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Fünf Schlösser

Theodor Fontane: Fünf Schlösser - Kapitel 66
Quellenangabe
typeessay
booktitleFünf Schlösser
authorTheodor Fontane
year1998
publisherAufbau Taschenbuch Verlag
addressBerlin
isbn3-7466-5295-2
titleFünf Schlösser
pages3
created19990913
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1889
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8. Kapitel

Des Prinzen Friedrich Karl Orientreise im Winter 1882 auf 1883

Anfang Dezember 1882 war wieder Gesellschaft in Dreilinden. Bei Tisch nahm der Prinz das Wort und sagte, sich an Brugsch wendend: »Wir werden reisen. Ich habe von Seiner Majestät den erforderlichen Urlaub erhalten. Ich rechne daher auf Ihre persönliche Teilnahme bei der Orientfahrt, die ich vorhabe.«

Allgemeine Überraschung.

Dann fuhr der Prinz fort: »Wir werden zunächst nach Ägypten gehn, um mit jenem alten Sergeanten aus der ersten Kaiserzeit sagen zu dürfen: ›Il faut avoir été en Egypte pour avoir vu quelque chose. J'ai vu de mes propres yeux des crocodiles et des serpents à sonette, qui mangeaient des tambourmajors comme des cornichons.‹ Gehen wir also nach Ägypten. Ihnen aber, grimmer Basse (Brugsch), werde ich an Ort und Stelle gehörig auf den Zahn fühlen.«

Nach diesem Tage lebte der Prinz nur noch in Vorbereitungen zur Reise, die sich nicht nur auf Ägypten beschränken, sondern sich auch auf die Sinaihalbinsel und ganz Syrien ausdehnen sollte. Reisegefährten waren: Brugsch-PaschaDen auf der Reise gemachten Aufzeichnungen Brugsch-Paschas bin ich in diesem Kapitel gefolgt. Brugsch-Paschas Aufzeichnungen sind niedergelegt in einem im Jahre 1885 bei Trowitzsch und Sohn in Frankfurt a. O. erschienenen, von Major von Garnier reich illustriertem Prachtwerke in Großfolio, das den Titel führt: »Prinz Friedrich Karl im Morgenlande, dargestellt von seinen Reisebegleitern Professor Dr. H. Brugsch-Pascha und Major Franz Xaver von Garnier.«, Oberst Gneomar von Natzmer, Kommandeur des 28. Infanterieregiments zu Koblenz, Franz Xaver von Garnier, Major im Leibgrenadierregiment in Frankfurt a. O., und Hauptmann Georg von Kalckstein, persönlicher Adjutant des Prinzen. Am 27. Dezember abends begann die Reise von der Friedrichstraße, Zentralbahnhof, aus.

 
I. Von Berlin bis Kairo

27. Dezember 1882. Abfahrt. Berlin, Friedrichstraße.

28. Dezember. Gegen Abend Ankunft in Wien.

28. zum 29. Dezember. Von Wien nach Triest.

29. Dezember. Ankunft in Triest. Besuch von Schloß Miramar. Der Prinz war tief bewegt als er vor das Bild Kaiser Maximilians von Mexiko trat, und sagte: »Ich habe dich an Bazaine gerächt.«Trotz dieser Äußerung wird sich sagen lassen, daß der Prinz, dem Marschall Bazaine gegenüber, stets voll Respekt und jedenfalls voller Teilnahme war. Ich habe selbst solche Äußerungen aus des Prinzen Munde gehört. Und was nun gar die von Parteigängern so viel und so leidenschaftlich verurteilte Haltung Bazaines in der »Kaiser-Max-Frage« angeht, so habe ich mich nie davon überzeugen können, daß ihn oder Napoleon den Dritten irgendein Vorwurf trifft. Napoleon war gezwungen, so zu handeln, wie er handelte, und Bazaine ließ den jungen Kaiser Max nicht feig oder verräterisch im Stich, sondern ging erst, als dieser sich dem Rückzuge nicht anschließen wollte. »Man sagt, er wollte sterben«, paßt auch hier. Am Nachmittag an Bord des österreichischen Lloyddampfers »Ettore«, Kapitän Colombo.

