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Früchte der Heimat

Maria Buol: Früchte der Heimat - Kapitel 5
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleFrüchte der Heimat
publisherBernina-Verlag
year1948
editorMaria Veronika Rubatscher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171112
projectid9716fc6e
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Ein Heimatloser

Frostig blies der Gletscherwind von den Tauern her über die Talweite. Den Schneiderhannes fror es bis ins Mark seiner alten Knochen hinein. Dreimal schon hatte er an des Zirnhofers Haustüre geklopft und niemand tat ihm auf. Daß die Tür überhaupt gesperrt war! Beim Zirnhofer wußten sie doch, daß er heute bei ihnen nächtigen würde.

Endlich trat er von der Haustüre weg ans Stubenfenster. Das war hell erleuchtet. Drinnen saß der Zirnhofer und sein junges Weib und zwischen ihnen ein putziges Büblein. Eine gehäufte Schüssel stand vor ihnen; eben hatten sie ihr Tischgebet verrichtet und sich gesetzt. Ja, die hatten's freilich gut, die drei da drinnen; die hatten ihr tägliches Brot und brauchten keinem Menschen Vergeltsgott zu sagen. Und sie wußten, wohin sie gehörten!

Mit der Faust schlug der Hannes jetzt ans Fenster, daß die Scheiben klirrten. Mit leichtem Aufschrei wandte sich die Bäuerin um, dann bedächtiger auch der Bauer. Gleich nachher ging die Haustüre auf.

»Ah, Hannes, du bist's? Hast mich ganz derschreckt!« sagte die Bäuerin.

»Ah, Hannes, du bist's? Hab' gemeint, du willst mir das Fenster einschlagen«, sagte der Bauer.

Mürrisch setzte sich Hannes auf die Ofenbank und streckte seine erstarrten Glieder. »Hab' mich wohl wehren müssen!« knurrte er. »Mir scheint, Zirnhofer, du hast's sauber vergessen, daß es mich heut' bei euch trifft.«

»Könnt' schon sein, daß ich's vergessen hab'«, antwortete der Zirnhofer leichthin. Dann setzte er sich wieder, nahm das Kind aufs Knie und griff nach seinem beinernen Eßlöffel. Den bohrte er tief hinein in das fettglänzende Bachmus und führte ihn, hochgehäuft, dem Kleinen zum Munde.

Ei, wie das mundete, wie sich die dicken Händchen nach der Schüssel streckten, wie das Mündchen sich beim Nahen des großen Löffels weit aufspreizte gleich dem Schnabel eines Nestvögeleins! Und wie der junge Vater lachte und das Kind an sich drückte und es herzte!

»Geh, geh, Jörg, tust den Buben verg'wöhnen!« schalt die Bäuerin. Doch während sie schalt, betrachtete sie Mann und Kind mit strahlenden Blicken. Er war doch ein herzensguter Mensch, ihr Jörg. Keinen Bessern gab es weit und breit!

Aber ein anderer noch sah dem Jörg zu und mit anderen Augen.

Der Schneiderhannes hatte seine Siebzig auf dem Rücken, war also wohl über das Alter hinaus, wo man sich herzen und hegen läßt. Doch beim Anblicke des blonden Kinderköpfchens, das so selig an des Vaters breiter Brust ruhte, zog der Mann auf der Ofenbank drüben die Brauen finster zusammen und seltsame Schatten flogen über sein verwittertes Gesicht.

