Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Maria Buol >

Früchte der Heimat

Maria Buol: Früchte der Heimat - Kapitel 17
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleFrüchte der Heimat
publisherBernina-Verlag
year1948
editorMaria Veronika Rubatscher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171112
projectid9716fc6e
Schließen

Navigation:

Der gerettete Herrgott

Daß der Prosserbauer ein Goliath war, das wußte in Radfeld jedermann, die Großen und die Kleinen. Die ganz Kleinen schrien, wenn sie des bärtigen Riesen ansichtig wurden, denn die Mütter pflegten sie mit ihm zu schrecken. Sonst aber fürchtete sich niemand vor ihm, denn er war der gutmütigste Mensch im ganzen Lande und hätte keinem Hühnlein etwas zu leide tun können, darum war er bei allen wohlgelitten. Das aber wußte niemand, daß in dem ungeschlachten Leibe eine große Seele wohne; nein, das wußte und ahnte niemand, das machte erst eine furchtbare Sommernacht kund. In jenem Sommer – es sind wohl mehr als dreihundert Jahre her – war das Wetter, wie die Bauern meinten, verrückt geworden. Häufige Schneefälle auf den Bergen wechselten mit gewaltigen Regengüssen. Von den Höhen nieder rieselten tausend silberne Wasserfäden, die Ziller tat ungebärdig, die Brandenburger Ache brüllte wie ein angeschossener Stier und die Leute sagten: »Wie soll das weitergehen?«

Ja freilich, wie sollte es weitergehen? In einer lauen Julinacht wurden die Radfelder durch lautes Rauschen geweckt. Und als sie aufsprangen und an die Fenster eilten, sahen sie, daß der Inn über die Ufer getreten war und das breite Tal durchflutete.

Da rafften die armen Leute zusammen, was sie konnten; manche Mutter band sich ihr Jüngstes auf den Rücken und mancher Mann hielt mit zitterndem Arm sein Weib umfaßt, während er in der anderen Hand einen knorrigen Stock hielt, um sich gegen die anbrausenden Fluten zu stemmen. Nach demselben Ziele strebten all diese Flüchtlinge, nach der Kirche ihres Heimatdorfes die hoch droben am Lindenbühel stand. Ein geisterhafter nächtlicher Wallfahrtszug war es, ach wohl eine seltsame Wallfahrt, denn mancher Lustige, der sonst lieber ins Wirtshaus als ins Gotteshaus ging, war jetzt heilfroh, zu Füßen des Heiligtums Schutz zu finden.

Das Vieh hatte man eilends aus den Ställen getrieben; brüllend, blöckend, meckernd suchte es das Weite, kämpfte gegen das Wasser, wurde emporgehoben, trachtete wieder festen Boden zu gewinnen, sandte laute Jammertöne in die Nacht hinaus. Wie hätte man sich des Viehs annehmen sollen? Hatte man doch in der eiligen Flucht manch altes Menschlein, manch hilflosen Kranken zurücklassen müssen. Und höher und höher stieg die Flut: wer konnte sich dieser Verlassenen annehmen?

Da zeigte der Prosserbauer was er konnte, wie ein Christophorus, einen gewaltigen Knotenstock in der Rechten, watete er durch die Dorfstraße hin, die sich jählings in einen reißenden Sturzbach verwandelt hatte; in die Fenster griff er hinein; zu den Söllern langte er empor; wo verzweifelte Arme sich nach ihm streckten, da griff er kühnlich zu und hob den Hilflosen auf seine starken Schultern. Einen nach dem andern brachte er bis zum Fuße des Lindenbühels und dort, wo das Wasser nur mehr leicht emporleckte, setzte er sie ab und eilte, ohne auf ein Vergeltsgott zu warten, zurück, um andere zu retten.

Endlich war keine menschliche Seele mehr im Dorfe, alles war um die Kirche versammelt. Inzwischen hatte sich der Regen zum schrecklichen Wolkenbruche gesteigert; es war, als verwandle sich das Himmelsgewölbe in rauschendes Wasser und wolle sich auf die Erde ausgießen. Finster war die Nacht. Immer lauter klatschte der Regen, immer höher schwollen die Wogen und schon brandeten sie gegen die Kirchhofmauer, als wollten sie das droben zusammengedrängte Volk zur Beute fordern.

Da fuhr aus dem schwarzen Himmel ein Blitzstrahl herab. Wie ein feuriger Pfeil schoß er in die dunkle Flut, wie ein gezücktes Flammenschwert durchschnitt er das grausige Dunkel. Für einen Augenblick war alles taghell erleuchtet.

