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Früchte der Heimat

Maria Buol: Früchte der Heimat - Kapitel 6
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleFrüchte der Heimat
publisherBernina-Verlag
year1948
editorMaria Veronika Rubatscher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171112
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Ein Halbliter Milch

»Heut' kann ich Ihnen keine Milch geben, Frau! Heut' mögen Sie nur wieder gehn!«

Ohne von ihrer Arbeit aufzublicken, hatte es die Ameserin gesagt. Eifrig zupften die flinken Finger an den Bohnenschoten, die sie von den Stauden riß und in ihrer Schürze sammelte. Sie hatte jetzt einmal nicht Zeit, sich um die kleine, blasse Stadtfrau zu bemühen, die mit ihrem blauen Milchkännchen vor ihr stand.

Nein, sie hatte keine Zeit! Die Ameserin führte nicht umsonst ihren Hofnamen: eine richtige Ameise war sie. Freilich, wenn man sie gefragt hätte, für wen sie sich plage und abmühe Tag für Tag? Nun sie hätte wahrscheinlich erwidert, eine brave Bäuerin müsse auf Grund und Boden schauen, weiter nichts.

Zuweilen stieg ihr doch selber die schmerzliche Frage auf: Für wen? für wen? Und dann fiel es ihr schwer aufs Herz, daß sie kein Kind hatte.

Sie hatte wohl eines gehabt, ein süßes blondes. Aber das war ein Engel geworden, und darüber waren nun volle vier Jahre vergangen. Wenn der Hansel noch lebte, wäre er jetzt schon das größte Büblein mit Höslein. Aber so mochte sich die Ameserin den Kleinen gar nicht vorstellen; immer sah sie ihn vor sich, wie sie ihn zuletzt gesehen hatte, als ein reizendes Püppchen mit einem Blumenkranz in den blonden Löcklein und einem Kreuze in den wachsbleichen Fingerchen. Und als man dies liebliche Geschöpf in den kleinen Sarg legte, war ihr zu Mute gewesen, als werde ihr Herz mit ihm begraben.

Ein paar Tage lang war sie ganz traurig gewesen; doch als sie am Sonntag nachher den Gottesdienst besuchte, war ihr plötzlich Trost gekommen. Da glitt ihr Blick wie von ungefähr über die Muttergottes hin, die man bei den Prozessionen umtrug und sieh', das Kindlein in ihren Armen war ja das richtige Konterfei ihres Hansel! Früher hatte sie das nie so bemerkt, von jener Zeit an aber betrat sie ihre Pfarrkirche nie mehr, ohne gleich einen seligen Liebesblick auf das Jesulein zu werfen. Und leise, ganz leise flehte sie es an, es möge ihr doch einen Ersatz senden für den heimgegangenen Engel.

Dann aber riß ihr der böse Krieg den Gatten von der Seite und kurze Zeit nachher war er in russischer Gefangenschaft. Es war eine schwere Prüfung für das junge Weib, aber sie hielt tapfer aus. Kein Hauch trübte den reinen Spiegel ihrer Frauenehre, keine böse Zunge durfte sich an sie wagen. Sie hatte dem scheidenden Manne versprochen, Haus und Hof in Ordnung zu halten, und sie tat es auch. Freilich mußte sie früh und spät tüchtig schanzen. Es ist nichts Kleines, ein Anwesen zu bewirtschaften, noch dazu in der Nähe der Stadt, wenn Knechte und Mägde Firlefanz und Unterhaltung im Kopfe haben. Und nun erst im Kriege, wo die tüchtigsten an die Front mußten, und nur die Schwachen und Alten daheim blieben! Und dabei keine Hilfe von außen, nur täglich neue Schwierigkeiten, die sich ins Riesenhafte türmten! Kartoffel, Gerste, Weizen mußte billig abgeliefert werden: da fragte man nicht, wie viel der Bauer für den eigenen Haushalt brauche. Und was man so zu Friedenspreisen zwangsweise verkauft hatte, mußte man später zu Kriegs- und Wucherpreisen zurückkaufen und bekam obendrein noch schlechte Ware. Der Franz aber, der alte Knecht am Ameserhofe, der sonntags fleißig seine Zeitung las, wußte zu erzählen, wie in den Blättern aus Leibeskräften über die Bauern losgezogen werde, als trügen sie, ja sie allein die Schuld an all dem Hunger in den Städten.

