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Früchte der Heimat

Maria Buol: Früchte der Heimat - Kapitel 9
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleFrüchte der Heimat
publisherBernina-Verlag
year1948
editorMaria Veronika Rubatscher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171112
projectid9716fc6e
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Kein Fremder

»Kann ich für heute Nacht ein Zimmer haben?«

In fremdländischem Deutsch war die Frage gesprochen. Hans Frei, der Wirt zur »Alpenrose«, musterte den Herrn aufmerksam. Ein feiner, schlanker Herr war es mit braunem Gesichte und lebhaften dunkeln Augen. Statt des üblichen Rucksacks trug er eine kleine Plaidrolle umgeschnallt. Das sah nicht eben sehr touristisch aus. Aber der Eispickel in seiner Hand schien doch hübsch abgebraucht, ganz so, als sei der Fremde ein Tourist von Beruf.

Hans Frei fand, dieser Fremde sehe viel fremder aus als irgend einer, der bisher bei ihm eingekehrt war. War er ein Ungar oder ein Rumäne? Ein Italiener oder ein Franzose? Der »Wilde Kaiser«, der schroff und rauh hinter der Touristenherberge zur »Alpenrose« aufstieg, lockte jeden Sommer wohl Hunderte von Fremden an, aber Franzosen und Italiener verirrten sich kaum je in dieses Gebiet.

Der Wirt nahm dem Fremden dienstfertig die Plaidrolle ab und geleitete ihn über eine steile Holztreppe hinauf ins obere Stockwerk, wo sich die Schlafkammern befanden. Droben in einem freien Zimmerchen angelangt, zog er einen Bleistift aus der Tasche und wies auf ein Blatt Papier, das auf dem kleinen Tische lag. Ob der Herr nicht so freundlich sein wolle, den Meldebogen auszufüllen?

Aber der Herr lehnte ab. Am Abende werde er das tun. Einstweilen wolle er eine kleine Mahlzeit nehmen und dann etwas in der Gegend herumsteigen.

Nun, mit dem Herumsteigen im Kaisergebirge ist's so eine Sache! Hans Frei meinte, sich dem Fremden als Führer anbieten zu müssen. Aber der Fremde lehnte auch das ab. Morgen gedenke er eine größere Tour zu unternehmen, da brauche er dann einen Führer, heute aber noch nicht.

Hans Frei war immer neugieriger geworden, wer denn der Fremde wohl sein könne. Aber nun mußte er sich wohl oder übel mit seiner Neugier auf den Abend vertrösten. Er führte also den Fremden ins Speisezimmer, wo seine schmucke Wirtin schon zur Bedienung bereitstand.

In diesem Augenblicke schlug die Stubenuhr zwölf. Das war für ihn das Zeichen, in die Kapelle zu gehen und Angelus zu läuten.

Die Kapelle war Hans Freis Freude; er selber hatte sie erbaut. Von der »Alpenrose« bis zur Pfarrkirche von Ebbs war's ein weiter Weg. Da war's doch besser, ein Kapellchen neben dem Hause zu haben mit einem Mariahilfbilde auf dem Altar und einem Glöcklein im kleinen Turme, das täglich Mariens Lob hinausrief in die starre Bergwildnis. Auch von den Einödhöfen, die im Gebirge zerstreut lagen, kam da und dort ein altes Weiblein oder Männlein nachgehumpelt und betete den Rosenkranz in der neuen, netten Kapelle des Alpenrosenwirtes.

Als Frei die Kapelle verließ, trat auch schon der Fremde aus dem Hause. Der hatte sich schön beeilt mit seinem Mittagsmahle! Den Eispickel in der Hand schwingend wie einen Spazierstock, schlenderte der junge Mann leichten Schrittes auf den Föhrenwald zu, der sich wie ein dunkles Band um den rauhen Fuß des Berges schlang. Es dauerte nicht lange, so war er zwischen den Bäumen verschwunden.

»Hat der Fremde dir nichts gesagt?« fragte Frei seine Wirtin, als er zu ihr in die Küche trat.