Der Hannes war ja auch einmal ein Kind gewesen, aber kein Kind wie das Zirnhoferbüblein; keines, auf das eine Mutter stolz ist und das ein froher Vater in die Arme schließt. Seine Mutter war eines armen Flickschneiders unglückliche Tochter; darum nannte man sie die Schneiderliese und ihren Buben den Schneiderhannes. Die Liese war eine Hausiererin geworden. Mit Barchent- und Halbwollstoffen schlechter Art zog sie im Lande umher, und als der Bube heranwuchs, mußte er ihr als Gehilfe dienen. Nach dem Tode der Mutter gab Hannes das Hausieren auf, aber lange genug hatte er es betrieben, um Arbeitlust und Beständigkeit darüber einzubüßen. Bald diente er bei einem Bauer, bald bei einem Fuhrmann, bald bei einem Wirte, bald auch ließ er jeden Dienst bleiben und strolchte im Lande umher. In seiner Heimat ließ er sich fast nie blicken. Und doch hatte er eine Heimat, und wer es bezweifelt hätte, den hätte die politische Behörde von Bruneck eines Bessern belehrt. Sankt Georgen hieß der Ort, der sich rühmte, des Schneiderhannes Geburtsstätte und Heimat zu sein. Es ist ein stattliches Bauerndorf, friedlich und froh, zu beiden Ufern der Ahr gelagert, die hier, breit wie ein Strom, aus dem Tauferertale hervortritt. Ringsum dehnen sich weite, schöne Flächen und grünen Wiesen und wogen Ährenfelder. Und die Ställe sind voll Vieh und die Speicher voll Vorrat. Ach ja, eine schöne Heimat ist es, dieses Sankt Georgen, schön und reich, wie es nicht viele Orte gibt im bergischen Tirolerlande.

Aber was half das dem Hannes? Er hatte nicht viele Verwandte im Dorfe und die wenigen schämten sich, ihn Vetter zu nennen. Und so hatte es ihn immer wieder in die Fremde hinausgetrieben. War er aber da und dort in die Heimat zurückgekehrt – nicht selten war es per »Schub« geschehen –, dann hatte er immer viel Mühe gehabt, Arbeit und Obdach zu finden. Und wer ihn als Taglöhner gedungen hatte – etwa weil das Mahd drängte oder weil ein Knecht erkrankt war –, der wurde flugs gehänselt und aufgezogen. »Hast wirklich keinen Bessern gefunden als grad den Schneiderhannes?« Und so war dem Hannes die Heimat immer mehr verleidet worden.

Doch als er alt geworden war, da half es nichts; er mußte heimkommen und daheim bleiben, sich selber und seinen Ortsgenossen zum Trotze. Darauf erhielt der Hannes vom Gemeindevorsteher einen Bogen mit den Namen aller Hofbesitzer von Georgen, und bei jedem Namen stand eine Ziffer. Und diese Ziffer bedeutete die Zahl der Tage, während denen der genannte Hofbauer den Schneiderhannes beherbergen und beköstigen mußte. Und so wanderte der Schneiderhannes als lebende Gemeindeauflage von Haus zu Haus und wohin er kam, versperrte der Hausvater sein Geld und die Hausmutter ihren Speiseschrank, und Knechte und Dirnen ihre Truhen. Und daß der Hannes nicht gerade das Beste bekam, noch die fettesten Brocken, das war wohl selbstverständlich. Und so oft sich eine Haustüre hinter ihm schloß, sagte man: »Gott sei's gedankt!«

Die Zirnhoferleute hatten fertiggegessen; die Bäuerin brachte dem unwillkommenen Gaste, was übrig war. Ohne Dank nahm er die freudlos gespendete Gabe. Dann stocherte er lange mit dem Löffel in der Schüssel herum und sah dabei unverwandt hinüber zum Bauer, der sein Bübel »Hottareita« machen ließ.

»Hast heut' wohl etwas zufleiß früher gesperrt, he, Jörg?« sagte er plötzlich.

»Zufleiß? Warum denn?« fragte der Bauer leichthin, ohne den Alten anzuschauen. Und die Bäuerin sagte, sie hätten zur gewöhnlichen Stunde gesperrt, keinen Augenblick früher.

»Nein, nein, hinaussperren habt's mich wollen« widersprach der Hannes. Dann lachte er hämisch. »Aber das nutzt euch nichts, haben müßt's mich doch. Drei Tag' müßt's mich jetzt haben, sonst tät' euch die Gemeinde schon helfen.«

Der Bauer wurde ärgerlich. »Heb's Maul, Schelm!« fuhr er den Alten an.