Eines Tages traf es sich, daß die Stallmagd krank war. Da machte die Ameserin nicht viel Umstände und zog selber mit ihrem Milchwägelchen in die Stadt. Dort hatte der Ameserhof noch einige Kunden von der Friedenszeit her, die man auch jetzt, trotz der harten Ablieferung, nicht im Stiche lassen wollte. Dabei hielt man sich ängstlich an die Höchstpreise. Es schaute freilich nichts heraus bei solchem Verkaufe, aber die Ameserin wollte durchaus mit den Behörden nichts zu schaffen haben. Mit Schrecken dachte sie an ihren Nachbar, den alten Gatterlebauer, der ein so braver, ehrenfester Mann war, und doch hatte man ihn ins Loch gesteckt, weil er einmal die Kartoffeln um zwölf statt um neun Heller verkauft hatte. »Nein«, dachte die Ameser Gedel »so etwas soll mir nicht geschehen!« Aber während sie mit ihrem Wägelchen durch die breiten Straßen fuhr, war es ihr herb und bitter zumute, nicht gerade wegen der Heller und Kronen, sondern weil die Herren in der Stadt, die gemächlich in den warmen Schreibstuben saßen, so gar kein Herz hatten für das arme Bauernvolk.

Als die Ameserin ihre Milch verkauft hatte und ihr leeres Wägelchen vor sich herschiebend, den Heimweg antrat, kreuzten zwei junge, fesche Herren die Straße. Kerngesund und wohlgenährt sahen sie aus und jeder hielt vergnügt seinen Glimmstengel im Munde. Die zählten wohl zu den vielen Herz- und Nervenleidenden, die ja in hellen Haufen in den Militärkanzleien saßen!

Hart an der Bäuerin vorbei schritten die beiden und flugs warf der eine dem jungen Weibe ein häßliches Wort vor den Kopf.

Glühend vor verhaltenem Zorn schob Gedel den Wagen eilends vorwärts, um den Spöttern zu entkommen; sie aber lachten hinter ihr her. Es war ein wüstes, böses Lachen. »Na, schöne Frau, sind Sie wohl recht satt?« rief der eine. Und der andere: »Na, Milchbäuerin, hat man tüchtig gewuchert?«

Diese Worte, dieses Lachen brachte Gedel nicht mehr aus dem Sinne. Seit jenem Tage haßte sie die Städter. Was sie zwangsweise abliefern mußte, das lieferte sie pünktlich ab, sonst aber nichts mehr. Der Milchwagen vom Ameserhofe war zum letzten Male in der Stadt gewesen. Kamen dann Städter hinaus zu ihr, Herren mit Ringen an den Fingern oder Damen mit Tüllhälsen, oder gar Fräuleins im Dirndlkostüm, dann wies sie ihnen rauh die Tür; das bißchen Zeug brauche sie schon selber, und man ziehe dem Bauer ja ohnehin das Fell über die Ohren. Später aber kam eine Zeit, wo sich die ungebetenen Besucher nicht mehr abweisen ließen: »Wir fragen nicht, was es kostet«, hieß es. Dann endlich gab die Ameserin nach, aber sie machte die Leute zahlen, daß ihnen die Rippen krachten. Die Städter hatten sie aus offener Straße als Wucherin verhöhnt, gut, sie sollten's haben! Und nach und nach gewöhnte sie sich an solche Geschäfte und fand es ganz schön, wenn man für das Kilo Butter fünfzig Kronen erhielt und zwei Kronen für ein Ei; denn was man bei der Zwangsablieferung verlor, brachte man auf solche Weise wieder herein. Warum auch sollten sie nicht zahlen, die Stadtler, die faulen Prasser?

Faul und prasserisch sah sie nun freilich nicht aus, die kleine Frau, die Gedel eben abgewiesen hatte. Eines kleinen städtischen Beamtens Frau war sie, mit einem vollen Dutzend Kinder gesegnet. Das älteste studierte, um Lehrer zu werden, das jüngste war erst ein Jahr alt. O, wie müde und abgehetzt war sie doch, die arme Mutter! Wie viel gab es zu waschen und zu flicken, zu laufen und zu warten, bis das Notwendigste für eine so große Familie beisammen war! Und dann noch dreimal die Woche der weite Weg auf den Ameserhof hinaus, wo man für Geld und gute Worte einen Halbliter Magermilch erhielt! Aber was tut man nicht für ein liebes Kleines.

