Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Arthur Schnitzler >

Frühlingsnacht im Seziersaal

Arthur Schnitzler: Frühlingsnacht im Seziersaal - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleSterben
authorArthur Schnitzler
year2000
publisherFischer Taschenbuch Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-596-29401-0
titleFrühlingsnacht im Seziersaal
pages16-21
created20011101
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1895
Schließen

Navigation:

Arthur Schnitzler

Frühlingsnacht im Seziersaal

Phantasie

Es war drei Uhr morgens und ich verließ den Tanzsaal. Der lag ganz am Ende des Städtchens, und bis man von da wieder in engere und geschlossenere Straßen kam, dauerte es wohl eine Weile. Und meine Stimmung war seltsam. Freude und Lust klangen in meinem erhitzten Kopfe nach. Über den müden Blick senkten sich die Augenlider und die weiche Morgenluft des erwachenden Frühlings zitterte um Stirn und Wangen, so weich und mild beinahe wie der warme Duft von herzigen Mädchenlippen, den ich heute nachts im Wirbel des Tanzes übers Antlitz hauchen fühlte.

Und wie ich so weiter wandle, minutenlang, wirds freier und kühler um mein Haupt. Ich blicke um mich und sehe mich an einer Straßenecke. Ein mattes Licht gießt flimmernden Glanz über die sich kreuzenden Wege, und ich merke, daß ich an wohlbekanntem Ort bin.

Und doch wie fremd scheints mir hier, obwohl ich erst gestern abend dieses dunkle Tor, das halb offen lehnt, verlassen habe und als es schon dämmerte über die dürre Wiese geschritten bin, die hinter dem grauen Mauerwerk sich hinbreitet. Ich bin einsam und sonderbar gleiten meine Gedanken zwischen Wachen und Träumen hin und her. Wie im Schlaf schreit ich durchs Tor und über die Wiese und stehe still vor vergitterten Fenstern, Eine graue Wolke fliegt über mich hin wie ein Bote der Frühe, und ein kühler Wind macht mich frösteln. In seltsamer Weise ergreift mich der Wunsch, den Rest der Nacht im Dienste der Wissenschaft hinzubringen... und noch warm von dem tollen Treiben des lustigen Lebens, mich zu versenken in die Erkenntnis des Todes.

Und so öffne ich die Tür und trete in den dunkeln, gewölbten Saal. Ich nehme die Lampe aus einer Fensternische und zünde ein Licht auf. Einen grünen Schirm breit ich um die Flamme und stelle sie zu Häupten des Toten. Da fließt ein gelber Schein über das fahle, regungslose Antlitz. Nur um den Mund scheint es leise zu zucken. Ringsum die anderen Leichen liegen im Dunkel. Ich werfe den schwarzen Mantel um die Schultern, nehme das Messer und das übrige Werkzeug, um die Arbeit zu beginnen.

Doch mir ist schwül geworden in dem engen Raum. Zum Fenster schreit ich hin und öffne es weit, weit. Und es flutet Sternenglanz still ins düstre Haus und fliegt über den steinernen Boden hin und zittert matt an der Wand hinauf. Inmitten dieses wundersamen Anblicks steh ich da. Über mein Haupt zieht der Hauch der Frühe und mich umfließt in blauen Wellen das Mondenlicht.

Und wie träumend laß' ich auf den Sessel mich nieder, mich dem unbeschreiblichen Märchen zu entwinden, das mich umgibt.

