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Für und über die deutschen Frauen

Gerhard von Amyntor: Für und über die deutschen Frauen - Kapitel 18
Quellenangabe
typecauserie
booktitleFür und über die deutschen Frauen
authorGerhard von Amyntor (= Dagobert von Gerhardt)
year1889
firstpub1883
publisherVerlagsanstalt und Druckerei AG (vormals H. F. Richter)
addressHamburg
titleFür und über die deutschen Frauen
pages348
created20140715
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die Besessene.

Ein merkwürdiges Fräulein ist Brigitte, die Tochter eines wackern Domänenpächters, in dessen Haus ich einst als unvermuthete Einquartirung während einer militärischen Herbstübung fiel. Seit jener Zeit ist viel Wasser den Berg hinabgeflossen, aber meine Beziehungen zu dem biedern Landwirthe sind immer innigere geworden; oft besuche ich ihn in seinem Schlößlein, und Fräulein Brigitte ist mir so wohl bekannt, wie es kaum eine Schwester sein könnte.

Das Interesse, das ich an dem Fräulein, an dem älteren Fräulein, nehme, ist eigentlich ein pathologisches, da ich das arme Frauenzimmer für besessen zu halten allen Grund habe. Brigitte ist eine Dämonische. Der Teufel, der sie besitzt, ist der Musikteufel.

Diese Krankheitsform ist in neuerer Zeit keine seltene mehr. Besonders das weibliche Geschlecht ist ihr ausgesetzt. Wenn die Ausübung der hehren Kunst der Musik den normalen Menschen veredelt, begeistert, in 190 schönen seligen Stunden weit über alles Niedere und Gemeine dieses schweren irdischen Daseins hinausträgt und in schauernden Ahnungen der Gottheit näher bringt, so kann sie doch auch in krankhaft veranlagten Naturen allerlei Unheil und Gedankenconfusion anrichten, indem sie den letzten Rest von intellektueller Kraft zerstört und als gewaltthätiger Dämon den also depotenzirten Menschen zur Narrheit herabwürdigt.

Brigitte hatte, als ich sie zum ersten Male in meinem Leben sah, schon ihren Taufnamen verwandelt und ließ sich von den jüngeren Geschwistern und den Dienstboten »Brünnhilde« nennen. Selbst der Herr Papa, der über diese Metamorphose erst gelächelt hatte, fing an, sich an dieselbe zu gewöhnen, und brauchte, wenn er von der ältesten Tochter sprach, die Namen Brigitte und Brünnhilde abwechselnd.

Es mochte drei Uhr Nachmittags sein, als ich an einem schönen Herbsttage vom Pferde stieg und zum ersten Male die Schwelle des gastlichen Hauses überschritt. Eine rauschende Klaviermusik tönte aus einem der entfernteren Zimmer. Der liebenswürdige Gutspächter drückte mir die Hand, hieß mich willkommen, versicherte mir, daß mein Pferd und Diener gut aufgehoben sein würden, und bat mich, mit den Improvisationen seiner Küche und seines Kellers vorlieb nehmen zu wollen.

Um vier Uhr ging es zur Tafel. Außer dem Wirthe und seinem militärischen Gaste hatten sich noch die jüngeren Kinder des Hauses, ein Wirthschafts-Eleve, 191 eine Erzieherin und ein weibliches Factotum, das die Stelle der verstorbenen Gattin meines Wirthes vertrat, um die Suppenschüssel versammelt. Immer noch tönte die Klaviermusik durch das stille, hallende Haus.

»Brigitte könnte die Klimperei nun endlich ruhen lassen« – meinte der Gutspächter, nachdem er die Suppe eigenhändig in die Teller gefüllt hatte. – »Bitte, Fräulein, sagen sie ihr doch, daß wir einen lieben Gast haben.«

Die Erzieherin erhob sich und huschte aus dem Speisesaale.

Nach wenigen Minuten verstummte das Spiel, und bald darauf kam die Botin mit der Gerufenen zurück.

Ich stand nun ebenfalls auf, um einer voll aufgeblühten Jungfrau meine Verbeugung zu machen.

