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Früchte der Heimat

Maria Buol: Früchte der Heimat - Kapitel 19
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleFrüchte der Heimat
publisherBernina-Verlag
year1948
editorMaria Veronika Rubatscher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171112
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Der Mesnermichel

Über den alten Mesner von Oberplaning, der durch mehr als ein halbes Jahrhundert Kirche und Sakristei in Ordnung gehalten hatte, war endlich das Löschhörnchen des Todes gekommen und hatte seinem schwachen Lebenslichtlein ein Ende gemacht. Die Oberplaninger mußten sich also um einen Ersatz umsehen; aber das war schwieriger, als man meinen möchte. Der Oberplaninger Mesner bezog ein Jahresgehalt von rund fünfzig Gulden, und jede Taufe und jede Leichenfeier trug ihm einen blanken Zwanziger ein; er durfte jeden Sonntag im Widum zu Mittag speisen und hatte das Recht, in der Oktave des Patroziniumsfestes von fünf bestimmten Bauernhöfen je ein Dutzend Eier zu beziehen. Aber trotz all dieser Vorteile wollte sich niemand zum Mesner hergeben. »Es zahlt sich nicht«, sagte jeder, dem der Kurat von Oberplaning diese Ehrenstelle anbot.

Die Oberplaninger, deren jeder seinen Acker und sein Weingut hatte, hielten große Stücke aufs Wetterläuten: sobald sich ein verdächtiges Wölklein am Himmel zeigte, mußte der Mesner in den Turm. Nun konnte man es aber keinem Oberplaninger Bauern zumuten, daß er gleich jedem Wölklein zuliebe Schaufel oder Rebschere beiseite lege und seinen Mesnerpflichten nachkomme. Selbst der Flickschuster Hartl, der außer seinem winzigen Häuschen nur einen Wiesenfleck mit einem Zwetschkenbaume sein eigen nannte, gab dem Kuraten die abschlägige Antwort: »Es zahlt sich nicht!«

Plötzlich aber, ein paar Tage später, hatte sich der Hartl eines anderen besonnen, zur großen Erleichterung des Geistlichen. Und diese Sinnesänderung war seinem Ältesten, dem zehnjährigen Michel, zu danken, der um jeden Preis Mesnermichel werden wollte.

Der Michel war ein hübscher, aufgeweckter Bub mit Wangen wie Böhmeräpfel und einem kugelrunden Gesichte, von dem man hätte meinen mögen, es müsse immer lachen. Seltsamerweise aber lachte es fast nie. Von zarter Kindheit an hatte Michel einen ausgesprochenen Beruf zur Mesnerei gezeigt, und kaum war er stark genug, um das Meßbuch von der Epistel- auf die Evangeliumseite zu schleppen, so hatte er dem alten Mesner seine Dienste angeboten. Im Nu hatte er sich auch die Gunst des Alten erobert, der doch ein eingefleischter Hagestolz und Kinderfeind war und als erbitterter Widersacher alles jungen Blutes tägliche Firmungsreisen in der Kirche antrat. Aber an Michel fand er nichts auszusetzen, ja, oft besprach er sich mit dem krummen Thomas, einem alten Männlein, das fast den ganzen Tag in der Kirche verbrachte, über Michels Vorzüge. Er tue alles mit staunenswerter Ruhe und Besonnenheit und kümmere sich nicht um seine Schul- und Altersgenossen. Nie lasse er das Meßbuch fallen, nie stoße er mit dem Fuße an die Glocke, nie beträufle er den Altar mit Wachs. Auch gebe es nirgends einen Ministranten, der das » Confiteor« und das » Suscipiat« so schön und deutlich ausspreche. Und zu Michel selber sagte der alte Mesner oft: »Bub, wenn ich einmal nicht mehr bin, nachher mußt du Mesner werden.«

Das hatte sich Michel wohl gemerkt, und nun hatte er bei seinem Vater seinen Willen durchgesetzt und zog in Sakristei und Kirche ein wie in ein angestammtes Reich. War er schon früher eine Autorität unter dem Ministrantenvolke gewesen, so trug er jetzt eine vollendete Pfarrermiene zur Schau. Der Kurat selber war lange nicht so würdevoll wie der Michel, und Michel fand auch manches an ihm auszusetzen. Namentlich, daß er so ungestüm in den Chorrock schlüpfe, wodurch gar leicht ein Riß entstehen konnte; daß er beim » Dominus vobiscum« sich so rasch umwendete und dabei an den Messingrahmen des Altares stieß, wodurch jedes Meßkleid über kurz oder lang zu Grunde gehen mußte, und endlich, daß ihm nicht selten beim » Asperges« der Weihbrunnwedel aus der Hand flog über die andächtigen Gläubigen. Und so oft der Kurat sich solches zu schulden kommen ließ, zogen sich über Michels Blauaugen die Brauen finster zusammen.

