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Früchte der Heimat

Maria Buol: Früchte der Heimat - Kapitel 22
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleFrüchte der Heimat
publisherBernina-Verlag
year1948
editorMaria Veronika Rubatscher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171112
projectid9716fc6e
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Unter schwerem Verdacht

»Michel, grüß Gott!« Mit diesen Worten neigte sich ein blühendes Mädchengesicht, dem das schwarze, runde Pustertalerhütchen recht anmutig stand, über einen Gartenzaun.

Beim Klange ihrer Stimme richtete sich der Bursche auf, der gerade mit Graben beschäftigt war; er warf die Schaufel weg und trat an den Zaun. »Grüß Gott, Gedel!«

»Daß du jetzt schon beim Garteln bist?« verwunderte sich das Mädchen.

Ein bißchen früh sei es wohl, gab der junge Mann zu. Er werde auch nicht lange dabei bleiben: nachmittag müsse er ins innere Tal hinein, um einen Viehhandel abzuschließen. »Aber Gedele, wohin gehst denn du so ganz allein?«

»Bin nit allein. Die alte Liese ist bei mir: siehst nit, da hinten kommt sie schon. Nach Montal kirchfahrten gehn wir. Bis morgen Mittag sind wir schon wieder daheim.«

»Das ist recht.« Er blickte sie zärtlich an. »Mir ist immer zeitlang, wenn du nicht in der Nähe bist.«

Das Mädchen erwiderte nichts, aber das jähe Rot, das ihr in die Wangen stieg, zeigte deutlich genug, daß sie seine Gefühle teile. Sie reichte ihm die Hand über den Zaun und entzog sie ihm erst, als ihre Begleiterin nahe gekommen war.

»Kannst dir wohl denken, warum ich kirchfahrten geh!« rief sie dem jungen Mann noch zu. Und dann zog sie ihren Rosenkranz hervor und schritt an der Seite der alten Jungfrau laut betend ihres Weges.

Ein schweres Anliegen war es freilich, das Gertraud Wieser der Gnadenmutter von Montal vortragen wollte. Sie und Michel Kerschbaumer hatten einander lieb, so recht redlich und von Herzen; aber zwischen ihnen stand die alte Base Ursula, die Gertraud als früh verwaistes Kind aufgezogen hatte, und die wollte von einer Heirat mit Michel nichts hören. »Was, den Kleinhäusler? Nein, das geschieht nicht, so lang ich leb'!« Und die Base sah aus, als habe sie im Sinne, noch recht lange zu leben: war sie doch erst fünfundsechzig und kerngesund. Michel hätte seine Gertraud auch ohne die Erbschaft und die Einwilligung der Base zum Altare geführt: das Nötige zum Leben hatte er ja, aber Gertraud wollte nicht. »Sie ist wie eine zweite Mutter für mich« warf sie ein, »und da wär kein Segen darauf.«

Die Base Ursula hatte eine Wegschenke an der Heerstraße zwischen Gais und Uttenheim. Wer von Bruneck nach Taufers wollte oder noch weiter hinein ins Ahrntal und über die Tauern, der mußte daran vorbei. Und da sie einen guten Tropfen schänkte, hatte sie viele Kunden. Ihre besten Freunde waren die Frächter, und eben unter diesen hatte sie auch den Bräutigam für ihre Ziehtochter gewählt. Einer aus Bruneck war es, ein wohlhabender Mann, der seine zwölf Gäule im Stalle hatte und bald selbst, bald mit seinen Knechten die Pustertaler Straßen befuhr. Jung war er nicht mehr, aber tüchtig und angesehen, und ein Mädchen, das daran dachte, einen eigenen Hausstand zu gründen, konnte wohl mit ihm zufrieden sein. Aber Gertraud wollte nichts von ihm hören, so eifrig er sich um sie bemühte. »Dem einen die Hand und dem andern das Herz, nein, das tu ich nicht! Lieber bleib ich ledig.«

»Dann bleibst halt ledig!« entschied die Base. Sie selbst war eine alte Jungfrau, die zeitlebens nie eine andere Liebe gekannt hatte als ihren Geldbeutel. Wenn man schon heiratete, dann sollte auch etwas Nahrhaftes dabei sein. Das war ihre Ansicht, von der sie nicht abging. Und so konnten sie nie eines Sinnes werden, die alte Ursula und ihre Pflegetochter.