Auf das Scheltwort hin, stellte Hannes die Schüssel auf die Ofenbank, stemmte die Hände auf die Knie und schaute mit funkelnden Augen zum Zirnhofer hinüber.

»Wie sagst, Jörg? Einen Schelm schimpfst mich? Weil du Geld und Zeug hast, gelt, und weil ich ein armer Teufel bin und essen muß, was dir in der Schüssel blieben ist! Bist wohl du der Schelm, wenn du mich hinaussperrst, wo du mich doch haben mußt, und wenn du mich erst noch anlügst.«

Der Zirnhofer fuhr auf. Er ließ sein Kind zu Boden gleiten, sprang von seinem Sitze und machte einige Schritte nach dem Hannes hin. Vielleicht hätte er dem kecken Gaste einen mehr als mündlichen Verweis gegeben, aber schon watschelte das Büblein hinter ihm her und schlang die Ärmchen um seine Knie; und nun war sein Zorn verraucht. Ja, es reute ihn fast ein wenig, den Alten gescholten zu haben. Schelm ist doch ein gar böses Wort!

»Geh schlafen, Hannes«, sagte er in gelassenem Tone. »Hast heut wohl über den Durst getrunken?«

Hannes widersprach nicht, obwohl er den ganzen Tag weder Wein noch Schnaps gekostet hatte. Er schien sich beruhigt zu haben, denn er aß seine Schüssel aus, ohne ein Wort zu verlieren. Dann suchte er seine Schlafstätte auf, die man ihm stets in einem Kämmerlein neben dem Stalle anwies.

Bald war alles still und dunkel am Zirnhofe, still und dunkel im Dorfe. Von Bruneck herüber blitzten noch einzelne Lichter, dann erloschen auch die, und eine sternenlose Novembernacht breitete sich über das weite Tal. Der Wind hatte sich gelegt; niemand führte das Wort als die Rienz und die Ahr, die unter endlosem Rauschen ihre Gewässer vermengen.

Mitternacht war vorüber, da schlug am Pfarrturm von Bruneck die Glocke an, ein-, zwei-, dreimal in dumpf unheimlichem Tone. Der Feuerruf erscholl; auf den Straßen des Städtchens wurde es lebendig, die Spritzen rasselten über das Pflaster. Erschrockene Gesichter, halb schlaftrunkene noch, erschienen an den Fenstern. »Wo brennt's?« klang von allen Seiten die bange Frage. »Nicht in Bruneck!« klang es beruhigend zurück. Richtig, gegen Taufers zu stieg roter Schein. »In Georgen muß es sein!« dachten die Städter, und die meisten legten sich wieder zur Ruhe.

Ja, in Georgen war es! Beim Zirnhofer brannte die Scheune lichterloh und bis zum Wohnhaus hinüber leckten die Flammen. Aber der Zirnhofer war nicht einer, der den Kopf verlor. Als die Feuerwehr von Bruneck herbeirasselte, fand sie den Bauer und seine Nachbarn schon in rüstiger Tätigkeit. Im hölzernen Brunnentroge lagen wollene Kotzen übereinander, die man, sobald sie genügend durchtränkt waren, auf den brennenden Heustock warf. Bis zur Ahr hinab hatte sich eine Kette von Hilfsbereiten geformt: von Hand zu Hand flogen die Wassereimer. Das Vieh hatte man an einem Nachbarhofe geborgen; die Bäuerin und die Mägde waren an der Arbeit, den Hausrat zu retten.

