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Gutenberg > Maria Buol >

Früchte der Heimat

Maria Buol: Früchte der Heimat - Kapitel 23
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleFrüchte der Heimat
publisherBernina-Verlag
year1948
editorMaria Veronika Rubatscher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171112
projectid9716fc6e
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Getröstet!

Ein heißer Tag war es gewesen, selbst drin im wilden, rauhen Schmirntale. Ober der Schmirner Pfarrkirche, wo die Schroffen so steil abfallen, hatte der Eller seine Wiesen, und heute hatten sie dort die Mahd gehabt. Mit Steigeisen hatten die Mähder ihre Arbeit getan: wie leicht konnte man beim Schwingen der Sense ausgleiten und sich über den steilen Abhang zu Tode fallen! Morgen traf's das Wittern: da würde es schon leichter sein.

Auf der Bank vor des Esters sauberm Hause saß Michel, der große Knecht. Ganz still, ganz allein saß er, die Hände aufs Knie gestemmt und schaute stieren Blickes hinab auf den Bach, der unterm Hause vorbeitobte. Der aufgehende Mond warf seine Strahlen auf die weißen Schaumrosen, die da stiegen und sanken, auflebten und zerflossen, recht wie ein Bild der Vergänglichkeit. Und fast hätte man meinen sollen, der Michel stelle solch ernste Betrachtungen an, so ernst, so regungslos saß er da.

Er war überhaupt ein Sinnierer, der Michel. Lächeln sah man ihn selten, lachen hörte man ihn nie. Auch kein Singen gab's bei ihm, und kein gemütliches Plaudern beim Heimgart. Als Arbeiter kam ihm keiner gleich, aber ein fröhlicher Kamerad, das war er nicht. War es deshalb, daß Peter, der junge Ellerbauer, ihn nicht recht leiden mochte oder hatte das einen anderen Grund?

»Michel!«

Leise war hinter dem Burschen ein Fensterchen aufgegangen und ein Mädchenkopf, dessen blonde Flechten im Mondenscheine schimmerten, guckte hervor.

Michel zuckte zusammen und wandte sich um. »Was möchtest, Vrona?«

»Wart grad ein bissel, ich komm!« Das Mädchen schlug das Fensterchen wieder zu. Bald nachher schlüpfte die flinke jugendliche Gestalt aus der Haustüre und setzte sich ohne weiters auf die Bank zum Burschen.

»Geh, geh, Vrona, was suchst denn da bei mir?« wehrte er ab. Aber er blieb doch sitzen, als sei ihm ihre Gegenwart lieb.

»Michel, sag', was hast denn?« fragte Vrona nach einer Weile.

»Was werd' ich denn haben?« Der Bursche zuckte die Achseln.

»Bist alleweil betrübt«, schmollte sie.

»Wer sagt denn das?«

»Das braucht mir niemand zu sagen, das seh ich wohl selber. Lustig hab ich dich nie gesehen, nie so wie andere Buben sind.«

Er ging auf ihre Rede nicht ein. Über eine Weile wehrte er sie wieder ab. Was die Mutter wohl sagen würde, wenn sie Vrona bei ihm anträfe? Und erst der Bruder?

Stolz warf das Mädchen den Kopf zurück. »Was wir vorhaben, ich und du, das darf jeder Mensch wissen, die Mutter auch. Und den Peter werd' ich nicht erst fragen müssen, ob ich heiraten darf!«

»Nein, Vrona, heiraten kannst, wen du magst+...« Einen Augenblick stockte Michel. Dann kam es hastig, fast heftig heraus: »Lei auf mich darfst nicht denken!«

Jetzt sprang das Mädchen auf. »Michel, Michel, du hast mir decht gesagt+...«

»Daß ich dich gern hab, freilich! Weiß nicht, wie mir's neulich herausgekommen ist, schier wider Willen. Und zurück in die Gurgel bring' ich das Wort nimmer. Arme Vrona!«

»Arm? Arm?« wiederholte Vrona aufgeregt. »Was meinst denn, Michel, was willst denn sagen? Ist's etwa erlogen gewesen, was du mir gesagt hast? Hast mich für Narren gehabt? Hast eine andere gern?«

Sie lehnte ihr Gesicht gegen die Hauswand, als müsse sie aufquellendes Weinen verbergen. Da stand er auf und schlang den Arm um sie, nicht heftig und leidenschaftlich, mehr wie ein Bruder, der die Schwester trösten will.