*

Gegen die Mittagszeit hatte Michel seine Wanderung ins Ahrntal hinein angetreten. So heißt das innere Tal der Tauferer Ache, das sich jäh ostwärts wendet und bis zu den Tauern hinzieht. Es ist ein weiter Weg da hinein. Als Michel am Ziele war und seinen Handel abschloß, neigte sich der Tag schon zum Abende. Man wollte ihn aufhalten: die Straße sei unheimlich und einsam zur Nachtzeit, aber er fürchtete sich nicht: er steckte sein Geld zu sich und machte sich auf den Heimweg. Bis Mitternacht wäre er sicher zu Hause.

Als er das Dorf Uttenheim durchschritt, schlug es elf Uhr. Still und dunkel standen die Häuser. Noch eine Stunde und er wäre daheim.

Kaum hatte er das Dorf im Rücken, so kam ihm ein hochaufgepackter Fuhrwagen entgegen, von vier Pferden gezogen. Trotz der Dunkelheit erkannte Michel Wagen und Fuhrmann. Der Martin Egger war's, derselbe, der ihm seine Gertraud rauben wollte. Er konnte den Egger nicht ohne Ärger sehen. Gesprochen hatte er noch nie mit ihm; dennoch kannten sich die beiden mehr, als ihnen selber lieb war. Ohne Gruß gingen sie aneinander vorüber.

Es dauerte nicht lange, so kam Michel an die Wegschenke, wo die alte Ursula hauste. Hinter den Scheiben der Schankstube brannte mattes Licht. Es fiel ihm auf. Hatte die Alte einen so späten Gast? Möglich war es ja, denn sie war immer bereit zu öffnen, wenn eine Kundschaft sich meldete. Ein paar Kreuzerlein Gewinn war ihr Lohnes genug für die Mühe der gestörten Nachtruhe. Übrigens machte sich Michel nicht viele Gedanken über das zitternde Lichtlein. Was war ihm heute dieses Haus, hinter dessen Mauern er keine Gertraud wußte? Gertraud war schon längst an ihrem frommen Ziele und hatte der Gottesmutter ihr Anliegen vertraut.

Rüstig schritt Michel voran. Kurz, ehe er sein Heim erreichte, kam ihm ein zweiter Wagen entgegen, ein leerer Wagen diesmal und mit einem einzigen Rößlein bespannt. Vielleicht war der Fuhrmann ein Bauer aus dem Innern des Tales, der im Städtlein Geschäfte gemacht hatte und nun während der Nacht sich auf den Heimweg machte.

Michel war froh, am Ziele zu sein. Der Weg war doch gar einsam. Die beiden Frächter waren die einzigen gewesen, die er während seines fünfstündigen Marsches begegnet hatte.

Nach kurzem Schlaf war Michel frühmorgens schon wieder auf den Beinen und ging an seine Gartenarbeit. Ein Bauerngärtlein ist sonst bald bestellt, aber Michel nahm es genauer. Er hatte als Knabe im fürstbischöflichen Garten zu Brixen gelernt und tat sich etwas auf diese Kenntnisse zu gute. Darum war auch sein Krautgärtlein säuberlicher gepflegt, als es sonst bei Bauern der Fall ist.

Als es vom Gaiser Kirchturm zum Englischen Gruße läutete, hielt Michel inne und nahm den Hut ab. Während er betete, fiel ihm ein, daß Gertraud gestern gesagt hatte, sie würde um Zwölfuhrläuten wieder heimkehren. Da mußte er sich doch ein bißchen herrichten. Und wie er nun einen Blick auf seine Kleidung warf erschrak er. Seine blaue Zwilchschürze war ja voll Blut! Richtig, gestern hatte er sich an einer Scheibe verletzt, die er aus der Gartenerde zog; das hatte ihn so beschmutzt. Schnell riß er die Schürze ab und wollte ins Haus, um sich eine andere zu holen.

Da tauchten hinter dem Gartenzaune unvermutet zwei hohe Federbüsche auf. Es waren die Gendarmen von Taufers.

»Ihr seid Michael Kerschbaumer?« fragte ihn der eine.

Michel lachte ihm ins Gesicht. Warum fragte er denn? Man kannte sich ja schon lange, war ja oft im Gasthause am gleichen Tische gesessen.