»Lassen Sie sich doch nicht stören,« – rief der Hausherr in gemüthlicher Zwanglosigkeit. Er nannte der Tochter meinen Namen und fuhr dann scherzend fort: »Brigitte, alias Brünnhilde, meine musikliebende Aelteste. Nimm neben dem Herrn Platz; zur Strafe für Dein Zuspätkommen sollst Du kalte Suppe essen.«

Es war ein wortkarges Mahl, das ich einnahm; meine Nachbarin schien immer noch in den Melodieen und Akkorden zu schwelgen, die sie dem Flügel entlockt hatte, und da ich ziemlich ermüdet war und die Kosten der Unterhaltung allein zu tragen keine Lust verspürte, so beschränkte ich mich auf die allernothdürftigsten Phrasen der Höflichkeit, welche Brünnhilde ohne Ziererei und Erröthen einsilbig entgegennahm.

192 Den Kaffee tranken wir in der mit wildem Wein umbuschten Veranda, wo den Herren eine Cigarre verstattet war. Als der Gutspächter für einen Augenblick in wirthschaftlichen Angelegenheiten abgerufen worden und ich mit Fräulein Brünnhilde allein war – auch die Erzieherin mit den jüngeren Kindern hatte sich zurückgezogen – fragte sie mich unvermittelt:

»Lieben Sie die Musik?«

Wenn ich auch nicht in der Lage gewesen wäre, diese Frage von ganzem Herzen zu bejahen, so würde ich doch entgegengesetzten Falles einer solchen Fragestellerin gegenüber kaum den Muth zu einem entschiedenen Nein gefunden haben, denn ihre Augen flammten und sahen mich beinahe feindlich an. Erst als ich mein kräftiges Ja hervorgebracht hatte, ging der strenge Ausdruck von Brünnhildens Augen in größere Milde über, und um vieles freundlicher fuhr sie fort:

»Sie spielen auch Klavier?«

»Ja und nein – wie Sie wollen. Als Knabe bin ich nach altem deutschen Brauche auch durch einen mittelmäßigen Klavierunterricht hindurch gepeinigt worden; als junger Mann habe ich nach eigener Neigung und Wahl und ohne jede Befähigung zum Virtuosen tapfer drauf los gespielt und eine leidliche Fertigkeit erworben, wenngleich ich weniger in strengem Takte als mit subjektivem Ausdruck zu spielen pflegte; später, als der Ernst des Lebens und die unerbittliche Strenge des Berufes an mich herantrat, habe ich 193 das Klavier nicht mehr geöffnet, und heute kann ich mich nur noch einen verständnißinnigen Hörer der Musik aber nicht mehr ausübenden Musiker nennen.«

»Wie denken Sie über Wagner?«

Diese unvermittelte Frage mochte mir wohl ein Lächeln der Verlegenheit entlockt haben.

»Was halten Sie von dem großen Meister?« fuhr Brünnhilde dringender und durch mein Lächeln gereizt fort.

»Er ist ein großer Mann,« – erwiderte ich – »aber die Frage, so kurz und kategorisch, wie Sie, mein gnädiges Fräulein, sie eben zu stellen beliebten, erinnert mich fast an jene andere Frage: wie denken Sie über Goethe?«

»So gehören Sie auch zu jenen Unseligen, die an die Mission, an die erlösende Mission unseres musikalischen Messias keinen vollen Glauben haben?«

»Durchaus nicht. Ich glaube und bekenne, daß Wagner ein ungewöhnlicher Mann, ein Mann von Genie, ist; er besitzt zudem ein Selbstvertrauen und eine zähe Ausdauer, die beide bewundernswerth sind; er hat, wie alle großen Männer, auch seine kräftigen Irrthümer, und seiner Art der Dramatisirung altgermanischer Stoffe stehe ich nicht ohne alle Einwände gegenüber.«

»Ach, ich weiß schon,« – rief Brünnhilde – »Sie wollen von seinen Texten nichts wissen. Darauf kommt es mir gar nicht an. Was geht mich das elende gesprochene oder geschriebene Wort an? Das ist für 194 den großen Haufen; ich lese nie ein Buch, nicht einmal eine Zeitung; der »Meister« liest auch keine Zeitungen, aber die Welt der Töne, der bestrickenden unendlichen Melodie – das ist mein Reich, in dem ich lebe und webe – und, gestehen Sie, erst der Meister hat uns armen Sterblichen dieses ewige Reich erschlossen.«

Nach einer Pause versetzte ich bescheiden:

»Wir wollen dieses Thema fallen lassen. Es ist mir ganz unmöglich, so gelegentlich in einer Nachmittagsplauderei über einen so seltenen und gewaltigen Mann wie Ihr »Meister« endgültig abzuurtheilen; man thut entweder dem seltenen Manne Unrecht oder man läßt seine eigene Urtheilskraft in einem ungünstigen Lichte erscheinen.«

»Ich merke schon, wir gehen in unserem Urtheile himmelweit auseinander. Sie sind kühl bis ans Herz hinan, und ich »verase« den Meister als den Erlöser meiner Seele.«

Ich glaubte, falsch gehört zu haben, und mochte wohl etwas hülflos dreinschauen.

