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Für und über die deutschen Frauen

Gerhard von Amyntor: Für und über die deutschen Frauen - Kapitel 14
Quellenangabe
typecauserie
booktitleFür und über die deutschen Frauen
authorGerhard von Amyntor (= Dagobert von Gerhardt)
year1889
firstpub1883
publisherVerlagsanstalt und Druckerei AG (vormals H. F. Richter)
addressHamburg
titleFür und über die deutschen Frauen
pages348
created20140715
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Von der Nächstenliebe.

Es ist ein Bittstellergang, den ich vorhabe, und wenn ich auch nur für einen anderen bitten gehe, so habe ich doch jenes peinliche Gefühl, das uns alle beschleicht, wenn wir die Gutherzigkeit der Mitmenschen anrufen sollen. Die alte, lahme, halberblindete Musikantenwittwe befindet sich aber in gar zu erbärmlichen Verhältnissen – ein bloßes Geldgeschenk kann da nicht viel helfen – die Pflege und Umsicht einer praktischen Frau, einer thätig zugreifenden Samariterin, thun weit mehr noth, und ich weiß, die brave und von echter Nächstenliebe erfüllte Frau Professorin wird mir keinen Korb geben.

Bald ist die anspruchslose Wohnung der Menschenfreundin erreicht. Ich klingle. Das Mädchen berichtet mir, der Herr Professor sei ausgegangen. Ich drücke den Wunsch aus, die Gattin des abwesenden Hausherrn zu sprechen und werde in ein Empfangszimmer geleitet.

Durch die Portière, welche die thürlose Verbindung mit einem Nebenzimmer verdeckt, tritt eine ältere, aber 129 noch elastisch schreitende Dame, deren freundliches Gesichtchen unter einer blendendweißen Haube anmuthend hervorguckt.

»Guten Morgen, mein lieber Herr – entschuldigen Sie mich nur ein paar Minuten – ich bin sofort bei Ihnen – ich habe einen Besuch drinnen, der sich wohl gleich empfehlen wird.«

Sie flüsterte mir diese Worte eilfertig zu und, ohne mir Zeit zu einer Erwiderung zu lassen, verschwand sie wieder hinter den grünen Falten des Thürvorhanges.

Ich legte meinen Hut auf den Tisch und setzte mich geduldig in einen mit grünem Wollenatlas bezogenen Polsterstuhl.

»Meine liebe Frau Professorin, Sie müssen mir den Gefallen thun!« – hörte ich eine scharfe weibliche Stimme im Nebenzimmer sagen – »die Komiteesitzung dauert höchstens eine Stunde – die Frau Ministerin von Z. wird auch erscheinen. Wir können Ihre Erfahrungen, Ihren Rath auf diesem Gebiete der Armenpflege gar nicht entbehren. Nicht wahr, Sie werden kommen?«

»Nein, mein gnädiges Fräulein, ich kann es wirklich nicht« – wurde von der Frau des Hauses erwidert. »Sie wissen, ich bin schon Mitglied eines Wohlthätigkeitsvereins; dieser nimmt meine ganze Zeit in Anspruch; ich kann mich unmöglich noch mit anderen Unternehmungen befassen. Erst gestern war die Geheime Kommerzienräthin bei mir – ich sollte dem neuen Suppenvereine beitreten – ich habe es gleichfalls 130 ablehnen müssen; d. h. einen Beitrag habe ich gezeichnet, nur mein Erscheinen in den Komiteesitzungen habe ich nicht versprechen können. Es fehlt mir wirklich an Zeit zu dergleichen Dingen – ich darf mich nicht zersplittern.«

»Aber, verehrte Frau Professorin« – warf die andere Stimme ein – »was wird die Welt dazu sagen, wenn der Name, den eine der thätigsten Priesterinnen der Nächstenliebe führt, auf unserem Programm fehlt? Fürchten Sie denn keinen Abbruch Ihres Rufes? Wird man denn Ihren mir ja genügend bekannten menschenfreundlichen Sinn nicht ein wenig verdächtigen?«