Da hör ich Stimmen vor dem Fenster. Ich schaue auf. Ein Schatten huscht vorbei, die Türe knarrt. Ich erhebe mich von meinem Sessel und trete der Schwelle näher. Meiner Hand entsinkt das Messer, da ich eine schlanke Mädchengestalt vor mir sehe. Ich kenne das Antlitz, das nun so ängstlich lächelt, und auch das einfache Gewand, das über die Hüften herabfließt, erblicke ich nicht das erstemal... und halblaut ruf ich aus: »Christine...« So hieß des Anatomiedieners Töchterlein, und wenn wir's Kollegium verließen, da sahen wir sie immer mit dem Strickzeug am Fenster in ihrem kleinen Stübchen sitzen; verschämt lächelte sie, wenn einer es wagte, leise mit der Hand über die Glasscheiben zu streichen, daß es ganz unmerklich klirrte, und niemandem sah sie in die Augen. Und Christine stand an der Schwelle des Leichensaales, und noch hatte sie meinen Ruf nicht erwidert, als ich mit einemmal eines zweiten menschlichen Wesens gewahr wurde... und wer mir Aug in Aug gegenüberstand, mit einemmal aus dem Dunkel hervortrat, war niemand anderer als mein werter Freund und Kollege Stephan Kalman. Da schwirrte es mir auch durch den Kopf, daß keiner so gern an dem Fenster Christinens mit der Hand spielte als Stephan, und daß er weit öfter durch die Scheiben guckte als alle anderen, so daß er sich nicht selten sogar wieder umwandte, wenn er schon vorüber war, und verstohlen nach Christinen schielte. Ja, hatte ich nicht sogar einmal bemerkt, daß das schüchterne Mägdlein aufblickte von ihrer Arbeit, just als er vorbeiging, und dabei feuerrot im Gesicht wurde.

Und eben dieser Stephan stand vor mir und faßte Christinens Hand, lachte mich gar lustig an, gab mir einen humoristischen Backenstreich und hub an zu singen:

»'s ist doch was Wunderbares
Ums Lieben
Was Wunderbares.«

Dabei faßte er sein Mädchen und drehte sich mit ihr im Kreise, bis er mitten in dem dämmrigen Saale stand. Da sang er wieder:

»Wie führt uns doch die Liebe
Oft sonderlichen Weg.«

»Nicht wahr«, sagte er zu mir, »sehr sonderliche Wege... O süßeste Christine«, rief er plötzlich und küßte sein Lieb auf die vollen Lippen. Sie umschlang seinen Nacken und küßte ihn wieder. Ich faßte mich allmählich und sagte zu dem feurigen Jüngling: »Du merkwürdiger Kumpan... ich...«

Er ließ mich aber nicht reden. »Merkwürdig! Ei doch, das ist nicht übel. Es ist doch weit merkwürdiger, in tiefer Nacht zu studieren als zu küssen in solcher Stunde...« und blickte seinem Mädchen mit Innigkeit in die Augen.

»Aber Stephan, hier!«

»Die Liebe führt oft sonderlichen Weg. Hier, mein geliebter Freund, sind wir eben vor allem sicher... außer vor Leuten deines Schlages. Und Leute deines Schlages kenn ich bei Gott nur einen... und der bist du selbst. Und das auch erst seit diesem Augenblick. O Christine, meine holde Christine...«

»Und der Schauer der Verwesung rings um die Liebe«, flüsterte ich. Aber sie hörten nicht und hielten sich umschlungen. Da ich mich nun an den Türpfosten lehnte und wie verloren vor mich hinsah, blieb es wohl eine Minute lang still. Die Liebenden hingen regungslos aneinander und es ruhte wie ein Zauber über uns allen.

Da tönte mit einemmal ein langgezogener, heller klagender Klang durch die Luft. Wie aus der Ferne strömte der Laut zu uns durch den schlummernden Äther und wurde ein zweites Mal gehört und klang nahe und von neuem weiter. Und die Töne fanden sich zu einer Melodie... da mußte wohl ein Wanderer herbeiziehen von der Landstraße her; und raschen Schrittes, wie es schien, denn nun hörte man's lauter und lustiger als früher. Nah an der Mauer schwebte jetzt über die Wiese ein langer unruhiger Schatten. Ein gebräuntes, lachendes Antlitz erblickte ich vor dem Fenster, von schwarzen Locken umwallt, mit blitzenden Augen. Wild fuhr der Bogen über die Saiten und der Mantel flatterte hastig um die Gestalt, da der Arm sich rasch bewegte.