30. Dezember. An Bord des »Ettore«. Plauderabend. Der Prinz erzählt kleine Geschichten aus dem Jahre 70 und 71. Einmal erhielt er von seiner jüngsten Tochter, der späteren Herzogin von Connaught (damals zehn Jahre alt), einen kurzen Brief. Derselbe lautete: »Lieber Papa. Ich habe so lange nichts von Dir gehört. Siege doch mal wieder

31. Dezember. Ankunft in Korfu. Der Prinz besucht den Platz der Esplanade samt der dem venezianischen Feldmarschall, Grafen von Schulenburg, um seiner siegreichen Verteidigung Korfus willen errichteten Statue. Weiterfahrt. Am Abend zwischen Ithaka und Kephalonia.

1. Januar 1883. An der Küste von Elis und Messenien. Der mit Schnee bedeckte Taïgetos wird sichtbar. Der Prinz, nach einem in seinem Besitze befindlichen Gemälde, erkennt ihn zuerst.

2. Januar. Auf hoher See.

3. Januar. Alexandrien. »Wie aus Tragant gebaut«, lag es da. Brugsch suchte nach der Nadel der Kleopatra. Sie fehlte. »Vergebens spähte mein Auge nach dem alten Wahrzeichen von Alexandrien. Die weltberühmte ›Nadel der Kleopatra‹ hatte ihre 2000 Jahre behauptete Stelle verlassen, um in der Neuen Welt, inmitten der Stadt New York, als einsame Größe von dem Glanze längst entschwundener Zeiten zu träumen, nachdem ihrer im Schutt der alexandrinischen Erde begrabenen Schwester an den Ufern der Themse dasselbe Schicksal nicht erspart geblieben war.« Gegen Mittag ging man vor Anker. Am Nachmittage Besuch von Alexandrien. Rückkehr an Bord des »Ettore«.

 
II. In Kairo

4. Januar. Der Prinz verläßt den »Ettore«. Acht pommersche Matrosen vom Kanonenboot »Cyklop«, Kapitän Kelch, rudern ihn an Land. In fünfstündiger Eisenbahnfahrt von Alexandrien nach Kairo. Der Generalkonsul des Deutschen Reiches Baron Saurma und der deutsche Konsul in Kairo von Treskow empfangen den Prinzen am Bahnhof. General Alison, Kommandierender der englischen Okkupationstruppen, ist gleichfalls zugegen. Quartier in Shepeards Hotel. (Besitzer deutsch.) Besuch der Bazare. Rückkehr ins Hotel. Baron Saurma, ein leidenschaftlicher und erfahrener Jäger, erzählt von seinen Jagden im Niltale. Der Prinz beschließt während seines dreitägigen Aufenthalts in Kairo, begleitet von Baron Saurma, Major von Garnier und Hauptmann von Kalckstein, Jagdausflüge in die Umgegend zu machen. (Geschah. Solche Jagdausflüge wiederholten sich auf der ganzen dreiwöchentlichen Nilfahrt, und sei dabei gleich hier das Resultat derselben gegeben. Bis zum 30. Januar belief sich die gesamte Beute der ägyptischen Jagden des Prinzen auf zwei Wölfe, acht Füchse, zweiunddreißig Schakale, vier Ichneumons und vier Wildkatzen. Daß solch gutes Gesamtresultat zustande kam, verdankte der Prinz dem Umstande, daß fünf Teckel von der von Saurmaschen Teckelmeute die Reise nach Oberägypten mitmachten.)

5. Januar. Bazare. Spaziergang in der Stadt.Auf diesen Spaziergängen überraschte die Reisenden eine ebenso feine wie witzige Schlagfertigkeit des niederen Volks. Ein Bettler fiel durch Zudringlichkeit lästig. »O Schech«, sagte Brugsch, »bitte lieber deine Brüder, die Hand zu öffnen.« Der Bettler antwortete: »Bist du kein Sohn Adams?. Ein anderes Mal sah Brugsch einen Araber sich mit Wegwälzung eines riesigen Steinblocks abquälen. »Du solltest ihn lieber tragen«, sagte B. scherzend. »Ich bin dazu bereit, sobald du ihn mir auf den Rücken gelegt haben wirst.« Am Nachmittag Empfang beim Chediw; der Prinz in der Uniform des ersten Leibhusarenregiments; seine Begleitung in der Uniform ihrer Regimenter. Eine halbe Stunde später erwiderte der Chediw den Besuch des Prinzen im Hotel.

