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Früchte der Heimat

Maria Buol: Früchte der Heimat - Kapitel 7
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleFrüchte der Heimat
publisherBernina-Verlag
year1948
editorMaria Veronika Rubatscher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171112
projectid9716fc6e
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Die Fünfzigste

Es war gegen Kriegsende 1918. Ein einfach aber ordentlich gekleidetes Fräulein stieg langsam einen steilen Hang hinan, tief drinnen in einem Hochtal der Brennergegend. Da droben, hatte man ihr gesagt, hause ein wohlhabender Bauer, der vielleicht etwas Lebensmittel feil hätte. Ja, vielleicht+...! Aber was tat man damals nicht für ein Vielleicht.

Nach vielem Keuchen, Rasten und Innehalten war sie endlich am Ziele. Vor ihr stand ein Haus mit steinernem Unterbau und Wänden aus dunklem Holze. An dem hölzernen Brunnentroge, etwas abseits vom Hause, führte ein Russe das Vieh zur Tränke, und unter der Haustüre stand ein stattlicher Mann mit grauen Haaren und Bartstoppeln, der dem Russen ein paar Weisungen zurief.

Bescheiden wartete die Besucherin, bis er ausgeredet hatte; dann trat sie näher und fragte, ob er der Bauer wäre.

Er bejahte. Er mochte wohl auf den ersten Blick erraten, was die Städterin wolle. Sein scharfes Auge maß sie vom Kopf bis zu den Füßen, aber nicht ohne Wohlwollen. Er hatte wohl schon andere Städterinnen gesehen, Frauen, mit Schmuck behängen, und Fräuleins in frech ausgeschnittenen Dirndlleibchen. »Was möchtest denn?« fragte er nach kurzem Überlegen.

Das klang ermutigend. Ob er nicht etwas Fett zu verkaufen habe, fragte die Städterin, Speck oder Butter, nur ein wenig, ein ganz klein wenig.

Bedächtig nahm der Bauer die Pfeife aus dem Munde. Aus seiner Stimme klang es wie verhaltenes Lachen. »Ja, mein gut's Mensch, du bist grad die Fünfzigste, die um Butter kommt!«

Das war freilich eine niederschmetternde Kunde für die Arme. Sie hörte nun kaum mehr, was der Mann noch hinzufügte, wie er allwöchentlich zehn Kilo Butter stellen müsse, wie seine Russen auch ein bißchen Fett essen wollten, wie die Kühe lang nicht mehr so brav seien wie in der Friedenszeit, wo man sie noch mit Kraftfutter versorgen konnte.

Dann aber dachte er ein paar Augenblicke nach und unter seinen buschigen Brauen hervor kam ein guter, ehrlicher Blick und ruhte mitleidig auf der Städterin, der wirklich Not und Hunger aus den Augen schaute. »Mit fünfzehn Deka Butter wollt' dir halt nicht geholfen sein«, meinte er zögernd.

Das gramvolle Gesicht des Fräuleins hellte sich auf. »Was, nicht geholfen, meinst du? Wo ich allwöchentlich nur zwei Deka bekomme? Bauer ich zahl' dir was du willst.«

Er schüttelte den Kopf. »Wenn ich nicht sehen tät', daß du's brauchst, tät' ich dir gar nichts geben; aber ich seh, du brauchst's, und ich nimm nicht mehr als den Höchstpreis.« Dann führte er das Fräulein in seine Vorratskammer, die freilich nicht so wohl gespickt war, als sie wohl denken mochte, wog die fünfzehn Deka heraus, gab noch ein bißchen Mehrgewicht dazu und nahm dann schweigend die Vergeltsgott der Hungernden entgegen.

»An deinen Kindern soll's dir Gott lohnen!« ruft sie ihm zum Abschied noch zu.

Er aber gibt fast rauh zurück: »Kinder hab' ich keine!«

Und drunten im Kirchdorfe erfährt sie, der Bauer sei Witwer und habe seine beiden Söhne im Krieg verloren.

