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Für und über die deutschen Frauen

Gerhard von Amyntor: Für und über die deutschen Frauen - Kapitel 20
Quellenangabe
typecauserie
booktitleFür und über die deutschen Frauen
authorGerhard von Amyntor (= Dagobert von Gerhardt)
year1889
firstpub1883
publisherVerlagsanstalt und Druckerei AG (vormals H. F. Richter)
addressHamburg
titleFür und über die deutschen Frauen
pages348
created20140715
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die »taube Räthin«.

Seit einer Reihe von Jahren sehe ich fast jeden Nachmittag ein schon älteres Dämchen vor meinen Fenstern vorüberhasten. Es ist die Wittwe irgend eines oberen oder unteren, geheimen oder nicht geheimen Raths, der irgendwo den Schreibsessel geritten und dann den salto mortale in das Reich der Schatten gemacht hat. Die Dame wohnt in meiner Nachbarschaft, soll etwas schwerhörig sein und wird daher von den Leuten kurzweg die »taube Räthin« genannt. Ein Paar graugemischte, pfropfenzieherähnlich geringelte Haarlocken wippen unter der sauberen Rüsche ihres Winter wie Sommer geschlossenen Hutes hervor; immer trippelt sie eilig zur bestimmten Stunde der eigentlichen Stadt zu – wir beide wohnen in der Vorstadt – und immer trägt sie eine größere runde Pappschachtel an einer Bindfadenschleife in der Linken, während die Rechte, je nach der Jahreszeit und Witterung, einen Sonnen- oder Regenschirm oder jenes Zwitterding von beiden trägt, welches der deutsche Modist einen »En tout cas« nennt.

224 Was birgt diese Pappschachtel?

Lange war ich nicht hinter das Geheimniß gekommen; nur vermuthet hatte ich, die alleinstehende Dame möchte vielleicht in knappen Verhältnissen leben, deshalb für Geld irgend welche Handarbeiten fertigen und in der Pappschachtel trüge sie nun die fertigen Stücke zu dem betreffenden Auftraggeber. Ich hatte weit beim Schwarzen vorbeigeschossen. Die »taube Räthin« genoß, wie ich später erfuhr, eines erklecklichen Wohlstandes, sie arbeitete niemals mit den Fingern, sondern immer nur mit der Zunge, und die Schachtel barg jedesmal ein frisches, buntbebändertes Häubchen, eine sogenannte Coiffüre, welche die Dame im Vorzimmer desjenigen Hauses, wo sie ihren Nachmittags-Kaffee trinken wollte, statt des Straßenhutes über die beiden tänzelnden, graugemischten Haarlocken stülpte. Die »taube Räthin« war eine lebenslustige, neugierige Herumtreiberin, eine Fainéante, eine Kaffee- und Klatschschwester, und jeden Tag des Jahres, an dem sie nicht zufällig selbst im eigenen Hause Gäste hatte, ging sie in irgend eine Kaffeegesellschaft.

Diese Kaffeegesellschaften verheiratheter, verwittweter und lediger Damen sind meistens eine haarsträubende Karrikatur der Geselligkeit. Es giebt Eheherren, welche ihren schönen Hälften ein für alle Mal den Besuch solcher Kaffeekränzchen untersagen, und ich glaube, daß diese Haustyrannen in neun Fällen unter zehn im Rechte sind.

Der Zufall wollte es, daß ich eines Tages 225 unfreiwilliger Ohrenzeuge einer derartigen Kaffeesitzung wurde, der auch die »taube Räthin« beiwohnte. Ich hatte einen Bekannten aufgesucht, um ihn an die Zurückgabe eines geliehenen Buches zu mahnen.

Er empfing mich in seinem Arbeitszimmer, deutete auf die geschlossene grüne Portière, welche den Blick ins Nebenzimmer versperrte, und flüsterte, ein wenig beschämt:

»Meine Frau hat da drinnen einen Kaffee. Wärst Du zehn Minuten später gekommen, Du hättest mich nicht mehr getroffen, denn ich kann es nicht länger aushalten; – ich wollte lesen, aber mir ist Hören und Sehen vergangen.«

»Du Aermster!« gab ich theilnehmend zurück.

