Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Gerhard von Amyntor >

Für und über die deutschen Frauen

Gerhard von Amyntor: Für und über die deutschen Frauen - Kapitel 16
Quellenangabe
typecauserie
booktitleFür und über die deutschen Frauen
authorGerhard von Amyntor (= Dagobert von Gerhardt)
year1889
firstpub1883
publisherVerlagsanstalt und Druckerei AG (vormals H. F. Richter)
addressHamburg
titleFür und über die deutschen Frauen
pages348
created20140715
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Eine schöne Sünderin.

Walburg Freifräulein von Hohenflug hatte einen prächtigen Husaren-Lieutenant lieb gehabt. Das Epitheton »prächtig« bitte ich nur auf den Glanz seiner bunten Uniform zu beziehen; im Uebrigen war der junge Held körperlich hinfällig und geistig unbedeutend. Zu seiner Aufgeblasenheit hatte sich eine Auftreibung der Leber, zu seiner Witzlosigkeit chronische Magensäure und zu seiner Windbeutelei eine Windgeschwulst der Lungen, ein Emphysem, gesellt; nach zwei Jahren eines wechselnden Siechthums wollte sich auch die Herzuhr des Patienten nicht mehr von selbst aufziehen, und der farbenprächtige Vaterlandsvertheidiger biß in's Gras, oder, wenn der Homerische Ausdruck besser klingt, sank hinab zu den Schatten.

Walburg Freifräulein von Hohenflug war untröstlich. Oeffentlich war sie mit dem Dahingeschiedenen zwar nie verlobt gewesen, und ob sie im Geheimen mit ihm Schwüre getauscht hatte, das ließ sich jetzt nicht mehr feststellen; aber sie nannte sich von Stund' an eine verwittwete Braut, sprach nur noch von ihrem 149 verwaisten und gebrochenen Herzen und schwelgte in der bittersüßen Wollust eines großen, unheilbaren Liebesschmerzes. Walburg Freifräulein von Hohenflug kam sich selbst äußerst interessant vor. Der Verstorbene hatte auf den weniger seltenen, als ehrlichen Namen Christian gehört, – alle Sprossen seines alten Stammes wurden so getauft – aber Christian klang so gewöhnlich, und Walburg Freifräulein von Hohenflug veredelte den Namen ihres desertirten Husaren und nannte ihn Gerold. Gerold! Das machte sich gut! Das war ein vornehmer, altdeutscher Name, und Walburg schwärmte für das Vornehme und Altdeutsche; sie hatte Ingo und Ingraban gelesen, besaß einen im Stil der altdeutschen Renaissance geschnitzten Schreibpultstuhl und einen zinnernen Humpen, aus dem einmal der Doktor Martinus Luther getrunken haben sollte.

Was ist natürlicher, als daß eine Jungfrau, die noch obenein Freifräulein ist, die einen Husaren geliebt hat, der sie nicht mehr wiederlieben kann, und die einen so vulgären Namen, wie Christian, in den besserklingenden Gerold zu verwandeln weiß (nach der bekannten Ἀλώπηξ-Fuchs-Theorie) – was ist natürlicher, als daß ein so schwärmerisches, schmerzlichbrütendes, sich selbst äußerst beklagenswerth vorkommendes Freifräulein an diesen zum Gerold veredelten Herrn Christian einige nächtliche Verse macht? Auch Walburg Freifräulein von Hohenflug machte nächtliche Verse, und die bekannten Reime Herz und Schmerz, Brust und Lust, Wahrheit und Klarheit,. Liebe und Triebe wurden von ihr 150 wahrhaft verschwenderisch angewendet. Selbstverständlich waren alle diese poetischen Elukubrationen an »Meinen Gerold« gerichtet.

Ein Jahr lang blieben diese Gedichte als ein jungfräulicher Schatz vor jedem profanen Blicke behütet und in der Tiefe des mittelsten Schreibtischfaches verborgen. Im zweiten Jahre nach dem Tode Christian-Gerolds las sie Walburg einer Freundin vor, und die Freundin war so liebenswürdig, reichliche Thränen zu vergießen und dann unter dem Siegel des strengsten Geheimnisses anderen Freundinnen mitzutheilen, daß Walburg eine Dichterin sei. »Midas hat Eselsohren!« –Man kennt die Geschichte; bald flüsterte auch das Gras, das an den Gossen des kleinen Städtchens wuchs: »Walburg ist eine Dichterin!« Der Ruf kam zu Walburgs eigenen Ohren zurück; verschämt erst und dann gefaßt nahm sie das Schicksal wie eine Thatsache hin, an der sich Nichts ändern läßt, und im Laufe des dritten Jahres begann sie, sich mit ihrem Berufe als Dichterin mehr und mehr vertraut zu machen.