»Was hätt' er mir denn sagen sollen?«

»Ich weiß nicht+... Halt vielleicht wohin er geht.«

»Nein, er hat nichts gesagt; er hat gezahlt und ist gegangen.«

»Ein kurioser Patron, nicht?«

»Warum denn? Er hat ein gutmütiges Geschau. Vielleicht tut er sich halt schwer mit dem Deutschreden.«

»Der Meldebogen liegt auf seinem Tisch. Bis morgen wissen wir schon, wer er ist.«

»Wundert's dich, Hans?«

»Ja, ich weiß selber nicht warum+... aber wundern tut's mich.«

Im Laufe des Nachmittags kam leicht ein Dutzend Touristen anmarschiert. Reichsdeutsche und Wiener, lustiges Volk, das das Herz auf der Zunge hatte und mit dem sich's recht angenehm plauderte. Hans Frei hatte bald heraus, wes Geistes Kind sie waren: Protestanten die einen, die andern lustige Vögel, die den Herrgott einen guten Mann sein ließen. Frei selber war ein strammer Katholik; hätte einer seinen Glauben angegriffen, dem wäre er die Antwort nicht schuldig geblieben. Aber diesen Gästen fiel so etwas gar nicht ein; sie waren gemütliche Leute, hungrig, durstig und redselig, und der Wirt hatte über Hals und Kopf zu tun, um sie alle anzuhören und zu bedienen.

Spätsommer war es, früh brach das Dunkel herein. Im kleinen Speisesaale der »Alpenrose« flammten die Lichter auf und nun wurde es erst recht lustig. Einer von den Wienern langte die Guitarre von der Wand und begann Wiener Gassenhauer zu singen. Dann nahm ihm Hans Frei das Instrument ab und jodelte mit seiner schönen Tenorstimme einige Inntaler G'stanzeln, so laut und froh, daß die Wände zitterten.

Plötzlich schob die Wirtin ihren Kopf zur Türe herein. Ihr Gesicht verriet eine gewisse Unruhe. »Hans«, sagte sie, »der Fremde ist noch nicht zurück.«

Den Fremden kurzweg nannte sie den schlanken, feinen Mann, der so seltsames Deutsch sprach und von dem man so gar nicht wußte, woher er sei.

»Es ist noch nicht spät an der Zeit«, beruhigte sie der Wirt.

»Aber stockfinster ist's schon. Er sollte jetzt nicht mehr im Berg herumsteigen.«

Frei wurde nachdenklich. »Hast recht, Klara. Wart', ich geh' hinauf zum Wetterkreuz und ruf'.«

Er ging. Bald hörte man seine mächtige Stimme von der Höhe herab. Die Felsen warfen den Klang zurück. Im Speisezimmer der »Alpenrose« fragte man, was es gebe. Die Wirtin antwortete ausweichend. Sie wollte den Gästen nicht bange machen. Ihr selber war's bange genug.

Endlich kam Frei zurück. Er hatte vergebens gerufen. Vielleicht sei der Fremde gar nicht in die Schroffen gestiegen, hoffte er, sondern nur bis Ebbs oder Niederdorf gewandert und von der Dunkelheit überrascht worden. Auf keinen Fall könne man heute bei finsterer Nacht noch etwas unternehmen. So sagte Frei und dabei beruhigte er sich. Ein alter Bergführer kann nicht jedes Mal Herzkrämpfe bekommen, wenn einmal ein Tourist unpünktlich ist. Und dieser Tourist ist ein Fremder, der ohne Gruß und Abschied von ihm gegangen war.

Immerhin kannte Frei seine Pflicht und kaum der Morgen graute, machte er sich mit seinem Knechte auf den Weg, um den Vermißten zu suchen.

Erst stiegen sie zusammen bergan; dann trennten sie sich. Wer zuerst eine Spur finde, solle dem andern pfeifen. So machten sie's aus.