»Und wenn man dies thut, mein liebes Fräulein, so soll es mich wenig kümmern – wenn mir nur mein eigenes Herz Recht giebt. Sie selbst dürfen mich aber nicht falsch beurtheilen, und so will ich Ihnen meine Ansichten in der Kürze klar legen. Weit bin ich entfernt davon, die Thätigkeit meines Nächsten auf irgend welchem Felde der Armenpflege absprechend zu kritisiren; Gott hat so viel verschiedene Talente ausgetheilt, daß ein jeder für das seinige danken und mit demselben nach bestem Wissen und Können wuchern soll. Ist die Organisation die Gabe anderer Leute, so geht meine Richtung mehr auf die unmittelbare Bethätigung von Trost und Hilfe. Eines ist so gut noth wie das andere. Mögen meine Freundinnen Versammlungen halten und Vorstände und Ausschüsse erwählen und parlamentarische Diskussionen und Abstimmungen pflegen, ich habe gewiß nichts dawider. Ich gehe während dieser 131 Zeit selbst in die Häuser der Hilfsbedürftigen und an die Betten der Kranken und Sterbenden, und ich bin überzeugt, daß dieses Thun auch nicht ganz werthlos ist. Glauben Sie mir, meine Liebe, in meiner vieljährigen Praxis dieser Art habe ich gefunden, daß es nicht immer Geld und Speise und Trank und Wäsche und Kleider sind, die den Armen noththun; oft fehlt ihnen nur die warme, zum Herzen gehende Stimme der Theilnahme, ein Rath, ein Trost, eine Aufmunterung; die Beklagenswerthen sind aller menschlichen Behandlung oft so entwöhnt, durch die Unfreundlichkeit der Besitzenden, durch die Hetze der Sicherheitsbeamten, durch den Zweifel und das Mißtrauen, auch oft durch Ekel und Abscheu, den ihnen die Gesellschaft entgegenbringt, so verschüchtert und verzagt oder verbittert und moralisch verwildert, daß man durch den persönlichen Verkehr mit diesen Ausgestoßenen – ich sage nicht immer, aber gewiß recht oft – weit, weit mehr Gutes wirken kann, als durch eine Abfütterung mit billiger Suppe oder durch Hergabe von einem Paar wollener Strümpfe. Da ist z. B. der alte Meyer in meinem Bezirke hier – kennen Sie den Unglücklichen?«

»Gewiß kenne ich ihn –« antwortet die scharfe Stimme drinnen – »wir haben ihm neulich erst unseren Arzt gesandt und auch Geldmittel für ihn angewiesen.«

»Sehr schön, mein Fräulein! das war ein gutes und verdienstliches Werk! Aber sind Sie einmal persönlich bei ihm gewesen?«

»Nein, das ging doch nicht an; der Mann hat, so 132 viel ich weiß, den Typhus; und dann soll die Tochter, die bei ihm wohnt, eine liederliche Person sein« –

»Sie sollten wirklich trotz alledem einmal zu ihm gehen, um zu erfahren, woran es bei solchen Leuten manchmal recht eigentlich fehlt. Ich war erst heut früh bei ihm.« Der Besuch muß sich wohl bei diesen Worten ein Stückchen von der Frau Professorin zurückgezogen haben; denn ich hörte das Rollen eines Stuhles, und die Professorin rief: »Bleiben Sie ruhig sitzen. Die Tochter ist freilich eine Dirne; aber der Grund ihres Herzens ist doch noch unverdorben; sie hält bei dem kranken Vater aus und pflegt ihn auf ihre Weise. Aber der Alte, der Alte! Ein solches Elend muß man sehen, um erst zu erfahren, wo der Hebel zur Besserung anzusetzen ist. Ich fürchte keine Ansteckung; wir alle stehen in Gottes Hand; und ich will und darf nicht vorsichtiger sein, als der Arzt, der auch an jedes Krankenbett tritt.«

»Aber der thut es doch in seinem Berufe« – unterbricht die andere Stimme die Professorin.