Aber das Lachen erstarb ihm auf den Lippen, als der Gendarmenführer auf ihn zutrat, ihm die Hand auf die Schulter legte und mit ernster Miene sagte: »Michael Kerschbaumer, ihr seid verdächtigt, heute Nacht die Ursula Wieser, Gastwirtin dahier, meuchlings ermordet zu haben.«

Als Michel in den Arrest des Tauferer Gerichtes abgeführt wurde, war ihm ganz wirr im Kopfe; es war wie ein wüster, dunkler Traum. Der Gendarm hatte ihm die blutige Schürze aus der Hand gerissen und »Da haben wir's ja!« gerufen. Und dann hatte man ihn gefesselt nach Taufers geführt, den ganzen weiten Weg. Erst als er allein in seiner Zelle war, wurde er sich klar über das, was geschehen war, und hätte versinken mögen vor Scham. Daß seine Unschuld an den Tag kommen würde, daran zweifelte er keinen Augenblick, aber schlimm genug war es schon, daß er, Michael Kerschbaumer, dem man nie das geringste hatte nachsagen können, nun mit der »Keuche« Bekanntschaft machen mußte. Ein Makel würde ihm immer ankleben: nie mehr würde er seinen Tal- und Dorfgenossen so offen ins Auge schauen können wie bis jetzt.

Stunden vergingen. Dann wurde er vor den Richter geführt. Das Verhör begann. Michael hatte aus dem Munde der Gendarmen erfahren, daß an der alten Ursula eine Bluttat geschehen war; mehr wußte er nicht. Der Richter, ein junger, heftiger Mann, wollte die Voruntersuchung möglichst rasch zu Ende führen und zeigte sich gegen ihn eingenommen. »Gestehen Sie«, drängte er immer wieder, »es wird ein Milderungsgrund für Sie sein.«

Aber auf all sein Drängen antwortete Michel: »Ich bin unschuldig, so wahr mir Gott gnädig sei!«

Nach und nach erfuhr er, wie alles gekommen war. Heute früh, als man die Wegschenke zu ungewohnter Stunde noch gesperrt fand, hatte man die Tür mit Gewalt erbrochen und die Alte neben dem Schanktische in der Gaststube liegen gefunden, tot, das Gesicht blau und gedunsen. Der Hals zeigte deutliche Spuren eines gewaltsamen Todes, was der herbeigerufene Arzt von Taufers bestätigte. Auf dem Schanktische stand ein geleertes Schnapsgläschen, das den Abdruck eines Daumens zeigte. Vielleicht hatte ein später Besucher der Schenke, nachdem er sich zuerst Mut angetrunken hatte, die Alte ermordet und beraubt.

Der Fingerabdruck Michels stimmte nicht zu dem Abdrucke auf dem Glase. Aber das war auch der einzige Umstand, der zu seinen Gunsten sprach. Und dieser Umstand sagte nicht viel. Denn der Gast, der das Glas geleert hatte, mußte nicht notwendig derselbe sein, der die Wirtin erwürgt hatte: das Glas konnte vom Abend her auf dem Tisch geblieben sein. So sagte der Richter, und Michel las aus seinen Augen, daß er ihn für den Mörder halte.

Michel gab auf alle Fragen ehrliche, klare Antwort; er stellte nichts in Abrede. Ob es wahr sei, daß er gegen die Ermordete Abneigung gehegt und sich auch darüber geäußert habe. »Ja, Herr Richter, ich hab sie nicht gern mögen, weil sie mir mein Mädel nicht vergönnt hat. Ich hab auch öfters so geredet, hab gar einmal vor etlichen Bekannten gesagt, es wär kein Schad um sie. Es tut mir leid, daß ich das gesagt hab, aber ungeschehen kann ich's nicht mehr machen.«

Ob es wahr sei, daß er gewußt habe, daß die Alte gerade diese Nacht allein im Hause sei?« »Ja, Herr Richter, die Gertraud hat's mir selber gesagt, eh sie auf die Kirchfahrt gegangen ist.«

Ob es wahr sei, daß er sich diese Nacht auf dem Wege zwischen Uttenheim und Gais befunden habe.