Stunden vergingen. Heiß brannte die Sonne auf die nackten Felsen nieder und auf das weiße Gerölle, das vom Fuße des großen Berges niedergeht. Mutlos und unwillig wurde Hans Frei. Immer wieder kam ihm der Gedanke, der Fremde sei gar nicht ins Geschröffe gegangen, sondern nur in eine der nächsten Ortschaften. Was fragt solch ein Fremder danach, ob man sich seinetwegen die Füße wundlaufe und den Hals heiser schreie? Nur auf den nächsten Felsenkopf wollte Hans Frei noch hinauf; der war ein rechter Edelweißplatz, den die Fremden gern besuchten; im übrigen eine ungefährliche Kletterpartie.

Nun stand Frei droben und spähte weit umher mit seinen scharfen Augen. Und dann neigte er sich vor und spähte in die Tiefe.

Turmhoch ragte die Felswand unter ihm auf. Eine Wand, wie von eines unermeßlich großen Meisters Hand sorgsam geglättet. Nur mitten durch zog sich eine enge Kluft und darin hatte schwankes Gesträuche Saft und Erde für seine kümmerlichen Wurzeln gefunden. Und nun, was war das? Mitten im Gesträuche sah er etwas glänzen. Das fiel ihm auf. Er warf sich flach nieder und streckte den Kopf über den Rand des Felsens, hielt beide Hände an die Augen, um sie vor dem Sonnenscheine zu schützen, der grell und blendend auf das nackte Gestein fiel, und schaute, schaute.

Es war Metallglanz, was da unter ihm funkelte. Und endlich sah er's genauer+... Ein Eispickel!

Da sprang er auf, steckte beide Zeigefinger in den Mund und ließ einen schrillen Pfiff los. Sogleich gab sein Knecht Antwort. Nun stieg Frei bergab und als er tiefer kam, als er dem Fuße der glatten Felswand sich näherte, da sah er etwas Regungsloses dort liegen. Einen Menschen!

Bald war er zur Stelle. Der Knecht fast zur gleichen Zeit. Bei einer Leiche trafen sie sich, bei der Leiche des Fremden. Beide ernst und stumm, aber ruhig. Mehr als einmal schon waren diese zwei Männer im Geschroffe auf einen gestoßen, den sich der grimmige Wilde Kaiser zum Opfer geholt hatte. Der Anblick eines Toten hatte nichts Überraschendes mehr für sie.

Da lag er vor ihnen, der arme Mann. Tot, aber nicht entstellt. Der furchtbare jähe Schrecken, der wohl seine letzte Empfindung gewesen war, hatte sich seinen Zügen nicht ausgeprägt. Eine klaffende Wunde am Hinterkopfe, sonst keine sichtbare Verletzung.

Während Hans Frei sich über dieses marmorstarre Gesicht neigte, stieg abermal in ihm die Frage auf: »Wer ist er?« Doch nicht mehr müßige Neugier war es jetzt, die diese Frage stellte, sondern der ernste, redliche Wunsch, jenen Nachricht zu geben, die dem Toten nahestanden.

Und so nahm er sich ein Herz und durchsuchte die Taschen des Unglücklichen, suchte lange und eifrig und meinte, er müsse doch endlich etwas finden, das Namen und Wohnort verriete. Aber er fand nur ein leeres Notizbuch und ein Taschentuch, dessen fein gestickter und künstlich verschlungener Namenszug sich nicht mit Sicherheit entziffern ließ. Die Brieftasche fehlte. War ein Verbrechen geschehen? Kaum wahrscheinlich. Manches, was der Mann bei sich getragen hatte, mochte ihm wohl in seinem Todessturze entfallen sein. So dachte Frei. Er und der Knecht suchten ringsum im wirren Steingerölle des Felsplateaus, aber vergebens. Sie fanden nichts.

Armer Fremder, jäh gestorben auf unbekannter Erde, wer bist du? Daheim wartet vielleicht eine Mutter auf dich, vielleicht ein junges Weib. Sie warten, sorglos noch. Bald aber kommt für sie die Zeit düsterer Ahnungen und wachsender Herzensangst. Und immer drückender wird die Angst, immer schrecklicher die Ungewißheit; und endlich sehnen sie sich, nur irgend etwas noch von dir zu hören, und wär's auch die Kunde von deinem Tode. Aber auch das bleibt ihnen versagt, du armer, fremder Mann, dessen Name und Volk niemand kennt!