»Warte einen Augenblick! ich gehe Dein Buch suchen. Ich habe es gestern Abend in mein Schlafzimmer mit hinaufgenommen und habe im Bette bis Mitternacht gelesen – es muß noch oben sein.«

Damit huschte er durch die Korridorthür geräuschlos fort und überließ mich der Einsamkeit.

Das Stimmengewirr, das bisher gedämpft aus dem Nebenraum zu mir gedrungen war, wurde nach und nach lauter und leidenschaftlicher. Man mochte die Schritte des Hausherrn vom Korridor her gehört haben und nun glauben, daß der lästige Nachbar gegangen und das Terrain rein sei. Talent zum Horchen habe ich nie gehabt; hier aber wurde ich gegen meinen Willen gezwungen, Wort für Wort der nebenan laut geführten Unterhaltung zu vernehmen. Eine Wiedergabe des 226 Gehörten ist sehr schwierig, da gewöhnlich viele Stimmen auf einmal sprachen; ungefähr aber klang die Rede drinnen so:

Scharfe Stimme: Wissen Sie denn, daß sich die Amalie Jung zum zweiten Male entlobt hat?

Mehrere Stimmen zugleich: Ist nicht möglich? – das habe ich nicht anders erwartet! – Pfui, dieses ordinäre Frauenzimmer! – Ich habe es schon vorgestern erfahren. – Das ist mir ja etwas ganz Neues! bitte, erzählen Sie doch!

Scharfe Stimme: Die Ursache ist nicht recht klar. Der Bräutigam – Sie kennen doch den Lieutenant Grafen Steigbügel? er soll bis über die Ohren verschuldet sein – nun, das ließ sich vermuthen, er hält einen Rennstall und soll Nächte lang Hazard spielen; Amaliens Vater soll erklärt haben, er bezahlte keinen Pfennig von den Schulden seines Schwiegersohnes – da ist denn die Geschichte wieder auseinander gegangen. Freilich sind das nur Gerüchte; man erzählt auch noch ganz andere Dinge – –

Feines Stimmchen: Ob man andere Dinge erzählt!

Mehrere Stimmen: Was denn? – Da bin ich neugierig! – Sie spannen mich auf die Folter! Bitte, so reden Sie doch!

Feines Stimmchen: Das läßt sich in Gegenwart unverheiratheter Damen gar nicht mittheilen.

Heisere Stimme: I nun! Fräulein Clara und Fräulein Mathilde sind doch keine Kinder, sie brauchen 227 ja auch nicht zuzuhören. Bitte, meine lieben Fräuleins, erzählen Sie sich etwas Anderes und erleichtern Sie so der Frau Räthin ihre Mittheilung an uns.

Zwei jugendliche Stimmen: Wir hören nichts, wir sind in unser Stickmuster so vertieft, daß wir für andere Dinge gar kein Interesse haben. Legen Sie sich keinen Zwang auf, Frau Räthin.

Feines Stimmchen: Nein, es geht nicht. Jene verlobte Dame ist es auch wirklich nicht werth, daß wir uns länger mit ihr beschäftigen. Wir wissen ja alle, wie weit es mit ihrer Bildung her ist, man merkt ihr beim ersten Worte an, daß sie im Zeichen des Stieres geboren ist.

Schüchterne Stimme: Sie spricht aber drei lebende Sprachen.

Feines Stimmchen (spitz): Aber, beste Frau J., sie drückt doch nur den vollkommensten Gedankenmangel geläufig in drei Sprachen aus! Und was Amalie Jung im Uebrigen werth ist – nun, ich kann es hier nicht mittheilen, denn wenn man schon so und so viele andere Verhältnisse gehabt hat, dann ist man eben kein Unterhaltungsstoff mehr für anständige Kreise.

Große Pause; dann

Zischende Stimmen: Ist es möglich? – Ja, ja, ich habe auch so etwas vernommen! – Ich grüße sie von heute an nicht mehr.

Scharfe Stimme: Kann man denn etwas Anderes erwarten? Sage mir, mit wem Du umgehst, und ich will Dir sagen, wer Du bist! Welchen Verkehr hat 228 denn Amalie? Immer mit diesen Müllers! Nun, und was an Müller's daran ist, das erzählen die Ziegel auf den Dächern.

