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Früchte der Heimat

Maria Buol: Früchte der Heimat - Kapitel 8
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleFrüchte der Heimat
publisherBernina-Verlag
year1948
editorMaria Veronika Rubatscher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171112
projectid9716fc6e
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Über zwei Abgründen

»Gelt, Peter, tust mir's Haus hüten?«

In bittend wehmütigem Tone war die Frage gestellt. Ach sie wußte es nur zu gut, die Laubachermutter, daß es dem Sohne kein Opfer war, der Kirche fern zu bleiben! Aber das freilich wußte sie nicht, ob er auch die Gefälligkeit haben würde, fein ruhig daheim zu sitzen und Haus und Hof in acht zu nehmen, während sie mit dem Gesinde zur Predigt ging.

Zum Glück schien Peter heute guter Laune. Er versprach hoch und teuer, ein getreuer Hüter des Laubacherhofes zu sein.

»Aber gewiß, gelt Peter?« drängte die Alte nochmals. »Es dauert gar nicht so lang. Ich bleib' nicht zum Segen. Geschwind after der Predigt geh ich heim. Nachher kannst gehn, wo du willst.«

Sie seufzte. Wußte sie doch nur zu gut, wie er seine Sonntage verbrachte.

»Bleib nur beim Segen, von mir aus Mutter«, sagte er. Dann plötzlich wachte der Schalk in ihm auf. »Aber gelt, tu gut auflosen bei der Höllenpredigt!«

Er lachte. Das Mütterlein aber versicherte unbefangen, beim vierzigstündigen Gebete werde nie von der Hölle gepredigt. Dann tauchte sie ihre braune Hand in das Weihbrunnkrügl neben der Türe und ging.

Auf der Schwelle des Hauses stand Peter, eine Zigarre im Munde, und schaute der Mutter nach. Knecht und Dirne waren vorausgegangen; sie war die letzte. Wie sie sich eilte! Sie war doch noch rüstig für ihre sechzig Jahre. Peter wartete, bis sie verschwunden war; dann lachte er laut auf, sperrte die Haustüre und steckte den Schlüssel zu sich.

Haushüten? Nein, da wußte er sich schon etwas Besseres!

Ein paar hundert Schritte weiter droben, wo die Feldung an den Bergwald grenzte, stand das Bachlechnerhöfl, das zwei ehrbaren alten Jungfrauen gehörte. Und zwischen diesen beiden, wie eine schöne brennrote Gartenblume zwischen wüstem Gedörne hauste die Weber Barbl, der Bachlechner Ursch Patenkind und Verwandte. Sie hatte ihre Heimat im Dorfe drunten, aber der besorgte Vater fürchtete, sie sei zu schön für die böse Welt und darum hatte er sie auf das Berghöfl zur Godl geschickt. Die Bärbel war ein leichtes, lustiges Ding, das lieber arbeiten als beten und lieber tanzen als arbeiten mochte. Die ging gewiß nicht in die Predigt, die würde sicher ebenso wie er zum Haushüten bestellt sein, und dann konnte er bei ihr aus einen lustigen Heimgart hoffen. Wenn aber die zwei Alten beim Nachhausekommen ihn bei dem Mädel überraschten und zeterten und keiften, das schadete nicht. »Alte Jungfern ärgern, ist ein gutes Werk!« lachte er vor sich hin, und ein fröhlich Liedlein pfeifend, schritt er den steilen Saumpfad hinan zum Bachlechnerhöfl.

Doch er hatte sich verrechnet. Die Bachlechner Ursch wußte genau, welch lustige Nachbarschaft sie am Laubacherhofe hatte; und darum war es ihr auch nicht eingefallen, ihr schönes Patenkind allein zu Hause zu lassen. Da kamen sie gerade bergab, die Alte und die Junge, Ursch mit einem entschlossenem Zuge im bärtigen Gesichte, Bärbel mürrisch und verdrossen. Ja, so verdrossen, daß man die herzige Weber-Bärbel kaum erkennen mochte.

»Wart, Mädel, ich werd' dich schon lachen machen!« dachte Peter. Flugs stellte er sich an, nahm den Hut ab, schnitt ein blöd frömmelndes Gesicht, und als die beiden an ihm vorbeikamen, sagte er in einem wehmütigen Tone: »Bitt' schön ums Einschließen!«

Jetzt freilich wich der mürrische Zug aus dem blühenden Gesichtchen; froh blitzten die hellblauen Augen den Burschen an und schneeweiß blinkten die Zähne im lachenden Munde. Aber auch die Alte hatte den Spott gehört. »Heb's Maul, du gottvergessener Spitzbub!« schnarrte sie und hob grimmig die knöcherne Hand. Da tat der lose Spaßmacher, als fürchte er sich vor der wehrhaften Jungfrau; er duckte sich, wich ins Gebüsch zurück, sprang dann, wie um sich in Sicherheit zu bringen, auf einen Felsblock und winkte von dort aus seinen Gruß.

