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Früchte der Heimat

Maria Buol: Früchte der Heimat - Kapitel 20
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleFrüchte der Heimat
publisherBernina-Verlag
year1948
editorMaria Veronika Rubatscher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171112
projectid9716fc6e
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Das Neujahrsgeschenk

Wundersam warm und traulich war's im hübschen, kleinen Wohnzimmer, wo alles die sorgliche Hand eines lieben Hausmütterleins verriet. Auf dem schneeweiß gedeckten Tisch dampfte der duftende Punsch und ausnahmsweise, weil's eben Sylvesterabend war, durften auch Gerta und Berta, die herzigen Zwillinge, ein Gläslein davon genießen. Dazu reichlich Faschingskrapfen und schwarze Afrikaner. Die zwei waren selig; sie vergaßen in dieser Feierstunde der schweren Enttäuschung am Weihnachtsabend. Sie hatten nämlich dem Christkind gar schön geschrieben, daß sie auf alle Geschenke verzichten wollten, wenn es ihnen nur ein Brüderlein bescherte. Ein lebendes Püppchen natürlich, das sie pflegen und hegen könnten. So eins wie den Hansi, den es voriges Jahr zu sich genommen hatte! Aber das Christkind hat um Weihnachten wohl allzuviel zu denken und vielleicht liest es nicht alle Briefe mit gebührender Aufmerksamkeit, kurz, unterm Christbaum lagen eine Menge schöner Sachen, aber kein Brüderlein!

Schier unbewußt fühlten es die zwei kleinen Mädchen, daß mit Brüderleins Tod vieles anders geworden war. Der Vater saß nicht mehr so gerne daheim wie früher, er war zerstreut, unfreundlich, gab oft kaum Antwort, scherzte und lachte nicht mehr und ärgerte sich über Kinder und Mutter. Auch heute hatte es ihn weggetrieben aus dem gemütlichen Kreise. Ganz plötzlich, noch ehe ihm die Mutter das Punschglas füllen konnte. »Du gehst, Max?« – »Ja, ich hab's dem Walter versprochen.« Und weg war er. In die Wangen der Frau schoß rasche Röte und die Augen wurden ihr feucht. Ach, sie wußte ja, daß es nicht die Freundschaft für Walter Groß war, was ihn immer wieder von ihrer Seite riß!

Bald nach Hansis Tod war es gewesen, der ihm so tief ins Herz gegriffen hatte, daß er kaum mehr ein Lächeln fand. Eines Tages aber kam er von seinem Büro nach Hause, ganz froh, ganz angeregt. »Denk nur, Elisabeth, mein alter Studienkamerad, der Groß, ist hieher versetzt. Er wohnt im Villenviertel. Ich hab' ihn eben vorhin mit seiner jungen Frau begegnet und er hat versprochen, uns zu besuchen.«

Der Besuch unterblieb aber. Frau Melanie Groß, die Tochter eines reichen Großindustriellen, gab vor, leidend zu sein und machte keine Besuche, dafür empfing sie zu Hause, meist auf dem Sofa hingestreckt. Und Max Harder war unter ihren Besuchern und – Anbetern. War sie denn so schön, so geistreich? Vielleicht keines von beiden, eine Zauberin war sie. Wen sie mit dem Blick ihrer seltsam grünlich schillernden Augen bannte, der war ihr verfallen. Und das war Max Harders Schicksal. Halb unbewußt war er in ihre Netze getaumelt. Zwischen ihm und der Frau seiner ersten Liebe gähnte jetzt eine Kluft. Was war die bescheidene, anspruchslose Mutter seiner Kinder neben dieser Melanie mit ihrer einzigen, unnachahmlichen, schlangenartigen, geschmeidigen Grazie? Ihm war, als sei ihm ihr Anblick Lebensbedürfnis. Immer wieder hieß es: »Ich muß zu Walter.« Und bald wußte man in der Stadt, was sich hinter dieser angeblichen Jugendfreundschaft berge. Auch Elisabeth wußte es. Max, der gute Gatte und Vater, war ein anderer geworden. Würde er zurückfinden zu seinem häuslichen Glücke?

»Kinder, es ist Zeit zum Schlafengehn,« mahnte Frau Elisabeth. Die kleinen Mädchen hätten noch gern Aufschub gehabt, aber das gab's nicht. Bald lagen sie in ihren blütenweißen Bettchen und schliefen. Die Mutter zog den Schirm vor die elektrische Lampe und saß bei ihnen im Halbdunkel und sann+... Sann mit schwerem Herzen, wie es früher gewesen war und fragte sich, ob es je wieder so sein würde, der arme, verzauberte Mensch!

Max Harder stapfte unterdessen seinem ersehnten Ziele zu. Der Schnee wirbelte um ihn her, er achtete es kaum, er blickte geradeaus durch die tanzenden Flocken dorthin, wo die Lichter der Villa Groß durch das Schneegestöber blitzten. Jetzt war ihm, als höre er leise Klänge; vielleicht saß Melanie am Klavier. Das tat sie wohl zuweilen, und dann war sie ganz besonders entzückend. War sie eine Virtuosin, eine Künstlerin? Nein, aber sie hatte eine eigene Art, ihre schlanken Finger über die Tasten gleiten zu lassen. Auch am Klavier war sie eine Zauberin.