Mehrere Stimmen: Welche Müller's denn!

Scharfe Stimme: Ach, Sie kennen ja die Familie des Rentiers mit dem rothen Hause und dem goldenen Balkon.

Schüchterne Stimme: Der große Mann mit der kleinen, rothhaarigen Frau?

Scharfe Stimme: Derselbe! Was die Frau anbelangt, da trifft das Wort zu: »Rothe Haare, Gott bewahre!«

Feine Stimme: Und die beiden Töchter erst! Von der großen will ich gar nichts sagen – sie ist ungebildet, wie eine Stalldirne. Aber die jüngere mit ihrem koketten Wesen und ihren herausfordernden Blicken – – so tief war gestern der Ausschnitt, den sie auf der Straße zeigte – und die Schminke, roth und weiß, die zolldick auf ihrem Gesicht sitzt! Pfui! sie sieht wie eine Kunstreiterin aus, und nicht wie anständiger Leute Kind.

Tiefe Altstimme (ironisch): Anständiger Leute Kind!? Kennen Sie den Herrn Müller? Das ist ein sauberer Patron! Hätte mir mein Mann nicht verboten, davon zu sprechen, ich könnte Ihnen eine Geschichte erzählen, wie man Häuser kauft, indem man dicht beim Zuchthaus vorbeigeht.

Mehrere Stimmen: Na, das wissen wir längst; die Hypotheken-Geschichte ist ja stadtbekannt! 229

Schüchterne Stimme: Ach, verderben wir uns doch nicht die Laune mit solchen Leuten. Sagen Sie mir lieber, Frau Räthin, ob Sie gestern wieder in der Johanniskirche waren.

Feine Stimme: Freilich war ich da; ich werde doch nicht zu Ihrem Prediger gehen, bei dessen Reden man gewöhnlich einschläft.

Schüchterne Stimme (diesmal etwas gereizt!) Oho! Darüber ließe sich streiten. Und wenn ich auch wirklich zugeben wollte, daß Ihr Licentiat besser spricht, so könnte ich doch zu einem Seelsorger kein Vertrauen fassen, der sich bei jeder Taufe die Nase begießt.

Mehrere Stimmen (lachend): Ja, das ist wahr! Wir begreifen Ihren Geschmack nicht.

Feine Stimme: Das Privatleben eines Geistlichen interessirt mich ganz und gar nicht; und wenn mein Licentiat einmal mit den Fröhlichen fröhlich ist, so läßt sich das gewiß noch eher entschuldigen, als wenn ein Geistlicher mit einer seiner Konfirmandinnen liebäugelt.

Schüchterne Stimme (jetzt empört): Wer hätte das gethan?

Feine Stimme: Ihr ehrenwerther Herr Pastor; denn alle Welt weiß, daß seine junge Frau seinen Konfirmanden-Unterricht besucht und sich ein halbes Jahr nach der Einsegnung mit ihm verlobt hat.

Schüchterne Stimme: Und was beweist dies?

Mehrere Stimmen: Daß das Verhältniß schon 230 während des Unterrichts bestanden haben muß. In der That, das ist nicht recht predigermäßig.

Tiefe Altstimme: Aber meine Damen, keine theologischen Streitigkeiten! Mein Hausarzt sagt immer, man sollte bei keiner Mahlzeit, nicht einmal beim Kaffee, über Religion oder Politik sprechen.

Scharfe Stimme: Ihr Hausarzt gnädige Frau? Haben Sie immer noch den famosen Doktor Eisenbart mit den Gummirädern?

Tiefe Altstimme: Allerdings. Ohne genügenden Grund wechsele ich nicht gern meinen Gesundheitsrath.

Mädchenstimme: Mein Papa will von den Homöopathen nichts wissen; er nennt sie Unwissende oder die Unwissenheit Anderer ausbeutende Gesellen.

Tiefe Altstimme: Ja, liebes Fräulein Mathilde, Ihr Herr Papa muß auch so reden; der Doktor Streukugel, oder, wie ihn Ihre Frau Tante eben nannte, der Doktor Eisenbart macht Ihrem Papa eine gefährliche Konkurrenz.