*

Jahre vergehen. Der Krieg ist zu Ende, die grausame Blockade hat aufgehört, Lebensmittel rollen an, in den Städten bietet man auf den Märkten und in Geschäften Eßwaren zum Verkaufe. Die Reichen, die Gedankenlosen beginnen zu jubeln; sie tafeln und prassen ärger als je. Andere aber denken anders. Jetzt, wo das Alltagsleben in ruhigere Bahnen einlenkt, jetzt gilt es zu heilen, was der Krieg an der Volksseele verdorben hat; es gilt, die verwilderte Jugend zu sammeln, es gilt, die vielen, die der Krieg der Kirche entfremdet hat, ihr wieder zuzuführen durch stilles, eifriges, aufopferndes Laienapostolat. Da sind es besonders die Frauen, die mutig eingreifen, darunter auch das bescheidene Fräulein, das damals als die Fünfzigste an Tür und Herz des reichen Bauern pochte.

Und einst geschieht es, daß ihr frommes Wirken sie wieder in jenes Hochtal führt. Und sie kann sich's nicht versagen, den Mann zu besuchen, der ihr in jener Zeit der Not so freundlich begegnet ist.

Leichteren Schrittes als damals steigt sie zu seinem Berghofe hinan. Ist das aber auch wirklich dasselbe alte, braune, düstere Haus, das sie vor Jahren gesehen hat? Aus dem Söller und an den Fenstern lachen Blumen, und aus dem schmalen ebenen Plätzchen vor dem Hause liegt Linnen auf der Bleiche, wohl das Ergebnis des Winterfleißes emsiger Frauenhände. Auf der Hausbank aber sitzt ein grauer Mann und läßt ein rotbackiges Büblein Hottareita machen. Dabei neckt er es mit einer Klapper, die er ihm bald entzieht, bald wieder hinreicht. So ganz vertieft ist er in dieses harmlose Spiel, daß er die Besucherin erst bemerkt, wie sie schon vor ihm steht.

»Grüß Gott, Bauer! Kennst mich noch? fragt sie.

Einen Augenblick besinnt er sich. Dann kommt ihm die Erinnerung. »Ah ja+... wart ein bissel+... mir scheint+...«

»Ist das Bübel da von dir?« fragt sie weiter.

»Sell wohl!« Mit dem ganzen Gesichte lacht er jetzt. Bald nach dem Kriege habe er eine zweite Ehe geschlossen. Und ein braves Weib habe er, fromm und fleißig, o ja, da fehle nichts. Und auch zwei Kinderlein habe er, das Knechtlein da und drin in der Wiege auch ein Dirndlein. Helle Zufriedenheit strahlt ihm aus den Augen.

»So hat mich der Herrgott doch erhört«, meint die Städterin. »Weißt noch, Bauer? Damals hab' ich gesagt, an deinen Kindern sollt' er dir deine Gütigkeit lohnen!«

Er nickt: er erinnert sich an das Wort, das ihm damals fast weh getan hat.

»Bauer«, fährt sie fort, »ich hab' seither recht oft von dir gesprochen. Ja freilich, so oft mir ein Städter über die Bauern geschimpft hat, wie wenn sie alle nur Wucherer wären, da hab' ich ihm von dir erzählt, und dann ist er gleich still geworden.«

Schmunzelnd schüttelt der Bauer den Kopf. »Geh, geh, wegen dem bissel Butter+...!« Er meint wohl, es sei nicht der Mühe wert, so viel Aufhebens davon zu machen.

»Für mich war's in jener Zeit eine große Wohltat«, sagt sie. »Und du weißt ja, ich bin damals die Fünfzigste gewesen, die zu dir um Lebensmittel gekommen ist, und du bist doch nicht unwillig geworden. Nochmals, Vergeltsgott!«

Die »Fünfzigste« ist eine liebe Bekannte von mir. Als sie mir kürzlich diese kleine Episode erzählte, da dachte ich, wie freundlich sich das Verhältnis zwischen Stadt und Land gestalten würde, wenn alle Bauern so gut und ehrlich wären wie dieser Bauer aus dem Brennertale und alle Städter so bescheiden und dankbar wie die »Fünfzigste«.

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