»Ja, ich bin gestern wegen einem Viehhandel im Tal drin gewesen und bin erst um Mitternacht nach Haus gekommen. Wie ich am Haus der Ursula vorbei bin, hab ich drin Licht gesehen, hab aber nichts Arges gedacht.«

Am folgenden Tage kam es zu einem zweiten Verhöre. Da traten Zeugen auf, und keiner wußte etwas Entlastendes für den Angeklagten vorzubringen, als nur das eine, daß er ein tadelloses Leben geführt habe. Hingegen mußten alle seine Abneigung gegen Ursula zugeben sowie seine Liebe zu Gertraud, und daß die Ermordete das einzige Hindernis gewesen sei, das die Liebenden trennte. Mehrere bezeugten auch, sie hätten sich gewundert, daß Michel schon zu dieser frühen Jahreszeit seinen Garten umgrabe und der Richter knüpfte daran die Vermutung, es sei geschehen, um seinen Raub in der gelockerten Erde zu verbergen.

Die beiden Fuhrleute, die Michel zu später Stunde begegnet hatten, wurden ebenfalls vorgeführt. Der eine war ein Bauer aus dem Innern des Tales, der Michel nicht kannte, wohl aber meinte, der Mann, dem er begegnet sei, habe dem Angeklagten ähnlich gesehen. Bestimmter äußerte sich Martin Egger. »Gerade, ehe ich Uttenheim erreicht habe, ist mir der Kerschbaumer entgegengekommen. Ich habe ihn gleich erkannt.« Auf die Frage des Richters, ob Egger in der Wegschenke Licht gesehen habe, antwortete der Frächter entschieden verneinend. Darauf wandte sich der Richter unwillig an Michel und sagte: »Sie sehen, Kerschbaumer, der sagt ganz anders als Sie.«

Michel begriff wohl, daß schwere Beweise gegen ihn sprachen; er fühlte sich entmutigt und niedergedrückt bis zum äußersten. Und als der Richter sich an den Amtsdiener wandte: »Führen Sie die Zeugin Gertraud Wieser vor!« da meinte Michel, er müsse zusammenbrechen. Das Mädchen trat ein, blaß, traurig. Auf die Fragen des Richters gab sie Antwort, leise aber bestimmt. Sie leugnete nicht, daß Michel um ihre Abwesenheit gewußt habe, daß sie selber ihn von ihrer Wanderung unterrichtet habe. Dann aber hob sie die Hände empor, bittend. »Herr Richter, er hat's gewiß nicht getan! Er ist unschuldig!«

Der Richter schmunzelte nur. Von einem liebenden Mädchen konnte er anderes nicht erwarten. Dem Michel aber war's, als durchzucke ihn neues Leben, weil nur sie an seine Unschuld glaubte.

Aber freilich, je mehr er über seine Lage nachdachte, desto hoffnungsloser erschien sie ihm. Alle Umstände trafen zusammen, um seine Schuld in den Augen der Menschen unzweifelhaft erscheinen zu lassen. Der Gefängniswächter, ein gutmütiger Mensch, tröstete ihn: »Sei ruhig, Michel, ich hab' Erfahrung. Wenn die Geschworenen dich sehen mit deinem ehrlichen Geschau, haben sie nicht das Herz, dich schuldig zu sprechen. Einstimmig auf keinen Fall. Vielleicht fällt das Urteil doch besser aus, als es den Anschein hat!« Aber das war ein schwacher Trost. Die Ehre war dahin auf jeden Fall. Er würde in seiner Heimat keinem Menschen mehr ins Auge schauen können.

Bessern Trost fand er, wenn er in schlaflosen Nächten in der Einsamkeit seiner Zelle den Rosenkranz durch seine Finger gleiten ließ. Wohl regte sich manchmal eine böse Stimme in ihm: »Wozu noch beten? Es ist umsonst! Gerade während die Gedel kirchfahrten gegangen ist, gerade in derselben Nacht ist das Unglück über mich gekommen.« Aber mannhaft drängte er alle Zweifel zurück und setzte sein Beten fort.

*

Nach der schrecklichen Bluttat in der Wegschenke war Gertraud aus dem Tale geflohen zu einer Bekannten im Städtchen. Das unglückliche Mädchen siechte hin vor Kummer und Sorge; kein Lächeln kam mehr auf ihre Lippen. Je fester sie von Michels Unschuld überzeugt war, desto mehr tat es ihr weh, daß auch in ihrem Heimattale viele an seine Schuld glaubten, ja wohl gar sie selber noch der Mitschuld oder doch der Mitwisserschaft am blutigen Verbrechen bezichtigten.