Feine Stimme: Wie viel Patienten er hat, daß weiß ich nicht; aber einen Arzt, der im Vorzimmer jede Kammerjungfer in die Backen kneift, ließe ich nicht über meine Schwelle kommen.

Tiefe Altstimme: Ach, dieses Märchen haben Sie von der guten Präsidentin gehört; und was die erzählt – nun, Sie wissen ja, was davon zu halten ist.

Feine Stimme: Die Präsidentin will ich durchaus nicht in Schutz nehmen; daß sie eine böse Zunge hat, weiß jedes Kind – aber im vorliegenden Falle 231 muß ich ihr doch Recht geben, denn ich bin selbst dazu gekommen, wie Doktor Streukugel die Gouvernante der Gräfin A. in den Armen hielt, als er des jungen Grafen wegen, der das Bein gebrochen hatte, gerufen worden war.

Mehrere Stimmen: Pfui! Ist es möglich? Na, diese Gouvernante war auch eine recht nette Person! Hoffentlich hat man sie sofort entlassen.

Schüchterne Stimme: Sie ist jetzt im Hause des Konsistorialrathes.

Scharfe Stimme: Da haben wir's! Das war der einzige Ort, wo sie noch hinpaßte!

Feine Stimme: Ich begreife den Konsistorialrath nicht. Wenn er auch durch seine Hinneigung zu den Rationalisten stark kompromittirt ist, so sollte er doch wenigstens seine Familie schonen; aber, freilich, die Konsistorialräthin paßt zu solcher Gouvernante ihrer Kinder.

Mehrere Stimmen: Das weiß Gott! Gestern war sie wieder in einem Anzuge im Theater – ich habe mich geschämt, hinzusehen! – Die Frau muß man entschuldigen! da heißt es: der Apfel fällt nicht weit vom Stamm.

Schüchterne Stimme: Was ist sie denn für eine Geborene?

Feine Stimme: Sie ist gar keine Geborene; sie kommt aus der allerniedrigsten Sphäre. Ihre Mutter war Wäscherin.

Chorus: Wäscherin! Au! Oh! Ach! Pfui! Nun, dann ist ja Alles erklärt! 232

Tiefe Altstimme: Derartige männliche Verirrungen strafen sich doch immer von selbst. Ganz wie bei meinem Hauswirthe – Gott habe ihn selig! Der arme Rittmeister war noch nicht begraben, da empfing die Wittwe schon die Kondolenzbesuche ihres neuen Bewerbers.

Feine Stimme: Das glaube ich gern. Eine Theaterprinzessin wird nimmermehr eine ehrbare Frau.

Heisere Stimme: Wissen die Damen denn schon, daß der Kommerzienrath Immernochmehr verschwunden ist?

Mehrere Stimmen: Was Sie sagen! Doch kein Unglücksfall?

Heisere Stimme: Nun, ein Unglücksfall allerdings – wenigstens für seine Gläubiger.

Tiefe Altstimme: Seine Gläubiger? Hat der reiche Kommerzienrath denn Schulden gemacht?

Feine Stimme: Darüber könnte ich Ihnen nähere Auskunft geben – wahrhaftig! Doch es gelüstet mich nicht, einer gefallenen Größe noch einen Stein hinterher zu werfen; soviel will ich nur bemerken, daß, wenn der gute Mann sich nicht bei Nacht und Nebel davon gemacht hätte, er sicher ins Zuchthaus gekommen wäre.

Chorus: Nein, was heute für Dinge passiren! Das Zuchthaus, sagen Sie? Hat er denn Wechsel gefälscht?

Feine Stimme: Das wäre noch das Unschuldigste gewesen – man spricht von Bigamie.

Mädchenstimme: Was ist denn das? 233

Heisere Stimme: Heilige Unschuld! Das bedeutet Frömmelei, Heuchelei.

Feine Stimme (höhnisch lachend): Nein. meine Liebe, Frömmelei bedeutet es nicht! Bigamie bezeichnet das eheliche Verhältniß eines Mannes zu zwei angetrauten Frauen.

Allgemeines Gelächter.

Heisere Stimme: Natürlich! ich hatte mich verhört, ich hatte Bigotterie verstanden.