Sie empfand Sehnsucht nach öffentlicher Anerkennung, nach den Beifallssalven einer aufhorchenden Menge. Das Einfachste wäre gewesen, die Phantasieen an Gerold drucken zu lassen; aber hieß dies nicht, ihre stille, keusche Liebe, von deren Gluth der selige Husarenlieutenant vielleicht selbst nicht einmal Etwas geahnt hatte, profaniren und ihr süßes Geheimniß dem kalten, schmähsüchtigen großen Haufen preisgeben? Und selbst wenn sie ihrem Herzen Gewalt angethan und ihre 151 züchtige Scheu überwunden hätte – waren die Poesieen an Gerold wirklich eine erste Etappe auf dem Steilpfade zum Parnaß? Walburg zweifelte keinen Augenblick an ihrem Dichterberufe, aber es ging ihr wie jenem ehrenwerthen Nachmittagsprediger, der einem Leidtragenden, welcher eine Leichenrede bestellte, auf die Frage nach dem Preise derselben antwortete: »Hm, hm! Ich habe drei Arten solcher Predigten – die geringste kostet nur 15 Silbergroschen – ich möchte aber selber nicht zu einer solchen rathen!« – Walburg hatte ein ähnliches Gefühl, wenn sie sich das Publikum vor die Wahl gestellt dachte, ihre Dichtungen oder die irgend eines anderen Poëtasters zu kaufen; sie hätte zu ihren eigenen Poesieen selber nicht rathen können. So sagte sie denn der schmeichelnden Verlockung, die ihr eine Publikation ihrer Dichtungen als folgenreiche That vorgaukeln wollte, ein kräftiges: Apage, Satana! und beschloß, eine Novelle zu verüben.

Der Stoff zu derselben lag ihr ja so nahe, sie brauchte nicht weiter zu schweifen und ihrer Phantasie keine besonderen Anstrengungen zuzumuthen. Hatte sie nicht eine unglückliche Liebe am eigenen Fleisch und Bein erfahren? Und eine unglückliche Liebe bleibt immer und ewig der dankbarste und begehrteste Stoff für eine Dichterin; das ist ein Thema, zu dessen Variation es so gar keiner Vorstudien, keiner wissenschaftlichen Vertiefung und keiner Spekulation des Erkenntnißstrebens bedarf; über dieses Thema kann das gelbste Schnäbelein zwitschern; offener Sinn für die Probleme 152 der Zeit und die stets in neuer Form gestellten und nie gelösten Menschheitsfragen ist dazu durchaus nicht vonnöthen – nur ein recht weites, recht empfindsames Herz und eine prompte Ergußfähigkeit der Thränendrüsen – dann muß es glücken!

Walburg Freifräulein von Hohenflug hatte die Geschichte ihrer unglücklichen Liebe glücklich zu Papier gebracht; sie nannte diese schöngeistige Mißgeburt eine Novelle. Aber erst mußte ein männliches Auge das Manuskript prüfen und ein von Männerhand geführter Bleistift etwaige Versündigungen gegen Orthographie und Interpunktion beseitigen. Ach, diese Heldinnen des Geistes, die immer noch mit der Grammatik auf gespanntem Fuße leben! Wie rührend ist ihr Bemühen, die deutsche Dichtkunst zu bereichern, da sie doch das Mittel zu dieser Bereicherung, die deutsche Sprache, nicht einmal vollkommen beherrschen! Man könnte beim Anblick eines so braven Frauenzimmers, das, ihr Manuskript wie eine Schiefertafel unter dem Arme, zu irgend einem Magister geht, um aus den Blüthen ihrer Muse das Ungeziefer der grammatischen Schnitzer auslesen zu lassen, wirklich Thränen vergießen.

Walburg fand den Herrn Oberlehrer, der ihr einst Unterricht im Französischen und in der Literaturgeschichte ertheilt hatte, zu Hause, und mit reizendem Erröthen vertraute sie ihm ihr verbrecherisches Vorhaben, indem sie das Manuskript mit der schüchternen Bitte um formale Vollendung auf den Tisch des Magisters legte. Der Wahrheit gemäß muß ich berichten, daß der 153 würdige Schulmann leidliche Fassung bei diesem Anmuthen bewahrte; Walburg hatte sehr schöne Augen, und ein Blick in diese Augen gab ihm die Kraft, nicht vom Stuhle zu fallen. Er versprach sein Bestes. Als aber die Jungfrau das Zimmer verlassen hatte und der Zauber ihrer Augen nicht mehr unmittelbar auf ihn wirkte, da brach der ehrenwerthe Mann in ein bitteres Gelächter aus und verwünschte gleichzeitig sein Mißgeschick, das ihm mit dem halben Hundert frevelhafter Quartaner-Exercitien nun auch noch die Durchsicht dieser weiblichen Handarbeit aufgepackt hatte. Doch was bekommt ein deutscher Schulmann nicht fertig? Auch Walburg's Novelle wurde von den schlimmsten Schnitzern gereinigt und druckreif lag sie bereit, als das Freifräulein sie wiederzuholen kam.

Ein inniges Mitleid mit dem unvermeidlich tragikomischen Loose seiner einstigen Schülerin wollte das Herz des Oberlehrers beschleichen, als diese ihn feierlich um Wahrung des Geheimnisses bat, und schon wollte er das unglückliche Mädchen von ihrem verblendeten Schritte abzubringen versuchen, als er wieder durch einen Blick in die schönen Augen schwach wurde. Er verstummte; er übergab das Manuskript der hastig zugreifenden Dame, und das Schicksal nahm seinen Lauf.