Der Gutspächter, der eben wieder die Veranda betreten hatte, lachte laut auf.

»Du giebst unserem werthen Gaste Räthsel auf! »Verasen!« Das ist wieder ein Wort aus Deinem neuen, musikalischen Lexikon! Ich vermuthe, es soll »vergöttern« heißen.«

»Gewiß, Papa. Die Götter unserer Vorfahren waren die Asen, und gegen die Wortbildung »verasen« statt »vergöttern« läßt sich gewiß nichts einwenden.«

195 »Sicher nicht,« – bemerkte ich meinerseits. »Das Wort hat nur einen verzweifelten Gleichklang mit einem anderen Verbum, das mit einem doppelten a geschrieben so viel bedeutet als ein Ding durch liederliche Behandlung verschwenden.«

»Veraasen! Richtig! veraasen!« – lachte mein Wirth erheitert – »Ei, ei! Brünnhilde, Du mußt Dich in Acht nehmen – Du hast es, wie es scheint, mit einem sattelfesten Sprachmeister zu thun.«

»Das imponirt mir nicht;« versetzte das Fräulein, und um ihre Mundwinkel zuckte es wie Verachtung – »ich schätze das Wort außerordentlich gering; nur in Tönen liebe ich zu denken und mich mitzutheilen – alle Rede ist ein armseliger Nothbehelf.«

»Kennen Sie Schopenhauer?« fragte ich nun meinerseits unvermittelt, und eine kleine Schadenfreude mochte durch meine Frage zittern.

»Schopenhauer? Nein! Wer ist das?«

»O ich bedaure, daß Ihnen dieser seltene Denker unbekannt ist – er hat merkwürdige, wunderbare Aufschlüsse über das Wesen der Musik gegeben.«

»Ein Denker? Dann werde ich nie seine Bekanntschaft machen. Was könnte solch ein trockener Pedant noch vorbringen, das nicht schon längst von einem Meister der Töne offenbart worden wäre?«

Ich schwieg. Streifte diese trotzige Einseitigkeit auch an Wahnsinn, so hatte der Wahnsinn doch Methode, und ich fühlte mich nicht berufen, meine 196 geselligen Beziehungen zu der Tochter des Hauses von Anfang an schwierig zu gestalten.

Nach eingenommenem Kaffee trennten wir uns. Brünnhilde ging wieder ans Klavier, und ihr Papa forderte mich zu einer Besichtigung seiner Wirthschaft auf. Das Fortissimo eines Schulhoff'schen Concert-Galopps tönte durch das offene Fenster, verfolgte mich bis auf den Wirthschaftshof und bewies mir, daß das Fräulein keinen ausschließlichen Wagner-Cultus trieb, sondern an jeder Art von Musik Gefallen zu finden schien.

Als wir gegen Abend ins Haus zurückkehrten, war Brünnhilde noch immer bei ihrer geräuschvollen Arbeit. Ich konnte von meinem Zimmer aus ihrem Spiele Note für Note folgen; sie besaß eine ziemlich vollendete Technik, und ich hätte mich möglicherweise mit ihrer Ausdauer am Clavier befreunden können, wenn sie nicht alles durcheinander gespielt und mich dadurch zu den unerträglichsten Uebergängen, zu jenen Froschsprüngen »aus süßem Thau in heiße Glut« gezwungen hätte, von denen Ofterdingen im Wartburgkriege singt (nota bene: eine fast vergessene Metapher, die Julius Wolff mit gutem Glücke für seinen »Tannhäuser« wieder erobert hat). Brünnhilde spielte gerade eine Henselt'sche Etüde, la gondola betitelt, die mir der Componist selbst einst in ferner, seliger Jugendzeit des öftern vorgetragen hatte. Kaum war das Stück im Pianissimo eines arpeggirten Akkordes verklungen, – ich wollte eben süßen, wehmüthigen Erinnerungen 197 nachhängen – da begannen schon wieder, drammatico gehämmert, die harten G's der Liszt'schen Erlkönig-Uebertragung und wirkten auf mein Empfinden wie der plötzliche Sturz kalten Wassers. Aergerlich fuhr ich in meinem Geschäfte des Kofferauspackens fort und verwünschte die Klaviermusik und alle ihre Priesterinnen. Dem Erlkönig folgte das Mendelssohn'sche Frühlingslied, diesem die Beethoven'sche Es-dur-Sonate, dieser Wagner's Trauermarsch aus der Götterdämmerung, dem Trauermarsch ein Chopin'scher Walzer, dem Walzer ein – Gassenhauer.