Nicht zum ersten Male war es der blassen Frau geschehen, daß man ihr ein rauhes Nein sagte. Am Ameserhofe konnte man sich's wohl nicht denken, was Hunger sei. Und nun gar ein Kindlein, ein eigenes, darben und hinwelken sehen wie ein verschmachtendes Blümlein am Wegrande! Aber freilich, die stolze, schmucke Ameserin hatte keine Kinder, die wußte nicht, was es Liebes sei um solch ein Geschöpfchen!

So dachte die Stadtfrau. Sie ahnte nicht, daß die Ameserin heimlich um einen toten Liebling weinte; sonst hätte sie um dieses Engels willen gebeten und es wäre sicher keine Fehlbitte gewesen. Nun aber fragte sie ganz verschüchtert, als bitte sie um ein Almosen: »Wann darf ich denn wiederkommen, Bäuerin?«

Die Ameserin besann sich. Dabei zupfte sie emsig an ihren Bohnen weiter. »Warten Sie+... morgen etwa?+...Ja, was ist denn morgen? Sonntag? Also gut, kommen sie halt morgen in der Früh. Sagen wir um acht Uhr; da bin ich jedenfalls vom Kirchen zurück. Dann richte ich Ihnen einen Halbliter Milch. Aber halt nur Magermilch, verstehen Sie?« Ein herber Zug legte sich um ihren Mund. »Ich muß ja amerst so viel in die Stadt abliefern«.

»O, ich bin schon mit der Magermilch auch zufrieden«, versicherte das Stadtfrauchen demütig. »Ich geb halt ein bisserl Zucker dazu, nachdem schmeckt's dem Mauserl schon!«

»Tun Sie von mir aus, was Sie wollen«, sagte Gedel trocken. Ob es dem »Mauserl« schmecke oder nicht, war ihr einerlei.

*

»Bäuerin, tiat nit derschrecken!« Mit dieser Mahnung war Franz, rascher als man es von seinen sechzig Jahren erwarten konnte, in die Stube getreten.

Aber Gedel befolgte die Mahnung nicht; sie fuhr ordentlich zusammen und preßte sich die Hand aufs Herz.

»Der Bauer ist kemmen!« Das war das nächste, was der alte Knecht halb schluchzend, halb lachend hervorstieß. Er war von seinen jungen Jahren an am Ameserhofe gewesen und hatte für den Ameserbauer schier väterliche Gefühle.

Gedel meinte nun wirklich, der Puls müsse ihr stillestehen. Doch sie hatte ein gesundes Herz und starke Nerven, und so ging die erste Wallung überwältigender Freude rasch vorüber. »Wo? wo ist er?« rief sie und wollte hinaus, doch ihre Knie zitterten. Was Franz noch vorbrachte, hörte sie kaum, faßte es kaum. Er sei eben in der Holzlege gewesen, als plötzlich der Heimkehrer vor ihm stand wie ein Geist. Warum Franz so überrascht sei, fragte er; er habe doch zweimal geschrieben, um seine Ankunft zu melden, einmal von der russischen Grenze aus, einmal aus Wien; er begreife nicht, daß man nichts erhalten habe. Nun scheue er sich, so vor sein Weib zu treten. »Es könnt' ihr schlecht werden«, fürchtete er. Und so war denn Franz ausgesandt worden, um der Bäuerin die frohe Nachricht zu bringen. Weiß Gott, das hatte er gerne getan!

Und nun, es war kein Traum! – er stand auf der Schwelle! Er trat auf sie zu, sie lag in seinen Armen!