»Nun – ich auch in dem meinigen!« – ruft diese mit Stolz und Freude. »Sehen Sie, meine Verehrteste, das ist eben der Punkt, wo mein Weg sich von dem Wege vieler anderer abzweigt. Als bloßen Zeitvertreib, als Modesache, als Ausfüllung müßiger Stunden vermag ich die praktische Nächstenliebe nicht zu betrachten, noch zu handhaben; ich bin eben der Ansicht, daß sie in der That der Beruf hauptsächlich der Frauen sei. Wollte nur jedes Weib diesen ihren 133 Beruf richtig erkennen und täglich wenigstens einen Besuch in irgend einer Höhle des Lasters oder der Armuth machen: das soziale Uebel, an dem unsere Gesellschaft krankt und über dessen Heilung die Männer endlose Reden halten und dicke Folianten schreiben, wäre sofort in seinen scheußlichsten und gemeingefährlichsten Auswüchsen beseitigt. Kein Weib, das sich einem geliebten Manne hingiebt, scheut die Folgen der Ehe, die Gefahren eines Kindbettfiebers oder eines frühzeitigen Todes; und soll sich das Weib, das sich geistig und von Herzen dem Liebesdienste der menschlichen Gesellschaft widmet, vor Ansteckung oder vor dem Zusammensein mit einem gefallenen Mädchen fürchten? Ist das die welt- und todüberwindende Macht der Liebe, die sich scheut, in einem engen Dachstübchen die verdorbene Luft der Armuth einmal eine Viertelstunde zu athmen oder den Anblick eines mit Beulen und Geschwüren bedeckten armen Lazarus zu ertragen? Die Frau, die sich in solcher Liebesmission ansteckt und zu Grunde geht, ist so gut auf dem Felde der Ehre geblieben, wie irgend einer unserer in Frankreich gefallenen Helden; und sollten denn heut, wo so viel von der Gleichberechtigung und gleichen Befähigung des Weibes gefabelt wird, nur die Männer das Recht haben, sich einen Lorbeerkranz in die blutigen Locken zu drücken? soll denn der Frau der Zugang zur großen That, zur Selbstaufopferung für eine große, edle, schöne Sache immer verschlossen bleiben?«

Bewundernd und ein wenig beschämt mag jetzt wohl 134 die also Belehrte auf die Sprecherin blicken, denn diese fährt mit schmeichelndem Tone, als ob sie für den Schwung ihrer Worte um Verzeihung zu bitten hätte, langsamer fort:

»Nicht wahr, mein liebes, gnädiges Fräulein, wir sind einer und derselben Ansicht? und Sie geben mir recht, wenn ich in dem vorliegenden Falle nur einen bescheidenen Geldbeitrag zeichne?«

Es klingt drinnen wie das Schmatzen eines Kusses; dann folgt ein Seufzen, und die bisher scharfe Stimme sagt um vieles weicher:

»Gott segne Sie, meine beste Frau Professorin! Sie sind ein Engel! und ich verspreche Ihnen, noch heute will ich dem alten Meyer einen Besuch machen.«

»Thun Sie das, mein liebes Fräulein! O, ich wußte es ja, daß wir völlig übereinstimmen!«

Ich hörte das Rauschen einer seidenen Schleppe, dann das Oeffnen und Schließen einer Thür, und dann erschien die Frau des Hauses mit leicht gerötheten Wangen und liebevoll strahlenden Augen in der zurückgeschlagenen Portière.

»Sind Sie mir böse? Es hat länger gedauert, als ich erwartete – aber ich mußte dem Fräulein reinen Wein einschenken. Sie ist eine vortreffliche alte Jungfer, und da sie auf Gottes Welt nichts anderes zu thun hat, so macht sie alle Häuser mit ihren Beitrittsaufforderungen und Komitee-Einladungen unsicher; sie hatte noch ein Sammelbuch für das Marienhospital in Händen, und sie würde auch damit ein 135 Attentat auf mich versucht haben, wenn ich ihr nicht das gesagt hätte, was Sie jedenfalls mit angehört haben. Sind Sie meiner Ansicht?«

Ich küßte der guten Dame die freundlich aussehende Hand. Hände haben auch eine Physiognomie.

