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Führer durch die moderne Literatur

Hanns Heinz Ewers: Führer durch die moderne Literatur - Kapitel 105
Quellenangabe
typefiction
authorDr. Walter Bläsing
titleFührer durch die moderne Literatur
publisherGlobus Verlag
addressBerlin
yearo.J.
correctorhille@abc.de
secondcorrectorHerbert Niephaus
senderwww.gaga.net
created20100716
modified20150527
projectidd0de1f8e
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Julius Hart

Julius Hart, geboren 1859 in Münster (Westf.), lebt in Berlin. Der Bruder des vorigen, mit dem gemeinschaftlich er den Kampf für die Moderne führte, eine Anzahl Zeitschriften und Anthologien herausgab und schließlich in der »Neuen Gemeinschaft«-Philosophisterei sich festrannte. Julius Harts Verdienste sind die gleichen wie die seines Bruders. An den »Kritischen Waffengängen«, dem »Buch der Liebe«, den »Kritischen Jahrbüchern«, dem »Literatur-Kalender« und den Schriften und Taten zur »Neuen-Gemeinschaftsbewegung« sind beide Brüder beteiligt; doch hat an dem letzteren Julius Hart als Veranlasser der »Weltanschauung«, die dieser Bewegung zugrunde lag, den Hauptanteil. Auf Julius Harts eigenes Konto kommen die Anthologien »Blütenlese aus spanischen Dichtern«, »Der persische Divan« und andere. Ferner ist er der Verfasser einiger recht wertvoller Essays, wie »J. Wolff und der moderne Minnesang«, »Überkultur« usw., und einer »Geschichte der Weltliteratur«, die jedoch manche Mängel aufweist. Eine Anzahl Bände Lyrik und lyrischer Prosa, wie »Sansara«, »Triumph des Lebens« und »Stimmen in der Nacht«, ferner »Homo sum«, »Fünf Novellen« und »Sehnsucht« enthalten viel künstlerisch Gutes, wenn auch die kontinuierlich ekstatische Inbrunst in all diesen Schriften auf die Dauer unerträglich ist. Auch darf man, um Julius Harts Lyrik genießen zu können, seine eigene Anthologie der persischen Dichter nicht kennen, da sonst der Einfluß Rumis, Firdusis usw. ganz offensichtlich und störend in die Erscheinung tritt. Auch als Dramatiker hat Julius Hart sich vielfach betätigt. Außer der lyrischen Tragödie »Don Juan Tenorio«, die er als 22jähriger schrieb und die jugendliches Feuer und kraftvolles Drängen und Stürmen verrät, liegen von ihm die Dramen »Die Schauspielerin«, »Rächer«, »Der Sumpf« und »Die Richterin« vor, alles Theaterstücke, die ähnlich wie die Arbeiten Richard Voß' stark von Ibsen beeinflußt sind, und in denen die in den eigenen Kritiken gegebenen Lehren und Warnungen ernst beherzigt sind. War in der Zeit, wo die Harts als Kritiker und Vorkämpfer der modernen Literaturbewegung überaus Gutes, ja durch die Befolgung ihrer Mahnungen durch andere starke Talente Dauerndes schufen, Heinrich Hart der geistangebende unter ihnen gewesen, so übernahm Julius Hart die Führung des Gespannes, als die beiden auf die Idee verfielen, die Kunst, die sie bisher so wirksam und eindringlich gepredigt hatten, den Mitmenschen »vorzuleben«. Zu diesem Behufe erschien im Jahre 1899 aus Julius Harts Feder das Buch »Der neue Gott«. Es wurde darin die Lehre von der »Überwindung der Gegensätze« und von »All-Ich« ausgesprochen, durch deren Befolgung Julius Hart die Welt erlösen zu können glaubte, was er allsogleich durch das Exempel zu erweisen sich erbot. In diesem Bestreben wurde dann die »Neue Gemeinschaft« ins Leben gerufen, eine Art Loge künstlerisch-religiös-sozialen Gepräges, deren praktische soziale Zwecke wunderbar schön gedacht waren, die aber deshalb, weil die Teilnehmer Julius Harts philosophische Lehren als die alleinseligmachende Weltanschauung anerkennen mußten, um für das Experiment reif befunden zu werden, nicht erreicht werden konnten. Da es den Begründern der »Gemeinschaft« offenbar mehr darauf ankam, gleichgesinnte Seelen zu ihrem Experiment zu finden, als schaffende Kräfte, so kam man von den ursprünglichen Absichten, eine Kolonie zu gründen, die unabhängig von Staat und Gesellschaft auf sozialistischer Basis eine Gemeinschaft freier Geister darstellen sollte, mehr und mehr ab, bis die Bewegung, die allmählich zu einem gemeinschaftlichen Familienpensionat in Schlachtensee herabsank, völlig im Sande verlief. Die Philosophie Julius Harts aber, die er noch in einem anderen Bande, »Die neue Weltanschauung«, weiter entwickelte, war ein so unklares Gewirr von buddhistischen und nietzscheanischen Gedanken, – obwohl der Verfasser an Nietzsche kein gutes Haar läßt, – daß sich auf dieser vagen, von pathetischen Ekstasen schwelgenden Grundlage sicherlich kein Gebild gestalten ließ. Julius Hart, der einer der feinsinnigsten Kritiker und Essayisten war und wohl noch ist, hat durch den Aberglauben, zum Philosophen und Lebenskünstler geschaffen zu sein, selbst viel dazu beigetragen, die Verdienste seiner Jugend zu erschüttern.

E. M.

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