Hausfrieden bricht und immer bestrebt ist, ein feindliches Aufeinanderplatzen der Geister zu vermeiden, geneigt sein, diesem Grundsatze eine gewisse Allgemeingültigkeit zuzuerkennen. Wir wollen hierbei ganz außer Acht lassen, daß es zwei Wege giebt, seine wahre Meinung zu verbergen: das Schweigen und die offenbare Unwahrheit. Nur wenige besonders starke Charaktere unter den Frauen sprechen immer und überall das aus, was ihr Herz bewegt, ohne Rücksicht darauf, ob das Gesagte andere angenehm oder unangenehm berühren kann.

Man verwechselt oft die Wahrheit mit der Formlosigkeit und glaubt, namentlich im gesellschaftlichen 288 Verkehr, sich gelegentlich eine kleine Oekonomie der Wahrheit gestatten zu dürfen, um nur ja nicht plump und formlos zu erscheinen. Ein Beispiel mag das erläutern.

Frau X. hat sich einen neuen Sommerhut gekauft und denselben zum Gartenfeste bei Frau Y. aufgesetzt. Im frohen Bewußtsein, etwas Allerliebstes, Geschmackvolles und Kleidsames auf dem blonden Köpfchen zu tragen, fragt Frau X. die anderen Damen, wie ihnen der neue Hut gefalle. Allgemeine Bewunderung und Zustimmung! Wie reizend! wie apart! wie vornehm! Nein, sagen Sie mir, Beste, wo haben Sie dies entzückende Modell her? Ich muß mir durchaus etwas Aehnliches bestellen! u. s. w.

Eine einzige junge Dame ist stumm geblieben. Frau X., welche das sofort bemerkt, wendet sich etwas spitz gegen das Fräulein: »Nun? Sie sagen gar nichts zu meiner Wahl? Gefällt Ihnen mein Hut nicht?«

Das Fräulein erröthet, aber, durch die direkte Frage in die Enge getrieben, bekennt sie schüchtern, daß der betreffende Hut nicht ihren vollen Beifall habe; er könnte etwas weniger reich garnirt sein; er drücke durch die Ueberfülle von Blumen etwas zu stark auf das kleine, fein modellirte Köpfchen seiner Trägerin, und auch die Farbe des Bandes erscheine etwas grell – um eine Nüance matter würde das Band viel besser zur Gesichtsfarbe passen.

Höchste Verstimmung der Frau X., Mitleid oder Entsetzen seitens der übrigen Damen. Das Fräulein hat in der That nur das ausgesprochen, was alle anderen 289 ebenfalls empfinden; aber wie kann man so ungeschickt sein, und in solchem Falle seine wahre Meinung sagen?

Es dauert eine geraume Zeit, bis der leidige Zwischenfall vergessen ist, bis wenigstens ein anderes Gesprächsthema glücklich in Fluß geräth; denn vergessen wird das nie werden, was das Fräulein zu sagen ehrlich genug war, und mit einer levis notae macula behaftet, begiebt sich die Aermste in Gesellschaft ihrer Tante Abends auf den Heimweg.

»Wie konntest Du so taktlos sein und der Frau des Präsidenten einen Mangel an gutem Geschmack vorwerfen?« beginnt die Tante die längst geplante Abkanzelung der Nichte.

»Aber Tantchen, ich konnte doch nicht – –«

»Keine Entschuldigung! Ein solcher Mangel an weiblichem Zartgefühl läßt sich nicht entschuldigen! Begreifst Du denn nicht, daß Du mit Deinem, wenn auch richtigen, doch höchst unzeitgemäßen Urtheil die arme Frau tödtlich verletzt hast?«

»Aber Tantchen, ich konnte doch nicht – –«

»Laß mich ausreden! Hast Du denn gar keine Liebe zu Deinem Onkel? Du weißt, der gute Onkel ist der Untergebene des Herrn X. Wenn Du die Frau des Präsidenten beleidigst, meinst Du, daß dies der Weg sei, die Beförderung des Onkels, die vom Präsidenten abhängig ist, zu begünstigen?«