Eines Morgens trat sie eben aus der Kirche, wo sie vor dem Heiland ihr kummervolles Herz ausgeschüttet hatte. Es war Markttag, das Städtlein war voll Leben und frohem Treiben. Sie aber eilte um so mehr, nach Hause zu kommen, um nur ja keinen Bekannten aus dem Heimattale zu sehen. Daher schrak sie zusammen, als sie sich plötzlich beim Namen rufen hörte. Sie wandte sich um und hinter ihr stand, eine junge Kuh an einem Seile haltend, eine Bäuerin von einem Berghofe bei Uttenheim, die nicht selten bei ihren Marktfahrten in Ursulas Wegschenke eingekehrt war.

»Hätt' dich schier nimmer erkannt, Gedele«, sagte die alte Bäuerin mitleidig. »Ja, gelt, hast halt auch Kreuz genug!« Und als Gertraud, ihrer selbst kaum mächtig, in Tränen ausbrach, fügte die Alte bei: »Weißt, ich kann's völlig nit verstehen, wie sie den Michel für einen Mörder anschauen. Ist doch immer ein guter Christ gewesen, und so einer begeht nicht eine solche Todsünd. Weißt, Gedele, ich hab mir von Anfang an etwas ganz anderes gedacht.«

Gertraud zuckte zusammen. »Was hast du dir denn gedacht, Kathl?« Oh, wenn die Alte etwas wüßte+...! Aber was Kathl wußte, war nicht viel. Am Tage vor dem Morde war sie allein auf ihrem Berghofe gewesen: da war ein junger Fremder ins Haus gekommen, der ihr auffiel. »Eine breite Kappe hat er auf dem Kopf gehabt, wie man in der Gegend da nie eine sieht, und gesprochen hat er fremdländisch, nicht grad wie ein Wälscher, eher wie ein Windischer. Er hat etwas zu essen begehrt, und wie ich ihm alles gegeben hab, was von Mittag übrig war, hat er geschimpft und geflucht, und hat Wein verlangt und Geld. Oh, und ich hab mich gefürchtet! Aber zum größten Glück ist mein Bub vom Wald zurückgekommen und wie der Fremde den gesehen hat, ist er zur Tür hinausgelaufen und über den Berg hinab. Ein guter Mensch ist der jedenfalls nicht gewesen, und ich denk' mir, der könnt' schon eher der Schuldige sein als der Michel.«

Mit gespannter Aufmerksamkeit hatte Gertraud dem Berichte der Alten gelauscht. Aber dann war sie enttäuscht. Was half das? Ein fremder Strolch, den man nur auf jenem Berghofe gesehen hatte, nicht aber in der Nähe der Wegschenke, nicht in jener Nacht, wo das Verbrechen geschehen war, was konnte das nützen?

»Behüt' dich Gott, Kathl!« sagte sie und setzte traurig ihren Weg fort.

Plötzlich kam ihr aber ein Gedanke. Ihr Herz klopfte heftig. Sollte sie es wirklich versuchen? Ihr ganzes Wesen sträubte sich dagegen. Aber es mußte sein! Um Michels willen! Vielleicht, daß seine Unschuld doch noch an den Tag käme.

Eine Minute später stand Gertraud in einem großen Hofraume, der von einem stattlichen Wohnhause und geräumigen Stallungen umringt war. Eben trat ein Junge aus dem Stall, an jeder Hand ein Pferd führend, und schritt auf einen großen Brunnen zu, um die Tiere zu tränken.

»Ist der Herr Egger daheim?« fragte das Mädchen mit bebender Stimme.

Der Junge bejahte. »Da kommt er gerade!« Und richtig, eben trat Martin Egger, ebenfalls zwei Pferde führend, aus dem Stalle.

Als er Gertraud sah, lachte er mit dem ganzen Gesichte. Seit Gertraud das Vermögen ihrer ermordeten Base ihr eigen nannte, schien ihm das schöne Mädchen noch viel schöner. Und daß sie, die ihn immer zurückhaltend, ja, schroff behandelt hatte, nun gar zu ihm kam, erfüllte ihn mit freudiger Verwunderung. Ohne Zweifel hatte sie den Kerschbaumer aus ihrem Herzen verbannt und wünschte nun Beziehungen zu ihm, Martin Egger, anzuknüpfen.