War doch das ein Wiedersehen! Die beiden konnten sich vor Freude kaum fassen, sie fanden kaum Worte. Umso gesprächiger war Franz, der nicht müde wurde, dem Bauer seine Bäuerin zu loben. Die sei nicht wie so viele andere, die sich über die Abwesenheit des Mannes freuten und vor seiner Heimkehr zitterten. Der Bauer könne Gott nicht genug danken für ein solches Weib, das an nichts denke als Grund und Boden zu bewirtschaften und im Hause Ordnung zu halten. Und dem Heimkehrer klangen diese Reden wie Musik; er war stolz auf sein Weib. Sie war nicht gealtert in so langer Zeit, nein, fast schöner noch und blühender war sie geworden: er konnte sich gar nicht sattsehen an ihr.

Am folgenden Morgen, als die Glocken zum Gottesdienste riefen, rüstete sich auch das glückliche Paar vom Ameserhofe zum Kirchgange. Gedel hatte ihr Schönstes angezogen und sah gar schmuck aus. Den goldgestickten Inntaler Hut trug sie auf den aschblonden Flechten, eine Korallenschnur um den gebräunten Hals, eine Schürze aus blaßgelber Seide über dem dunklen Tuchrocke. O wie schön, wie beglückend war dieser erste gemeinsame Kirchgang nach so langer Trennung! Viel Jammer gibt es freilich auf Erden, aber dann kommen doch auch Augenblicke, wo das Menschenherz schier zerspringen möchte vor Wonne.

»Bäuerin, komm' ich wohl nicht zu spät?« murmelte mit einem Male ein atemloses Stimmchen. Und vor dem glücklichen Paare stand das kleine, blasse Stadtfrauchen mit dem blauen Milchkübelchen.

Gedel zuckte zusammen. O freilich, das Frauchen und das »Mauserl« und den Halbliter Magermilch, alles hatte sie vergessen in diesen ersten berauschenden Stunden der Freude! Wer konnte ihr das verargen? Das Frauchen hätte es ihr sicher nicht verargt: Gedel hätte ihr nur alles sagen müssen, hätte nur die paar Schritte umkehren müssen und ihr Kübelchen füllen. Aber sie hatte sonst in ihrem Haushalte nie etwas vergessen, auch das Geringste nicht, und sie mochte ihre Vergeßlichkeit niemand eingestehen, weder dieser Fremden noch ihrem Manne und am wenigsten sich selber. Heiß stieg ihr der Ärger zu Kopfe und färbte ihre Wangen.

»Ich hab keine Milch! Warum kommen Sie denn alleweil her, mich sekkieren?« fuhr sie das Frauchen an. Und als die ihr schüchtern antworten wollte, schrie sie ihr noch etwas zu von »faulem Stadtvolk« und von »müden Hacken« und schoß an ihr vorbei, daß die langen schwarzen Seidenbänder ihres Hutes im Winde flogen.

Der Mann mußte sich nur eilen, ihr zu folgen. Er begriff nicht, was plötzlich über sie gekommen sei, verstand auch nicht, was sie ihm entrüstet klagte, sie habe all die Zeit so viel von dem Stadtgesindel zu leiden gehabt, sie wolle kein Stadtgesicht mehr sehen. »Hast schon recht, Gedel«, suchte er sie zu besänftigen und bat sie, sich doch nicht zu erzürnen. Und als sie hoch und teuer versicherte, sie sei nicht im mindesten zornig, wiederholte er freundlich: »Hast schon recht, Weibele!« Er hätte ihr heute in allem recht geben mögen, so froh war er, sie wieder zu haben.

Nun kamen sie zur Kirche. Weit offen stand die Türe; vom Hochaltare grüßten schon die brennenden Kerzen. Und als das Ameserpaar nun eintrat, gab's ein Schauen, ein Staunen, ein Flüstern. War der Ameser doch der erste im Dorfe, der aus der russischen Gefangenschaft heimkam. Wie etwas Wunderbares starrten die Leute ihn an, und manchem armen Mütterlein wurden die Augen naß, weil der Eine, um den sie bangte, den Heimweg noch nicht gefunden hatte. Doch war niemand in der Kirche, der dem Ameser und seinem Weibe die Freude nicht gönnte. Und das mochten die beiden auch fühlen, denn erhobenen Hauptes wie Leute, die zur Hochzeit gehen, schritten sie durch den Mittelgang der Kirche aus ihren Platz.