Nun stand er vor dem Eisengitter des Vorgärtchens und wollte auf die Klingel drücken. Aber er tat es nicht. Es war etwas so Stimmungsvolles, dieses Schneegewirbel, diese Sylvesternacht und diese Klänge, die wie Zaubertöne daher perlten als holder Abschiedsgruß an das scheidende Jahr.

Da – mitten zwischen den feenhaften Klängen ein anderer Ton! Wie das Wimmern eines Kindes klang es: wäre er abergläubisch gewesen, er hätte geglaubt, sein kleiner Hansi melde sich. Ganz ähnlich hatte er geklagt, als er im Sterben lag. Einbildung! Woher käme denn ein kleines Kind in kalter Winternacht?

Schon wieder dieser erstickte Jammerruf. Kätzchen, lauf zu! Man kann nicht auf solch ein Miezchen achten, das wäre zu dumm. Und so blickt er unverwandt nach den hell erleuchteten Fenstern da droben und wieder sucht sein Finger die Klingel.

Da fährt er zurück. Nein, beim Himmel, das ist keine Täuschung, es ist doch der Schrei eines Kindes. Und ganz nahe. Wo mag es sein? Nur langsam gewöhnt sich sein geblendetes Auge an das fahle Dämmern der Schneenacht, nun aber sieht er's. Wenige Schritte von ihm ragt ein dunkles Bündel aus dem weichen Schnee. Er stürzt darauf hin, hebt es vom Boden, hält es enger zum Lichtschein, der vom Eingang der Villa strömt. Ach, ein kleines, jämmerliches, verhutzeltes Gesichtchen ist es, in das er blickt. »Hansi«, murmelt er und drückt das Kleine an sich, als wär's sein eigenes.

Ein weggelegtes Kind! Aber wohin mit ihm? Das Spital liegt am andern Ende der Stadt und hier im Villenviertel weiß er niemand, hat er keine Bekannten. Keine anderen Bekannten als die Bewohner der schönen Villa, aus deren Fenstern Licht und Zaubertöne fluten. Sollte er vielleicht hier+...? Der Gedanke kommt ihm seltsam vor, bizarr, lächerlich. Wäre doch das ein Neujahrsgeschenk für die schöne Melanie! Für sie, die so fein und spitz über hausbackene Frauen zu witzeln weiß, über beschränkte Frauen, die, wie sie sagt, nach der Küche riechen und von der Kinderstube plaudern. Eine solche ist sie nicht; eine Selbstanbeterin ist sie, die nur fordert, nicht gibt. Und das kleine, halberfrorene, hinausgestoßene Geschöpfchen braucht Wärme, braucht eine Mutter.

Droben an den hellen Fenstern tauchen Schattengestalten auf. Die Musik geht in einen Walzer über; man tanzt. Max Harder aber eilt mit seinem Funde heimwärts und ehe des neuen Jahres erste Stunde schlägt, hat er für das Kind eine Mutter gefunden.

War das ein Jubel für Klein-Gerta und Klein-Berta, als man sie am Morgen mit der Nachricht weckte: »Denkt nur, Papa hat gestern ein Brüderlein heimgebracht!« Ei, wie sprangen da die beiden zugleich aus dem Bettchen und hüpften in ihren langen, weißen Hemdchen herum wie Englein auf Wolken vor heller Freude. Also das Christkind hatte sie erhört, also das Brüderlein war doch gekommen! Nun mußte man es auch gleich besichtigen und bewundern. Und am Bewundern ließen's die Schwesterchen nicht fehlen. So lieb, so schön, so herzig fanden sie's und beide erklärten im Chor, es sehe dem verstorbenen Hansi ähnlich zum Verwechseln. Ja, wer konnte sagen, ob nicht etwa der Hansi selbst vom Himmel zurückgeflogen war, weil er gesehen hatte, daß sich die Schwestern so um ihn grämten.

Auch Frau Elisabeth herzte den armen Findling, den eine herzlose Mutter grausam auf Schnee gebettet hatte; sie wußte ja, was ihr das verlassene Kind gebracht hatte. Kein Wort von Liebe war zwischen den Gatten gefallen, als Max Harder das wimmernde Bündel seiner Frau in die Mutterarme legte. Aber was brauchte es da Worte? In ihm war alles erwacht, was die Zauberin eingelullt hatte. Elisabeth hatte den Gatten wieder gefunden.

Max Harders Neujahrsgeschenk war nicht von Dauer; das Kleine hatte in jener Schneenacht wohl zu viel gelitten; keine Sorge der Pflegemutter half, es flog in den Himmel. Da war der Jammer der Schwesterchen groß. Auch Elisabeth weinte um das Kind, aber es waren süße Tränen. Rasch wie ein Englein war es gekommen, hatte Glück und Frieden ins Haus gebracht als köstliches Geschenk und war zu dem zurückgekehrt, der es geschickt hatte.

Die zwei brauchten dem Christkind nichts mehr von einem Brüderlein zu schreiben, denn es lag schon eins in der Wiege, und diesmal eines, das gar nicht im Sinne hatte, ein Engel zu werden. Der Engel war das andere, der verlassene Findling, den Max Harder in kalter Neujahrsnacht von der verschneiten Straße aufgelesen hatte und der ihm den Frieden ins Herz gebracht hatte und den Frieden ins Haus.

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