Zwei Jahre waren vergangen, seit aus dem Schustermichel ein Mesnermichel geworden war und die Oberplaninger hatten allen Grund, mit den neuen Mesnerleuten zufrieden zu sein. Der Schuster Hartl übersah keine Wolke, sein Weib besorgte mit Eifer die Kirchenwäsche und der Michel war einfach eine Perle. Er achtete auf jedes Stäubchen, das sich an Kirchen- und Beichtstühle angesetzt hatte, er kannte den Inhalt jedes Sakristeischrankes, er gab dem Geistlichen jeden Morgen das richtige Meßkleid heraus, denn dem guten, zerstreuten Herrn wäre es ja ganz einerlei gewesen, an Werktagen die Feiertagskasel anzuziehen. Aber Michel wußte alles. Er wußte, daß man um Dreikönigen eine große Kufe mit Wasser zu füllen habe, daß man um Lätare die Osterzettel bereit halten und am folgenden Samstage Kreuze und Altarbilder mit den blauen Tüchern verhängen müsse, die im kleinen Schranke in der Sakristei, gleich rechts vom Eingange verwahrt wurden. Er wußte, daß man für den Palmsonntag Palmkätzchen und Ölzweige herbeischaffen, daß man am Karsamstage das Weihwasserbecken ausleeren und wieder füllen, die Lichter auslöschen und wieder anzünden müsse und daß es an besagtem Tage Pflicht eines braven Ministranten sei, beim Gloria aus Leibeskräften an der Sakristeiglocke zu reißen. Ja, all das wußte der Michel und noch viel mehr, und wenn dem guten Kuraten eine Vergeßlichkeit unterlief, dann war der Michel schnell zur Hand und machte alles wieder gut.

Bei so viel Vortrefflichkeit konnte man es ihm schließlich nicht verargen, wenn er die Überzeugung gewann, daß er, der Mesnermichel, in der Kirche die Hauptperson sei.

Ein glutheißer Frühsommertag war es. Welkes Gras, tags vorher von den Sensen niedergestreckt, bedeckte die Wiesen, und die Bauerndirnen, schier festtäglich anzusehen mit ihren weißen Schürzen und Hemdärmeln, wanderten hin und wieder, die matten Halme lockernd. Auch in den Weingärten, wo die ausbrechenden Traubenknospen süßen Duft ausströmten, ging es geschäftig her. Und laut und fröhlich war man trotz aller Hitze, denn wie sollte man sich nicht des reichen Gottessegens freuen, der über Feld und Flur ausgegossen war.

Aber was war das? Im Turme von Oberplaning schlug die Glocke an. Feuer?+... Nein, gottlob, jetzt begann es ordentlich zu läuten. Wetterläuten!

Aus Wiesen, Äckern, Weingärten richteten sich hundert Augen zum Sonnenhimmel empor. Richtig, da drüben zog sich's zusammen, weiß, frostig. Aber das war weit weg. Andere mochten zittern, weit im Unterland unten mochte es wettern, nicht in Oberplaning. »Gar zu emsig ist er mit dem Läuten, der Hartl,« meinten einige lachend.

Aber der Hartl behielt recht. Näher und näher wälzte sich der Wolkenknäuel, mächtiger und drohender wurde er, und gerade auf die Planinger Scharte flog er zu.

Da hielten die Mähderinnen auf den Wiesen inne und die Arbeiter in den Weingütern schüttelten den Kopf und meinten, das Ding sehe »versappert« schlimm aus. Und die Frommen falteten die Hände und flehten: »Mein Gott, Barmherzigkeit!«

Dann ließen sich erschreckte Stimmen hören: »Jegges, der Kurat ist nicht daheim!«

»Der ist nie daheim, wenn ein Wetter kommt!« brummten einige unwirsch.

Andere entschuldigten den Geistlichen. Das Wetter habe man ja nicht voraussehen können. Der Kurat sei auch nicht weiter gegangen als nach Kesselheim zum Dechant. Er werde sicher das Läuten hören und schleunig heimkehren.