Doch wer in diesem Augenblicke dem jungen Weibe ins Herz geguckt hätte, der hätte tief drinnen etwas Unruhiges, Unzufriedenes gefunden wie einen kleinen, dunkeln Flecken. Vor wenigen Augenblicken war das noch nicht gewesen, und was es sei, das hätte sie selber kaum sagen können. War doch alles um sie her so licht und schön, daß es schöner gar nicht mehr sein konnte. Ihr Hoffen erfüllt, ihre Sorge dahin, ihr Liebster heimgekehrt, froh und gesund, während Tausende von Frauen um verschollene Gatten und Söhne bangten. Und ihr Heimkehrer lobte und liebte sie und sie konnte ihm frei und offen ins Gesicht schauen und hatte nichts, worüber sie erröten mußte. Gab es denn auf der weiten Gotteswelt ein Weib, das so gesegnet war wie sie?

So redete sie mit sich selbst. Aber sie hatte gut reden: der dunkle Flecken in ihrem Inneren wurde immer größer, immer breiter. Nun kniete sie in dem Kirchenstuhle, der seit Geschlechtern dem Ameserhofe gehörte; sie stemmte beide Arme fest auf die Bank und ihr Blick wanderte wie immer hinüber zum Jesulein, das auf dem Arme der Prozessionsmuttergottes saß. Ach, dem Jesulein, das ihrem Hänsele glich! oder wie? war es nicht eher das Hänsele, das dem Jesulein ähnlich sah? Denn jedes Neugetaufte ist ein Abbild des Kindes von Bethlehem, und jedes Kind, das im Schmuck des Taufkleides gen Himmel fliegt, wird Jesuleins Spielgenosse. Und so war es wohl kein Frevel, wenn die Ameserin in ihrer wehmutsvollen Mutterliebe ihr eigen Kind an Jesuleins Stelle im Arme der Himmelskönigin sah. Nun aber, während sie des verklärten Lieblings dachte, stieg wider Willen ein blasses, schmächtiges Kindergesichtchen vor ihr auf, ein Gesichtchen, das sie nie gesehen und dessen Anblick sie nun doch nicht los wurde: das »Mauserl« war's, das auf einen Halbliter Milch wartete. Ach, es wartete vergebens! Schon hatte sich die abgehärmte Mutter auf den Heimweg gemacht, schon schritt sie über die staubige Heerstraße der Stadt zu, die leere Milchkanne in der Hand. Den ganzen Vormittag hatte sie darangegeben, ein paar Schluck Milch für ihr Kleines zu erhaschen, und man hatte sie abgewiesen, rauh und stolz, wie eine lästige, unbescheidene Bettlerin. Und das Kind im Arme der Muttergottes schien abwehrend sein rechtes Händchen gegen die Ameserin auszustrecken. »Bist du denn auch eine Mutter? Nein, nein, du hast kein Mutterherz, nein, nein!«

War es das Hänsele, das so sprach, oder war es das Jesulein? Das Jesulein mit dem segnend erhobenen Händchen? O wie oft hatte sich Gedel sehnend und hoffend vor diesem Händchen gebeugt, hatte gefleht, o so inbrünstig, der Himmel möge doch früher oder später den heißen Wunsch ihres Frauenherzens erfüllen! Heut' aber wagte sie keine Bitte mehr. War sie denn würdig, Mutter zu werden?

Sie neigte sich über ihr Gebetbuch, aber sie konnte keinen Buchstaben lesen, kein Wort aussprechen; sie weinte. Das Gloria ging vorüber mit seinem lauten Jubel und das Credo mit seinen ernsten Tönen und die große, erhabene Stille der Wandlung, und immer aufs neue fing Gedel zu weinen an. Die Leute sahen es und meinten, es sei vor Freude; aber ach, vor Freude war es nicht. Über das »Mauserl« weinte Gedel und über das Stadtfrauchen mit dem leeren Kübel und über ihr eigenes Herz. Es war, als hätten unsichtbare Hände mit einem Male einen Schleier weggezogen und als könne sie hineinschauen in die tiefsten Falten ihrer Seele und das war es, was sie weinen machte.