Es kribbelte mir in allen zehn Fingern – ich hätte das Klavier zerschlagen mögen.

Wie eine Erlösung traf mich die Aufforderung des Dieners, herunter zum Thee zu kommen.

Dieselbe Gesellschaft wie bei der Mittagstafel – nur Fräulein Brünnhilde fehlte noch.

»Entschuldigen Sie nur die Abwesenheit meiner ältesten Tochter« – sagte der Hausherr etwas verlegen – »sie hat schon seit mehreren Tagen wieder ihren musikalischen Paroxysmus und ist vom Klavier nicht wegzubringen. Fräulein! bitte, rufen Sie doch Brigitte – es ist schon halb neun, und unser werther Gast wird müde und hungrig sein.«

Die Gerufene kam erhitzt und überangestrengt ins Zimmer.

Mit einer Art geheimen Mitleids betrachtete ich das arme Opfer der Klavierpest. Einen Genuß konnte sie unmöglich bei der vielstündigen Verübung ihres 198 musikalischen Potpourris gehabt haben; die Handgelenke mußten ihr schmerzen.

»Haben Sie die ganze Zeit über auswendig gespielt?« fragte ich die Ermattete, die an meiner Seite Platz nahm.

»Ich spiele nie auswendig. Da ich eben Alles spiele und meine Noten stets wechsele, so ist mir nie die Zeit geworden, durch häufige Wiederholung ein Stück meinem Gedächtnisse einzuprägen.«

Es klang stolz, was sie da erwiderte, und ich wagte nicht, meiner Ansicht Worte zu leihen, daß man eine oder die andere Composition doch besonders lieben und durch öfteres Spielen recht wohl auswendig lernen könne, ja, daß der wahrhaft künstlerische, vollkommene Vortrag eigentlich ein Vortrag aus dem Gedächtnisse sein müsse.

Wiederum war die Unterhaltung am Theetische eine einsylbige. Brünnhilde mochte sich durch ihre Fähigkeit, einen ganzen Nachmittag die Tasten schlagen zu können, mir so himmelweit überlegen vorkommen, daß sie es wahrscheinlich nicht der Mühe werth hielt, mit einem so untergeordneten Menschen Gedanken auszutauschen; sie sah ein wenig kühl und stolz auf mich herab, und um ihre Mundwinkel zuckte es manchmal, als hätte sie mit ihrer tetralogischen Schwester ausrufen wollen: »Hojotoho! hojotoho! heiaha! heiaha! hahei! hahei! heiaho!« – Habe ich auch nie den Sinn und Gedankengang dieses mystischen Ausrufes begreifen können, so ahnte ich doch immer in diesem 199 Walküren-Stammeln eine ganz besondere, sich göttlich dünkende Superiorität, und am Gefühl derselben fehlte es meiner musikalischen Nachbarin sicherlich nicht.

Wir hatten uns schon gute Nacht gewünscht, als Brünnhilde, die eben das Gesellschaftszimmer verlassen wollte, in der Thür noch einmal umkehrte und der Erzieherin zurief:

»Fräulein, wo ist Nothung?«

Die dienende Dame durchsuchte eifrig alle Winkel des Zimmers und brachte endlich triumphirend den gefundenen Sonnenschirm der hehren Künstlerin zum Vorschein.

»Dies ist Nothung? dieser zahme, unblutige Schutz gegen die Pfeile des flammenden Gottes?« – fragte ich belustigt.

