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Früchte der Heimat

Maria Buol: Früchte der Heimat - Kapitel 3
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleFrüchte der Heimat
publisherBernina-Verlag
year1948
editorMaria Veronika Rubatscher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171112
projectid9716fc6e
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Eine Ungenannte

Tief drin im Martelltale, wo der mächtige Felsstock des Zufallferners aufragt, steht der alte Gluderbauer. Steht und späht und horcht, schier wie er's vor rund dreißig Jahren gemacht hat, da er als junger Soldat im Fersentale auf Posten stand. Tiefblau lacht der Sommerhimmel über den Schroffen, lichtgraue Felsblöcke liegen zerstreut zu Füßen des Bergriesen. Kein Baum, kein Strauch weitum; nur mitten in der Wildnis ein kleiner See, der wie ein Opal aus dem öden Gestein hervorleuchtet. Stille und Einsamkeit ringsum und Friede.

Wirklich Friede? Aber warum steht der alte Mann so soldatisch da und blickt so ernst. Warum blickt er wie gebannt auf das kleine Bächlein, das ganz schüchtern und verschämt aus dem Gletscherstocke hervorrieselt, um sich gleich im See zu bergen? Keine Wolke am glashellen Himmel, aber eine schwere dunkle, unsichtbare, bange Wolke hängt über dem Engtale, denn der friedlich leuchtende See kann sich von einem Augenblick zum andern in eine wilde Bestie verwandeln, wenn die Sommerglut, die seit Wochen über dem Gletscherstocke brütet, den Eisdamm schmilzt, der das Wasser zurückstaut. Dann liegt das Verhängnis schwer über den Ufern des Plimabaches, dann wissen die Leute, die am Talbache hausen, sie müssen sich bereithalten zur Flucht, dann stehen die Männer des Tales auf Wache und lösen sich droben am Stausee ab wie vor dem Feinde. Und wenn es losbricht, dann schrillt es: »Rette sich, wer kann!«

Und darum steht jetzt der Gluderbauer so starr und steif vor dem Wässerlein, das so harmlos aus dem Gletscherstocke hervorplätschert und wendet sein Auge nicht davon, als sei das feine, schimmernde Ding eine giftige Schlange, die man mit dem Blicke bannen müsse.

Zwei Stunden schon steht er so. Nicht lange mehr wird es währen, so muß ein anderer kommen, ihn abzulösen.

Da plötzlich zittert der Boden unter seinen Füßen; im Felsenstocke des Riesen kracht es, als müsse der Zufallferner in sich selber zusammenstürzen wie ein morscher Turm. Ohrenbetäubend, herzlähmend tönt das Getöse; grauenhaft widerhallt es von den Felsen ringsum. Weit klafft die Öffnung, aus der vor einigen Sekunden das feine Wässerlein hervortropfte, und durch ein schrecklich dunkles Felsentor wogt und schäumt schmutziggrau eine ungeheure Wasserflut.

Der Wächter weiß genug. Er stürzt bergab, um zu warnen. Aber die Knie zittern unter ihm. Oh, zum ersten Male in diesem furchtbaren Augenblicke fühlt er die Schwere des nahenden Alters. Nein, er schafft es nicht! Nein, er wird den grauenhaften Wettlauf mit der Flut nicht bestehen! Und doch lauft er, lauft, so schnell ihn die Beine tragen, wenn er schon jeden Augenblick umzusinken fürchtet.

Da, wie er aus der Steinwüste hervorkommt, dorthin, wo der erste schüttere Grasteppich sich über das Gestein breitet, bietet sich ihm ein Bild des Friedens. Ein blondes Mädchen, ein Kind noch fast, sitzt auf einem Steinblocke, von einem halb Dutzend Schafen umringt, denen sie Salz bietet. Der Rest der kleinen Herde wandert zerstreut zwischen den Steinen. Die weiß noch nichts, von dem was droben ist, aber die muß es wissen, ja, und die muß helfen, die muß!

Der Gluderbauer kennt sie nicht. Sie ist wohl eine Fremde im Tale, vielleicht erst seit Tagen im Dienste eines Talbauers. Sie weiß vielleicht noch nichts vom Stausee und von der Gletscherflut; er sollte vielleicht genauen Aufschluß geben, sollte ihr sagen, daß sie warnen müsse, daß sie die Talleute retten müsse, sie allein.

Aber er bringt nichts vor. »Mädel, renn, renn! der Bach kommt!«, das ist alles, was er sagen kann.

Sie sieht ihn groß an. Einen Augenblick nur. Dann weiß sie, was sie zu tun hat.

Mit rascher Bewegung löst sie die Schuhe von den Füßen und springt empor. Und beginnt ihren Lauf. Einen Lauf auf Leben und Tod, einen Lauf zur Rettung vieler. Denn nicht ihr hat der Warnungsruf gegolten, die sich mit ihren Schäflein leicht auf die sicheren Höhen flüchten konnte; sie muß den Ruf weitertragen, von Haus zu Haus, das ganze Tal entlang, damit alle, die an der Plima wohnen, das wenigstens in Sicherheit bringen, was jedem das Teuerste ist, das eigene Leben und das Leben aller Lieben.

Schon hört sie hinter sich das Brüllen eines Löwen. Das ist die, entfesselte Gletscherflut, die zu Tale fährt. Bald wird die Flut sich in die Plima stürzen, wird Brücken und Stege wegreißen, Hütten und Häuser zertrümmern, bald wird der Pfad auf dem sie dahineilt, der Holzsteg, den ihr eilender Fuß streift, ein Raub des Wassers sein. Vorwärts! vorwärts! jede Sekunde ist kostbar.