Eine Enttäuschung war's nun freilich, daß Bärbel nicht daheim war. Aber halt, da fiel ihm etwas ein! »Barbele, Barbele«, rief er dem Mädchen nach »magst etwa Plateniglen?«

Rasch wandte Bärbel den blonden Kopf zurück. »Meintswegen!« antwortete sie und lachte dabei mit dem ganzen Gesichte. Peter sah noch, wie die Alte sie beim Arme faßte und im Weitergehen scharf auf sie einredete. Und er konnte sich's schon denken, was sie sagte. Na, jetzt erst recht! Wenn die zwei ungleichen Kirchgängerinnen zurückkämen, dann wollte er hier stehen, gerade hier, und der Bärbel ein schmuckes, wohlriechendes Sträußlein reichen, der bärtigen Alten zum Trotze.

Und er wußte schon, wo die schönsten Plateniglen waren, und er hatte sie schon einmal geholt. Just vor einem Jahre war es gewesen. Da hatte er dem schwarzäugigen Leimgruber-Moidele einen Strauß davon gebracht und ihr lachend erzählt, wie er zu den launischen Blümlein gekommen war, die sich am liebsten dort einnisten, wohin des Menschen Fuß nicht klimmt und des Menschen Hand nicht reicht. Das Moidele war seither in Jammer und Schande gekommen und aus dem Tale geflohen und nun, da sie ihm aus den Augen war, scherte er sich keinen Pfifferling mehr um sie. Heuer sollte die blonde Barbel seine Blumen haben, ja, seine Blumen, um die kein anderer wußte und die kein anderer erreichen konnte als nur er, der schneidige Laubacher Peter! –

In tollen Sprüngen ging's hinab zum Hofe. Bald hatte Peter, was er brauchte, zwei lange, sehr starke Stricke. Erdseil nennt der Bergbauer solch einen Strick, denn er dient ihm dazu, in kleinen Karren die abgeschwemmte Erde auf seine steilen Äcker hinaufzubringen. Peter warf die Stricke über die Schulter und eilte bergab.

Unterm Laubacherhof rauschte der Bach dahin zwischen steilen Waldbergen, und etwa ein Viertelstündchen talaufwärts stieg am nördlichen Bachufer eine senkrechte Felswand empor. Zu beiden Seiten der Wand fielen steile Rasenplätze ab, von kümmerlichem Gestrüppe unterbrochen. Auf jenen Hängen hatte Peter zuweilen als kleiner Bub Geißen gehütet und sich in die graue schaurige Tiefe verschaut, die leicht so hoch war wie ein paar Kirchtürme übereinander. Und einmal im Frühsommer hatte er etwas Seltsames gesehen. Es war, als trüge die schaurige Wand einen wunderschönen Goldschmuck an der steinernen Brust. Ein Plätzchen war es, ein ganz kleines, und darauf funkelten aus dem saftigen Grün die schönsten gelben Sternlein. O, wie sich der kleine Laubacher-Peter nach diesen Sternlein sehnte! Oft hatte er heimlich versucht, hinüberzukommen, doch immer vergebens. Denn kein noch so schmales Felsband, keine Stufen, keine Griffe boten Zugang zu dem Zaubergärtlein. Aber was dem Büblein nicht geglückt war, das war dem Buben geglückt. Er hatte es freilich auch anders angestellt. Um eine knorrige Föhre, die sich vom höchsten Punkt des Felsens über den Abgrund neigte, hatte er zwei Erdseile geschlungen dieselben, die er jetzt bei sich trug, und dann sich hinabgeschwungen zu den goldenen Blumen. Noch lachte ihm das Herz im Leibe, wenn er des lustigen Wagnisses dachte. Ganz leicht war die Sache nicht gewesen, denn gerade über dem Wundergärtlein sprang der Felsen vor wie ein schützendes Dach. Peter hatte sich wohl eine Weile am Stricke hin- und herschwingen müssen, bis er seinen Fuß auf das so seltsam verschanzte Flecklein Erde setzen konnte. Dann aber hatte er sich's auch wohl sein lassen, hatte mit der einen Hand den Strick festgehalten und mit der andern Plateniglen gepflückt nach Herzenslust.