»Warum nicht?« – gab mir Brünnhilde streng zur Antwort – »ein Gegenstand, den ich täglich gebrauche, darf mich recht wohl an meinen Herrn und Meister erinnern.«

Sie grüßte kühl und rauschte hinaus.

Noch einmal schüttelte ich meinem biedern Wirthe die Hand und begab mich in mein Schlafgemach, das im ersten Stockwerke lag. Ach! es sollte vorerst kein Ort des süßen Vergessens für mich werden!

Die schwüle Luft, die als Rückstand der letzten heißen Tage in allen Zimmern brütete, zwang mich, die Fenster weit zu öffnen und ein wenig nächtliche Kühlung hereinzulassen. Unter meiner Wohnung befand sich das leidige Klavierzimmer, und gerade, als 200 ich mich in das Gastbett gelegt hatte und zu einem erquickenden Schlummer die Augen schließen wollte, begann das Klavier lebendig zu werden und ein Mischmasch aus Rheingold-Motiven wogte in breiten, mächtigen Tonwellen durch die unten ebenfalls geöffneten Fenster herauf in den Park und herein zu mir, dem Schlafsuchenden und nun um die erwünschte Ruhe jämmerlich Betrogenen.

O, dieses Klavierspiel bei offenen Fenstern! Es ist wohl die heimtückischeste, raffinirteste Rücksichtslosigkeit, deren sich ein gesitteter Mensch gegen den lieben Nächsten schuldig machen kann. Die Rohheit und Mordgier solcher Musikausübung ist im Lande der Denker immer noch nicht in ihrem ganzen entsetzlichen Umfange erkannt worden; eine einzige Stadt, so viel ich weiß, existirt im großen deutschen Reiche, wo das Klavierspiel bei offenen Fenstern bei zwei Mark Strafe verboten ist – diese Stadt heißt Weimar, und der Magistrat dieser Stadt, der solche Strafandrohung verfügte, hat sich um die Menschheit verdient gemacht.

Mein Schlaf war im Keime erdrosselt; mit schmerzlich-wachen Sinnen lag ich und lauschte den Melodieen der Rheintöchter und des »schwarzen, schwieligen Schwefelgezwerges« Alberich. »Weia! Waga! Wagalaweia! Wallala weiala weia!« hallte es in meinen Ohren – ich machte den Versuch, nicht hören zu wollen, aber er mißglückte elendiglich; ich fing an, zu zählen, aber der Geist zählte nur mechanisch, das Bewußtsein ließ sich nicht ertödten, und ein schadenfroher 201 Kobold, der sich zudringlich auf meine Steppdecke gesetzt hatte, begann zu recitiren: »He, he! ihr Nicker! Wie seid ihr niedlich, neidliches Volk! – Mit Händen und Füßen nicht fasse noch halt' ich das schlecke Geschlüpfer! – Von vielen gefall' ich wohl einer: von einer kieste mich keine!«

Es war rein zum Verzweifeln! Ich überlegte, ob ich mich ankleiden und auf einer entfernten Bank im Parke bivouakiren sollte. Aber ich scheute das peinliche Aufsehen, das die Entdeckung meiner Flucht am andern Morgen nothwendig machen mußte. Ich steckte den Kopf unter die Steppdecke; Mangel an Luft zwang mich aber bald, die lastende Decke wieder abzuwerfen, und da saß wieder der grinsende Kobold vor mir und kicherte: »Heiajaheia! Wallalallalala leiajahei! Glühender Glanz entgleißt dir weihlich im Wag!« Und von unten tönte es herauf: »Rheingold! Rheingold! Heiajaheia!«

Es war um toll zu werden; Angstschweiß perlte auf meiner Stirn; ich zündete Licht an und warf einen Blick nach meiner auf dem Nachttischchen liegenden Taschenuhr. Mitternacht schon vorüber! und noch immer dieses infernalische, den Schlaf des ganzen Hauses scheuchende Klavierspiel! Oder schlief mein biederer Hospes wirklich bei dem nachtwandlerischen Spektakel seiner ältesten Tochter? Der Landmann hat starke Nerven und einen festen Schlaf; wahrscheinlich schlief auch mein Wirth; sonst hätte er doch mit der Autorität des Hausherrn wetternd dazwischenfahren und 202 diese endlose Klimperei zum Schweigen bringen müssen.