Die größte Provinzialzeitung, die im Wohnorte Walburgs gedruckt wurde, pflegte in ihrem Feuilleton allerlei belletristische Allotria zu treiben. Der Chefredacteur des Blattes war ein noch jugendlicher, jüdischem Stamm entsprossener, aber zum Christenthum 154 übergetretener Doktor der Philosophie. Zu diesem pilgerte eines späten Abends die dicht verschleierte Verfasserin der vom Herrn Oberlehrer korrigirten Pseudonovelle.

Walburg war erregt; kräftig schlug ihr Herz unter dem jungfräulichen Busen und ihre Wangen waren in die Farbe eben aufbrechender Apfelblüthen getaucht. Aengstlich schaute sie rechts und links, ob auch kein Vorübergehender sie erkenne; denn um keinen Preis der Welt hätte sie das Ziel ihres so späten Ausganges einem Bekannten verrathen mögen. Es ging Alles gut. Unentdeckt erreichte sie die Druckerei, schritt durch den gashellen Hausflur und über den großen, ungemüthlichen Hof nach einem Seitenflügel und, nachdem sie dort das Bureau des Herrn Chefredacteurs erfragt hatte, erstieg sie eine ihr endlos vorkommende, eiserne Spiraltreppe, die in das zweite Geschoß des fabrikähnlichen Anbaus emporführte. Eine Art Schauer wandelte sie an. Mein Gott dachte sie, wie wenig anmuthend sind solche Geburtsstätten des Ruhmes!

Zaghaft klopfte sie an eine niedere, schmutzige Thür, und auf ein zerstreut und gedankenlos klingendes »Herein!« trat sie in die Höhle des literarischen Löwen.

Er stand an seinem Pulte, hatte eine Scheere in der Hand, einen Rothstift hinter dem rechten Ohre, eine goldene Brille auf der Nase, und schien mit einem bunten Durcheinander von Zeitschriften und Briefen beschäftigt.

»Entschuldigen Sie, wenn ich störe!«

155 Mit dieser banalen Redensart suchte das Freifräulein die ihr peinliche Unterhaltung zu eröffnen.

»Was wünschen Sie?«

Hart und kurz stieß es der Herr Doktor, ohne aufzusehen, hervor, und die ganze Ungeduld eines in wichtiger, unaufschiebbarer Arbeit gestörten Mannes lag in den Worten.

»Ich möchte – – ich wollte gern den Herrn Chefredacteur – – –«

Der Doktor wandte dem stammelnden Besuche die Brillengläser zu, erkannte ein vornehm gekleidetes, in reizender Verwirrung zagendes Frauenzimmer und beeilte sich, verbindlich zu erwidern:

»Der bin ich, meine Gnädigste! Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen nicht sofort entgegeneilte; aber Sie sehen, ich stecke bis über die Ohren in der Arbeit – unsere Setzer warten auf Stoff. Wollen Sie nicht gütigst Platz nehmen? Womit kann ich dienen?«

Er schob einen wackeligen Stuhl an ein kleines, mit einer gefüllten Wasserkaraffe und zwei Gläsern besetztes Wandtischchen, nöthigte die Dame zum Sitzen und stieg selber rittlings auf seinen Drehschemel, den er ebenfalls an das Tischchen geschleppt hatte.

Walburg schöpfte neuen Muth.

»Der Grund meines Kommens,« – begann sie etwas zuversichtlicher – »ist ein ungewöhnlicher. Zuvörderst erbitte ich mir Ihre Diskretion. Ich habe hier das Manuskript einer Novelle, die ich kürzlich niederschrieb, und wollte Sie, Herr Doktor, bitten, dieselbe 156 zu prüfen und, falls sie Ihnen nicht mißfällt, sie in Ihrer Zeitung zum Abdruck zu bringen.«

Auch der Doktor der Philosophie, der zur Ataraxie der Stoa geschworen hatte, wäre beinahe vom Reitsessel gefallen. Einen schweren Seufzer, der ihm unwillkürlich aufquellen wollte, verwandelte er noch rechtzeitig in einen Verlegenheitshusten; er wollte dem Dämchen einen anmuthig verblümten Korb geben, denn er kannte diese Art von Novellen, diese einem gebrochenen Jungfrauenherzen gesetzten unorthographischen Epitaphe; als er aber gerade nach einem passenden Eingang zu seiner Rede suchte, traf ihn ein Blick der ängstlich flehenden wunderschönen Augen seines Gegenübers – diese Augen schienen den süßesten Dank, die hingebendste Erkenntlichkeit in Aussicht zu stellen – der Herr Doktor wurde schwach – er versprach, das Manuskript prüfen zu wollen, und nahm es aus dem zitternden Händchen der Dichterin huldreichst entgegen.