6. Januar. Frühstück im Hotel. Professor Schweinfurth und Lieutenant Wißmann (welcher letztere sich in Kairo, nach seiner Durchquerung Afrikas, für den Norden erst wieder akklimatisierte) nehmen als Gäste des Prinzen an diesem Frühstück teil. Wißmann erzählte dem Prinzen von seiner Reise »quer durch«. Besuch der Pyramiden von Gizeh und der Sphinx. »Aus dem lebendigen Felsen gemeißelt, streckt sich der Löwenleib 180 Fuß lang über den Wüstensand dahin, und das menschenähnliche Haupt erhebt sich 60 Fuß über dem Boden. Eine Nase von 5 Fuß und eine Mundspalte von 6½ Fuß Länge können für die Verhältnisse der übrigen Körperteile dienen. Leider ist die Nase verstümmelt und im Sturm der Zeiten zu einer Neger-Plattnase geworden.«

7. Januar. Besuch des Museums von Bulak. »Wie das A auf B, so folgt regelrecht das Museum von Bulak auf die Pyramiden und die ›Häuser der Ewigkeit‹Die Araber in ihrer geistvollen Weise sagen: »Die Zeit spottet allem, und die Pyramiden spotten der Zeit.« in der Wüste. Was den Wohnungen der Toten fehlt und nur die Phantasie zu ergänzen vermag, das enthüllen die Schätze des Museums in ungeahnter Auswahl und Verständlichkeit. Bulak, eine halbe Fahrstunde vom Hotel, ist eine ebenso schmutzige wie unansehnliche Vorstadt Kairos. Aus einem alten Kohlenschuppen erwuchs unter der Regierung Said-Paschas fast stückweise der heutige Bau des Museums. Der französische Archäolog Auguste Mariette, der bekannte Entdecker des Serapeums und der Apisgräber in der Wüste von Sakkarah, deren reiche Schätze sämtlich nach dem Louvre gewandert sind, ist der Begründer dieser weltberühmt gewordenen Sammlung ägyptischer Altertümer. 1881 starb Mariette; Maspero, ebenfalls ausgezeichneter Ägyptolog, folgte. (Seit Jahren gehört auch Emil Brugsch, jüngerer Bruder von Brugsch-Pascha, als Konservator dem Museum in Bulak an.) Maspero bereicherte das Museum durch die Königsmumien und Königssärge von Dêr-el-bahari (Theben, Oberägypten), Bereicherungen, die das Resultat aller bisherigen Ausgrabungen in den Schatten stellten. Diese Funde von Dêr-el-bahari bildeten, bei dem Besuche des Prinzen, den Schluß. »Da standen vor unseren Füßen an vierzig Särge königlicher Personen. Auf den einbalsamierten Leichen lagen verwelkte Kränze, die während drei Jahrtausenden ihre Gestalt und ihre Farbe kaum verändert hatten. Der Begriff der Zeit verschwindet, und die Worte des alten ägyptischen Totenbuches gewinnen Macht über uns: ›Die endlose Zeit ist ein Tag und die Ewigkeit eine Nacht.‹ Der Sturm der Weltgeschichte hat in den zwischenliegenden Jahrtausenden die gewaltigsten Reiche zerstört, aber die Kränze auf diesen Königen haben den Sturm der Vernichtung überdauert. Schweigend war der Prinz vor den Mumien seines Lieblingshelden in der Geschichte der Ägypter, des Königs Sesostris, stehengeblieben, den die Denkmäler unter dem Namen Ramses II. kennen und preisen. Er ist der Zeitgenosse Moses, denn seine Tochter war es, die das Moseskind aus dem Schilfdickicht aufnahm. Einst durchhallte sein Ruhm die ganze Welt. Seine Taten verherrlichen die Wände der Tempel an den Ufern des Nils. Und nun ruht hier sein sterblicher Leib vor unsern Augen, und wir lesen seinen wohlbekannten Namen in hieroglyphischen Schriftzügen auf dem Deckel seines Sargkastens. Neben ihm liegt sein großer Vorfahre Thutmes III. Mumie reiht sich an Mumie, bis die des Königs Pinotems II. aufs neue unsere Aufmerksamkeit fesselt.«