»Freilich hab ich dich gern, Vronele, oh, von Herzen gern. Aber still sein hätt' ich sollen. Nicht sagen hätt' ich dir's sollen. Heiraten kann ich dich ja doch nicht.«

Rasch wandte sie ihr Gesicht ihm wieder zu. Wie er das meine, wollte sie wissen. Ja freilich, der Peter würde schimpfen und die Mutter würde kopfschütteln und die Leute würden ein bißchen reden, wenn die Ellertochter einen armen Knecht nehme, aber das schade doch nichts. Der Michel sei ein tüchtiger Arbeiter und bei ihrer Heirat würden ihr vom Bruder ein paar tausend Güldelein ausbezahlt und damit wollten sie sich ein kleines Heimatl kaufen und arbeiten und haushalten und sparen und glücklich sein.

»Glücklich?« Er schüttelte den Kopf. »Nein, Vrona, es geht nicht, es geht nicht!«

Er ließ sich schwer auf die Bank zurückfallen. Dann murmelte er: »Ich bin und bleib' ein unglücklicher Mensch!«

Dem Mädchen wurde es unheimlich. »Michel, ich wett', es drückt dich etwas, ich wett', du tust mir etwas verheimlichen. Sag', Michel, ist's nicht wahr?«

Er schwieg. Sie drängte in ihn. »Sag mir, sag mir, was dich so schwermütig macht, um der Gottswillen, sag mir's!«

Er ließ den Kopf auf die Brust sinken.

»Wenn ich dir's sag', nachher magst mich nimmer.«

Dem Mädchen legte sich bleischwere Angst aufs Herz. Aber sie wollte ihm Mut machen; sie zwang sich zum Scherzen. »Geh, geh, Michel, wirst nicht etwa einen umgebracht haben?«

Durch seine Glieder fuhr's wie Schüttelfrost. »Könnt'st's völlig erraten haben!« Und wieder senkte er den Kopf auf die Brust.

Einen Augenblick war es still zwischen den beiden. Nur der Bach sang sein schauriges Nachtlied zum Bekenntnisse des jungen Mannes.

Aber Vrona hatte sich rasch gefaßt. »Sag' mir alles! Sag' mir's genau!« Und wieder setzte sie sich zu ihm.

Da war's, als tue ihr Drängen ihm wohl, als werde ihm leichter durch das Erzählen. Und er begann.

Vrona wußte ja schon, daß er nicht aus der Gegend war, daß er seine Heimat im unteren Eisacktale hatte, am Abhang des Rittnerberges, wo Nuß- und Kastanienbäume rauschen und auf sonnigen Hügeln edelster Wein heranreift.

»Wir haben's gut gehabt auf unserm Leitacherhöfl«, sagte Michel, »wir haben's fein gehabt, ich und meine Geschwister. Und ich bin der Jüngste gewesen und der Lustigste auch. Und wenn's wo von einem Schroffen oder einem Porzen herab gejuchezt hat, nachher ist's gewiß der Michel gewesen. Gelt, Vrona, das tät' man heunt nicht mehr glauben!«

Vrona murmelte etwas von »lustig in Ehren«, er aber schnitt ihr die Rede ab. »Nein, Vrona, mich hat der Haber gestochen, und alle Leut' hab' ich zu lachen gemacht mit meine Aufsitzer und Lugen. Und niemand hat mir's verwiesen und nachher hab' ich mir fein langsam 's Lügen angewohnt.«