»Wann darf ich mich nach dem Schicksale meines Werkes erkundigen?«

»Ich werde Ihnen schreiben, meine Gnädigste, wenn Sie mir nur Ihre Adresse geben wollen.«

»Nein, um keinen Preis! Ich darf Ihnen nicht noch mehr Mühe bereiten. Selbst werde ich kommen und mir mein Urtheil persönlich holen.«

»Diese Aussicht ist so verlockend, daß ich keinen Widerspruch dagegen erheben darf. Wenn Sie also – wir haben heut' Montag – drei Tage möchte ich um Frist bitten – wenn Sie also am Freitag mich beehren 157 wollen, so werde ich im Stande sein, auf Ihre mir ehrenvolle Frage definitiv zu antworten.«

»Ich bin Ihnen sehr dankbar, bester Herr Doktor! Also Freitag Abend – ich darf doch um dieselbe Stunde wie heut anklopfen?«

»Gewiß, mein gnädiges Fräulein – ich bin zwar um diese Zeit überbeschäftigt – aber für Sie bin ich immer zu sprechen – das erfordert die kollegialische Rücksicht.«

Ehe Walburg wußte, was eigentlich geschah, hatte der Doktor ihre Hand ergriffen und auf das weiße, duftige Fleckchen, das unbedeckt zwischen Handschuh und Aermel hervorleuchtete, einen mehr zärtlichen wie ceremoniellen Kuß gedrückt. Sie wollte den Verwegenen eigentlich mit einem strengen Blicke stolzen Befremdens niederblitzen – aber hatte er nicht von kollegialischer Rücksicht gesprochen? Sie – die Kollegin eines Doktors der Philosophie! Er erkannte sie also als ebenbürtigen Geisteskämpfer an! Dafür durfte er sich schon eine gewisse Vertraulichkeit herausnehmen; Prüderie ihrerseits hätte sein Urtheil ungünstig beeinflussen können; sie lächelte kameradschaftlich und rauschte freundlich grüßend aus der dumpfigen Schreibstube.

Wischte sie auch das geküßte Handgelenk beim Heruntersteigen mit ihrem Batisttüchlein ab, so füllte dennoch eine hohe Befriedigung ihr ehrgeiziges Herz, und mit stolz erhobenem Köpfchen durchschritt sie den übelriechenden und von dem Aechzen einer Dampfmaschine durchtönten Hof der Druckerei.

158 Am Freitag Morgen fragte die alte verwitwete Mama ihr Töchterlein Walburg, ob ihr etwas fehle? Walburg verneinte auf das Entschiedenste. Sie sah allerdings blaß und angegriffen aus, denn sie hatte die drei letzten Nächte nicht mehr geschlafen; den Grund dieser Schlaflosigkeit brauchte die Mama aber nicht zu wissen.

Am Abend eilte sie klopfenden Herzens wieder nach der Schreibstube des Herrn Doktor und Chefredacteurs.

Dieser empfing sie überaus freundlich und lud sie ein, »wenigstens für einen Augenblick« Platz zu nehmen. Er hatte die novellistische Stylübung Walburgs gelesen, und schon nach Durchsicht des ersten Bogens war er mit seinem Urtheil fertig gewesen. Das Freifräulein war kein Genie; es war ihr nicht bestimmt, der Menschheit auch nur einen einzigen neuen Gedanken zu schenken; der Name Walburg von Hohenflug würde nie in die Tafeln der Literaturgeschichte eingetragen werden. Dagegen besaß die Autorin eine Menge unreifer, verworrener Vorstellungen, eine Phantasie, die durch den Kappzaum der Vernunft nie geschult worden war und daher die Neigung besaß, bei erster bester Gelegenheit durchzugehen, und jenen Wagemuth, der im Vertrauen auf zwei schöne Augen, auf einen tadellosen Wuchs und auf einen wohlklingenden Familiennamen vor keiner Excentricität zurückschreckt. Trotzdem war der Doktor entschlossen, die ihm angebotene Novelle zum Abdruck zu bringen; er rechnete auf den schlechten Geschmack und die Urtheilslosigkeit desjenigen Publikums, das sich 159 an die Feuilletonwaare seiner Zeitung bereits gewöhnt hatte. Dieses Publikum verlangte nur nach roher Spannung; ob die Lösung befriedigend oder albern war, ob der Gutmüthigkeit und Glaubensseligkeit des Lesers geringe oder starke Zumuthungen gemacht wurden, das war ihm ganz gleichgültig, und so konnte auch Walburgs Novelle, die in geschwätzigem Tone einer ihr tiefstes Geheimniß auskramenden indiskreten Mamsell gehalten und nicht ungeeignet war, einen Leser niederen Grades in eine gewisse Spannung zu versetzen, recht wohl das Feuilleton der provinzialstädtischen ersten Zeitung füllen helfen. Ja noch mehr. Der Name der Verfasserin, die zur sogenannten guten Gesellschaft des Ortes gehörte, mußte ein gewisses Aufsehen erregen, und die Neugierde des Publikums auf die belletristische Leistung der jungen Dame konnte der kränkelnden Zeitung ein paar Hundert neuer Abonnenten bringen. Der Doktor hatte sich die Hände gerieben und das Manuskript in das Pultfach gelegt, in dem er die zum Abdruck angenommenen Beiträge zu verwahren pflegte.

»Ihrer gütigen Erlaubniß gemäß komme ich mir Ihren Bescheid holen« – hauchte Walburg nicht ohne Erröthen.