Tiefe Altstimme: Zwei Frauen hat der Kommerzienrath Immernochmehr gehabt? O Gott! Das ist ja himmelschreiend!

Feine Stimme: Mein Bruder sagte, wie er es hörte: Nomen est omen! was soviel bedeuten soll, als: wer Immernochmehr heißt, der läßt sich an einer Frau nicht genügen.

Tiefe Altstimme: Aber, liebste Räthin, wie ist denn so etwas bei uns in Deutschland möglich?

Feine Stimme: In Deutschland hat er auch nur eine Frau glücklich gemacht; die Andere sitzt in Amerika.

Tiefe Altstimme: Nein, bitte schenken Sie mir noch ein halbes Täßchen ein – mir ist ganz schlecht geworden.

Scharfe Stimme: Sehr gern! Hier ist Zucker und Sahne.

Tiefe Altstimme: Danke vielmals. Ich schäme mich ordentlich; es ist, glaube ich, meine dritte Tasse. 234

Feine Stimme: Wozu entschuldigen Sie sich denn? es ist die fünfte – ich weiß es ganz genau; die Direktorin Stolle trinkt immer sieben Tassen bei mir.

Tiefe Altstimme: Sie werden mich doch nicht mit einer solchen Frau vergleichen wollen; vorgestern hat sie bei Landgerichtsraths, ich war selbst dabei, ein und eine halbe Flasche Rothwein beim Abendbrot getrunken.

Scharfe Stimme: Das sieht ihr ganz ähnlich! Zu Hause bekommt sie dafür nicht satt zu essen.

Schüchterne Stimme: Ist der Direktor denn so geizig?

Feine Stimme (dazwischen fahrend): Den Mann kenne ich. Gewiß ist er geizig, weil er jeden Groschen für sich allein gebraucht; er trinkt mehr Bier an einem Tage, als seine Schüler im einem Jahre Tinte verklecksen.

Schüchterne Stimme: Die arme Frau!

Feine Stimme: Sie werden doch diese Frau nicht bedauern wollen! Das ist ja die ärgste Klatsche, die je den guten Leumund der Mitmenschen zwischen ihren falschen Zähnen zerbissen hat.

Heisere Stimme: Da muß ich der Frau Räthin beipflichten; ein solches Schandmaul giebt es nirgends zum zweiten Mal. Und diese Direktorin sollte sich doch zuerst an der eigenen Nase zupfen – was die Leute von ihrer ältesten Tochter erzählen, das klingt gerade nicht sehr fein! – – – – – – – – – –

Ich sprang auf, hielt mir die Ohren zu und begann 235 im Zimmer auf und ab zu schreiten; ich konnte diese Art von Unterhaltung nicht mehr länger ertragen. Ist es denn möglich, daß gebildete Frauen und Jungfrauen in einem Athem den nichtsnutzigsten, persönlichen Klatsch treiben, ohne zu ermüden, ohne Ekel zu empfinden? Hatte denn auch nur eine einzige dieser kaffeetrinkenden Schwestern den leisesten Versuch gemacht, die Unterhaltung von rein personellen Dingen auf das allgemeine Gebiet abstrakter Fragen hinüberzuspielen? Hatte sich denn ein gutes Herz gefunden, das wenigstens den einen oder anderen lieben Mitmenschen gegen die giftigsten Verdächtigungen einmal schüchtern in Schutz nahm?

Ich zog meine Uhr – – wo blieb denn mein Freund? Schon über eine halbe Stunde hatte er mich allein gelassen.

Da schallten Tritte auf dem Korridor – die Thür ging leise auf – der Erwartete trat ein.

»Entschuldige, wenn ich so lange geblieben bin. Hier ist Dein Buch. Ich wurde auf dem Treppenflur von einem Handwerker in Anspruch genommen. Du hast Dich wohl entsetzlich gelangweilt? Sei mir nicht böse!«

»Gott sei Dank, daß Du jetzt wenigstens da bist. Länger hätte ich allerdings nicht mehr gewartet, man hat mir zu stark zugesetzt.« Ich zeigte mit dem Finger nach dem Nebenzimmer.

