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Führer durch die moderne Literatur

Hanns Heinz Ewers: Führer durch die moderne Literatur - Kapitel 268
Quellenangabe
typefiction
authorDr. Walter Bläsing
titleFührer durch die moderne Literatur
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
yearo.J.
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20100716
modified20150527
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August Strindberg

August Strindberg wurde am 22. Januar 1849 zu Stockholm als der Sohn eines Dampfschiffkommissionärs und einer Dienstmagd geboren. Er hatte eine verwirrte und unerfreuliche Jugend, die er im ersten seiner autobiographischen Bücher mit unerbittlicher Strenge beschrieben hat. Dieses Buch hat er bezeichnenderweise »Der Sohn einer Magd« genannt. Es erschien 1887. Und in seinem letzten Lebensbekenntnis (1903) steht der Satz: »Die Erfahrung hat mich gelehrt: so wie man geboren ist, bleibt man ziemlich unverändert sein Leben hindurch.« Auch die Geschichte der vielen Jahre, die zwischen dem »Sohn einer Magd« und »Einsam« liegen, hat Strindberg gewissenhaft niedergeschrieben: um sich zu rechtfertigen, um zu verurteilen, aus Haß und aus einem dumpfen Rachegefühl heraus – vor allem, um sich selber wie einen Spiegel rein zu halten. Seiner heftigen, fanatisch geraden Natur wurden die Zweideutigkeit von Schicksalen und die Hinterhältigkeit kämpfender Menschen zum fressenden Gift. So ist sein Frauenhaß entstanden. Ärger als wie der Mann ist das Weib, eine allzu listige und unbedenkliche Kämpferin auf Tod und Leben; ihre Taktik ist niedrig, ihre Phantasie ewig geschlechtlich, ihre Katzennatur macht sie unbesiegbar. Das Weib an sich macht den Mann unfrei. Diese Erkenntnis mußte aus dem eigensinnigen und stolzen Künstler einen »Feind des niederziehenden Weiblichen« machen. In seinen weiteren autobiographischen Schriften »Die Beichte eines Toren« (1888), »Inferno« (1897), »Legenden« (1897) und einem dem letzten Band (in der deutschen Übersetzung) beigegebenen Bruchstück »Jakob ringt« (1898) ist denn auch das Weib das Hauptthema: es ist eine große Verderberin, zugleich aber (und für alle anderen als Strindberg vor allem:) die stärkere Förderin der Entwicklung, der krafterzeugende Gegensatz, das läuternde Feuer. Auch viele andere, dabei die besten seiner Arbeiten, sind stark autobiographisch. So »Das rote Zimmer« (1879), das in Schweden ungeheueres Aufsehen erregte, »Studentenleben« (1877), »Heiraten« (1884), Novellen. Sie brachten dem Autor eine Klage wegen Gotteslästerung ein, die jedoch mit einem Freispruch endete. »Am offenen Meer«, Roman (1890), »Eine Ehegeschichte« (1902), »Die gotischen Zimmer« (1904), Roman, als Fortsetzung des »Roten Zimmers« gedacht, und autobiographisch ist auch der neueste, noch nicht erschienene Roman von Strindberg »Schwarze Fahnen«. Alle Daten, die folgen, werden die Leser Strindbergs aus seinen Büchern kennen. So, daß einer seiner Brüder das Geschäft des Vaters übernahm; ein anderer wurde Kapellmeister am Königlichen Schauspielhause in Stockholm. August ging nach Upsala zur Universität, studierte, von finanziellen Sorgen arg geplagt, Naturwissenschaften und Chemie und etliches andere, und 1870, am Jubiläumstage Thorwaldsens, wurde er zum erstenmal aufgeführt. Die Szene, die er »In Rom« getauft hatte, soll einen großen Erfolg gehabt haben. Vor lauter Geldnot ging er schließlich zur Bühne. Diese Episode aus seinem Leben, kläglicher denn jede, brachte reiche Früchte; wir verdanken dem Schauspieler Strindberg jene meisterhaften Seiten des »Roten Zimmers«, in denen so merkwürdige Schauspielertypen mit scharfen Profilen und mit ganz eigentümlichen Lauten ein fast dämonisches und groteskes Dasein agieren. Diese Kapitel gehören unstreitig zum Besten, was Strindberg geschrieben hat. Mit dreiundzwanzig Jahren brachte er eine fünfaktige Tragödie »Hermione« auf die königliche Bühne. Karl XV. von Schweden gewährte ihm ein Unterstützungsgehalt aus seiner Privatschatulle, und kurz darauf wurde ihm ein kleines Amt an der königlichen Bibliothek übertragen. Daraufhin heiratete er eine kleine Schauspielerin, Siri von Essen. Ein Zufall brachte ihn darauf, Chinesisch zu lernen, und natürlich schrieb er ein Werk über seine Studien. Das »Institut« in Paris brachte »Die Beziehungen zwischen Schweden und China« zur öffentlichen Vorlesung und ernannte Strindberg zum Korrespondierenden Mitglied. Der »Hermione« folgte »Der Abtrünnige« (später »Meister Olaf«), und diesem »Das Geheimnis der Gilde«, endlich sein erstes Frauenstück »Ritter Bengts Gattin« (»Frau Margit«). Schon hier das Motiv: Mann und Frau haben sich die Ehe gar zu rosig vorgestellt; aber auch die Ehe kennt die Langeweile, die Nüchternheit, die Ehe dauert nämlich ziemlich lang. – Der Schluß ist versöhnlich: »die Kinder!«