»Mein gnädiges Fräulein,« erwiderte der geschäftskluge Redacteur »ich begrüße Sie als die geschätzte Mitarbeiterin unserer Zeitung. Ihre Novelle soll in diesen Tagen in unserem Feuilleton erscheinen. Wenn ich Ihnen vor der Hand nur ein bescheidenes Honorar anzubieten vermag, so werden Sie den Schwierigkeiten, 160 mit denen unser Blatt zu kämpfen hat, billig Rechnung tragen; daß das unbedeutende Honorar kein Aequivalent Ihrer allerliebsten belletristischen Leistung sein will, das versteht sich ganz von selbst und dessen brauche ich Sie nicht erst zu versichern.«

Er nannte einen Geldbetrag, der die Höhe eines anständigen Trinkgeldes kaum überstieg, und Walburg versicherte, wiederum nicht ohne Erröthen, daß sie ja nicht des materiellen Gewinns wegen, sondern dem Machtgebot ihres Herzens gehorchend, geschrieben hätte und daß sie mit allen Bedingungen einverstanden wäre.

»Wir geben die Novelle natürlich unter Ihrem wahren Namen?«

»Ach, davon möchte ich doch gern Abstand nehmen. Ich habe an ein Pseudonym gedacht; wie wär es mit »Burgwall von Wolkenzug?«

»Um Gottes willen nicht, meine Gnädigste! Solche literarische Kriegsnamen klingen meistens sehr gesucht und haben alle Zugkraft verloren.«

»Aber ich meinte gerade, hinter einem angenommenen Namen könnte ich am besten mein Geschlecht verstecken; das Publikum bringt einer Dichterin doch wohl nur Mißtrauen entgegen.«

»Im Gegentheil! Ihr wahrer Name wird ein Lockmittel sein, auch die Aufmerksamkeit der sonst schöngeistige Nahrung Verschmähenden zu erregen, er wird uns vor allen Dingen das Interesse der Frauenwelt sichern. Ihr Familienname ist allgemein bekannt; sämmtliche Frauen und Jungfrauen dieser Stadt werden 161 nun das Werk einer ihrer bevorzugten Schwestern lesen wollen.«

»Aber der Neid – die Medisance – bedenken Sie in welche Lage ich gerathen kann! Wenn meine Novelle nicht gefällt, so wird man mit Fingern auf mich zeigen.«

»Das wird man auch thun, wenn sie gefällt. Keine Furcht, meine Gnädigste! Für den Erfolg lassen Sie mich sorgen; meine Beziehungen zu den angesehensten Blättern sichern Ihrem Werke eine sympathische Aufnahme – vertrauen Sie mir ohne jede Beklemmung und ohne jeden Rückhalt!«

Wieder küßte der Herr Doktor die Hand der jungen Dame, die es züchtig geschehen ließ; sie sah in dem Chefredacteur ihren natürlichen Freund und Verbündeten.

Man trennte sich beiderseitig befriedigt, und als der Herr Doktor allein war, rief er lächelnd aus:

»Da geht sie hin! ich kann ihr nicht helfen. Sie muß als das Sühnopfer bluten, das meinem lebensmüden Blatte wieder die Gunst der Götter gewinnt!« –

Schon nach wenigen Tagen – es war kurz vor dem Quartalwechsel – meldete des Doktors Zeitung einem hohen Adel und verehrungswürdigen Publikum, daß im nächsten Quartal eine Novelle des Freifräuleins von Hohenflug im Feuilleton erscheinen und daß Jedermann auf diese sensationelle Novität schon heute aufmerksam gemacht würde, damit er rechtzeitig seine Bestellung auf die Zeitung der nächsten Postanstalt aufgeben könnte.

162 Das Erwartete geschah. Zu den alten Abonnenten, von denen keiner dem Blatte untreu wurde, gesellten sich ein paar Hundert neue, und jeder dieser Abonnenten harrte mit Ungeduld auf die erste Nummer des neuen Quartals.

Walburgs Mutter war starr vor Entsetzen. Das Töchterlein verstand es aber, die alte würdige Dame zu beruhigen, und als es sogar ein paar blinkende Goldstücke unter deren Augen als redlich erworbenes Honorar halten durfte, da verschwand der mütterliche Schreck und Zorn und machte einer stillen Hoffnung Platz, daß das unternehmungslustige, excentrische Töchterlein am Ende wirklich eine bewunderte Schriftstellerin werden könnte und daß die knappen Verhältnisse, die bisher im Hause geherrscht hatten, sich vielleicht in angenehmere und behaglichere verwandeln würden.

An den ersten Tagen des neuen Quartals wagte Walburg nicht mehr über die Straße zu gehen; sie meinte, Aller Blicke müßten auf sie gerichtet sein und jeder Begegnende würde sie auf ihre belletristische Publikation anreden. Erst die Besuche einiger Freundinnen, die ihr von dem beispiellosen Erfolge ihres Schrittes frohe Kunde brachten, und die verwegenen Lobhudeleien einiger obskuren Blätter, die ihr der Herr Doctor philos. und Chefredakteur prompt zugesandt hatte, gaben ihr den Muth, wieder an Gottes freie Luft zu gehen und das Auge anderer Menschen nicht mehr zu scheuen.