»Meine verehrte, gnädige Frau,« – rief ich triumphirend – »mit Leib und Seele stehe ich auf Ihrer Seite. Ich danke Ihnen, daß Sie mich Ohrenzeuge Ihrer Unterhaltung sein ließen; diese Besprechung über die Armenpflege war mir ein hoher Genuß, und ich finde jetzt weit leichter den Muth, Ihnen ebenfalls eine Bitte vorzutragen.«

Die Dame deutete auf einen Sessel; wir nahmen Beide Platz und sie fragte theilnehmend:

»Womit kann ich denn dienen?«

»Es handelt sich« – erwiderte ich – »um eine alte, lahme, halb erblindete Frau, die in bitterster Noth und Verlassenheit ist« –

»Doch nicht die Musikantenwittwe in der Bergstraße?«

»Dieselbe. Kennen Sie die Unglückliche?«

»Ich bin heut in aller Frühe schon bei ihr gewesen. Sie haben recht: der Aermsten thut Hilfe noth. Der gewissenlose Hauswirth hat ihr ein feuchtes, finsteres Loch in einem muffigen Winkel des Hofes für hundertfünfzig Mark vermiethet – ein Loch, in das man keinen Hund sperren dürfte. Ich habe diese Wohnung sofort gekündigt, die rückständige Miethe bezahlt und der armen Frau versprochen, sie zum Ersten des nächsten Monats 136 in einem gesunden Stübchen unterzubringen. Sie fürchtet sich vor einem Umzuge, weil sie fast nichts mehr sehen kann; ich habe sie aber beruhigt und ihr gesagt, daß ich den Umzug persönlich leiten werde – die paar Stunden Zeit kann ich ja, Gott sei Dank, dem armen Weibe opfern.«

Ich drückte der Sprecherin die Hand.

»Gott segne Sie! Aber wie in aller Welt sind Sie denn schon auf die Spur der armen Wittwe gekommen? Sie bettelt nicht, und ich glaubte, ich wäre der Erste, der sie durch Zufall entdeckt hat.«

»Das will ich Ihnen verrathen« – flüsterte sie mit diplomatisch feinem Lächeln. »Ich habe meine Detektives, die mir das versteckteste Elend aufspüren, es sind die Polizeibeamten. Von Zeit zu Zeit lasse ich mich durch diese Herren informiren; sie kennen meist die Verhältnisse der ärmeren Bewohner in ihren Revieren und haben mir schon öfters Personen nachgewiesen, die unserer Theilnahme so würdig wie bedürftig waren.«

»Mir ist ein Stein vom Herzen« – sagte ich aufstehend. »Ich weiß, daß die arme Wittwe jetzt in den besten Händen ist. Wollen Sie diese Kleinigkeit im Interesse der Unglücklichen verwenden?«

Ich bot der Dame ein paar Geldstücke an.

Dankend nahm sie die Gabe und sagte erfreut:

»Es ist mir lieb, das Sie ihr das Geld nicht selbst gegeben haben; die halbblinde Frau wäre durch andere, deren Beistand sie nicht entbehren kann, wahrscheinlich 137 um einen Theil des Geldes betrogen worden. Ich werde ihr jetzt ein besseres Lager herrichten – sie schläft gegenwärtig auf Stroh und Lumpen.«

Nochmals küßte ich der guten Dame die Hand, und wir schieden unter gegenseitigen Segenswünschen.

Ich glaube, diese wahrheitsgetreue Erzählung bedarf keines Kommentars. Möchte sie wie der Same des Säemanns in dem guten Acker menschenfreundlicher Herzen aufgehen und dreißig- bis hundertfältige Frucht bringen. 138

 


 

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