»Aber, liebe, beste Tante, daran habe ich ja gar nicht gedacht! – Ich konnte doch nicht – –«

»Das ist ja eben Dein Mangel an Weltklugheit 290 und wahrem Taktgefühl, daß Du daran nicht gedacht hast! Wer wird überhaupt immer sein Herz auf der Zunge haben und jedem das auf die Nase binden, was er gerade denkt? Nimm Dir doch ein Beispiel an mir! Ich fand den Hut abscheulich, grenzenlos gemein; aber ich habe ihn gelobt und bewundert, denn in guter Gesellschaft und als wohlerzogene Dame darf man nicht Dinge tadeln, die den Beifall der anderen finden; das gehört sich einmal so und wenn man anders handelt, so verräth man einen empfindlichen und bloßstellenden Mangel an guter Sitte.«

»Aber, liebe Tante, wenn das auch alles so sein mag, so konnte ich doch nicht –«

»Was konntest Du denn nicht?«

»Ich konnte doch nicht der liebenswürdigen Frau X. ins Antlitz lügen. Ich habe ihr meine Meinung ja nicht aufgedrängt. Wenn sie mich aber direkt um dieselbe befragt, so widerstrebt es doch meinen Anschauungen von weiblicher Würde und wahrer Ehrenhaftigkeit, ihr eine bewußte Lüge zum Besten zu geben. Wenn es wirklich unumstößlicher Brauch ist, in solchem Falle nur zu loben, warum bittet denn dann Frau X. überhaupt noch andere Damen um ihr Urtheil?«

Die kluge Tante ist ein wenig verblüfft. Dann giebt sie den gereizten Ton der Ueberlegenheit auf und sagt freundlicher und gewissermaßen vertraulich:

»Liebes Kind, so würde eine Konfirmandin oder ein fünfzehnjähriger Backfisch fragen. Daß ich Dich nicht zur Unwahrheit, zur Lüge anhalten will, das wirst Du 291 mir, ohne meine besondere Versicherung, wohl unschwer glauben. Es giebt aber gesellschaftliche Lagen, in denen die unverhüllte Wahrhaftigkeit ein Verbrechen ist, ein Verbrechen gegen alles, was der gute Ton geheiligt hat, und in denen eine kleine Nothlüge unausweichbar geboten ist. Derartige Höflichkeiten und Anbequemungen an die Anschauungen anderer sind übrigens noch kaum Nothlügen zu nennen; es sind eben leere Phrasen, die der gute Ton verlangt, an die der Fragende selbst nicht glaubt und die das Gewissen dessen, der sie vorbringt, in keiner Weise beschweren können. Nun, ich hoffe, daß die gute Frau X. Deinen Schnitzer verzeihen wird; sie ist wirklich nicht bösartig und wird Deiner Unerfahrenheit zu gut halten, was aus dem Munde einer älteren Dame eine beleidigende Provokation hätte sein müssen.«

Damit ist der Fall erledigt, wenn auch die feiner fühlende Nichte keineswegs überzeugt ist.

Die feiner fühlende Nichte! Es giebt thatsächlich weibliche Naturen, die so unbestechlich und unverbrüchlich wahr sind, die ein so empfindliches Feingefühl für die Würde ihres Geschlechts besitzen, daß sie die niedere Logik des gesellschaftlichen Lebens niemals anzunehmen vermögen und stets der höheren Logik ihres vornehmen Herzens folgen. –

Ein anderer Brauch, den jener Durchschnitt braver Frauen, welchen ein Schopenhauer die »Fabrikwaare der Natur« genannt haben würde, gewissenhaft beobachtet, ist das »Sich-erkundigen-lassen« nach dem Befinden eines schwer Erkrankten.

292 Ich bekam über diesen Brauch eine mir höchst interessante Abhandlung zu hören, als ich an einem stürmischen Novembertage im Eisenbahnwagen saß. Der Zufall hatte mir nur Damen zu Reisebegleiterinnen gegeben.