Pinotem II. war der Schwiegervater des weisen Salomo. »Nur die Erinnerung ist das wahre Leben.«

 
III. Nilfahrt von Kairo bis zum ersten Katarakt und wieder zurück

8. Januar. Am 8. mittags bestieg der Prinz seine »Dahabieh«, ein großes Nilboot, das von einem vizeköniglichen Schleppdampfschiff stroman geführt wurde. Man ging im Flußhafen von Memphis vor Anker.

9. Januar. Bis zum Orte Ischment.

10. Januar. Bis zum Dorfe El Fent.

11. Januar. Bis Minieh. (Schon Oberägypten.)

12. Januar. Bis Beni Hassan.

13. Januar. In neunzehnstündiger Fahrt (von fünf Uhr früh bis zwölf Uhr nachts) nach Siût.

14. Januar. Bis Mittag in Siût. Dann von Siût bis Nechêla.

15. Januar. In langer Fahrt (bis elf Uhr abends) bis Sohag. »An diesem Orte mühte sich der junge Kopte Bedir, ein Sohn des unsichtbar bleibenden greisen Konsularagenten, dem Prinzen die Huldigungen einer der ärmlichsten und erbärmlichsten Städte Oberägyptens in angemessener Weise darzubringen. Es gab warmen Champagner, und drei Tänzerinnen, in Begleitung ihrer musikalischen Helfershelfer, erschienen und setzten ihre Füße auf den Teppich. Kaum aber hatte der Tanz begonnen, als plötzlich eine unglaublich vornehme Erscheinung den Vorhang lüftete und langsamen Schrittes in den Saal eintrat. Eine hohe geisterhafte Frauengestalt mit den edlen Zügen einer Tochter Ramses II., in eng anliegendem schwarzen Sammetkleide, dessen Ränder mit schmalen goldenen Borden besetzt waren, die Brust mit breitem Halsbande aus goldenen Münzen bedeckt, auf dem Kopf eine Haube mit dicht aneinandergereihten Goldstücken, so trat das olivenblasse Weib mit ihrem würdevollen Gange und den sittig niedergeschlagenen Augen wie ein zum Leben erwecktes Bild aus dem Rahmen einer bunten Grabeswand. Der Eindruck des unerwarteten Anblicks war so groß, daß die Zuschauer in das höchste Erstaunen ausbrachen, denn das leibhaftige Gespenst einer altägyptischen Königstochter wankte in langsamen Schritten ihnen immer näher. Der Sohn des Konsuls kannte sie genauer und erzählte, daß ihr Vater ein Türke, ihre Mutter eine Araberin gewesen sei und daß die Leute sie ›Aelfieh‹ nannten, weil man bei ihrem Anblick in das Wort ›Aelf marschallah‹ ausbrach, das heißt ›Ei, der Tausend‹. Die Aufforderung, anderen Tages dem Major von Garnier zu einem Bilde zu sitzen, wies sie zurück, weil ihr einziges Kind schwer erkrankt sei.«

16. Januar. Bis Farshut.

17. Januar. Bis Kenneh und Dendera. »Dendera (griechisch Tentyra) ist berühmt durch seinen Tempel, in welchem, von den Tagen des Königs Chufu-Cheops an, die Tentyriten der ägyptischen Aphrodite, unter ihrem Namen Hathor, göttliche Verehrung bezeugten und sie anriefen als ›die Große im Himmel, die Mächtige auf Erden und die Gefürchtete in der Tiefe‹. Von dem ihr geheiligten Tiere, der Hathor-Kuh, wissen noch heute die Anwohner zu erzählen, denn der Tempel von Dendera sei auf dem Rücken einer Kuh gebaut, und in nächtiger Stunde zeige sich bisweilen die langgehörnte Tiergestalt vor dem Tempel. Der Prinz durchwanderte die Säle, Hallen, Krypten und Gänge des Tempels bis zum Dache hinauf und gewann zum erstenmal, durch Anschauung, die richtige Vorstellung über die Anlage eines altägyptischen Tempels.«

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