Und nun erzählte er weiter. Einmal im Winter – ein besonders rauher Winter war es – hatte ihn sein Vater mit einer Botschaft zu Tale geschickt. Als er den Heimweg antrat, begann es schon zu dunkeln, so daß der Bube, die blaugefrorenen Hände in den Rocktaschen, so schnell er konnte bergan lief. Da überholte er einen ältlichen Mann, der einen Rucksack trug und ihm, während er vorüberlief, »Guten Tag!« zurief. Das ergötzte den Buben und er antwortete mit einem »Guten Morgen!«, worauf der andere, auf den Scherz eingehend, erwiderte, er wisse wohl, daß man jetzt eigentlich »Guten Abend« sagen solle, aber er sei das »Guten Tag!« eben gewohnt. Er sei eben mit dem Zuge vom Brenner her gekommen und wolle heute noch nach Lengmoos, wo er im Pfarrhause einen Bekannten habe. »Das ist doch der rechte Weg, mein Junge!«

Daß der Mann vom Reich draußen sei, hatte Michel gleich gemerkt. Und nun machte ihm die Frage des »Deutschländers« nach dem Wege unbändigen Spaß.

»Mußt wissen, Vrona, von Atzwang geht's hübsch grad hinauf nach Lengmoos, und ich hab jed's Siegele gekannt und hab's gar nit verstehen mögen, daß einer da lang fragen sollt'. Und da hat's mich verrissen. Schauen, ob der Mensch mir aufsitzt, hab' ich mir gedacht. Bei einer Feichten sind wir gestanden – mein Gott, ich seh's Platzl heut' noch – der rechte Weg ist gradaus aufwärts gangen und nach links ein kleines Hütsteigl. Da hab ich auf das Steigl gezeigt und hab gesagt: ›Da müssen Sie gehn, Herr, und alleweil schön links müssen Sie bleiben, nachher sein Sie schleunig droben.‹ Und er hat mir noch gedankt und ist frei aufs Steigl losgangen, derweil ich geschwind den Berg hinauf bin und mir noch recht den Buckel vollgelacht hab.«

»Was hast dir denn eigentlich gedacht, Michel?« unterbrach ihn Vrona.

»Gedacht hab ich mir nicht viel«, sagte Michel und blickte kopfschüttelnd vor sich hin. »Hab halt lei wieder eine Dummheit machen wollen, sonst nichts. Ja freilich, wenn ich gedacht hätt'+...!«

Einen Augenblick hielt Michel inne. Dann fügte er mit unterdrückter Stimme bei: »Ein paar Tag' danach hat man einen Menschen erfroren aufgefunden.«

»Ist's derselbe gewesen?« fragte Vrona beklommen.

Er nickte stumm. Als er wieder zu reden anfing, war's in abgerissenen Sätzen. Oh, sein Schrecken über die plötzliche Kunde und sein eiliger Lauf zu der bezeichneten Stelle und der furchtbare Anblick! Die Winterkälte hatte der Verwesung gewehrt, Michel erkannte ihn genau. Der Hütsteig, den Michel ihm bezeichnet hatte, verlor sich nach einer Weile im Gestäude. Dann war der Unglückliche in der kalten Winternacht herumgeirrt zwischen Buschwerk und Felsen, bis er hilflos zusammenbrach. Starr lag er jetzt da, das Gesicht verzerrt, die Hände geballt wie in stummer Verzweiflung oder furchtbarer Anklage. Eben kamen Richter und Arzt zur Stelle, denn man fürchtete ein Verbrechen. Ach, und Michel fühlte sich wie ein Verbrecher und es hätte wenig gefehlt, so hätte er sich vor dem Richter schuldig bekannt. Ihm wäre es fast eine Erleichterung gewesen, im Gefängnis zu büßen. Aber dann wurde er mit strengen Worten weggewiesen, er und einige andere, die bloße Neugier an den traurigen Ort gelockt hatte, und unsäglichen Jammer im Herzen verließ er die Unglücksstätte.