Diesmal aber wußte er schon, wie er's zu machen hätte, diesmal war's nur ein Spaziergang auf wohlbekanntem Wege.

Auf seine Stricke konnte er sich verlassen, die konnten Zentnergewichte tragen. Auf die Föhre auch, die hatte gutes, starkes Holz.

Nun stand er am Felsen droben. Glockenklang aus der Ferne! War es die Predigt, die begann? Hoffentlich machte es der Prediger nicht zu kurz, damit Peter bei Bärbels Heimkehr richtig am Platze wäre. Noch ein Jodler aus luftiger Höhe!

»Mier lustig, mier ledig,
Mier gehn in ka Predigt,
Mier gehn in kan Amt
Und wern decht nit verdammt!«

Und dann streifte der Bursche die Schuhe von den Füßen, faßte den Strick mit beiden Händen und schwang sich über den Felsenrand.

Bald hatte er sein Ziel vor sich. Etwa zehn Meter tief unter der Föhre lachten die goldenen Blumen in ihrer Felsenburg. Schöner und größer noch dünkten sie ihm als im vorigen Jahre.

Langsam begann er sich am Stricke zu schwingen, den überhängenden Felsen jedes Mal mit der Hand leise von sich stoßend. Und so oft ihn die Schwingung an den Felsen wieder heranbrachte, streckte er den Fuß aus und suchte auf dem schmalen Erdstreifen Halt zu gewinnen. Aber es wollte nicht glücken. Das vorige Mal war es ihm rascher gelungen.

Eine stärkere Schwingung, ein neuer Versuch. Einen Augenblick lang ruht sein Fuß auf dem Erdstreifen. Aber er kann sich nicht festhalten, er schwebt wieder in der Luft.

»Höllteufel!« kommt's dem Enttäuschten über die Lippen.

Da rieselt etwas von oben nieder. Etwas wie Sand. oder Erde. Was ist das? Was gibt's? Geht droben jemand an der Föhre vorbei? Kaum wahrscheinlich. Peter will eine neue Schwingung versuchen. Doch nun wird das Geriesel stärker. Ihm fährt es kalt durch die Glieder. Er fühlt, daß der Strick weicht und nachgibt. Nicht viel, vielleicht nur ein paar Zoll. Aber unheimlich überkommt den Hängenden, als sei der Strick etwas Dehnbares geworden, das sich sträubt, sein Gewicht zu tragen.

»Die Föhre wird doch nicht+...?« Kaum wagt er es zu denken.

Und wieder sinkt er tiefer, so daß er den Felsenvorsprung nicht mehr greifen kann. Und wieder rieselt es von oben herab, leise und doch stetig.

Jetzt endlich wird's ihm klar! Er meint, sein Blut werde zu Eis gerinnen. Nicht an den Stricken fehlt es und nicht an der Föhre, aber der Boden, worin der Baum wurzelt, die überhängende Scholle, beginnt sich zu lockern unter dem Gewichte des Körpers, der am Baume hängt. Und nun fällt Scholle um Scholle nieder, und endlich muß der Augenblick kommen, wo der entwurzelte Baum in die Tiefe stürzt. O ja, Peter weiß jetzt, wie es steht!

Gerade vor ihm lachen und leuchten die lustigen goldenen Blumen. Er schließt die Augen, um sie nicht mehr zu sehen, die kleinen Verführerinnen. Aber selbst durch die geschlossenen Lider sieht er sie noch, die blinkenden Sternlein, unerreichbar für Menschenhand wie die Sterne am Himmel. Weh dem, der nach ihnen greifen will!

Er reißt die Augen wieder auf. Aber nun sieht er die Blumen schon nicht mehr. Nun ist er wieder tiefer gesunken und nur die dunkle Felswand starrt ihn an. Von oben rieselt es weiter. Steinchen und Erdschollen fallen auf seine Schultern nieder. Und er wagt nicht, hinaufzuschauen, denn wenn ihm die Erde in die Augen fällt, ist er verloren.

Verloren? Als ob er's nicht schon wäre! Mehr und mehr fühlt er sich sinken, langsam, allmählich, je nachdem ob droben Wurzel um Wurzel sich lockert und der Baum sich tiefer über den Abgrund neigt. Bald wird sein Strick die letzte Wurzel aus dem bröckelnden Erdreich reißen und dann+...

Ihm rauschen und klingen die Ohren. Wie Glockenklang ist es. Doch das ist nur Täuschung. In dieser furchtbaren Schlucht ist nichts zu hören als die Stimme des Baches in der Tiefe.