Wie eine Erlösung klang es mir, als Brünnhilde endlich den Rheingold-Erinnerungen den Rücken kehrte und den Schieber ihrer Musikwalze auf einen anderen Einstrich einstellte. Ich merkte die Absicht an einigen, sehr gewaltsamen Uebergangs-Akkorden und seufzte: »Gott sei Dank! jetzt kommt etwas Neues – vielleicht kann ich dabei einschlummern;« – aber auch dieser gemerkten Absicht folgte die Verstimmung auf dem Fuße. Statt einer gehofften Schlummerarie oder eines süß-besänftigenden Beethoven'schen Adagio's stürmte das tolle Fräulein ein mir unbekanntes, brausendes, überlautes Presto durch die Saiten, und mit dem Einschlafen war es nun definitiv für mich vorbei. Ich stand auf, kleidete mich an und setzte mich mit einem geöffneten Buche vor die Stearinkerze, die auf dem Nachttischchen flimmerte; vielleicht glückte es mir, meine Aufmerksamkeit so ausschließlich auf den Inhalt des Buches zu richten, daß ich den musikalischen Höllenbreughel unter mir überhören konnte. Vergebliches Bemühen! Meine Nerven waren viel zu peinlich gespannt, mein geistiges Ich viel zu grausam mißhandelt, als daß ich bei der wilden Jagd, die Brünnhilden's Finger über die Tasten verübten, hätte lesen und das Gelesene in mich aufnehmen können. Verzweifelnd klappte ich das Buch zu und fest auftretend begann ich im Zimmer auf und ab zu gehen; mochte das Fräulein unter mir meine Schritte hören – es war mir ganz 203 erwünscht – vielleicht wurde sie dann an das Verbrechen gemahnt, das sie an einem Gastfreunde bewußt oder unbewußt beging.

Ach, meine Schritte verhallten ungehört; Brünnhilde spielte fort und fort – und so sehr ich das Mädchen schon zu hassen begann, Eines mußte ich an ihr widerwillig anerkennen, Eines nöthigte mir eine schauernde Bewunderung ab: ihre stupende Ausdauer und Kraft der Finger und Handgelenke. Seit einer halben Stunde bearbeitete sie das Instrument in den rasendsten Zeitmaßen und fortissimo, ja stellenweise martellato – und noch keine Spur von Ermüdung – es war, als ob der jüngste Tag anbräche und die Todten aus ihren Gräbern aufgerüttelt werden sollten. Was war es doch für ein pathologischer Zustand, der sich der Unglücklichen bemächtigt hatte? Genuß konnte sie unmöglich bei diesem ununterbrochenen, krampfhaften Tastengehämmer haben, und diese wirre, sinnlose Olla potrida von Motiven und Melodieen mußte einem musikalisch-empfindsamen Wesen den Verstand verrücken. Offenbar lag hier ein interessanter Fall von Klaviersucht, complicirt mit akuter Wagneromanie, vor; Brünnhilde war reif für eine psychiatrische Behandlung. Der arme Vater! – dachte ich unwillkürlich; mein Haß und Zorn machte dem weicheren Gefühle des Mitleids Platz.

Immer noch auf und ab schreitend, blickte ich wieder nach der Uhr; es war eine Stunde nach Mitternacht, und die Zeit war vorbei, wo ich auf die 204 menschenfreundliche Dazwischenkunft von Geistern hätte rechnen können. Eben fing unten ein neuer, das Haus erschütternder Galopp an, und schon griff ich nach meiner Mütze, um auf irgend einem Wege, und wäre es durch ein Fenster, ins Freie zu fliehen, da – horch! Klirr! und noch ein zweites stärkeres Mal Klirr! Es klang so scharf, so detonationsähnlich, wie ein Paar Pistolenschüsse. Ein wimmerndes Stöhnen und Aechzen folgte den Schüssen. Meine Sinne waren so erregt, daß ich an den Mord eines Menschenlebens dachte, und erst nach einiger Ueberlegung wurde es mir klar, daß zwei Saiten des mißhandelten Pianos gesprungen waren. Gott sei Dank, inniger Dank! athmete ich befreit auf. Die Musik war plötzlich verstummt; dem Einspruch der Naturgesetze mußte auch diese musikalische Walküre nachgeben; ich sollte diese Nacht doch noch Schlummer genießen.