»Vrona, seit dem Tag hab ich nicht mehr gelogen, aber gelacht und gejuchezt auch nicht mehr. Das Ärgste für mich aber ist gewesen, wenn ich nach Atzwang hab müssen: so oft ich zu der Feichten gekommen bin, wo ich den Fremden angelogen hab, hat mir's einen Stich gegeben. Das Jahr danach hat man die Feichten geschlagen, aber geholfen hat mir das nicht; den Platz hab ich mir gar zu gut gemerkt. Ich hab mich nimmer sehen können daheim, wo mich's früher so fein gedünkt hat; in der Fremde, hab ich gemeint, wird mir ringer. Seither bin ich viel im Land herumgekommen, aber Ruh und Frieden hab ich nirgends gefunden und Glück schon erst recht nicht. In der Nacht wach' ich oft jählings auf vor Schrecken, und bei Tag, wenn ich einen Augenblick rasten möcht', kommt mir der Gedanke und läßt mir keinen Fried.«

Er schwieg und fuhr sich mit dem großen blauen Taschentuche übers Gesicht, wie um den Schweiß abzuwischen.

Jetzt fing das Mädchen zu sprechen an und was sie sagte, klang ruhig und bestimmt.

»Michel, so wie du mir's zuerst gesagt hast, ist's nicht, beileibe nicht. Einen Menschen umbracht hast du nicht, Mörder bist du keiner. Eine böse Lug' ist's freilich gewesen, aber schau, wegen dem allein hätt' der Häuter ja noch nicht sterben müssen. Könnt' leicht sein, daß er einen inwendigen Tadel gehabt hat und daß er deswegen hat liegen bleiben müssen. Aber auf das hast du halt nicht gedacht, gelt? Nein, gewiß nicht, sonst hättest die Lug' nicht gesagt. Schau, Michel, laß dich beruhigen und trösten.«

»Völlig wie du hat auch der Kapuziner in Bozen gesagt, zu dem ich beichten gangen bin«, gab Michel zu.

Vrona stand auf und legte ihm mit fast mütterlicher Zartheit die Hand auf die Schulter. »Ja schau, wenn der Kapuziner und die Vrona das gleiche sagen, dann wird's doch wahr sein«, sagte sie, während ein fast unmerkliches Lächeln über ihre Züge glitt. »Nachher wirst wohl getröstet sein, Michel«, hoffte sie.

»Getröstet?« wiederholte er gedehnt, ohne sie anzuschauen. Sie aber redete weiter auf ihn ein, milde, gute, freundliche Worte, wie die Liebe sie auf Frauenlippen legt.

Er hörte ihr eine Weile zu, scheinbar teilnahmslos. Dann aber erhob er sich rasch und trat von ihr zurück. »Du hast gut reden«, sagte er fast rauh, »aber trösten kannst mich doch nicht, nein, nicht einmal du

Dann in weicherm Tone: »Weißt, was mich wirklich trösten tät', Vrona?«

Sie schlug die Hände zusammen wie eine Bittende. »Was denn, Michel, was denn?« fragte sie begierig. O, sie hätte ihn ja so gerne einmal froh gesehen!

Er aber sagte ernst: »Ich hab den Herrgott um eine Gnad gebeten, grad lei um eine einzige: Wenn ich einen Menschen vom Tod erlösen könnt', das wohl, das tät' mich trösten.«

Aus den Lippen des Mädchens schwebte eine Frage. Wenn ihn der Herrgott erhören würde, wenn er einmal getröstet wäre, ob er nicht dann doch der ihre werden wolle?

Aber während sie die Frage noch überlegte, blitzte drinnen im Hause Lichtschimmer und schwere Schritte kamen die Holztreppe herab.

»Die Mutter!« rief Vrona und eilte ins Haus zurück.

*

Hoch droben, wo die steil abfallende Bergwiese an den Lärchenwald grenzte, ließ Peter Eller seinen Juchezer los. Die zwei Dirnen, die etwas weiter drunten ihre Heugabeln schwangen, hielten inne und jauchzten zurück.