Plötzlich bemerkt Hans Frei am Halse des Toten etwas, das nur wenig unter dem weichen Kragen des Touristenhemdes vorschaut. Er greift danach, zieht daran, zieht es sanft und bedächtig hervor, ob an dem Bande wohl etwas hänge, das ihm Aufschluß geben könne.

Und nun hält er es in der Hand+... Ein Skapulier ist es!

Die Augen des rauhen Bergführers füllen sich mit Tränen. Er zeigt das Skapulier seinem Gefährten und murmelt mit erstickter Stimme: »Der ist ein Christ gewesen! Herr, gib ihm die ewige Ruhe!«

Und beide Männer knien an der Leiche nieder, falten die braunen Hände und beten ein Vaterunser für die Seelenruhe des Toten. Dann erst heben sie die Leiche von ihrem Felsenbette, um sie zu Tale zu bringen.

Von weitem sieht sie die Wirtin kommen, sieht, was sie tragen, eilt ihnen entgegen, händeringend. »Hat er sich wirklich totgefallen, der arme, arme Mensch!«

Schweigend legen die Träger ihre traurige Last auf die Bank vor der Haustüre und wischen sich den Schweiß von der Stirne. Dann befiehlt Frei seinem Weibe, die Plaidrolle herbeizubringen, das einzige Gepäck des Fremden. Vielleicht findet er da drinnen, was er sucht, irgend einen, wenn auch noch so unscheinbaren Gegenstand, der ihm Aufschluß gibt.

Und nun suchen sie beide, Mann und Weib, aber die Plaidrolle enthält nichts als etwas Touristenwäsche und Kleidungsstücke.

Es ist umsonst! Nichts hat er bei seinem unglücklichen Gaste gefunden, nichts als das Skapulier an seinem Halse. Nichts als das!

Aber das ist genug! Jetzt ist der Tote kein Fremder mehr. Er ist ein Kind jener Mutter, die auch er, Hans Frei, seine Mutter nennt. Er und sein Weib und seine Kinder und seine Landsleute ringsum, zur gleichen Mutter rufen sie alle, sie alle tragen das gleiche Marienkleid.

Die freundlichen, norddeutschen Herren, mit denen es sich so nett plaudert, die tragen es nicht. Und der lustige Wiener, der gestern zur Guitarre seine Couplets gesungen hat, der trägt wohl sicher auch keines. Die alle sind fremder hier als der unbekannte Tote.

Und nun gehts ans Aufbahren. Ins Kapellchen legt man ihn, den wunden Kopf ganz nahe am kleinen Altare mit dem Mariahilfbilde. Und von den Fenstern des Hauses bringt die Wirtin all ihre Blumenstöcke herbei und stellt sie auf den Altar zu Häupten des Toten. Dann schlingt sie mit mütterlicher Zartheit einen Rosenkranz um die schon erstarrten Finger. Ihr Mann aber zieht sorgsam das Skapulier zurecht, damit es offen auf der Brust des Mannes liege und es jeder sehe.

Die Gäste in der »Alpenrose« hatten Scheu vor der Leiche im Kapellchen; sie packten ihre Rucksäcke und zerstreuten sich. Von den Berghöfen aber kamen Leute herbei, sprengten Weihbrunn zu den Füßen des Toten und sagten: »Der ist gut gefahren!« Und manche meinten: »Der muß ein braver Herr gewesen sein, weil er ein Skapulier gehabt hat.« Und als sie fragten, wer er sei, und als sie hörten, man wisse es nicht, da sagten sie: »Der Herrgott weiß es schon, und die Muttergottes hat ihm gewiß ein gutes Plätzlein gerichtet.«

Und als die letzten Strahlen des Abends auf den Bergen verglommen waren und die Nacht hereinbrach, da flammten im Kapellchen Lichter auf, und laut riefen Betende zum Himmel für diesen Unbekannten, der ihr Bruder war: »Heilige Maria, bitt' für ihn!«

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