Aber dann kam der Umschwung. Ibsens »Nora« erschien l879, Strindberg nahm einen erbitterten Kampf auf, der ihn nicht mehr losließ. Er ging 1883 nach Paris und schrieb seine teilweise wilden und zersetzenden Novellen »Heiraten«. Nun dachte er nicht mehr an Versöhnung; er hatte erkannt, daß zwischen Mann und Frau ein Kampf auf Tod und Leben ist, daß der eine siegt und der andere untergeht, unfehlbar. Die klassischen Dramen dieses Frauenhasses sind: »Der Vater«, »Kameraden«, »Totentanz«, »Fräulein Julie«, »Gläubiger«, »Paria«; »Samum«, »Die Stärkere«, »Das Band«, »Mit dem Feuer spielen«, »Vorm Tode«, »Erste Warnung«, »Debet und Credit«, »Mutterliebe« (um 1900), die ersten drei mehraktig, die anderen Einakter. Von Paris ging Strindberg nach der Schweiz, dann nach Deutschland. Er verweilte ziemlich lange am Bodensee. Hier schrieb er zum Teil die siebzehn kulturhistorischen Novellen »Schwedische Schicksale und Abenteuer« (1882 bis 1891). Diesen ließ er seine schwedischen Königsdramen folgen (1900). Zur gleichen Zeit veröffentlichte Strindberg die Ergebnisse seiner naturwissenschaftlichen und landschaftlichen Studien über Schweden in der »Natur Schwedens«, und einige Jahre darauf trat er im »Antibarbarus« mit verwegenen naturwissenschaftlichen Thesen dem Wahn einer »unfehlbaren Wissenschaft« entgegen.

1888 war Strindberg nach Hause zurückgekehrt. 1893 heiratete er eine Wienerin, Frida Uhl, ließ sich aber recht bald scheiden. 1901 verheiratete er sich zum drittenmal mit der sehr begabten Schauspielerin Harriet Bosse, von der er sich aber erst kürzlich trennte. War Strindberg bis 1890 Realist und Sozialist gewesen, so entwickelte er sich unter dem Einfluß Nietzsches, dessen Schriften er in Delorö, wo er sich niedergelassen hatte, kennen lernte, zum Individualisten. Hier, in der großen und völligen Einsamkeit, schrieb er den herrlichen Roman »Am offenen Meer«, der wie eine wild auseinandergewehte Sonne ist. Ein Enthusiasmus ohne gleichen riß ihn hinweg; er lernte die gewaltige Unvernunft lieben, die ins Jenseits aller Möglichkeiten leitet, die alle Möglichkeiten eines Menschen zu einem glühenden Brand entfesselt, daß er ein elementareres Leben zu leben vermeint. Faust, der alle Wissenschaften durchwühlt hat, und Welt und Weib, Himmel und Hölle, wächst unter den Sonnenstrahlen und den Steinen der Einsamkeit vor dem offenen Meer zum Übermenschen auf. Aber er hat zu sehr das Leben gekostet; er ist nicht besessen genug, um es zu vergessen: er weiß in seinen wachen Momenten, wie ohnmächtig dieser Adlerflug über die unendlichen Meere ist – nie war die Strindbergsche Ironie so erhaben, so zart und stolz; da bahnte sich die Stimmung tiefer Resignation an, die ihn in die Mysterien der Traurigkeit und des Selbstentsagens gleiten ließ. Es beginnt seine mystische Periode. Er schreibt die Dramen »Nach Damaskus«, »Advent«, »Rausch«, »Ostern«, und was (unter Maeterlinckschem Einflusse) holdeste Träumerei voller Bedeutung gewesen war, wird zum furchtbaren und qualvollen Martyrium. Der mystische Katholizismus hat sich seiner Seele bemächtigt. 1897 macht er in Paris und in Österreich sein »Inferno« durch, und alles, Wissenschaft und Erlebnis, drängt ihn dem Swedenborg tiefer in die Arme. Er schleppt sein Kreuz nach Schweden (»Legenden«). Es ist eine Krisis, die Strindberg dem Wahnsinn nahe bringt. Seine Bücher, die er in dieser Periode schreibt, sind durchweg pathologisch. Er leidet mit einer Intensität, die erschreckend ist. Sein ganzes verworrenes, schweres Leben erhebt sich wider ihn, er fühlt sich stigmatisiert und bricht ins Knie.

Der Katholizismus rettete ihn. In ihm fand er Ruhe. Dann kam die Besinnung. Balzac half ihm. Er wurde zu einem stillen Wissen um alles Menschliche geführt, zu einer milden Religiosität, die die scheinbare Brutalität seiner Erscheinung in eine lichte Atmosphäre hüllt. Seine Werke haben den alten heftigen Akzent, aber es ist kein schreiender Laut mehr zu hören, es ist zu viel Weisheit darin. (»Märchen«, »Der bewußte Wille in der Weltgeschichte«, »Einsam«, »Die Nachtigall von Wittenberg« 1903.)

Wir finden bei Strindberg alle »Richtungen« der letzten vierzig Jahre wieder. Er hat seine Zeit miterlebt wie kein Künstler vor ihm. Er hat jeder Stunde ihr Ex voto geschaffen, in heftigen und kunstgemäßen Zügen – den Übergangstagen gab er ihre wild verschwommenen Zeichen. Wenn er nicht der sichere Künstler und die große Intelligenz wäre, würde man ihn einen Eklektiker, vielleicht sogar einen Epigonen von Kleineren als er ist, aber einen Epigonen trotzdem nennen. So aber ist er das lebendige Kompendium der Kunst, die zwei Generationen bewegt hat. Er ist der ernsteste Beichtiger unserer Tage. Sein Werk ist gewiß nicht einheitlich, aber es ist eine Welt.

August Strindberg lebt jetzt in Stockholm, während des Sommers in Lund. Eine deutsche Gesamtausgabe seiner Werke ist unlängst erschienen.

R. S.

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