Das war ein Glückwünschen und Händeschütteln auf 163 der Promenade! »Nein, welche Ueberraschung, mein gnädigstes Fräulein!« – »Ich gratulire von Herzen, liebe, beste Walburg! Du wirst nun recht stolz werden und für mich gar nichts mehr übrig haben!« – »Ei, ei, Baronesse, wer hätte das von Ihnen erwartet! Sie erregen die Aufmerksamkeit der ganzen deutschen Lesewelt! Empfangen Sie meine bewundernden Glückwünsche!« – So schwirrte und summte es um die Ohren des erröthenden Mädchens, das vor lauter Glück und Jubel nicht wußte, ob es die Schmeicheleien annehmen oder ablehnen sollte. Ach, hätte die Unglückliche gehört, was man hinter ihrem Rücken sprach! »Diese alberne Person! Wie kann sie sich nur so bloßstellen! Der Redakteur der Zeitung ist ein nichtswürdiger, gewissenloser Spekulant! Er ruinirt die Einfältige und bereichert sich an ihrem Ruin. Und die Mutter! Wie kann sie nur diesen Unsinn dulden! Das Zeug ist ja gar nicht zum Lesen! Das kommt davon, wenn die jungen Mädchen nichts Ordentliches lernen! Da ist kein Geschmack, kein Urtheil, keine Vernunft! Gegen solche literarische Prostitution müßte die Polizei einschreiten! Die Hohenflug hat sich ganz unmöglich gemacht! Ich habe meiner Tochter verboten, mit ihr noch länger zu verkehren!« – So klang es von den Lippen derselben Menschen, die noch eben der armen Autorin bewundernd die Hand gedrückt hatten.

Die Niederlage war eine vollständige, und die Einzige, die nichts davon erfuhr, war die, welche sie erlitten hatte. Dem vielbesprochenen Freifräulein schwoll 164 der Kamm. Der Appetit nach neuem Ruhm und neuen, höheren Honoraren trieb sie zu neuer Arbeit am Tintenfasse. Für ihre Freundinnen war sie fortan nicht mehr zu sprechen; sie sei beschäftigt – ließ sie den Besuchenden sagen und verweigerte hartnäckig den Empfang derselben. Bald munkelte man von der jungen Dame, daß sie übergeschnappt sei. Die Familien zogen sich von dem Walburg'schen Paare gleichmäßig zurück; die Mutter einer so verdrehten Tochter mußte nothwendig ebenfalls nicht recht zurechnungsfähig sein. »Es ist der Neid, Mama!« So tröstete Walburg die alte Dame, die ihre Vereinsamung schmerzlich zu empfinden begann, »warte nur den Erfolg meines Romans ab; entspricht er meinen Hoffnungen nur einigermaßen, dann ziehen wir in die Residenz und suchen uns besseren Verkehr, als mit diesen Kleinstädtern und Abderiten!«

Ein Jahr verging. Walburgs Roman war fertig. Kein Verleger jedoch wollte das Risiko eingehen, einen solchen Roman zu erwerben. Jetzt wäre es für das Freifräulein noch an der Zeit gewesen, ihre verhängnißvolle Richtung aufzugeben; hätte sie ihr Manuskript in's Feuer geworfen, ihr Tintenfaß definitiv zugemacht und sich wieder weiblichem Verkehr und Beruf zugewandt, so würde die Welt im Laufe der Zeit den schriftstellerischen ersten Versuch der jungen Dame vergessen und ihr um ihrer schönen Augen willen Indemnität zugebilligt haben. Aber sie war heillos verblendet; um jeden Preis sollte ihre romantische Mißgeburt urbi et orbi bekannt gemacht werden. Der Besitzer und 165 Herausgeber eines Kolportage-Journals, der seinen Abonnenten als Prämie goldene, wirklich gehende Taschenuhren zu versprechen pflegte, erwarb endlich das wie saures Bier ausgebotene Werk weiblicher Ausdauer und Talentlosigkeit für einen beide Theile gleichmäßig kompromittirenden Preis. Der Roman wurde gedruckt; aber zu Walburg's tiefgehender Verstimmung wegen des unzulänglichen Honorars gesellte sich die noch schmerzlichere Enttäuschung betreffs der Aufnahme ihres Werkes seitens der Kritik und des Publikums. Da war kein vornehmeres Blatt, das ihre Publikation überhaupt noch ernsthaft genommen hätte; die Herren Rezensenten ergingen sich in den schnödesten Witzen oder sie deckten, besten Falles, über Walburg's Versündigung den Schleier liebevollen Schweigens.