»Wie mag es denn der armen Geheimräthin gehen?« fragte meine Nachbarin ihr Gegenüber.

»Es geht gar nicht zum besten,« ertönte die klägliche Antwort; »gestern erst habe ich mich erkundigen lassen.«

»Was fehlt ihr denn eigentlich?« fragte eine dritte Dame.

»Ja, daraus werde ich selbst nicht recht klug,« erwiderte die klägliche Stimme; »ich hatte den Burschen meines Mannes hingeschickt – aber, Sie wissen ja, durch solche Leute bekommt man selten eine brauchbare Auskunft.«

»Das weiß Gott!« bekräftigte eine vierte Dame; »ich mache mich deshalb in solchen Fällen immer selbst auf die Beine.«

Es schien ein älteres Jungfräulein, welches gelassen diese Worte sprach; mir wollte es vorkommen, als ob ein kleiner Vorwurf durch die ruhige Rede hindurchklang.

»Nun, das hätte ich auch gethan,« meinte die klägliche Stimme; »meine Zeit erlaubt es ja; aber warum soll man sich den unnützen Weg machen? Man wird ja doch nicht vorgelassen.«

»Nehmen Sie mir es nicht übel, gnädige Frau,« versetzte das Fräulein, »wenn ich anderer Ansicht bin. Auch ich war gestern im Hause der Geheimräthin und 293 ich danke Gott, daß ich nicht mein Mädchen hingeschickt hatte. Sie glauben gar nicht, was das für ein Laufen von fremden Dienstboten auf der Treppe war; die halbe Stadt schien sich verabredet zu haben, gerade gestern Vormittag Erkundigungen einziehen zu lassen. Die Flurklingel kam nicht eine Minute in Ruhe.«

»Nun, da wird Ihre Hand, welche die Glocke zog, die Ruhe nicht vermehrt haben,« warf die klägliche Stimme boshaft dazwischen.

Das Fräulein gönnte der Sprecherin nur einen stummen Blick; es lag halb Verwunderung, halb Mitleid in diesem Blicke.

»Meinen Sie wirklich, daß ich die Ruhe der armen Kranken habe stören können?« sagte sie nach einer Pause. »Ich kam gerade dazu, wie das Dienstmädchen einen riesenlangen Grenadier, den Burschen eines Majors, auf dem Flure abkanzelte, weil er so unverschämt an der Klingel gerissen hatte. ›Was fällt Ihnen denn ein?‹ rief die brave Magd in stark westfälischem Dialekte, ›so zu s–ch–ellen! Wollen Sie denn meine Herrschaft umbringen? Das ewige Gebimmel habe ich schon lange verwünscht. Die arme gnädige Frau soll endlich einmal schlafen und da kommt alle Minuten solch ein dreister Naseweis und reißt an der Klingel, als ob er Todte auferwecken wollte. Wie's der gnädigen Frau geht? Das kann ich Ihnen doch nicht begreiflich machen – gehen Sie nur wieder nach Hause und melden Sie Ihrer Herrschaft, es wäre noch immer beim Alten, durch Ihr rücksichtsloses Klingeln hätten Sie aber den Zustand 294 der gnädigen Frau sicher verschlimmert!‹ Sprach's in fliegender Hast und wandte sich dann ehrerbietig grüßend gegen meine Wenigkeit. Ich gestehe, ich hatte aus diesem Vortrage der Magd auch mein Theil gelernt. Flüsternd sagte ich ihr, ich wäre selbst gekommen, um ganz Gewisses über die Geheimräthin zu erfahren, und geklingelt würde ich auch nicht haben, sondern, wenn ich nicht zufällig die Korridorthür geöffnet gefunden hätte, würde ich gewartet haben, bis Jemand aus der Wohnung herausgekommen wäre. ›Ach, Sie sind gut und eine treue Freundin der gnädigen Frau!‹ schluchzte die ehrliche Person und dabei liefen ihr die Thränen über die hochrothen Wangen. ›Sie würden ihr die halbe Stunde Schlaf, die sie höchstens findet, nicht mißgönnen.‹ Und nun begann sie, mir ganz genau den Zustand der Patientin zu beschreiben, und, wenn ich es noch genauer wissen wollte – denn, meinte sie, sie wäre ja nur ein einfältiges Frauenzimmer vom Dorfe – dann möchte ich nur einen Augenblick warten; die Diakonissin würde gleich nach der Küche kommen, Thee zu holen – die sollte ich nur fragen – die wäre gescheidt wie ein Doktor. – So that ich denn auch und von der treuen Schwester Martha – Sie kennen Sie ja alle, meine Damen – erfuhr ich denn endlich, daß der Zustand der Geheimräthin durchaus nicht so beängstigend ist, wie allgemein erzählt wird. Sie leidet ja viel, recht viel – das ist wahr – aber es sind doch mehr nur subjektive Empfindungen, aus einer hochgradigen nervösen Störung hervorgehend, und die Aerzte versichern, es sei 295 keine Gefahr und die Patientin werde bestimmt wieder zurecht kommen.«