Mein Freund machte ein Zeichen des Einverständnisses und flüsterte:

»Das glaube ich wohl. Du hast nur ein halbes 236 Stündchen den unfreiwilligen Zuhörer gespielt; nun versetze Dich einmal in meine Lage: anderthalb Stunden habe ich diese Giftkaskade schon sprudeln hören.«

»Wir wollen beide entfliehen, komm'!«

»Einverstanden!«

Er nahm Hut und Handschuhe und folgte mir aufathmend über den Korridor und die Treppe hinunter auf die Straße.

Unten angekommen fragte ich meinen Freund:

»Wer ist die Besitzerin der feinen Stimme, die, wie es mir schien, am unbarmherzigsten über den lieben Nächsten herzieht?«

»Der feinen Stimme? Das kann nur die ›taube Räthin‹ sein. Kennst Du sie nicht? Sie trägt immer die Pappschachtel mit der Koiffüre in der Hand.«

»Ich habe sie schon gesehen. Warum heißt sie denn die ›taube Räthin?‹ Mir däucht, diese Dame hört das Gras wachsen.«

»Allerdings, taub ist sie keinesweges. Sie liebt aber gelegentlich die Schwerhörige zu spielen, vielleicht um desto sicherer Unvorsichtige aushorchen zu können. Meine Frau behauptet, sie stelle sich nur taub, um eine oder die andere gegen sie gerichtete Spitze unbefangen überhören zu dürfen.«

»Gott schütze meinen Feind vor den Sprachwerkzeugen dieser Person!«

»Amen!« rief mein Freund und schüttelte sich.

237 Wir grüßten einander und schlugen verschiedene Richtungen ein. – – –

Nicht alle Kaffeekränzchen zählen eine »taube Räthin« zu ihrem Mitgliede; wohl aber kann jede Dame, wenn sie Tag für Tag größere Kaffeeklatschgesellschaften besucht, sehr leicht und ohne es recht zu merken, zu einer »tauben Räthin« sich ausbilden.

Die Kaffeekränzchen werden immer gefahrbringend, sobald sie eine gewisse Zahl von Einladungen überschreiten. Drei Freundinnen, die zusammen bei der Kaffeekanne nähen, sticken und plaudern, werden dadurch kaum Schaden an ihrer Seele leiden. Man denke sich aber zwölf, fünfzehn, achtzehn Damen um die Mokkaquelle versammelt: sofort wird die Sache bedenklich. Das Stimmengewirr gestattet selten eine Vertiefung der Unterhaltung zwischen zwei Nachbarinnen; es wirkt zerstreuend, störend, verflachend. Eine Art parlamentarischer Unterhaltung wird von den Damen nicht immer beliebt; sie widerstreitet wohl dem Naturell des weiblichen Geschlechtes. Die Frau ist im Allgemeinen keine exakte Denkerin und soll auch ihrer ganzen Naturanlage nach keine sein; nicht die Fühlfäden der kritischen Vernunft streckt sie nach den Dingen der Außenwelt, wenigstens nicht in erster Linie, sondern mehr die aufnahmegierigen und empfänglichen Sinnesorgane. Wo der Mann forscht und abstrahirt, da sieht und hört die Frau mit merkwürdig offenen und scharfen Sinnen. Eine Frau weiß nach den ersten fünf Minuten, was jede Tänzerin in einem überfüllten Ballsaale auf dem Leib 238 trägt; in derselben Zeitdauer hat der Gatte dieser Frau noch gar nichts gesehen, sondern vielleicht nur eine kritische Bemerkung über Bälle im Allgemeinen und über diesen sehr zahlreich besuchten Ball im Besonderen gemacht. Die Folge dieser natürlichen Eigenart ist eine größere Unmittelbarkeit der Frau; wo der Mann mit seinem Urtheile zurückhält und den Sinneseindrücken mißtrauend, erst vorsichtig wiegt und wägt, da hat die vom Gefühle überwältigte Frau ihr Urtheil schon fix und fertig, und das leicht bewegliche Zünglein einer Schwätzerin schmettert es gern in alle vier Winde.