Es war auch ein Sommertag zum Jauchzen schön. Tiefblau lag der Himmel über den Bergen, und die Sonne hüllte das ernste Hochtal in ein Strahlenkleid von Freude. Die Almen über dem Tuxerjoch leuchteten wie mattgrüner Sammet; die Bächlein, die von den Hängen fielen, waren wie Perlenschnüre. Wo gestern die Sense der Mähder nicht die stille Wiesenschönheit niedergeworfen hatte, funkelten die goldenen Sterne der Arnika und nickten blaßblaue Glocken. Und drunten am Ende der Bergwiese leuchteten verlockend die blühenden Almrosenbüsche, als wollten sie die Mähder einladen, die glutroten Blüten zu brechen und auf den Hut zu stecken.

Doch das fiel keinem ein, denn unter dem blühenden Gestäude fiel ja der Felsen turmhoch ab. Wer Almrosen haben wollte, konnte sie gefahrlos droben am Waldsaume brechen.

»Holdiodio! holdiodio!« Der Peter war heute einmal guter Dinge. Das Heuen ist eine Arbeit, die fröhlich macht. Und den Dirnen war's recht, daß der junge Bauer so lustig war. Von Ja auf Nein war's manchmal auch umgekehrt. Es brauchte ihm nur etwas Ärgerliches über die Leber zu kriechen.

Abseits von der muntern Gruppe, weiter unten am Hange stand die Ellermutter, barfuß, um auf dem abschüssigen Boden nicht auszugleiten, die stämmigen Beine in groben Wadenstrümpfen. Neben ihr arbeitete Vrona. Beide Frauen arbeiteten schweigend. Es lag ein düsterer Ernst zwischen ihnen. Gestern hatte es zwischen Vrona und der Mutter bittere Worte gegeben. Die Mutter hatte das Mädchen gescholten, daß sie zum Knechte halte. Bei solchen Liebeleien komme nichts Gutes heraus und sie möge sich die Flausen aus dem Kopfe schlagen; zum Heiraten sei sie überhaupt zu jung. Vrona wußte genau, was das zu sagen habe. Vrona würde immer und allzeit zu jung sein; auf keinen Fall aber würde die Mutter einen mittellosen Freier dulden. Am liebsten freilich gar keinen, damit einmal alles dem Peter bleibe. Der Sohn war ja ihr Abgott.

Mit unsäglicher Bitterkeit im Herzen war Vrona gestern in ihre Schlafkammer gegangen. Aber es ist doch etwas Schönes um eine große und echte Liebe. Bitterkeit und Trotz traten heute schon wieder zurück vor einem edlern Gefühle. Mitleid mit dem Manne, den sie liebte, war es, was jetzt ihr ganzes Herz ausfüllte. Er hatte sie ja gestern tief in sein gequältes Herz schauen lassen; daran dachte sie jetzt, und es tat ihr wohl und wehe zugleich. Und dann dachte sie an die Bitte, die er an den Herrgott gerichtet hatte aus der Tiefe seines reumütigen Herzens. Ob ihm der Herrgott, der so gut ist, nicht einmal den Wunsch erfüllen würde? Einen Menschen retten? Nichts leichter als das! In dieser Hochgebirgsgegend besonders! Er war so stark, der Michel, so schneidig, so geschickt; er war ganz der Mann, um einen unglücklichen Touristen von einer Felswand herabzuholen oder ihn aus einer Gletscherspalte hervorzuholen. Vor einem Jahr war es gewesen, da hatte es solch ein Unglück am Olperer gegeben und aus Schmirn waren ihrer Sechs ausgezogen, um den Verunglückten zu retten; aber sie konnten dem armen Menschen nicht helfen. Damals war Michel noch nicht im Tale gewesen; ihm wäre die Rettung sicher geglückt. Oh, wenn sich doch solch eine Gelegenheit fände! Sie selber würde Michel auffordern, auszuziehen und unterdessen würde sie beten, o so heiß, so innig, damit das Werk gelinge, damit Michel doch endlich getröstet werde.