Nun ist die erste menschliche Wohnung erreicht, ein Hüttlein zwischen Fels und Bach eingekeilt. Flugs reißt sie die Türe auf, sieht mit flüchtigem Blicke Menschen im dunklen Raume, schreit: »Der Bach kommt!« und stürmt weiter.

Schon sind ihre Füße wund von den Steinen des Weges, die Brombeersträucher an der Wegseite haben ihr die Wangen zerkratzt. Dornen klammern sich an ihr fest, daß sie im Vorwärtseilen Fetzen ihres Kleides zurückläßt. Der zerrissene Rock läßt ihre Kniee bloß, ihre gelösten Haare flattern wirr im Winde, ihre Stirne trieft von Schweiß, ihre Füße von Blut. Wie eine schaurige, geheimnisvolle Vision fliegt sie dahin, wie ein geisterhaftes Wesen, das nicht der Erde angehört. Sie aber hat nur einen Gedanken: mit der Flut um die Wette laufen.

Wird es ihr glücken, das Unglaubliche? Leiser dringt jetzt das Gebrüll des Untiers an ihr Ohr, während sie dahinschießt, leiser, immer leiser, dann verstummt es. Und nun weiß sie – Gott sei gepriesen! – die Flut ist auf Hemmnisse gestoßen. Sie hat Vorsprung gewonnen und wenn sie nur aushält, dann kann sie viele retten, kann alle retten. Immer mutiger wird ihr Herz, immer schneller ihr Fuß. Wo ein Haus ihr am Wege liegt, stürmt sie darauf zu, ruft durch die rasch geöffnete Tür die kurze Warnung, drei Worte nur, immer dieselben: »Der Bach kommt!« Die Leute wissen schon, sind schon gefaßt und gerüstet zu fliehen, es braucht nicht viel Reden, und so fliegt sie weiter. Immer dieselbe traurige Botschaft, dieselbe Hiobspost! Und wo sie mit keuchender Brust und heiserer Stimme ihren Ruf erschallen läßt, da gibt's betrübte Gesichter und Angstgeschrei und wohl auch herzzerreißenden Jammer, und niemand denkt daran, ein Vergeltsgott zu sagen. Oder wenn sich auch einer der Dankespflicht erinnert hätte, die Botin wäre längst entschwunden gewesen, ehe ihm ein gutes Wort aus dem Herzen zu den Lippen stieg.

Noch strömt die Plima ruhig dahin. Aber schon war ihr sonst klargrünes Wasser schmutziggrau. Gletscherwasser! Der erste schlimme Gruß der Hochflut! Und überall hatte man die Warnung verstanden und eilte, sie zu nützen. Die Kranken, die Kinder, die Greise brachte man zuerst in Sicherheit, flüchtete mit ihnen auf die steilen Höhen am Bachufer. Dann wurde das Vieh aus den Ställen getrieben und geborgen, dann rettete man den Hausrat, Stück für Stück. In Windeseile arbeitete man. Und noch immer blieb die Plima ruhig+...

Aber, Himmel! jetzt bricht es los. Ein rasendes, brüllendes Ungeheuer stürzt heran. Baumstämme und Felsstücke schiebt es vor sich, her und schäumt vor Zorn über alles, was sich ihm in den Weg stellt. Grau, erdfahl, furchtbar wälzt es sich nach rechts und links; die Riesen des Bergwalds heben ihre Äste wie hilfesuchende Arme aus feiner Umschlingung, stemmen sich gegen seine Gewalt, stauen da und dort, gegen einen Felsen getrieben, die rasende Flut und werden dann nur mit um so größerer Wut erfaßt, zur Seite geschleudert, mitgerissen. Schrecklich dröhnt und donnert es von dahingewälzten Granitblöcken, hoch auf springt die Gischt wie grimmiger Siegesjubel. Häuser, worin eben noch friedliche Menschen wohnten, hat das Untier mitgerissen wie zur grausamen Kurzweil, aber auf seinem grauen Rücken wiegt sich kein totes Haustier, noch weniger eine Menschenleiche.

Und das ist das Verdienst der Warnerin, die in heldenhaftem Dauerlaufe, der blutenden Füße und der keuchenden Brust nicht achtend, das lange Tal durchsaust hat.

Bald nach jenem Schreckenstage kamen friedliche Arbeiter ins Tal. Der Gletschersee am Fuße des Zufallferners wurde durch einen Staudamm gebändigt, der heute noch standhält, und die Talbewohner zittern jetzt nicht mehr vor dem träumerisch schönen Wasser, das jeden Tag Menschen und Häuser begraben konnte.

Wie aber die junge Heldin hieß, die an jenem Tag so vielen das Leben rettete, das weiß man nicht, das hat man nie erfahren. Dem alten Bauern, der ihr schreckensbleich zurief: »Der Bach kommt!« war sie eine Unbekannte gewesen und unbekannt blieb sie den andern, denen sie den Warnungsruf in Eile zugeworfen hatte. Vielleicht hat sie ihr Rettungswerk mit Gesundheit und Leben bezahlt, vielleicht weilt sie heute noch unter den Lebenden als arme, schlichte, alternde Magd. Sie hat nichts getan, damit ihr Name genannt, ihre Tat belohnt werde. Das ist kernige Berglerart, das ist Christenart!

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