Schon um fünf Uhr rief mich der Allarm blasende Trompeter auf's Pferd; erst gegen Mittag kehrte ich unter das Dach meines braven Wirthes zurück, und das, was mich beim Einreiten in das Gehöft triumphirend empfing, war der Mendelssohn'sche Hochzeitsmarsch – die beiden gesprungenen Saiten hatte der Klavierstimmer aus dem nahen Städtchen schon ergänzt, und Brünnhilde saß schon wieder am Klavier!

»Est modus in rebus, sunt certi denique fines« – dieses Wort schrieb ich am Nachmittage desselben Tages in das Album, das mir die Autographensammelnde Brünnhilde vorzulegen die Gnade hatte. Auf die Bitte 205 um Erklärung dieser Inschrift lächelte ich diplomatisch: Suchen Sie, mein gnädiges Fräulein, auf irgend eine Weise das Räthsel dieses Verses zu lösen! Wenn Sie es lösen und den Fund beherzigen, werden Sie einst mit Dank an die Einquartierung zurückdenken.«

Eine Stunde später verabschiedete ich mich von den Bewohnern des Schlößchens – ich hatte mir unter der Hand durch den Fourier ein anderes Quartier besorgen lassen. Mein Wirth ahnte nicht den Zusammenhang und zürnte den starren Forderungen des Mars, die nach meiner Versicherung diesen Quartierwechsel allein veranlaßt hatten. – – –

Diese Brigitten oder Brünnhilden sind in unserm gesegneten deutschen Vaterlande leider sehr zahlreich. Es giebt in der That Fräuleins, die außer den nothwendigen Verrichtungen des Schlafens, Essens, Trinkens und Toilettemachens nichts anderes thun als – Klavierspielen. Die furchtbare Gefahr, der sich eine so beklagenswerthe Verüberin endloser Klimperei aussetzt, wird von den Eltern oder berufenen Rathgebern solcher Dame meist nicht nach Gebühr gewürdigt. Kein Mensch ist im Stande, Tag für Tag acht, neun, ja zehn Stunden lang durch die Tasten zu stürmen, ohne nach und nach Schaden an seinen geistigen Fähigkeiten zu leiden. Wer grundsätzlich kein belehrendes oder erhebendes Buch zur Hand nimmt, wer nie eine Zeitung liest und alle Fäden, die ihn mit der geistigen Bewegung seiner Zeit verknüpfen, gewaltsam durchschneidet, wer zum Verächter des geschriebenen oder gesprochenen 206 Wortes wird, nur um ohne Unterbrechung in der geheimnißvollen, ahnungsreichen Welt der Töne traumverloren umherirren zu können, der wird, er mag wollen oder nicht, zuletzt zum Verächter des Gedankens und verfällt dem unheilbaren Siechthum der Verstandesschwindsucht. Ein Componist, in dessen Seele ein künstlerisches Tonwerk entstanden ist, und der den Drang fühlt, diese Schöpfung Anderen zum Frommen herauszugestalten – ein solcher Gottbegnadeter darf und wird sich für kürzere oder längere Zeit der Friktion mit der rauhen, gedankenscharfen Wirklichkeit entziehen dürfen und sich in das Zauberreich der Töne einspinnen, um sein Werk auszuarbeiten und siegreich zu vollenden; er darf sich ohne Nachtheil ganz und ausschließlich seiner Muse hingeben, er darf kühn die Welt da draußen verachten, um die Flamme auf dem Altare Polyhymnias zu unterhalten. Wehe aber dem Klavier-Dilettanten, der jede freie Stunde seines Lebens die musikalischen Schöpfungen Anderer in buntem Durcheinander heruntertrommelt und das exakte Denken als einen Schatz, den er nicht mehr nöthig hat, außer Cours setzt! er wird zum Musiktölpel, zum Idioten, zum Geschmackskrüppel, der halb das Mitleid, halb die Verachtung seiner Mitmenschen herausfordert; er wird, wenn er ein Wagnerfreund ist, allemal zum Wagnernarren.

