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Früchte der Heimat

Maria Buol: Früchte der Heimat - Kapitel 4
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleFrüchte der Heimat
publisherBernina-Verlag
year1948
editorMaria Veronika Rubatscher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171112
projectid9716fc6e
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Unverstandenes Leid

Ins enge Brandental hinein wandert ein kleinbürgerliches Frauchen ganz allein, mit dem Rosenkranz in der Hand: Kriegswallfahrt 1917. Da droben über den steilen Waldhöhen thront auf sammetgrünen Alpenmatten Unsere Liebe Frau von Weitzenstein, die gute, mächtige Trösterin.

Eben hat die Kirchfahrerin die erste Station und den ersten steilen Aufstieg erreicht und will ihr Wallfahrtsgebet beginnen, da knirschen Schritte hinter ihr. Unwillkürlich wendet sie den Kopf. Einen Mann hat sie erwartet, aber es ist ein Weib. Ein Bauernweib, groß von Gestalt und breit von Schultern und Hüften. Vorgeneigt schreitet sie einher, einen Rucksack tragend, der wohl ihre Vorräte für die fromme Reise birgt. Wer in solch schlimmen, magern Zeiten über Land geht, darf nicht ins Blaue hinein wandern wie früher.

Die Augen der Pilgerinnen begegnen sich. »Laßt uns zusammen wandern«, sagen ihre Blicke. Wer auf Kirchfahrt geht, geht nicht gern allein. Der Herrgott liebt gemeinsames Gebet.

»Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heilgen Geistes. Amen!« Mit weithin schallender Stimme beginnt die Bäuerin. Leise antwortet das Stadtfrauchen. So steigen sie den steilen Berg hinan bis zur zweiten Station. Die Bäuerin hat leicht ihre Sechzig auf dem Rücken, aber sie ist viel rüstiger und stärker als die jüngere Gefährtin. Das Stadtfrauchen muß alle Kraft zusammennehmen, um nicht hinten zu bleiben. Dabei stützt sie sich auf ihren Schirm statt eines Bergstockes.

So geht es vorwärts bis zur siebenten Station. Hier steht mitteweg eine kleine Schenke. Die Bäuerin unterbricht ihre, Andacht und meint, man solle doch auch »a wia rasten«. In der Schenke ist nichts zu haben als Wein, aber das genügt; man setzt sich auf eine Bank vor dem Hause und kramt seine Vorräte aus. Aus einer schwarzen Tasche nimmt das Frauchen etwas Brot und Schokolade; die Bäuerin holt einen Laib Schwarzbrot aus ihrem Rucksack, dazu reichlich Speck und Käse. Ein mitleidig geringschätziger Blick streift die Vorräte der Städterin. »O mei' gute Frau, mit dem Zuig da haben Sie wohl nit gessen!«, sagt sie und schüttelt den Kopf. Und mit freundlichem Schmunzeln fügt sie bei: »Ich glaub's, daß Sie dürr sein als wie a Zaunstecken!«

Das Frauchen errötet, und das macht sie für den Augenblick jünger und hübscher aussehen. Sie mag zwischen vierzig und fünfzig sein. Das blasse, längliche Gesicht hat etwas Melancholisches; das dunkelblonde Haar ist schon reichlich mit Silberfäden durchzogen. Schön ist sie nicht, ist wohl auch nie schön gewesen, aber die lichtbraunen Augen haben einen guten, warmen Blick, der Vertrauen weckt. Und es währt nicht lange, so weiß das Frauchen alles, was ihre Gefährtin angeht. Von welchem Berge sie ist und aus welchem Dorfe und wieviel Vieh sie im Stalle hat und wieviel Schweine. O ja, sie und ihr Mann brauchen nicht zu darben, aber hart ist es doch, alles mit fremden Armen bewirtschaften zu müssen. Der Mann ist alt und hat »das Rheumatische«, und Töchter hat sie nicht. Und die Söhne+... »Ach mein! heutzutag ist's ja lei a Kreuz, wenn man Buben hat!«

Tränen traten in die frischen Augen der Alten. Der Buben wegen ist sie auf Wallfahrt gegangen. Den Ältesten hat sie in Gefangenschaft, den zweiten am Col di Lana und der »Kleinste« der noch gar nicht einrücken hätte müssen, war zu den Standschützen gegangen und hatte in der Valsugana einen bösen Denkzettel wegbekommen. Und nun lag er in einem Innsbrucker Lazarett und man wußte nicht, ob er noch völlig genesen, ob er wieder arbeitsfähig werden würde. »Ich bin wohl draußen gewesen ihn heimsuchen, aber seit der Zeit hat er noch ärger's Heimweh gekriegt!« Und so wisse sie nicht, ob sie ihn noch einmal besuchen solle. Ach, hätte sie ihr Herz befragt, sie wäre wohl jede Woche über den Brenner gefahren, nach dem »Kleinsten« zu sehen! Der »Kleinste« war ihr wohl besonders lieb. Und daß es gerade den so bös erwischt hatte!