Etwas abseits von der Brandstätte saß der Schneiderhannes auf einem Hackstocke; das Zirnhoferbüblein hielt er in den Armen. Eine Decke war um das Kind geschlungen, aus der ein nacktes Füßchen vorguckte; der blonde Kopf aber lag an der Schulter des Hannes, wie er wenige Stunden vorher an des Vaters Schulter geruht hatte. Der Kleine war nur halb erwacht, als er aus dem brennenden Hause gerissen wurde und nun schlief er ruhig weiter, als liege er in seinem Bettchen. Hannes hielt sich ganz still, um ihn nicht zu wecken.

Der Hauptmann der Brunecker Feuerwehr war in seinem Zivilberufe Barbier; daher kannte er alle Leute in und um Bruneck und ihre Sitten und Gebräuche. Als er den Schneiderhannes erspähte, kam er flugs auf ihn zu und ließ ihn rauh an: »Hast! wohl du am Ende den Stadel angeschürt, du Stritzi!«

Hannes sah groß zu ihm auf und sagte nicht ja und nicht nein. Aber gleich übernahm der Zirnhofer selber seine Verteidigung. »Lassen Sie den Hannes in Frieden, Herr Balbierer. Ohne den wären wir alle zusammen hin gewesen. Der hat's zuerst gemerkt, der hat Lärm geschlagen.«

»Und 's Kind hat er aus dem Bettstattl gerissen und aus dem Haus getragen«, fügte gerührt die Bäuerin hinzu.

Der Feuerwehrhauptmann war beschämt. Er wolle niemand beschuldigen, versicherte er, aber das sei einmal sicher, das Feuer sei gelegt und er müsse bei Gericht die pflichtgemäße Anzeige erstatten.

Damit ging er wieder zu seinen Leuten zurück. Der Zirnhofer und sein Weib aber, die wohl meinen mochten, die Beschuldigung habe dem Hannes sonderlich wehe getan, blieben bei dem Alten stehen und sagten ihm ein Vergeltsgott nach dem andern, daß er Alarm geschlagen habe und daß er sich so um das Kind bemühe.

Während sie auf ihn einredeten, riß Hannes mehrmals den Mund auf, als wollte er sprechen. Es war wohl zum ersten Male in seinem Leben, daß er ein Vergeltsgott hörte. Das mochte ihm wunderlich scheinen.

Endlich fragte er dumpf: »Jörg bist du versichert?«

»Ein bissel schon – viel grad nicht«, antwortete der Bauer. »In Gottes Namen! Jetzt muß ich halt schauen, daß ich ein Heu zu kaufen krieg'. Und das Vieh muß ich über den Winter halt in fremden Ställen lassen. Und den Stadel werd' ich mir wohl im Langes wieder aufbauen.«

Die Bäuerin aber meinte, man müsse noch Gott danken daß alles so glimpflich abgegangen und niemand bei dem Brande verunglückt sei.

Als der Spätherbstmorgen hinter den Zacken der Pragser Dolomiten aufstieg, war es endlich gelungen, des Feuers Herr zu werden. Keine Flammen schlugen mehr aus der Scheune auf; die Bäuerin, ihr Kind am Arme, kehrte in das gerettete Wohnhaus zurück. Nur der Bauer mit einigen Feuerwehrleuten hielt noch bei der rauchenden Brandstätte Wache, während die Nachbarn, die gleich die erste Hilfe geleistet hatten, sich jetzt allmählich zerstreuten.

Auch der Schneiderhannes schlich weg ohne Grüßgott und Bhütgott und wandte sich der nahen Stadt zu+...

Als der Strafrichter am Bezirksgerichte von Bruneck diesen Morgen auf seine Kanzlei kam, fand er den Hannes an seiner Türe warten. »Ein guter Bekannter«, dachte er. Denn Hannes war schon mehr als einmal wegen kleiner Diebstähle abgestraft worden.

»Was willst denn du heute bei mir, Hannes?« fragte er. »Hast etwa gar eine Erbschaft gemacht?«

Hannes schüttelte den Kopf. »Wegen dem Brand will ich aussagen.«

»So, so?« Der Richter nahm eine ernste Miene an, schloß die Kanzleitüre auf und hieß den Alten eintreten. Er wußte bereits, daß es sich um Brandstiftung handle; auf der Polizei hatte der Feuerwehrhauptmann die Anzeige erstattet.