»Wie Sie das alles so überzeugend vorzutragen wissen, mein liebes Fräulein!« sagte meine Nachbarin und streckte der Angeredeten die behandschuhte Hand hinüber, »ich stelle mich ganz auf Ihre Seite und werde nie wieder meine etwa erkrankten Freundinnen durch Dienstboten überlaufen lassen, sondern immer hübsch selbst zu ihnen gehen, um mich nach dem Befinden zu erkundigen.«

»Dann müssen Sie aber auch das Glück wie unser liebes Fräulein hier haben,« rief die klägliche Stimme ironisch, »und eine geschwätzige Magd schon auf der Treppe treffen, sonst weiß ich nicht, wie Sie selbst eine etwaige Störung vermeiden wollen.«

Das alte Fräulein schwieg und spielte nachdenklich mit ihrem Fahrschein. Meine Nachbarin aber versetzte warm:

»O nein, meine gnädige Frau – stören werde ich einen Schwerkranken ganz gewiß nicht. Es giebt Hinterhaustreppen, auf denen man eine Nachricht erlauschen kann, und schlimmsten Falles würde ich eine viertel Stunde im Hausflur warten, bis jemand herunter kommt, den ich ausfragen kann. Wenn man den Kranken lieb hat, so wird einem solche Rücksichtnahme ja nicht schwer.«

Der Zug hielt. Die Damen stiegen aus. Ich folgte ihnen, hatte sie aber im Gedränge des Bahnhofes bald aus den Augen verloren. Lange aber klang mir das 296 Wort noch im Ohre: »Wenn man den Kranken lieb hat, so wird einem solche Rücksichtnahme ja nicht schwer.« – –

Nicht jede Frau ist eine Frau der Initiative, die sich den gesellschaftlichen Bräuchen gegenüber selbst das Gesetz giebt; ja manche geht so weit, daß sie eine Nichtbeachtung dieser Bräuche für gleichbedeutend mit einem Aufgeben ihrer eigenen sozialen Stellung halten würde. Deshalb sei hier auch an diejenigen weiblichen Charaktere erinnert, die sich einem Brauche nur so lange fügen, als Kopf und Herz dagegen nicht Einspruch erheben, die sich aber, wenn solcher Einspruch innerlich laut wird, in autonomer Entschlossenheit über jede Schablone hinwegsetzen und nur der eigenen Eingebung folgen. Man soll solche Charaktere nicht geringschätzen; sie sind berufen, das Meer der Gesellschaft vor Stockung und Fäulniß zu bewahren, indem sie einen kritischen Wellenschlag erregen, der das gesunde Gedeihen der Individuen sicherstellt. Ohne solche bevorzugten Geister würden gerade die Frauen am schnellsten einer Art Chinesenthum verfallen, und bei allem, was sie thun, nicht mehr nach dem, was Recht, sondern nach dem, was Brauch ist, fragen. – – 297

 


 

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