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Für und über die deutschen Frauen

Gerhard von Amyntor: Für und über die deutschen Frauen - Kapitel 11
Quellenangabe
typecauserie
booktitleFür und über die deutschen Frauen
authorGerhard von Amyntor (= Dagobert von Gerhardt)
year1889
firstpub1883
publisherVerlagsanstalt und Druckerei AG (vormals H. F. Richter)
addressHamburg
titleFür und über die deutschen Frauen
pages348
created20140715
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein Wort an Bräute, Schwiegermütter und Solche, die es werden wollen.

Welche meiner liebenswürdigen Leserinnen kennt nicht die geschäftige und unruhvolle Zeit, wo eine Braut im Hause ist und sich nun das ganze Dichten und Trachten der Mutter und Tochter um die Beschaffung der Ausstattung monate-, manchmal jahrelang dreht? Welch köstliche Geschäftigkeit! Welch allerliebste Ueberhäufung mit Stoffproben aus allen Modewaaren-Magazinen! Welch endlose Correspondenz! Welche eiligen Gänge in die Möbelspeicher und Silberläden, zum Glas- und Porzellan-Händler, zum Posamentier- und Lampen-Fabrikanten, zum Teppich- und Gardinen-Verkäufer! Mit wie scharfem Auge werden jetzt die Einrichtungen junger Ehepaare gemustert, wie begierig die Journale oder Bücher nachgeblättert, in denen von »modernen Zimmerausstattungen« die Rede ist! Wie anhaltend wird die verhängnißvolle Frage ventilirt, ob man die Sophas und Fauteuils mit India-Faser oder mit Pseudo-Roßhaaren polstern lassen soll; denn bei der jungen 94 Frau Geheimrath ist die wundervolle himmelblaue Polster-Garnitur im letzten Sommer von den Motten total zerfressen worden, und man möchte doch um keinen Preis der Welt etwas Aehnliches an seinen eigenen Sachen erleben!

Es ist eine schöne, eine paradiesische Zeit, da das Bräutchen sein reizendes Nest baut und ein buntes und schimmerndes Stück nach dem andern erwirbt, um dieses Nest so wohnlich und verführerisch wie möglich zu machen. Aber diese Zeit bringt viele Gefahren mit sich. Wie leicht kann man sich durch den Schein bestechen lassen und etwas Unpraktisches, Unreelles anschaffen, dessen Besitz später zu einer immerwährenden Quelle von Reue und Verdruß wird! Wie leicht kann die Einrichtung gewöhnlich, schablonenmäßig, ja geschmacklos werden; denn wenn wir auch noch so viele Werke mit Winken und Rathschlägen betreffs der modernen Zimmereinrichtung haben, wenn das Bräutchen und die Mama in Sachen des Geschmackes auch meist unfehlbar sind, so giebt es doch auch hier eine Scylla und eine Charybdis, wo das ästhetisch feine Köpfchen kläglich scheitern kann. Die Scylla ist die Miethswohnung mit ihren Unzuträglichkeiten und gar nicht zu umgehenden Nachtheilen, die Charybdis der beschränkte Etat, die knapp bemessene Summe, mit deren Hülfe alle die überschwänglichen Träume der Braut von einem idealen Heim zur Wirklichkeit werden sollen.

Die moderne Miethswohnung ist häufig ein poesieloses, unpraktisches, ungesundes Conglomerat von Zimmern 95 und Zimmerchen, das durch die glänzendste Ausstattung kaum bestechend und anheimelnd gemacht werden kann; und alle jene Abhandlungen über den modernen Stil der Einrichtung eines Familienhauses sind doch zuletzt nur für die hochbegüterte Minorität der Sterblichen geschrieben. Ein bescheidenes Pärchen, das mit sechs- bis siebentausend Mark jährlichen Einkommens oder noch weniger in einer großen Stadt leben soll und zur ersten Einrichtung auch nur eine gleiche Summe verwenden kann, wird kaum die berühmten Kojen der letzten Berliner Gewerbe-Ausstellung als Vorbilder für seine Zimmer benutzen können.