So plaudert sie lange weiter. Das Frauchen hört zu und sagt nicht viel; nur daß sie von Zeit zu Zeit eine teilnehmende Frage stellt. Und nun steht man auf und will aufs neue mit dem Beten beginnen. Da meint die Bäuerin doch auch noch etwas fragen zu müssen. Daß das Frauchen einen Ehering trage, hat sie schon bemerkt; da ist es nur selbstverständlich, daß sie nach den Kindern fragt: »Sie Frau, haben Sie etwa auch einen Buben im Krieg?«

»Nein, Bäuerin, ich nicht!+...« kommt es leise zurück. Und dann noch leiser. »Ich hab keine Kinder+..., hab nie Kinder gehabt.« Auch der Mann ist schon vor zwei Jahren gestorben; er war ein kleiner Magistratsbeamter in Bozen. Sie haben ein redliches Auskommen gehabt und stets in Liebe und Eintracht miteinander gelebt. »Grad daß wir keine Kinder gehabt haben+...!«

Sie stockt und die andere fällt ihr ins Wort: »Ach, seien Sie froh und danken Sie! Was hat man denn mit die Kinder anderes als Sorg und Elend? Und mit die Buben gar! Eine Mutter kann sich die Märtyrerkron' verdienen in die Zeiten, ich sag's Ihnen! Sie wohl haben's fein, Frau! Danken Sie dem Herrgott!«

Und während das Frauchen schweigend zur Erde blickt, wundert sich die Bäuerin noch, warum sie denn auf die Wallfahrt gehe, wenn sie keinen Sohn im Krieg habe. Und rasch fügt sie bei. »Ja, ja, Sie werden halt kirchfahrten, daß Ihnen die Zeit herumgeht!«

Um die blassen Lippen des Frauchen zuckt es. Warum sie kirchfahrten geht? Ach, für das liebe, schöne, bedrängte Vaterland und für die Tausende auf den Schlachtfeldern und in den Spitälern und in den Gefangenenlagern, für die Tausende, die sie nicht kennt und die darum nicht weniger leidende, ringende Menschen sind! O sie braucht nicht zu sorgen, daß ihr die Zeit zu langsam verstreiche. Wer in diesen Schicksalstagen ein Herz in der Brust trägt und Arme hat, die sich regen können, findet Arbeit in Fülle.

Die Pilgerinnen setzen den Weg fort. Der Weg ist jetzt nicht mehr rauh und steinig, sondern zieht sich freundlich an der Flanke des Waldberges hin mit schönen Ausblicken auf das Hochgebirge, das im Abendlichte glüht. Lauter noch als vorhin schallt das »Gegrüßt seist du Maria« der Bäuerin; leiser, halb von Tränen erstickt, klingt die Antwort der Städterin. Zwei Stunden noch und sie betreten die Wallfahrtskirche. Die Bäuerin verweilt nicht lange; sie schreitet alsbald der nahen Herberge zu; das Stadtfrauchen aber bleibt auf den Knien. Sie kann nicht unter die Menschen hinaus, wenigstens nicht gleich; sie muß knien und beten mit verhülltem Gesichte, damit niemand die Tränen sehe, die ihr über die Wangen stürzen. Was ihr die Mitpilgerin gesagt hat, das hat sie leicht ein dutzendmal gehört, seit der Krieg die Länder durchbraust und die Jünglinge aus den Armen der Mütter reißt; oft hat sie es gehört und weh hat es ihr immer getan, aber nie so weh wie heute.

Droben am Gnadenaltare thront das kleine Alabasterbild der Schmerzhaften mit dem toten Sohne auf den Knien. Unsere Liebe Frau von Weißenstein hat viele Muttertränen fließen sehen in diesen Jahren des Völkermordens. Vor der Erinnerung der armen, kleinen Frau zieht die Vergangenheit vorbei: Die Freude des Hochzeitstages, da der geliebte Mann sie in das neue Heim führte, das so bescheiden und doch so traulich war; die selige Zeit der ersten Liebe, dann die wachsende, schmerzliche und ach, stets unerfüllte Sehnsucht nach dem erhofften Kindersegen, und die Jahre des Alterns und die heimliche Trauer in den Mienen des guten Mannes wegen der bittern Enttäuschung und des einsamen Herdes. Und dann denkt sie, wie ihn der Tod von ihrer Seite riß, und wie sie nun so ganz allein steht in der tobenden Welt. O, einen Sohn haben, einen einzigen, und wäre es auch nur, um für ihn zu bangen oder um ihn zu weinen! Einen Sohn haben, und wäre es auch nur, um ihn auf einer verschneiten Bergspitze zu wissen, um die die Geschosse sausen, oder in einem Gefangenenlager weit weg im kalten Sibirien! Einen Sohn haben, und läge er auch zum Krüppel geschossen in einem Lazarett oder mit der Todeswunde in der Brust in einem stillen Heldengrabe, über dem ein Holzkreuz ragt, von Fichtenreisern umrankt! Einen Sohn haben, den man als kleines Kind gehegt und genährt hat und an den man jetzt denken kann mit wehmütiger Mutterliebe!

Immer reichlicher fließen die Tränen der kleinen Frau; sie kann sie nicht verbergen. Von Zeit zu Zeit schreitet ein Wallfahrer mit groben Nagelschuhen geräuschvoll über die Steinfliesen der Kirche, wirft einen mitleidigen Blick auf die Weinende und denkt nicht anders, als daß sie eben einen solchen Sohn habe. Und wüßte er, was sie drückt, er würde sie verwundert ansehen und auch er würde sagen: »Sei froh und danke Gott!«

Denn niemand versteht das Leid der armen, kleinen Frau, niemand als die Schmerzenskönigin am Altare droben, die mehr als andere Mütter gelitten hat und doch um alles die unsäglichen Schmerzen ihrer Mutterschaft nicht missen möchte. O ja, die versteht das große, stumme Leid der Kinderlosen; die wird nicht sagen: »Sei froh!« Aber »Danke Gott!« das wird auch sie sagen, denn jedes Leid ist kostbar. Das Kostbarste aber ist ein Leid, das die Menschen nicht verstehen.

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