Die Frau ist demnach für die Redeformen der parlamentarischen Diskussion nicht beanlagt; während eine Erzählerin etwas sehr Interessantes mittheilt, ermüdet diese oder jene Zuhörerin schon im Anfange der Geschichte, beginnt selbst eine eigene Geschichte der Nachbarin zuzuflüstern und bildet so ein abgezweigtes Auditorium. Dasselbe Gelüst wandelt aber sehr bald eine zweite und dritte Dame an; schließlich entsteht ein allgemeines, gleichzeitiges Sprechen, das den exakten Denker zur Verzweiflung bringen würde, von dem aber die befriedigte Kaffeeschwester versichert, daß es eine sehr angeregte Unterhaltung gewesen sei. Diese Art zu plaudern schließt von vorn herein jede tiefere, mehr wie oberflächliches Nachdenken in Anspruch nehmende Unterhaltung aus, und so bleibt den armen Kaffeeschwestern nur der allergewöhnlichste Personalklatsch übrig, der denn auch redlich und mit bewundernswerther Ausdauer verarbeitet wird.

239 Eine Dame, welche sich gegen diese berechtigte Eigenthümlichkeit auflehnen und etwa versuchen wollte, ein abstraktes Thema in das Gespräch einzuschmuggeln, würde sofort feindlich behandelt und als anmaßend, unverschämt, auch wohl als langweilig oder übergeschnappt verschrieen werden. Daß die edle Weiblichkeit nichts mit so flachen und gefährlichen Mokka-Elstern gemein hat und daß ich jede meiner liebenswürdigen Leserinnen zu den gottbegnadeten Vertreterinnen dieser edlen Weiblichkeit rechne, brauche ich kaum erst zu versichern; hier handelt es sich nur um eine ganz bestimmte Spezies des genus femininum, und die rückhaltlose Besprechung dieser Spezies wird eher den Beifall der vornehmen Frauen finden, als irgend welche ungerechtfertigte Empfindlichkeit hervorrufen.

Es erscheint nach alledem nicht unbegründet, wenn man eine Dame, welche im Stande ist, Tag für Tag größere Kaffeegesellschaften zu besuchen oder zu empfangen, für ein wenig geistlos oder klatschsüchtig hält, denn eine edlere Frauennatur muß sich allerdings gegen Unterhaltungen, wie ich sie eben nach eigener Erfahrung geschildert habe, empören.

»Wie soll ich es denn aber anders einrichten?« – höre ich den Einwand – »ich bin eine alleinstehende, betagte Wittwe; Abendgesellschaften vertrage ich nicht mehr, ich muß zeitig zur Ruhe gehen; und wenn ich nicht auf jeden Verkehr verzichten will, so muß ich Kaffeegesellschaften besuchen und bei mir empfangen.«

Ganz recht, meine Gnädigste! Ich gestatte mir dann 240 nur den unterthänigsten Vorschlag, nicht mehr als drei Damen auf einmal einzuladen. In einem so kleinen Kreise fallen die oben bezeichneten Uebelstände fort: da wird es der Frau von Kopf und Herz leichter möglich zu Worte zu kommen; da läßt sich recht gut ein allgemeines Gesprächsobjekt in Angriff nehmen, an dem eine Jede nach ihrem besten Vermögen Witz und Verstand üben kann. Und haben Sie, meine Gnädigste, erst durch einen kleinen, gewählten Kreis das Beispiel gegeben, so wird dieses Beispiel, glauben Sie es meiner Versicherung, sehr bald hier oder da nachgeahmt werden. In so kleinen Kreisen werden Sie aber stets reichere Ausbeute für Geist und Gemüth finden und den Reuestachel, den die entsetzlich öde größere Kaffee-Klatschgesellschaft in jedem gesunden Herzen zurückläßt, werden Sie zu Ihrer lebhaften Genugthuung nicht mehr verspüren.