Das beruhigte. Die meisten gingen jetzt der Kirche zu; wenn der Geistliche käme, wollten sie den Wettersegen nicht versäumen.

Bald war die kleine Kirche von Andächtigen gefüllt. Am Turme droben heulten die Glocken. Erschütternde Angstrufe waren es, die sie hinaussandten; es war, als wollten sie mit aller Macht den herbeirufen, der allein Gewalt hatte, die stille kleine Wohnung zu erschließen, worin der Gebieter über Sturm und Wetter verborgen war.

Aber der Ersehnte kam nicht, und die Wolke rückte näher. Dem Mesner hatten sich einige handfeste Burschen zugesellt. Auf der Turmtreppe harrten die Schuljungen, ob nicht auch für sie ein Plätzchen am Glockenstrange frei würde. Aber heute wurde keiner von ihnen zugelassen: die Gefahr war zu groß, es galt mit allen Kräften zu läuten.

Abseits von den anderen Buben stand Michel an einem Fensterchen der Turmstiege und spähte hinaus. »Das kenn' ich schon, wenn das Gewölk gegen die Scharte rückt, nachher kommt's schiech!«

Mit dem Ernst eines alten Landmannes, der seit Jahrzehnten Wind und Wetter beobachtet hat, murmelte er diese Worte. Sorgenvolle Falten gruben sich in seine junge Stirn; um den kindlich roten Mund lag ein Zug eiserner Entschlossenheit.

Noch einen letzten Blick hinaus zum Fensterchen. Wie ein helles Band wand sich die Kesselheimer Fahrstraße durch die Gegend. Eben trieb ein Windstoß den Staub empor, daß die grünen Hecken, die den Weg einsäumten, in der weißen Wolke verschwanden. Einzelne Landleute eilten, vor dem Unwetter fliehend, durch die aufgewirbelten Staubwolken dahin. Aber so weit Michel spähte, nirgends sah er die schwarze Soutane des Kuraten.

»Läutet's, Buben, läutet's!« mahnte der Mesner, der einen Augenblick ausgesetzt hatte und sich den Schweiß von der Stirne wischte. »Wenn unser Herr nicht bald ein Aug' auftut, schlagt's uns heut alles zusammen.«

In der Kirche drunten mehrte sich die Zahl der Beter von Minute zu Minute. Der krumme Thomas betete laut und langsam den Armenseelenrosenkranz vor. »Heilige Maria Muttergottes!« riefen Hunderte von angstvollen Stimmen. Draußen zuckten die Blitze, aber der Wind hatte sich gelegt. Um so schlimmer: jetzt würde es losgehen!

Schon schlugen einige Hagelsteine, die Vorboten eines vernichtenden Heeres, gegen die Kirchenfenster, da trat Michel, mit seinem schönsten Ministrantenröcklein bekleidet, aus der Sakristeitüre und zündete am Altäre die Kerzen an. Wie ein Aufatmen ging es durch die Kirche. »Der Kurat ist gekommen!«

Aber nein! Ruhig stellte der Knabe das Löschhörnchen bei Seite, stieg die Stufen des Altares hinan und jetzt+... ja, was war das?+... nach dem Tabernakelschlüssel griff er! Er steckte den Schlüssel an+... die Tür des Tabernakels sprang auf.

Durch die Reihen der Andächtigen ging leise Erregung. Aber niemand nahm Anstand an Michels kühner Tat. Diese kindlichen Menschen begriffen, was der Knabe meinte. Weil kein Priester da war, sollte der Heiland selber den Wettersegen geben.

Michel hatte den Tabernakelschlüssel beiseite gelegt. Vor seinen Blicken stand das Ziborium. Oft schon hatte er es ganz nah gesehen, wenn er bei der Segenmesse an den Stufen des Altares kniete. Es war ihm kein neuer Anblick; er kannte es genau mit seinem buntgestickten Seidenmäntelchen und dem goldenen Krönlein darüber, und er hatte stets davor das Knie gebeugt und den Kopf gesenkt wie ein musterhafter, wohlgeschulter Ministrant.

Nun aber brach der Knabe in die Knie wie von unsichtbarer Gewalt ergriffen und seine Stirn neigte sich so tief, daß sein blondes Gelocke den Teppich vor dem Altare streifte. Was sein Ohr hundertmal gehört, sein Gedächtnis gedankenlos bewahrt hatte, was ihm bis heute nur Gewohnheit gewesen war, das wurde ihm jetzt erschütternd klar, und die überwältigende Gegenwart des Verborgenen brach mit der Macht zündenden Blitzes über seine junge Seele herein.