Ehe er noch fragen konnte, was Gertraud von ihm begehre, war sie auf ihn zugetreten. »Herr Egger, ich hätte ein paar Worte mit Ihnen zu reden.«

»Gleich, gleich steh ich zur Verfügung«, versicherte Egger mit seinem verbindlichsten Schmunzeln. Und dann rief er seiner Köchin, die eben am Fenster erschien, zu, sie möge einen Imbiß für »Fräulein Gedel« bereit halten.

Aber das Mädchen wehrte ab. »Nein, nein, das braucht's nicht. Ich brauch' gar nicht zu Ihnen ins Haus zu kommen«, fügte sie abweisend hinzu, »wir können's auch da im Hof ausmachen.«

Ihr Blick folgte dem Jungen, der sich mit den Pferden entfernte. Dann als sie allein mit dem Frächter war, trat sie einen Schritt näher an ihn heran und schaute ihm ernst in die Augen.

»Herr Egger, ich komm' wegen dem Michel.«

»Wegen dem Michel?« Über Eggers Gesicht glitt ein hämischer Zug. »Ja, was kann denn ich für den Michel tun? Ich hab ausgesagt, wie's meine Pflicht und Schuldigkeit war, ich hab ausgesagt, daß ich ihn in derselben Nacht auf der Uttenheimer Straße gesehen hab. Das kann ich nicht widerrufen. Auch nicht Ihnen zu lieb, Fräulein Gedel.«

»Aber sie haben wirklich keinen anderen Mann begegnet als den Michel?« forschte sie und sah dem Frächter tief in die Augen.

Der wandte den Blick ab. »Einen anderen Mann?+... Wie? Was soll das heißen?+... Was meinen Sie?«

»Ich meine, ob Sie nicht vielleicht einen jungen Mann mit einer breiten Kappe begegnet haben?«

Mit zitternder Stimme stellte Gertraud die Frage. Kaum aber hatte Egger etwas von einer breiten Kappe gehört, so entfärbte er sich und konnte seinen Schrecken nicht verbergen. Dem Mädchen entging es nicht. Mit beiden Händen griff sie nach seiner Hand und ließ sie nicht mehr fahren. »Du hast einen solchen gesehen!« rief sie leidenschaftlich. »Lüg' nicht, sonst soll's dich noch in deiner Todesstunde drücken!«

Da ließ er den Kopf hängen und murmelte: »Ja, ich hab einen gesehen!«

Noch am selben Tage wurde dem Gerichte von Taufers Eggers Geständnis angezeigt, und dieser Umstand gab der Sache Michels eine andere Wendung. Der zweite Fuhrmann, den Michel in jener Nacht begegnet hatte, wußte zwar nichts von einem Manne mit breiter Kappe, aber das entkräftete Eggers Zeugnis nicht, im Gegenteil, es bewies, daß der Fremde gerade zu jener Zeit sich vermutlich in der Schenke aufgehalten hatte, wo die grause Tat geschehen war. Eifrig forschte man nun nach jenem Unbekannten und endlich gelang es, ihn als müßigen Landstreicher in der Gegend von Innsbruck zu entdecken. Er war ein junger Bursche aus der Slowakei und trug eine Tellermütze, die von einem fremdländischen Soldaten stammen mochte. Die alte Kathl erkannte ihn sofort als denselben, der sie am Tage vor dem Morde auf ihrem einsamen Gehöfte erschreckt hatte. Was aber entscheidend zu seinen Ungunsten zeugte, war der Abdruck aus dem Gläschen, der genau auf den Daumen des Fremden paßte. Erst wollte der junge Mann leugnen, dann aber brach er zusammen und legte ein vollständiges Geständnis ab, worauf er an das Kreisgericht zur Aburteilung überführt wurde.

Michael Kerschbaumer und Gertraud Wieser aber standen bald nachher vor dem Altare der Uttenheimer Pfarrkirche und versprachen sich Treue fürs Leben. Und als die Hochzeit vorbei war, wanderten sie frohen Herzens zum Gnadenbilde von Montal, um der Muttergottes zu danken. Denn geholfen hatte sie ja doch!

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