Aber den Bach hört er nicht, nur die Glocken. Dieselben Glocken, die er droben an der Föhre gehört hat, ehe er sich über den Felsrand schwang. Nein, nicht alle Glocken, nur eine! Hohl und wehmütig ist ihr Ton. Das ist das Totenglöcklein für den Laubacher Peter!

Ja, er muß sterben! Für ihn gibt's keine Rettung. Selbst wenn jemand – unwahrscheinlich genug – durch die einsame Waldschlucht schritte und den Hängenden droben im Geschroffe sähe, selbst dann nicht. Es fehlt die Zeit, um ihm zu helfen. Ein paar Minuten noch, und er liegt drunten am Grunde der Schlucht, ein blutiger, unförmiger Klumpen, den die eigene Mutter nicht mehr erkennen wird.

Und ist das alles? Ist das das letzte für ihn, dieses zerschmetternde Anprallen da drunten?

Peter weiß, daß es nicht das letzte ist!

»Los' gut auf bei der Höllenpredigt«, hat er der Mutter gesagt. Noch nicht zwei Stunden sind's her, und nun ist er es, der die Höllenpredigt hört. Am Seile über dem Abgrund hängend hört er sie, und der Prediger ist sein eigenes, angstvoll hämmerndes Herz.

Ihm ist's, als sei alles nur ein Traum. Die Mutter mit dem welken, sorgenvollen Gesichte und das Mädchen mit den lachenden, lockenden Augen. Ein Traum das frohe Wandern durch den Bergwald mit der Büchse auf dem Rücken, und das Singen und Jodeln von Fels zu Fels. Ein Traum der Laubacherhof mit der freundlichen Erkerstube und die Äcker darunter mit ihrem grünen Gewoge. Ein Traum die lustigen, lauten Nachtstunden mit den Zechkumpanen und die Zitherklänge und der wirbelnde, polternde Tanz zur Fastnachtszeit – alles ein Traum! Und nur eine Wirklichkeit sieht er; das große, unbekannte Jenseits!

Unbekannt? O nein! Er weiß, was seiner harrt. Drüben gibt's nur ja und nein, nur Himmel und Hölle. Und für den Himmel ist er nicht gerüstet!

Und nun zerteilt sich der traumhafte Nebel, der sein Vergangenes bedeckt, und in scharfen Umrissen sieht er sein Leben. Die Kinderjahre zuerst mit all dem kleinen Trotz und Zorn und Ungehorsam+... ach, wenn's nur das wäre, was auf ihm lastet! Aber später dann hat die Sünde seine Seele eingehüllt wie mit einem Mantel von Blei. Sünde nicht nur im Wirtshause und beim Winkeltanze, nein, auch zu Hause und bei der Arbeit! Sünde nicht nur mit den Genossen, nein auch Sünde an der Unschuld! Sünde in der Kirche, wo er mit frechem Lachen umherblickte nach allen schönen Mädchen! Sünde selbst im Beichtstuhl, denn bei seiner Osterbeichte war's ihm nie mehr ernst gewesen, o, schon seit Jahren nicht mehr! Und nach der Beichte hat er mit lachendem Munde weitergesündigt wie einer, der zu Gott spricht: »Behalte du deinen Himmel; die Erde genügt mir!«

Nun aber weicht die Erde von ihm zurück, Scholle um Scholle, und was unter ihm wartet, ist nicht Erde und nicht Luft und nicht Wasser, es ist Feuer!

Doch noch ist's Zeit, sich vor dem Feuer zu bewahren. Ein Akt der Reue, und alles ist wieder gut. So hat er's einst in der Schule gehört und hat es gar wohl im Gedächtnisse behalten. Wenn je sich sein Gewissen rühren wollte, dann hat er's damit beschwichtigt. »Ein bissel Reue in der letzten Stunde, und dem Teufel ist sein Spiel verdorben!«

Und nun versucht er's. Mit beiden Händen an den Strick geklammert, der ihn allein noch am Leben festhält, versucht er sein Reuegebet. Aber alles an ihm ist körperlicher Schmerz und Seelenqual und wildes Aufbäumen des jungen Lebens gegen den gewaltsamen Tod. Sein Kopf hämmert und glüht wie in zehrendem Fieber; seine aufgereckten Arme schmerzen, als hänge er an einer Folter. Seine Kehle ist ausgetrocknet vor Keuchen, sein Herz vergeht in Todesangst. »Mein Gott, es tut mir vom Herzen leid+...« Immer wieder spricht er diese Worte und weiß dabei doch kaum, was er sagt. Keine Liebe zu Gott, kein Abscheu vor der Sünde ist in ihm, nur die Furcht vor dem Tode und die tausendmal schrecklichere Furcht vor dem Feuer.