Minute um Minute verrann. In der Kirche herrschte tiefste Stille. Thomas hatte den Rosenkranz unterbrochen. Lautlos ergossen sich die Anwesenden vor dem erschlossenen Tabernakel. Eine Glocke um die andere verstummte, und seltener zuckten die Blitze an den Kirchenfenstern vorbei. Die Wolken zerstoben, dann klatschte ein Gußregen auf das Kirchendach nieder. Und endlich drang ein matter Sonnenstrahl durch die Scheiben des Chores. Doch all das beachtete Michel nicht: er war noch ganz versenkt in das, was er getan hatte. Etwas Arges schien es ihm und doch etwas Schönes, etwas Verbotenes, aber Erhabenes, und er wußte nicht, ob er zittern oder sich freuen solle. Und so kniete er tiefgebeugt, regungslos und wagte keinen Blick auf den Tabernakel, den seine kleine Frevlerhand erschlossen hatte.

In der Kirche hielt sich noch alles still; allen war zu Mute, als sei etwas Wunderbares geschehen. Der krumme Thomas war der erste, der sich ein Herz nahm. Er trat aus seinem Stuhle, trat mit schlürfenden Schritten vor und fragte leise: »Michel, tust nicht zusperren?«

Aber Michel gab keine Antwort. Er hatte sein Gesicht in den Händen geborgen und weinte.

Da wurde die Kirchtüre aufgerissen und herein stürmte der Kurat. Sturmwind und Wetter schien er von draußen mitzubringen in seiner flatternden Soutane und den wirren, grauen, die Tonsur überwallenden Locken. Da endlich erhob sich Michel und blieb neben dem Altare stehen, blutrot im Gesichte, mit gesenkten Augen. Der Kurat aber machte eine rasche Kniebeugung, schloß das Tabernakeltürchen, blies rechts und links die Kerzen aus, und dann faßte er mit raschem Griffe Michel am Arme und zog ihn mit sich in die Sakristei.

Michel ließ alles mit sich geschehen: er war auf das Äußerste gefaßt. Aber es kam nicht so schlimm. »Wer hat's getan?« fragte der Geistliche kurz. Und Michel bekannte sich schuldig.

Dann fragte der Kurat weiter: »Ja, in Gottes Namen, was hast du dir denn gedacht?«

Und leise, aber deutlich kam die Antwort: »Ich hab mir gedacht, weil kein Geistlicher da ist, mach' ich halt's Türl auf, daß Er herausschauen kann.«

Dem Geistlichen zuckte es unwillkürlich um die Mundwinkel. »Hast denn nicht gewußt, daß das Unrecht ist?«

Michel schüttelte den Kopf. »Ich hab's nicht verstanden. Aber bald aufgesperrt gewesen ist, nachher hab ich's verstanden und nachher hab ich mich nimmer getraut,« – seine Stimme sank zum Flüstern herab – »ich hab mich nimmer getraut, Ihn einzusperren.«

Halb ärgerlich, halb gerührt blickte der Kurat auf den beschämten Knaben. Er gab ihm eine ernstliche Vermahnung, daß solches nie wieder und unter gar keiner Bedingung vorkommen dürfe. »Den Tabernakelschlüssel mußt mir in Ruh lassen, verstanden, Bub?«

*

Der Mesnermichel hat aber den Tabernakelschlüssel seither noch gar oft in die Hand genommen. Er ist gegenwärtig ein ehrwürdiger alter Pfarrer, der in seiner Kirche gute Ordnung hält und auch nie fehlt, wenn es gilt, den Wettersegen zu halten. Nur wenn er krank ist, darf ihn der Gesellherr ersetzen.

»Aber«, heißt es dann, »der kann's lang nicht so kräftig.« Nun trachtet zwar der gute Pfarrer, den Leuten diese Meinung auszureden; wenn ihn aber seine Amtsbrüder damit aufziehen, dann nickt er bedächtig, und sagt: »Ja, sehen Sie wohl: mit dem Wettersegnen hab ich halt früh angefangen, darum hab ich's gut los.« Und dann erzählt er in aller Treuherzigkeit seinen Jugendstreich und fügt ganz demütig bei: »Ich hab's halt nicht besser verstanden.«

Mehr sagt er nicht. Was damals zwischen dem Mesnermichel und dem offenen Tabernakel vorging, das braucht niemand zu wissen.

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