Die Physiologen haben ungalanter Weise ermittelt, daß die Frau durchschnittlich – ich bitte dieses »durchschnittlich« bemerken zu wollen – ein leichter wiegendes Gehirn hat als der Mann; (ich sage dies meinerseits ohne jede Ueberhebung, da ich leider täglich die Erfahrung mache, daß auch stärker behirnte Männer diese ihre natürliche Qualität geschickt zu verbergen wissen); die ausgleichende Gerechtigkeit der Schöpfung hat aber der Frau dafür einen Ueberschuß an Gefühl, ein reicheres, treueres, wärmer pulsirendes Herz gegeben. Dieses Herz ist der schönste Schmuck des Weibes – ein Schmuck, vor dem der streitbare Held, der tiefe Denker und der 241 schwärmende Dichter jederzeit überwältigt die Kniee beugt. Diesen Schmuck zu pflegen und zu hüten, daß er nie verloren gehe, ist eine der ernstesten und heiligsten Aufgaben für die Frauen. Ob Kaffeegesellschaften, wie die geschilderte, im Stande sind, das Herz der Frau zu bilden und zu verschönen, das muß von jedem Unparteiischen stark bezweifelt, wenn nicht entschieden verneint werden.

Bevorzugte Frauen versuchen es hier und da nicht ohne Glück, zu ihren Kaffeekränzchen einen oder den anderen, mit irgend welchem Talente begabten Herren hinzuzuziehen. Eine solche Abweichung von der Regel ehrt allemal den Wirth wie den Gast; die Unterhaltung wird dadurch sofort veredelt, der Gesichtskreis wird weiter, die Gesprächsstoffe werden vielseitiger; die Damen kommen in die angenehme Lage, gelegentlich etwas zu lernen, und die Herren gewinnen an jenem liebenswürdigen und zarten Schliff der Formen, den in seiner höchsten Vollendung nur der Verkehr mit dem schönen Geschlechte gewährt. Sind ein paar ausgezeichnete Männer, etwa ein Maler, ein Dichter, oder ein Forschungsreisender, ein Tonkünstler, mit am Kaffeetische, so wird das Gesellschaftszimmer der Wirthin gewissermaßen zum »Salon«, zu jener Kultusstätte des Genies, wie sie zuletzt bei uns die Rahel, die geistreiche Gattin Varnhagen's, und die schöne und interessante Henriette Herz in ihren Häusern einzurichten verstanden haben. Ein derartiges Kränzchen darf ungestraft die Zahl von drei geladenen Gästen überschreiten; mag geplaudert oder 242 musizirt, gelesen oder kritisirt, erzählt oder debattirt werden, es ist die edelste Art, in welcher Menschen mit Menschen verkehren können, denn bei fast völliger Beiseiteschiebung materieller Genüsse, welche sonst die Hauptsache für unsere gewöhnlichen Abendgesellschaften, Thees und Soupers bilden, wird hier nur dem Geiste gehuldigt, und das Beste, was der Wirth den Gästen anbietet und was der Gast dem Wirthe mitbringt, ist er selbst, seine eigene, geistige Persönlichkeit.

Freilich ist es nicht Jedermanns Sache, einen solchen »Salon« zu begründen; die Frau, welche ihn hervorzuzaubern versteht, muß zu den Ausgezeichnetsten ihres Geschlechtes gehören, sie muß einen herzlichen Antheil an allem Guten, Wahren und Schönen nehmen, geläuterten Geschmack besitzen, die Kunst des Zuhörens und des Leitens einer Debatte mit gleicher Virtuosität verstehen; sie darf nicht beschränkt, nicht unduldsam, nicht vorurtheilsvoll sein; sie muß sich, ungleich der Mehrzahl ihrer Schwestern, von einem unkritischen Dogmatismus emanzipirt und selbstthätig eine Weltanschauung erworben haben, die es ihr gestattet, sich über trennende politische und religiöse Schranken, über Vorurtheile des Geburts- und des Geldadels kühn und sicher hinwegzusetzen und nur diejenigen Eigenschaften am lieben Nächsten aufzuspüren und zu schätzen, die ihn im höchsten Sinne des Wortes zum Menschen machen. Eine solche Frau ist eine Priesterin und Prophetin, die der Allmächtige von Zeit zu Zeit unter die Menschenkinder sendet, um diese wieder einmal von der Verbitterung und dem Hasse des 243 Parteitreibens zu erlösen und an die Nächstenliebe und den Kultus des Ideals zu erinnern. Es giebt solche Frauen, aus deren Fußspuren Blumen sprießen und deren silberne Stimme uns wie ein Glöcklein des Friedens zur Andacht mahnt – – es giebt solche Frauen, und an ihrem Kaffeetische ist gut sein. – 244

 


 

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