Das arme Mädchen war hingerichtet. Mit dem Fluche der Lächerlichkeit beladen, von bösen Nachbarn als »toll« verschrieen, von den Gutherzigen als »tief beklagenswerth« bemitleidet, gemieden und geflohen von aller Welt, lebte sie hinfort ein trostloses Dasein öder Vereinsamung und absoluter Freudlosigkeit. Sie war verbittert wie Galle und giftig gereizt wie eine Viper. »Dieses elende deutsche Volk!« pflegte sie zu ihrer Mutter zu sagen, »es erkennt seine großen Söhne und Töchter nicht; wäre ich als Engländerin zur Welt gekommen, ich erfreute mich der begeistertsten Anerkennung und würde Schätze sammeln!«

Die Jahre flogen dahin – eheu, fugaces! Aus der jungen Walburg mit den wunderschönen Augen 166 war nach und nach eine säuerliche alte Jungfer mit stechendem Blicke geworden. Kein Mann hatte Lust und Neigung gespürt, sich dem abgeschmackten Blaustrumpf mit süßen Herzenswünschen zu nähern. Heut hat Walburg den Höhepunkt des Daseins überschritten und geht auf dem absteigenden Aste der Lebenscurve bergab. Sie hat stets eine kleine Anschwellung am äußersten Gliede des dritten Fingers der rechten Hand; denn noch immer führt sie mit krampfhaftem Drucke die Feder und, um Abnehmer für ihre Manuskripte zu finden, ist sie zum elendsten Penny-a-liner feminini generis hinabgesunken. Sie schreibt Reklamen für Mode- und Putzgeschäfte, für Teppichfabriken, Seiden-Webereien, Blumenateliers, auch für Delikatessenhandlungen und Kunstbutterfabriken. Nebenbei excerpirt sie alte Kalender, Chroniken, auch Konversationslexika, um sich irgend eines Stoffes zu bemächtigen, den sie für die Feuilletons der allerschlimmsten Kolportage-Journale handwerksmäßig zurichten kann. Sie verdient gerade soviel, um die Ausgaben für Papier, Dinte und Federn decken und sich vierteljährlich einen neuen Brief Haar- und Stecknadeln kaufen zu können. Es ist eine wahrhaft erbärmliche Existenz, und nicht einmal Theilnahme, sondern nur Spott und Verachtung erntet das unglückselige Frauenzimmer, das diese Existenz führt.

Ich glaube mit der Annahme nicht fehlzugehen, daß die arme Walburg in unserm lieben deutschen Vaterlande leider einige Leidensgefährtinnen besitzen möge. Die Frauenbeschäftigungsfrage ist eine der brennendsten 167 der Gegenwart. Die Schulmeisterei will nicht mehr verfangen; es machen so viele junge Mädchen das Lehrerinnenexamen, daß zu ihrer Anstellung die Verzehnfachung unserer Schulen erforderlich wäre. Da verfällt denn manch strebsames Wesen mit langen Zöpfen auf die sonderbare Idee, die Literatur gewissermaßen als lohnendes Handwerk treiben zu wollen. Verderblicher Irrthum! Das wahre Handwerk hat stets einen goldenen Boden – die Kunst ist aber kein Handwerk, das man beliebig erlernen kann, und selbst der Künstler von Beruf muß sich darauf gefaßt machen, daß er unter einer Hecke am Wege verhungert und daß ihm erst die Nachwelt unverwelkliche Kränze windet. Von den vielen, vielen Frauen und Jungfrauen, die unter ihrem wahren Namen und unter allen möglichen und unmöglichen Pseudonymen gegenwärtig an unserer schöngeistigen Produktion Theil nehmen, kann man die wenigen, die dies mit Beruf und Erfolg thun, an den Fingern herzählen; der ganze große Rest tödtet die Zeit mit unfruchtbarem Geschreibe, macht sich zum Objekt heimlicher oder offener Verspottung und führt unbefriedigt und verbittert oft ein klägliches Hungerleider-Dasein. Ja, in dieser unberufenen, dilettantenhaften literarischen Thätigkeit liegt eine Gefahr für den ethischen Werth der armen Pfuscherinnen; wenn alle Erfolge ausbleiben, wenn gar Spott und Verachtung der einzige Lohn für das geschäftige Böhnhasenthum wird, dann hält die verstimmte Poëtasterin wohl die Welt für undankbar; sie wirft der Gesellschaft materielle 168 Versumpfung, Lieblosigkeit und Impotenz zu jedem höheren, geistigen Fluge vor und sieht ihr eigenes Heil nur noch in einer Zertrümmerung und Neugestaltung der bestehenden Verhältnisse. Daher stammen denn manche »catilinarische Existenzen« unter den Frauenzimmern; Hinneigung zu sozialdemokratischen, nihilistischen Doktrinen, religiöse Halt- und Bodenlosigkeit und das graziengemiedene Déshabillé einer excentrischen Emanzipationssucht sind leicht die Folgen eines verfehlten weiblichen Berufes.