Aber noch eine dritte Gefahr droht dem Bräutchen bei seinem süßen und doch auch sorgenreichen Nestbau. Wir haben hier nur die bescheideneren Durchschnittsverhältnisse im Auge, und diese werden es meistens mit sich bringen, daß die junge Frau, wie dies in Deutschland fast ausnahmslos die Regel ist, die erste Einrichtung beschafft, der Mann aber mit seinem anschlägigen Kopfe und seinen arbeitsflinken Händen den Unterhalt für das fernere Leben und Gedeihen der Familie erwirbt. Aus diesem Umstande resultirt die Gefahr, daß das Bräutchen, trotz aller aufopfernden Liebe für den zukünftigen Gatten, nur an ihren Salon, an das gemeinschaftliche Eß- und Schlafzimmer, nicht aber genügend an das Zimmer des Ehegemahls denkt, welches doch so recht eigentlich die Münzstätte ist, in der die für das eheliche Leben erforderlichen Goldstücke gewonnen und ausgeprägt werden sollen. Nehme ich Roth oder 96 Blau für meinen Salon? Wollen-Atlas oder gepreßten Sammet? Plüsch oder Seidendamast? Soll ich schwarze oder Nußbaum-Möbel wählen? Entscheide ich mich für einen Consol-Spiegel oder für die jetzt wieder in Aufnahme kommenden, bis zur Erde herunterreichenden Trumeaus? Welche Uebergardinen sind die prunkendsten und dabei billigsten? Soll der Teppich das ganze Zimmer bedecken, oder nehme ich nur einen Sopha-Teppich, damit doch auch der Parketboden ein wenig zur Geltung kommt? Und nun das Speisezimmer! Diese ewigen geschnitzten Eichen-Möbel sind doch schon recht langweilig; alle Welt hat sie! Mir schwebt etwas ganz Neues, Eigenartiges, noch nie Dagewesenes vor, – wenn es nur nicht zu theuer wird! Und das Schlafzimmer, – ihr Götter, helft mir, diesen Raum duftig, poetisch, originell auszustatten! Soll ich den Betten Vorhänge geben? Etwa eine Krone oder einen Amor an der Decke, von dem dann in weichen Falten der mit kleinen Rosensträußen bestreute Stoff herniederfließt? Oder soll ich die Vorhänge ganz fortlassen? Der Arzt nannte sie neulich ungesund; es wären Staubfänger, meinte er, die nur Licht und Luft von dem Lager abhielten; sie wären eine mörderische Erfindung; eine spanische Wand thäte im Nothfall weit bessere Dienste und wäre der Gesundheit in keiner Weise nachtheilig. Ueber diesen, wie wir zugeben, wichtigen Fragen wird das Herrenzimmer total vergessen, und schließlich, da doch auch diese Angelegenheit erledigt werden muß, werden Hals über Kopf der bekannte Schreibtisch aus 97 gebeiztem Eichenholz, ein Tisch und ein paar Stühle und eine braun oder grün bezogene Chaiselongue gekauft.

Ich gestehe ganz offen, daß die meisten Herrenzimmer, die ich im Hause junger Pärchen zu sehen bekam, auf mich einen beängstigenden Eindruck gemacht haben, – schon aus räumlichen Gründen. Ist die Wohnung eine Fünffensterwohnung, dann hat das Bräutchen das größte zweifenstrige Zimmer als ihr Empfangszimmer, oder, – brauchen wir einmal das fürchterliche Wort, – als sogenannte »gute Stube« in Betracht gezogen; der andere zweifenstrige Raum wird vielleicht zum Wohn- und Speisezimmer bestimmt, und der Rest, das einfenstrige Kämmerchen, wird zum Zimmer des Herrn Gemahl hergerichtet. Aber auch in Wohnungen mit sechs, ja, mit sieben und acht Fenstern Front erleben wir dieselbe grausame Oekonomisirung des Raumes für das Haupt der Familie. Die Frau Gemahlin hat sich dann einen Salon und ein Boudoir oder zwei Salons ausgewählt; ein dreifenstriges Zimmer ist vielleicht zum Eßsaal bestimmt worden, – denn man wird in die Lage kommen, öfters Tischgäste bei sich zu sehen, – und wiederum ist es der Umsicht der jungen Dame gelungen, ein kleines einfenstriges Stübchen zu entdecken, welches sie ihrem geliebten Herzensmännchen als ein famoses Herren- und Rauchzimmer anzupreisen weiß. In jenen süßen Stunden kurz vor und kurz nach der Fahrt zum Standesbeamten kennt der gezähmte Mann keinen Widerspruch; auch hat er seinen Stolz und sagt zu derartigen Raum-Dispositionen kein Sterbenswörtlein; 98 bezahlt doch sie, die Geliebte, die ganze Ausstattung: wie natürlich ist es da, daß sie nur an ihre eigenen Zimmer und die darin zu entfaltende Pracht denkt. Auch wird es dem Hause des jungen Pärchens einen gewissen Glanz verleihen, wenn die fremden Besuche in dem großen Salon mit den vornehmen Plüsch-Möbeln empfangen werden können; der Gatte, der sich bisher in seiner geräumigen Junggesellen-Wohnung ganz behaglich gefühlt hat, wird auch in dem kleinen einfenstrigen Loche schon zurecht kommen, da sie nebenan hausen wird, sie, die doch nur ganz allein seiner Wohnung den Reiz und den Sonnenschein geben kann. Ach, so ein angehender Ehemann ist ein unglaublich bescheidenes Wesen; er würde auch mit einem Holzstalle vorlieb nehmen; Alles nur für sie, – nichts, nichts für sich selbst!