Und nun begann der Mann auch zu singen. Einen tollen Gesang, und schaute auf das verliebte Paar, das wie träumend dastand und Wang an Wang gelehnt hielt.

Dann sprang er herein übers Fensterbrett, und mit lächelndem feurigen Blick stand er zu Häupten des Toten. Nun begann er zu hüpfen, während er sang, geigte, tanzte herum, daß ich schon vermeinte, alles um mich herum tanzen zu sehen, und dastand, als hielte mich ein unbeschreiblicher Bann gefangen.

Stephan und Christine umfaßten sich, sie wirbelten, ohne daß sie den Boden berührten, sie küßten sich und seufzten und ihre Locken flogen umeinander. Und des seltsamen Wanderers krauses Haupthaar wallte auch gar lustig hin und her, während sein ganzer Leib in unsäglicher Bewegung schien. Und es baute sich Ton auf Ton und schienen die Laute ineinanderzufließen und rankten als blühende Melodie sich ans graue Gewölbe hinan. Das war ein jubelndes Ertönen, Widerhallen, und wie ein duftendes Blumenmeer umgab uns die Musik in umschmeichelnder Betäubung. Zu unsern Füßen wogte es dahin und blinkte, glitzerte, als gestaltete der Tanz sich zu sichtbarem Gold, und das Liebespaar glitt dahin in wahnsinniger Verzückung. Da krachte es plötzlich, und zur Erde nieder fiel Geige und Bogen. Das Lied des Wanderers verstummte, und er selbst fuhr mit den Händen wild in der Luft herum, als wollte er den unsicher gleitenden Nachhall erfassen, auf daß es still werde mit einemmal. Und als es nun ganz still war, schritt der Mann langsam hinaus durch die offene Tür.

Christine aber und Stephan, die hochatmend und erhitzt ihm folgen wollten, sanken an der Schwelle nieder und hielten sich fest bei der Hand.

Was aber war denn mit mir, und wer erschien mit einemmal als Genosse meiner Einsamkeit, der es wagen durfte, so heftig meinen Kragen zu rütteln, daß ich schier zu ersticken glaubte. »Ei doch«, schrie ich und warf den Kopf herum. »Da sei doch Gott vor, daß ich's auf dem Gewissen hätte, den Herrn das Kollegium verschlafen zu lassen«, erwiderte der Anatomiediener, indem er allmählich meinen Kragen ausließ. »Aber es ist doch höchst sonderbar, daß der Herr just an der Tür des Seziersaals seine Schlafstatt suchen.«

»Deine Tochter, Mensch«, schrie ich, noch lange nicht bei Sinnen.

»Meine Tochter, Herr?« fragte der andere, während ich mich langsam erhob und von der frischen Morgenluft durchschauen war.

»Ich dank Euch, Mann«, sagte ich nun ziemlich ruhig und strich mir über die Augen, denen alles noch wie im Nebel erschien. »Aber das Kollegium hat doch noch nicht begonnen?«

»Und meine Tochter, Herr, was wolltet Ihr denn mit meiner Tochter?«

»Wer?« fragte ich höchst unschuldig. »Ich... Was mag ich da wohl nur geträumt haben?«

»Aus Eurer blassen Farbe zu schließen, gewiß höchst Sonderbares, Herr«, erwiderte der Anatomiediener.

Ich stand bald auf der Straße und im Kreise meiner Freunde. Von weitem sah ich Stephan kommen. Er ging an Christinens Fenster vorbei. Er schaute hinein und machte ein recht gleichgültiges Gesicht. Ich lief ihm entgegen, drückte ihm die Hand, blieb aber erst an jenem Fenster stehen. Ich blickte durch die Scheiben. Christine saß an ihrem Tischchen. Auch in ihrem hübschen Antlitz war keine Spur von Erregung zu lesen. Sie stickte eben an einem Tüchlein und zählte die Stiche ab.

Seit jenem Morgen verbreitete sich die Sage, ich sei in das Mädchen verliebt.








TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.