Während so all ihre Gedanken bei Michel waren, kam er selber, die Heugabel über die Schulter, quer über den Wiesenhang gegangen. Er war der letzte heute beim Heu, und Vrona wußte warum. Mit der Kälberkuh stand es nicht am besten: die brauchte Wartung und Sorgfalt, und Michel war ja ein halber Viehdoktor. Gern hätte Vrona ihm zugerufen, um zu fragen, wie es mit der Schecketen stehe, aber nach dem gestrigen Auftritte mit der Mutter war es ihr unmöglich, ihn vor andern unbefangen anzureden.

Dafür fragte die Ellermutter. Ihr lag ja so viel an der schönen, jungen Kuh.

Doch im Augenblicke, da Michel antworten wollte, klang von oben herab die Stimme des jungen Bauers, rauh und zornig: »Brauchst nimmer zu heimgarten. Marsch vorwärts, bist ohnedies der Letzte zur Arbeit!«

In Vronas Gesicht schoß unwillige Röte. Peter mußte doch wissen, wo der Knecht gewesen war. Und wenn er's nicht wußte, wußte es doch die Mutter und konnte es ihm sagen. Vrona wagte nicht, Michel zu verteidigen: sie hätte es damit nur schlimmer gemacht.

Ihr Blick suchte Michel auf. Dem blitzten die Augen vor Zorn, aber er wußte sich doch zu beherrschen.

»Meinst etwa, ich hab gefeiert, Bauer?« rief er zum Eller hinauf. »Du weißt recht gut, wie's im Stall steht!«

»Ah so!« höhnte der Bauer zurück. Dann wandte er sich an die Dirnen. »Eine Ausred' weiß er immer, der Michel, wenn er sich von der Arbeit ziehen will. Schämen tät ich mich! So ein starker Bursch und der Letzte auf der Wies!«

Die Dirnen lachten. Sie mochten Michel nicht sonderlich leiden, denn er war kein unterhaltlicher Mensch. Die bösen Worte des jungen Ellers waren in lautem Tone gesprochen: Michel hatte sie gehört, hatte sie hören müssen. Und er verstand, was man wollte. Weg haben wollte man ihn vom Ellerhofe: das war's!

In ein paar Sätzen war er den Hang hinaufgesprungen und stand hochaufgerichtet vor dem Bauer.

Vrona hatte zu arbeiten aufgehört; mit verschlungenen Händen blickte sie angstvoll nach den beiden. Sie strengte sich an, zu lauschen, aber sie erhaschte nicht, was zwischen dem Bruder und ihrem Liebsten vorging.

Nun kam Michel wieder bergab. Da hielt sie sich nicht länger; sie sprang auf ihn zu.

Er blickte ihr tief und fest in die Augen. »Ich hab ihm künden müssen«, murmelte er. »Zuvor ist kein Fried. Es ist besser, ich geh bald.«

Das Mädchen fand keine Worte; sie brach in Tränen aus. Aber in ihrem Herzen klang ein mächtiger Treueschwur. Wohin auch Michel ginge, sie würde zu ihm halten, würde ihn nie vergessen, nie an einen andern denken. Und ehe er den Hof verlasse, wollte sie ihm das sagen. Heute noch, sobald sie ihn allein träfe.

Sie kehrte an die Seite der Mutter zurück. Die sah alsbald ihre feuchten Augen. »Möcht wissen, warum du rehrst?« grollte sie.

Entschlossen wischte sich Vrona die Augen aus. »Ich rehr' ja nicht, Mutter, schau nur her!« rief sie. »Aber das sag ich dir, was der Michel für ein Mensch ist, das werdet ihr erst spüren, bald er nimmer auf dem Hofe ist.«

Dann schwieg sie und ließ die Mutter weiter grollen.

Die Zeit verrann, aber mit dem Jauchzen und Plaudern war's aus. Es lag jetzt etwas Düsteres, etwas Bleischweres über all diesen Menschen, die da in der vollen Sommerhitze ihre Arbeit taten. Über eine Weile spähte die Mutter nach der Uhr am Kirchturm, der aus der Tiefe empor zu wachsen schien und in des Ellers Bergmahd hereinlugte. »Zeit ist's!« sagte sie und legte die Gabel bei Seite. Sie müsse nach Hause zum Kochen; die andern sollten nicht mehr zu lang verweilen und pünktlich kommen.