O Reue, Reue, große Retterin in letzter Stunde, wo bist du? Der Elende, der über zwei Abgründen hängt, schreit nach dir, und du kommst nicht, ihn in deine Arme zu schließen und ihn hinüberzutragen in die Ewigkeit? Ach Gott, es geht nicht! Die Reue ist ein Wunderwerk, das der menschliche Wille, gestützt auf Gottes Gnade, vollbringt. Doch die Gnade zieht sich zurück von dem, der sie verachtet hat, und der Wille ist schwach, wenn das arme Fleisch mit dem Tode ringt.

Peter kann nicht mehr. Ihm ist, als seien seine Hände starr, starr und tot! Hält er den Strick noch fest? Hängt er noch daran? Ist er nicht schon hinabgestürzt? Lebt er noch? Er kann nicht mehr denken. Alles ist dunkel um ihn her. Und unter ihm brennt das Feuer, das nicht mehr erlischt! Nichts ist mehr in ihm als Schrecken vor dem nahenden Richter. Und Schrecken ist keine Reue! Soll er den Strick nicht fahren lassen? Ein paar Augenblicke früher in der Hölle drunten, das ist alles+...

Da blitzt es in seiner Seele auf wie ein Rettungsstern. »Heilige Maria, Muttergottes!« flüstert er. Mit höchster Anstrengung hat er's gesagt. Ihm war dabei, als halte ihm jemand die Kehle zu. Aber gesagt hat er's. Und jetzt hat er wieder Mut. Mit dem Namen der Heiligsten auf den Lippen ist noch niemand zur Hölle gefahren+...

Und nun will er ein Letztes versuchen. Er will sich am Stricke emporziehen. Das kann seinen Sturz beschleunigen, aber es ist doch die letzte Hoffnung, die ihm bleibt. Eine furchtbare Anstrengung kostet es ihm, sich mit seinen zitternden Händen hinaufzuraffen, doch mit der Anstrengung kehrt die Kraft zurück. Das Rieseln von oben hat aufgehört, der Strick weicht nicht mehr. Im Entwurzeln der Föhre ist vielleicht ein Stillstand eingetreten. Für den Augenblick wenigstens. Also vorwärts!

Langsam geht es am Stricke aufwärts. Bei jedem Anziehen, bei jeder Schwingung neues Zagen. »Muttergottes, hilf mir! Du hast noch keinen verlassen!+...« Aufwärts, immer aufwärts! »Muttergottes, halt' mich, zieh' mich, steh mir bei!«

Jetzt ist er ein Stück weiter droben. Einige Meter über dem schlimmen Zaubergärtlein schwebt er schon. Vorsichtig hebt er den Kopf. Mit halbgeschlossenen Lidern, um die Augen vor dem herabfallenden Erdstaub zu schützen, späht er nach oben. Und sieht das Schreckliche! Tief ausgehöhlt ist der Rand des Felsens. Das Heidekraut, das früher am Boden unterm Baume hinkroch, hängt in langen, wirren Strängen nieder. Und frei über dem Abgrunde, die starren Nadeläste nach unten gekehrt, schwebt die Föhre, um deren Stamm sein Strick geschlungen ist. Nackt und bloß streckt sie ihre Hauptwurzel in die Luft. Nur noch mit einigen Fasern klammert sie sich an die bröckelnde Erde. »Heilige Muttergottes, grad jetzt noch hilf mir!«

Er hat den Baum erreicht. Die Föhrennadeln streifen sein Gesicht. Er greift ins Geäste, schwingt sich hinein. Ein heftiges Zittern geht durch den Baum, als wolle er die Bürde abschütteln; große Erdschollen prasseln in die Tiefe. Es ist ein Augenblick höchster Gefahr. Aber doch ein Augenblick nur! Peter ringt sich am Stamm empor, dann faßt er blitzschnell das überhängende Heidekraut. Noch eine letzte Anstrengung und er kniet droben am Rande. »Muttergottes, du hast geholfen!«

Die blonde Weber-Barbel wartet diesen Abend vergebens auf den schneidigen Burschen vom Laubacherhofe und seine Plateniglen. Die Plateniglen blühten und dufteten ruhig weiter in ihrem Felsengärtlein, der Bursche aber kniete in seiner Schlafkammer, die zerschundenen, geschwollenen Hände gefaltet, und betete: »Mein Gott, es tut mir von Herzen leid!« wie er's als Schulbüblein gelernt hatte.

Und jetzt kam ihm das Reuegebet aus tiefstem Herzen!

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