Aber die Reue kommt hintennach. Wenn später der junge Ehemann ein paar Herren bei sich sieht, oder wenn näher bekannte Familien als Abendbesuch erscheinen, denen mit dem prächtigen Salon zu imponiren man nicht für nöthig befindet, dann sitzen die fünf, sechs Personen in dem kleinen Herrenzimmerchen gedrängt, und die junge Frau findet es selbst unleidlich eng und ungemüthlich. Auch macht sie sehr bald die Entdeckung, daß man die Abende, an welchen man allein ist, – und diese bilden in einer tüchtigen, arbeitsamen, geistig lebenden und durch Gesellschaftswuth nicht verflachten Familie die Mehrzahl, – eigentlich ausnahmslos im Zimmer des Gatten lebt. Der Gatte raucht, der Salon 99 soll geschont werden, und so rückt denn das Frauchen mit ihrem Strickstrumpf oder ihrem Romane zum Herzliebsten und macht es sich dort bequem. Wie reizend wäre es, wenn jetzt das Herrenzimmer ein wenig größer wäre! man hätte früher daran denken können! Dieser kleine Raum hätte am Ende als Boudoir genügt, und die zweifenstrige Stube, in der die Herrin des Hauses ihre Chaiselongue und ihren Büchertisch etablirt hat, auf dem die langweiligen, goldgeschnittenen Prachtwerke liegen, in denen sie noch nie gelesen hat, aus Aerger darüber, daß sie alle Tage den Staub von den Mosaik-Einbänden abwischen muß, – die zweifenstrige Stube hätte viel besser zum Zimmer für ihren geliebten Mann gepaßt! Karl, Herzens-Karl, daran hättest Du auch denken können! Hättest Du doch ein einziges Wort gesagt, – es wäre viel hübscher bei uns geworden! Nun ist es zu spät; Deine Einrichtung ist nur für einen einfenstrigen Raum berechnet, – wir haben nur die eine Gardine, und die paar Möbel würden sich in einem größeren Zimmer verlieren, – es ist zu schade!

Ach ja, es ist jammerschade! Der Gatte hat längst etwas Aehnliches gedacht, aber sich galanter Weise wohl gehütet, es auszusprechen. Darum sei es im Interesse aller zukünftigen Pärchen hier ausgesprochen und den Bräuten und Schwiegermüttern hierdurch an's Herz gelegt. Und mit der Auswahl eines größeren Raumes für den Gemahl wird das Hausgeräth für denselben auch an Stil und Bedeutung gewinnen. Mögen es mir 100 alle junge Bräutchen auf's Wort glauben: zum Wohlbefinden im eigenen Hause trägt weniger der prächtige Salon, als dasjenige Zimmer bei, in welchem man vorzugsweise zu verweilen pflegt, und dies ist, in kleineren Haushaltungen wenigstens, das Zimmer des Gatten, welches besonders des Abends als recht eigentliches Familienzimmer dienen muß. Diesem Zimmer die höchste Aufmerksamkeit hinsichtlich seiner Einrichtung zuzuwenden, fordert nicht nur die Rücksicht auf das Behagen des Familienhauptes, sondern auch die eigene Würde einer klugen Hausfrau. In einer gesunden, auf richtigen Fundamenten ruhenden Ehe kann der Gatte unmöglich als Nebenperson betrachtet werden, der man irgend ein verstecktes Winkelchen im Hause zuweist; der Gatte ist und bleibt der Herr des Hauses, der geistige Mittelpunkt, die schaffende Kraft, der immer sprudelnde Born, der Genüge und vielleicht auch Ueberfluß zu spenden hat, und von dessen Behagen und Leistungsfähigkeit das materielle Wohl der Familie abhängt. Die Gattin ist die durch keine Fesseln beengte, absolut regierende Herrscherin in Küche, Keller und Gesindestube; in den Wohnräumen ist sie die Göttin, die Alles verklärt und mit dem Zauber der weiblichen Huld überfluthet; aber, wie Gott hinter seiner Schöpfung verborgen bleibt, so darf sich eine kluge Frau nie auf Kosten des Gatten hervordrängen, sondern je mehr sich in ihrem Hause Alles um den Ehegemahl zu drehen scheint, um so mehr wird sie in den Augen der feineren Beobachter an Würde und Bedeutung gewinnen.