Dann wanderte sie bedächtig, vorsichtig den Abhang hinunter dem Dorfe zu.

Bald war sie verschwunden. Die andern setzten ihre Arbeit fort. Die Sonne stand hoch und brannte heiß. Man lobte das gute Heuwetter. Die Schwaden trockneten einem unter der Gabel.

Nun tönte vom Kirchturm herauf die elfte Stunde. Das war das Zeichen zur Mittagsrast. Peter Eller stieß seine Heugabel mit Wut in den Wiesenboden. »Gehn wir!« sagte er.

Dann begann er den Abstieg.

Als er an den beiden Dirnen vorbeikam, warf er ihnen ein Scherzwort zu. Sie antworteten lachend und neckend, er neckte zurück.

Da+... achtlos hat Peter den Fuß auf eine dünne Schichte Heu gesetzt. Wie ein Schlitten gleitet das vorwärts, gleitet abwärts, und vorwärts, abwärts gleitet nun auch Peter über den glattgemähten Hang. Er schreit auf, er streckt die Arme in die Luft, er sucht einen Halt+...

Umsonst!+... Blitzschnell, wie über Glatteis, fährt er abwärts den Schrofen zu.

Und die Mädchen, die eben noch mit ihm gescherzt haben, schauen ihm nach, hilflos, mit vor Schrecken geweiteten Augen.

Ein paar Sekunden noch und alles ist vorbei.

Unter ihm glühen die Almrosenbüsche, die ihm den Abgrund verhüllen. Aber der Abgrund ist da; der Abgrund erwartet sein Opfer. Er sieht es kommen, aber so rasch geht die Todesfahrt, daß er kaum imstande ist, die Schauer des Todes zu fühlen. Wie ein abgeschossener Pfeil fliegt er dahin, hilflos, willenlos+...

Da stürzt einer auf ihn zu+... Peter sieht kaum, wer es ist. Er fühlt sich nur erfaßt, umklammert, gehalten.

Gehalten?+... Nein, hier gibt's kein Halten mehr. Nur einen Augenblick scheint es, als solle der Retter den Todesgang des Unglücklichen hemmen. Dann stürzen beide zu Boden. Als verschlungener Knäuel rollen sie weiter, den Schrofen zu.

Nur etwas zur Seite gedrängt ist Peter. Nicht mehr den Almrosen zu treibt es, dorthin geht die wilde Fahrt, wo ein paar verkümmerte Latschföhren über der Felswand hängen. Im nächsten Augenblick hat sich Peter mit der Kraft der Verzweiflung an ein zähes Föhrenstämmchen geklammert. Mit beiden Händen krampft er sich daran fest. Unter ihm gähnt die Tiefe, aber er ist gerettet+... Und der andere?+...

Von oben herab gellt ihm die Antwort. Ein schriller Schrei aus blassen Mädchenlippen, aus wundem Mädchenherzen: »Michel! Michel!«+...

Am Fuße der Felswand wurde Michel gefunden als zerschmetterte Leiche. Als man ihn, den Fremdling, zu Grabe trug, strömte das ganze Tal zusammen und gab ihm das Ehrengeleite. Hinter seiner Bahre schritten als Kläger die Leute vom Ellerhofe, die Mutter mit nassen Augen, Peter laut weinend wie ein Kind, Vrona erstarrt in Schmerz. Nachdem der Pfarrer am frischen Grabe gebetet und das Kreuzlein in die geweihte Erde gesteckt hatte, zerstreuten sich die Andächtigen; Vrona aber blieb noch zurück und kniete still am Grabhügel ihres Liebsten. Und nun endlich begannen ihre Tränen zu rinnen, und mit den Tränen kam Linderung.

Er hatte ja den Herrgott um eine Gunst gebeten, der arme Michel, und der Herrgott hatte ihn erhört.

»Gott tröste ihn!« sagt man, wenn man von einem lieben Toten spricht. O ja, der da drunten lag, den hatte Gott getröstet!

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