»Schön, Hannes, also sag' nur ordentlich aus. Ganz wahrheitsgetreu, verstanden! Weißt, da kommt's zum Schwören; die Sache kommt vor das Bozner Geschworenengericht. Also heut' Nacht, gelt? Beim Zirnhofer in Georgen? Der Feuerwehrhauptmann zweifelte gar nicht, daß der Brand gelegt worden sei. »Hast du etwas dergleichen bemerkt, Hannes? Hast du einen Verdacht, wer es getan haben könnte?«

»Ich hab's getan«, erwiderte Hannes kurz und trocken.

» Du?« Der Richter sah ihn groß an. Dann fiel ihm etwas ein. »Ja so, du wirst wahrscheinlich im Heu gelegen sein, wirst geraucht haben, und+...«

Hannes unterbrach ihn. »Ich hab' nicht geraucht, ich bin nicht am Heu gelegen. In einer Kammer neben dem Stall lassen sie mich beim Zirnhofer immer über Nacht schlafen. Da bin ich heut' die Nacht eigens aufgestanden und bin aufs Heu gegangen und hab's angeschürt.«

»Geh, geh, Hannes!+...« Der Richter schüttelte den Kopf. Diese Selbstanklage schien ihm so sonderbar, so unvermittelt, daß er es nicht über sich brachte, daran zu glauben. Als Hannes aber stramm und stumm vor ihm stand und nichts weiter sagte, fragte der Richter leichthin: »Was ist denn dir eigentlich eingefallen, Mensch?«

Hannes zuckte die Achseln. Er rang nach Worten. Endlich sagte er: »Wissen Sie, Herr Adjunkt, ich bin halt ein armer, verlassener Teufel und weiß nicht, wohin ich gehör.«

»Ja, deswegen brauchst du aber doch kein Haus anzuschüren!« rief der Richter, dem die Logik des Schneiderhannes nicht recht einleuchten wollte.

»Sie mögen schon recht haben, Herr Adjunkt«, erwiderte Hannes und zuckte wieder mit den Achseln. »Aber wissen Sie, die Nacht ist man halt nicht wie beim Tag. Zu Zeiten frißt mich die Gall' und laßt mich nicht einschlafen. Und dann kommen mir die kuriosen Einfäll'.«

»Was denn für Einfälle, Hannes?«

»Ja ich denk' mir halt, die einen Leut' haben Haus und Hof und wissen, wohin sie gehören, und unsereiner hat nie keine Huck nicht gehabt und nie kein gutes Wort nicht gehört. Und wenn ich so denk', nachher kommt mir vor, ich muß den Leuten einen Tuck antun.«

Der Richter furchte die Brauen. Die Selbstanklage des Hannes schien doch ihre Richtigkeit zu haben. »Hast du schon öfters einen Brand gelegt?« fragte er.

»Eingefallen ist's mir wohl oft, aber getan hab' ich's noch nie«, versicherte Hannes. »Grad die letzte Nacht, da hat mich ein extrawütiger Zorn gepackt und nachher hab ich's getan.«

»Hat der Zirnhofer dich schlecht behandelt?«

»Extra gern gesehen hat er mich nicht.«

»Ich kann's ihm nicht verargen.« Der Richter schmunzelte wider seinen Willen. »Aber jetzt sag mir, Hannes, wie hast du's denn gemacht?«