Je höher man die Musik, diese eigenartigste und wunderbarste aller Künste, die zu dem Gebildeten und Ungebildeten oft gleich deutlich die verständlichste Sprache spricht, zu schätzen gelernt hat, je tiefer man in ihr 207 geheimnißvolles Wesen eingedrungen ist, um so klarer wird man das Unheil erkennen, das einem Jeden droht, der sein ganzes Leben ausschließlich mit dem Herunterdreschen fremder Compositionen am Klavier ausfüllt. Die Musik ist die Sprache des Gefühls und der Leidenschaft, und nur deshalb wird sie von Jung und Alt, Hoch und Niedrig, von der des Lesens unkundigen Magd und der umfassend gebildeten Salondame unmittelbar und ohne Commentar verstanden; niemals aber kann sie die Sprache der Vernunft reden, sonst bliebe sie den intellektuell Hinfälligen und Schwachen ein Buch mit sieben Siegeln. Das Feuer der Seele ernährt sich nun aber nicht blos von Gefühlsschwelgereien, nicht blos von den wollüstigen, wunderbaren Schauern, die uns schon die kurzen und doch so packenden Uebergänge von Dur nach Moll bereiten; es schmachtet auch nach dem Sauerstoffe der Vernunft, ohne dessen Lebenselement es verkümmert und erstickt. Daher soll das musikbeflissene Fräulein der Diätetik für seine Seele eingedenk bleiben und nach einer oder zwei musikalischen Uebungsstunden das Klavier fest zuschließen und zu einem Buche greifen, das sie aus dem Reiche der Töne, aus jener allgemeinen Sprache, die nach Schopenhauer kein Abbild der Ideen, sondern Abbild des Willens ist, hinüberführt in das eben so wunderbare und dem Menschen unentbehrliche Reich der Begriffe und Gedanken. Wenn sie das dauernd verabsäumt, so wird sie die fürchterlichste Daseinslangeweile in sich großziehen, und, um den erdrosselnden 208 Umschlingungen derselben zu entgehen, wird sie immer hartnäckiger am Klavier sitzen bleiben und in endlos-krampfhaftem Geklimper ihr Bewußtsein zu ertödten suchen. Ein solches Wesen ist keine Individualität mehr, keine scharf ausgeprägte, klassificirbare Persönlichkeit, die man geistig bestimmen und lieb haben kann, sondern ein ödes Gattungsgeschöpf, das Einem aus der prüfenden Hand wie eine breiartige Qualle zerfließt und dessen einzig-mögliche Signatur in den Worten besteht: »sie spielt Klavier.«

»Aber« – höre ich eine kopfschüttelnde Mutter einwenden – »meine Tochter muß doch üben. Heute, wo jeder Knabe und jedes Mädchen Klavier spielt, ist doch eine möglichst hoch gesteigerte Technik erforderlich, um sich nur einigermaßen von dem großem Haufen musicirender Dilettanten abzuheben, und wenn meine Thekla nun einmal das Zeug dazu hat, etwas Besonderes zu leisten, warum soll sie ihre Jugendjahre, wo die Finger noch beweglich und bildungsfähig sind, nicht dazu anwenden, sich eine virtuose Fertigkeit im Klavierspiel zu erwerben?«

Ich begreife die stolzen Hoffnungen eines Mutterherzens und will Fräulein Theklas Prädestination zu einer zweiten Clara Wieck keinen Augenblick in Zweifel ziehen; aber auch für eine ausnahmsweise so bedeutend beanlagte Dame bleibt der Satz bestehen, daß ein gewisses Maß der Uebezeit nicht überschritten werden darf und daß der Rest des Tages zu praktischen Verstandesübungen benutzt werden muß. Zu einer echten Virtuosin 209 gehört nicht nur Fingerfertigkeit, sondern künstlerische Aus- und Durchbildung des ganzen Menschen. Das Studium des einfachen und doppelten Contrapunktes, der Geschichte der Musik und anderer Disciplinen, deren Beherrschung erst den Musiker von Gottes Gnaden möglich macht, wird Fräulein Thekla viele Stunden des Tages vom Klavier abrufen und ihren Verstandeskräften zum willkommenen Turngerüst dienen; ohne diese unentbehrlichen Zuthaten würde das Fräulein Tochter immer noch bis über die Ohren im Dilettantismus stecken bleiben und besten Falles nichts Anderes sein, als eine gewandte »Tastenhüpferin,« der kein begnadender Gott einen Kuß auf die Stirn gedrückt hat. Während der Stunden aber, welche Fräulein Thekla zum Ueben benutzt, bitte ich im Namen der gemarterten Menschheit des neunzehnten Jahrhunderts die Fenster des Musikzimmers ja recht fest schließen zu wollen. 210

 


 

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