Möchten diese gutgemeinten Worte nicht auf steiniges Erdreich fallen! Möchten die liebenswürdigen Leserinnen, jede in ihrem Kreise, mit dazu beitragen, daß der Beschäftigungs- und Erwerbstrieb unversorgter Frauen und Jungfrauen sich nicht ohne jeglichen Beruf auf die literarische Produktion werfe; die traurigsten Enttäuschungen können nur die Folge solchen Frevels gegen Apoll und die Musen sein. Das Gebiet, welches die Natur den Frauen zu selbstthätiger Pflege auch in der Kunst zugewiesen hat, ist trotz mancher glänzenden und nur die Regel bestätigenden Ausnahme ein scharf begrenztes; das Wort »mulier taceat in ecclesia« gilt im Allgemeinen für alle Tempel, auch für den Tempel Klio's und Euterpe's. Es sind nur wenige Weiber, welche die Schwelle dieses Tempels siegreich überschritten haben; sie empfanden die zwingende Gewalt des Musageten, und sie haben ihre Namen unsterblich gemacht. In den Annalen der Weltliteratur fehlt bis heute immer noch der Name einer Frau; die Sakuntalas, die 169 Odysseen und Iliaden, die göttlichen Komödien, die Don Quixotes, die Fauste haben männliche Urheber gehabt; nur auf dem Produktionsfelde des Romans haben bevorzugte Frauenzimmer unbestrittenen Ruhm geerntet. Das, was uns aber der Durchschnitt weiblicher Federn heute als Roman anbietet, ist oft nur ein Pasquill auf die epische Dichtkunst und besten Falls geeignet, die Spalten der allerniedrigsten Pfennigblätter und albernsten Prämien-Journale zu füllen. Selbst der angenommene männliche Kriegsname vermag den oberflächlichsten Leser über das Geschlecht des Autors nicht mehr zu täuschen, wenn die naivste Unbekanntschaft mit der präciseren Ausdrucksweise männlichen Geistes das Frauchen oder Fräulein Zeile für Zeile verräth. So läßt eine solche belletristische Sünderin ihren Helden »aus einem Pferde« reiten und bekundet damit die vollste und echt weibliche Unkenntniß jenes Verhältnisses, das zwischen einem tüchtigen Reiter und seinem Rosse besteht; nur der Ladenjüngling, der ein sonntägliches equestrisches Debüt wagt, reitet »auf« seinem Miethsgaul, oder besser, wird von ihm geritten; der Held aber, für den die Verfasserin unser Herz höher schlagen machen will, muß schon aktiv »sein Pferd reiten« und nicht passiv »auf seinem Pferde« reiten. Eine Andere dieser Schriftstellerinnen ohne Beruf erzählt uns von einem »mehrläufigen Revolver.« Dies ist eine wahrhaft komische Hyperbolik, wenn man bedenkt, daß gerade zur Vermeidung mehrerer Läufe der eigenthümliche Schloßmechanismus des Revolvers erfunden wurde. 170 Wieder eine Andere läßt die Pferde »mit dem Wagen der Herzogin in sausendem Galopp davonsprengen.« Was muß das für eine Herzogin gewesen sein? Man denkt an irgendwelche wilde Flucht; aber Gott bewahre, die fürstliche Frau kehrt gelangweilt aus der Oper zurück, um in ihrem Heim gemächlich zur Nacht zu speisen. Ob die Verfasserin schon einmal in einer herrschaftlichen Equipage gefahren ist? Man zweifelt daran; denn nur ein betrunkener Bauer läßt sein Wagenpferd durch die Straßen einer Stadt im Galopp gehen.

Diese Beispiele genügen. Wem diese Dinge unbedeutend erscheinen, der versteht die Eigenart des Romans nicht, der ein treues Kulturbild irgend einer Zeit sein soll und daher auch in solchen Kleinigkeiten keine zu argen Schnitzer machen darf. Dem wirklichen Talent wird es wohl einmal nachgesehen, wenn es in eine prächtig componirte und coloristisch wirksam gemalte Landschaft eine verzeichnete Staffage-Figur hineinschmuggelt; aber wehe dem Blaustrumpf, dessen romantisches Machwerk nicht nur gänzlichen Mangel dichterischen Berufes, sondern selbst die gröbste Unkenntniß der allergewöhnlichsten Dinge und Verhältnisse verräth! Es ist kein für die Gesundheit unserer Literaturzustände günstiges Zeichen, daß so bemitleidenswerthe Frauen und Jungfrauen durch die spekulirende Gewissenlosigkeit von Verlegern und Herausgebern in ihrem verhängnißvollen Wahne bestärkt und schimpflich gemißbraucht werden; möchte fortan zu schöngeistigen Zwecken kein weibliches Wesen die Feder in die Dinte tauchen, das 171 sich nicht vorher ängstlich geprüft und die auffordernde Stimme des Gottes laut und deutlich im Innern vernommen hat! Aber auch dann muß solches Wesen erst sprachlich sattelfest und befähigt sein, ein Manuscript ohne fremde Hülfe druckreif herzustellen; ein schöngeistiges Werk, das schon vor dem Satze eines Korrektors bedarf, der orthographische Fehler zu beseitigen und Kommas richtig zu stellen hat, wandert besser in's Kaminfeuer, als an das Setzerpult einer Druckerei. Die Dintenspuren am Zeigefinger einer dichtenden Dame müssen die Sonnenflecken sein, welche uns die Glut und Bewegung eines feurig gährenden Geistes bekunden; sind sie dies nicht, dann bleiben sie überhaupt unentschuldbar, dann sind sie ein häßlicher Schmutz, der das schöne Geschlecht nimmermehr kleiden kann. – – 172

 


 

 << Kapitel 15  Kapitel 17 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.