101 Und – denken wir einmal etwas tiefer über die Frage nach! – ist es nicht eigentlich recht unklug, ja unverzeihlich einfältig, alle Mittel auf glänzende Ausstattung eines Salons zu verwenden, in dem wir gelegentlich fünf Minuten lang einen Besuch empfangen und alle Monate ein- oder zweimal ein paar Theegäste versammeln, den Raum aber, in dem wir täglich und stündlich verkehren, stiefmütterlich zu behandeln und dürftig oder gar ungenügend auszustatten? Ist es nicht erbärmlich, charakterlos und wahrhaft unsittlich, sich die empfindlichsten Beschränkungen aufzuerlegen, nur um den Schein einer gewissen Wohlhabenheit zu verbreiten und mit dem nichtigen Plunder eines glänzenden Salons den Narren Sand in die Augen zu streuen? Ich wiederhole das Wort: den Narren; denn der vernünftige Mensch erkennt sofort an dem stillosen, kleinen Loch von Herrenzimmer den wahren Stand der Dinge, und kein Smyrna-Teppich, keine japanesische Cloisonné-Schale, keine indische Sandelholz-Mosaik in der »Putzstube« wird ihm verbergen, daß er es mit innerlich ungebildeten Menschen zu thun hat, die sich in der ödesten und dürftigsten Umgebung eigentlich ganz wohl fühlen und den Theaterpomp des Salons nur mit der Absicht, zu täuschen, entfaltet haben.

Möchte es Sitte werden, die reizenden und stilvollen Producte unserer neu erwachten Kunstindustrie in die eigentlichen Wohnräume, in die täglich benutzten Zimmer der Familie wieder einzuführen, damit sich das Auge der Alten und der Jungen an diesen Dingen 102 erfreue und Geschmack und Selbstständigkeit des Urtheils sich heranbilde, – mag dafür auch der Parade-Salon, der so wie so immer etwas Schablonenhaftes haben wird, um einen Grad weniger prunkend und anspruchsvoll ausfallen. Die wirklich vornehme Dame gönnt das Beste, was sie hat, erst sich selbst und ihrem Gatten; für den zufälligen und flüchtigen Besuch genügen auch weniger glänzende Räume. Wer nicht reich ist und sein ganzes Haus nicht aus Einem Gusse kostbar einzurichten vermag, der verwende seine beschränkten Mittel in erster Linie zur Gewinnung eines ansprechenden, comfortablen Heims, und was dann noch übrig bleibt, das mag für das Besuchs- und Gesellschaftszimmer genügen, das nur wenige Tage im Monat geöffnet und benutzt wird. Der Inbegriff einer gewöhnlichen Frau, einer echten Emporkömmlings-Natur, ist dasjenige weibliche Wesen, dem es auf zerbrochenen Birkenstühlen in einem kleinen, licht- und luftarmen Loche am wohlsten ist, und das die Vormittage ausschließlich dazu benutzt, die nie gebrauchten Polstersessel und die nur mit einem Gefühle sorglicher Angst betrachteten Kunstgegenstände des Salons abzustäuben und dann das Prunkzimmer wieder fest zu verschließen. Den größten, schönsten Raum zum eigentlichen Wohnzimmer wählen und für ihn die beste und geschmackvollste Einrichtung anschaffen, das ist wahre Lebensweisheit; das muß die erste Aufgabe einer das Nest bauenden Braut sein. Ist dieser Aufgabe genügt, dann erst denke sie an die zweite: auch für den anständigen 103 Empfang der Gäste zu sorgen. Geht die Braut den umgekehrten Weg, dann kann es leicht kommen, daß der durch sein Zimmer mit der Zeit angewiderte Gatte lieber die Abende in einem Restaurant verlebt, wo es gemüthlicher und heimlicher ist, als zwischen seinen eigenen vier Pfählen. 104

 


 

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