Als der Gottesdienst vorüber war und als draußen aus dem Kirchplatze die Leute herbeikamen, um dem Ameserpaare Glück zu wünschen, da war es, als erwache Gedel aus einem Traume. Und nun wunderte sie sich über ihre Tränen, wunderte sich, daß sie etwas an sich selber zu tadeln gefunden habe, als habe sie nicht ganz gut und recht gehandelt. Etwas Böses in ihr raunte ihr zu, sie möge sich nicht grämen, denn die Person sei wirklich lästig gewesen, vor allem aber solle sie sich's nicht einfallen lassen, ihr nachzulaufen, als habe sie etwas gutzumachen. Doch nur für einen Augenblick hörte Gedel diese böse Stimme: dann gebot sie ihr Schweigen, und nun wurde es ruhig und hell in ihr.

Kaum war das Mittagessen vorbei, so füllte sie eine Literkanne mit schöner, fetter Vollmilch und ohne jemand ein Wort zu sagen, eilte sie der Stadt zu: Sie wußte ja ungefähr, wie das blasse Frauchen heiße und wo sie wohne. Mein Gott, wie staunte das Frauchen, als sie auf heftiges Läuten die Wohnungstüre öffnete und die stattliche Bäuerin vor ihr stand mit freundlichem Gesichte und holder Gabe!

»Seh!« sagte Gedel kurz. Und im Nu war sie wieder weg. Von Bezahlung keine Rede!

Eine Entschuldigung für ihr schlimmes Benehmen am Morgen hatte die Ameserin nicht vorgebracht, aber was sie eben getan hatte, war wohl nichts anderes. Frohgemut ging von nun an das Frauchen wieder hinaus auf den Ameserhof und nie mehr umsonst; immer erhielt sie dort gute Milch und zu den billigsten Preisen. Oft nahm sie nun auch ihr »Mauserl«mit hinaus, ein kleines Ding mit krummen Beinchen, das aber gar lieb lächelte und ganz reizend plapperte und das Herz der Kinderlosen im Sturme erobert hatte.

»Grad ein bissel festere Wanglen sollt's haben«, meinte die Ameserin eines Tages. Und dann fragte sie plötzlich: »Sie, Frau, täten Sie mir das Poppele nit a bissel leihen?«

Das Frauchen schaute ganz verdutzt darein und wußte nicht, was antworten. Die Bäuerin aber meinte, verschenken werde man ein eigenes Kind wohl nicht, selbst wenn man ein Dutzend Kinder habe: ja von einem Dutzend heraus schenke man erst recht nichts. Aber leihen, das wäre etwas anderes; das täte dem »Mauserl« gut und für die Ameserin wäre es eine rechte Freude.

Das Frauchen fand kaum Dankworte genug. Sie wisse nicht, wie sie so viel Glück verdiene; aber froh wären sie freilich, sie und ihr Mann, das Kind für einige Zeit zu versorgen, denn es sei schwächlich und sie fürchteten immer, es nicht aufzubringen, und doch sei es ihnen das liebste von allen, weil es gar so klein und herzig sei. Wenn es ein paar Wochen am Ameserhofe bleiben dürfe, wäre ihnen freilich geholfen.

Die Ameserin widersprach. »In ein paar Wochen derzügl' ich nichts!« Und dann bat sie, und eine leichte Röte huschte über ihr hübsches Gesicht: »Lassen Sie mir's grad so lang, bis mir der Herrgott ein eigenes schickt.«

*

Ein Jahr ist über diesen Handel hinweggegangen. Viel Elend und Jammer ist in dieser Zeit über die gequälte Menschheit gekommen. Am Ameserhofe aber herrscht eitel Freude. Denn in dem Wieglein, das seit Hanseles Tod in der Rumpelkammer stand, weil die betrübte Mutter es nicht ohne Herzweh anschauen konnte, liegt strampelnd und schreiend ein künftiger Hofbauer. Das kleine Stadtmädchen aber, das nun frische, volle Wänglein und keine krummen Beinchen mehr hat, reckt sich froh neben der Wiege auf und guckt auf das Brüderchen, denn für ein Brüderchen hält sie das Neugeborene. Hinter der Kleinen aber steht das Stadtfrauchen, bereit, ihr Jüngstes zurückzuholen. Denn es ist ja nicht geschenkt, nur geliehen. Geliehen bis zu dem Tage, da Gottes Segen in der lieblichen Gestalt eines Kindes am Ameserhofe Einzug hielt!

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