»Ja mein, wie man's halt macht«, sagte Hannes mit erneutem Achselzucken. Doch als er bemerkte, daß der Richter mit diesen paar Worten nicht zufrieden war, führte er sein Tun mit allen Einzelheiten aus. Er habe ein Streichholz an der Mauer gerieben, bis die bläuliche Schwefelflamme aufstieg; darauf habe er es tief ins Heu hineingesteckt und sei weggegangen. »Und wie ich beim Stadel draußen gewesen bin, ist mir auf einmal ganz anders geworden. Nachher bin ich schleunig umgekehrt und hab gemeint, es laßt sich noch alles richten. Aber indem hab' ich schon den Rauch aufsteigen sehen, und wie ich das mottende Heu auseinandergeworfen hab', sind mir die lichten Flammen ins Gesicht geschossen und ich hab's nimmer erlöscht. Da bin ich ins Haus gelaufen und hab' geschrieen: »Es brennt!« und hab's Kind flink aus dem Bettstattl gerissen, daß mindestens dem Kind nichts geschieht. Und der Zirnhofer und sein Weib haben mir noch frei gedankt und ich hab' nichts fürgebracht. In aller Früh aber bin ich in die Stadt gegangen und hab' bei einem Kapuziner gebeichtet.«

»Ist es dieser Pater, der dich geheißen hat, dich selber anzuklagen?«

»Nein, der Pater nicht. Der hat nur gesagt, falls ein Unschuldigs in Verdacht käm', müßt' ich mich stellen, sonst aber nicht. Und dann hat er mich gefragt, ob's einen großen Schaden gemacht hätt', und ob ich den Schaden ersetzen könnt'. Und ich hab' gesagt: O mein, ich leb ja von der Gemeinde! Und nachher hat er nichts mehr gesagt.«

»Na also, Mensch, warum hast du dich denn selber angezeigt, wenn's dir der Pater nicht aufgetragen hat?«

»Wenn ich anders den Schaden nicht ersetzen kann!« sagte der Hannes und sah den Richter fest an.

»Hannes, aus dir wird man nicht klug«, meinte der Richter. »Was hat denn der Zirnhofer davon, wenn du ins Zuchthaus kommst?«

Auf diese Frage blieb der Hannes die Antwort schuldig. Ja freilich, der Zirnhofer hatte nichts, gar nichts, aber ihm selber war's leichter ums Herz. »Ich bin halt froh, Herr Adjunkt, daß ich Ihnen alles einbekannt hab'«, sagte er kurz und trocken.

Einige Zeit nachher stand der Schneiderhannes vor den Geschworenen. Seine Sache war bald erledigt. Der Verteidiger begnügte sich mit einigen billigen Phrasen und der Staatsanwalt fand, daß ein geständiger Angeklagter nicht viele Worte verdiene. Als Hauptzeuge trat der Zirnhofer auf. Verzeihung heischend heftete sich das Auge des alten Sünders auf den Mann, dem er so schweren Schaden zugefügt hatte.

Der Zirnhofer tat, was er konnte, um dem Hannes drauszuhelfen. Er berichtete, wie Hannes ihn geweckt und sein Kind gerettet habe, und er glaubte versichern zu können, Hannes habe nicht gewußt, was er tue, als er das Streichhölzlein ins Heu gesteckt habe. »Einen festen Dampf hat er den Abend gehabt; ich hab's ihm gleich angemerkt.«

Hannes schwieg. Er wußte nur zu gut, daß es mit dem »Dampf« nichts gewesen sei. Aber es tat ihm doch wohl, daß der Geschädigte ihn zu entschuldigen suchte.

Als der Vorsitzende des Gerichtshofes die übliche Frage stellte: »Angeklagter, haben Sie noch etwas zu sagen?« da erwiderte Hannes mit klarer, lauter Stimme: »Halt, daß es mich reuen tut!«

Wegen all der mildernden Umstände wurde er nur zu fünf Jahren verurteilt. Doch ehe er die Strafe verbüßt hatte, starb er, und sein Tod war friedlicher als es sein Leben gewesen war. Von allen Sträflingen der Anstalt war er immer der gutmütigste und ruhigste gewesen. Er pflegte zu sagen: »Ich hab' ja draußen nichts zu versäumen!« Und zuweilen sagte er auch: »Jetzt weiß ich endlich, wohin ich gehör'!«

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