Laut auf schrien die Leute am Lindenbühel. Denn nun erst sahen sie, wie hoch das Wasser gestiegen war, und wie nur mehr die Giebel und die kleinen Glockentürmchen ihrer Häuser aus der Flut hervorragten. Nur der Prosser hatte keinen Schrei getan. Der stand, an die Kirchenmauer gelehnt, die mächtigen Arme auf der Brust verschränkt, und blickte unverwandt vor sich hin. Im Flammenleuchten des Blitzes hatte er etwas gesehen, etwas Seltsames: ein großes Kreuz und daran den Marterleib des Heilands.

Der Blitz war verlöscht und wieder war's dunkel. Der Prosser aber sah noch immer das Kreuz vor sich, sah es wehrlos auf den Wellen treiben, sah die ausgespannten Arme des Gekreuzigten, die sich ihm hilfeflehend entgegenstreckten. Da sprang er plötzlich vor, sprang auf die Kirchhofsmauer und mit gewaltiger Stimme rief er in die Nacht hinaus: »Hab ich die Menschen gerettet, muß ich auch den Herrgott retten!«

Im nächsten Augenblick hatte er sich in die Wogen gestürzt. Stumm standen die Leute, und bekreuzigten sich. Den Herrgott retten, das große, schwere, wuchtige Kreuz, das auch ihnen im Aufleuchten des Blitzes erschienen war? Würde der kühne Riese wiederkehren, würde das Wagnis gelingen? Ja, es gelang! Schon hatte er das schaukelnde Kreuz erreicht, schon faßte er es an und trieb es vor sich gegen die Kirchhofsmauer, die sich wie ein Damm gegen die schäumende Flut stemmte. Nun streckten sich auch andere Männerarme aus, streckten sich dem Retter und dem Geretteten entgegen und inmitten allen Jammers hoben sich jubelnde Stimmen, als der Prosser, triefend und keuchend, mit dem Kreuzbilde droben auf der Mauer stand.

Ruhig, als sei nichts geschehen, schüttelte er sich das Naß aus den Kleidern; dann schritt er mit dem Kreuze zur großen Linde hin, die vor der Kirche stand und der die Anhöhe den Namen verdankte. Er schob es mit voller Kraft hinauf in die Krone des Baumes, so daß die Querbalken sich auf die Äste stützten und das Kreuz frei herabhängen ließen. Nun konnten alle es sehen. Und Not lehrt beten. All die Jammernden und Vertriebenen, all die Durchnäßten und Zitternden, die auf dem Lindenbühel beisammen waren, sanken vor diesem Heiligtum auf die Knie und riefen zu dem hinauf, der allein Gewalt hat über Winde und Wetter, riefen zum geretteten Herrgott, daß auch Er sie nun rette, sie und das Heimatdorf.

Und der Herrgott erhörte ihr inbrünstig gläubiges Flehen. Wie auf einen Schlag hörte der Regen auf. Dann hob sich im Osten pfeifend und sausend ein frischer Wind und fegte durch das überflutete Tal. Ein Stück Himmel brach hervor, an dem einige Sternlein glückverheißend funkelten, und endlich über dem fernen Kaisergebirge stieg der frühe Sommermorgen glührot herauf. Die Schreckensnacht war vorüber.

Kräftiger wurde der Wind. Nach allen Seiten hin trieb er die fliehenden Wolken. Die Wasser sanken. So rasch sanken sie, daß es wie ein Wunder schien. Noch lagen sie auf den Radfelder Äckern, die Häuser aber hoben sich aus dem Wasser, schienen zu wachsen, die Söller zeigten sich, dann die Fenster der untern Stockwerke, dann die Haustüren. Ein wundervoller Sommertag stieg über dem Inntal empor. Noch ehe er sich zum Abend neigte, durften es die Radfelder wagen, ins Dorf hinabzusteigen.

In feierlicher Prozession stiegen sie vom Lindenbühel nieder, Gott laut dankend, daß ihre Häuser standgehalten, daß sie trotz allem noch eine Heimat hatten.

An der Spitze des Zuges schritt der Prosser mit seinem geretteten Herrgott. Im Dorfe angelangt, ging er stracks auf sein eigenes Haus zu und lehnte das Kreuzbild an die Hauswand. Hier sollte er bleiben, der Herrgott, den er aus dem Wasser gezogen hatte. Und wieder knieten alle nieder und sprachen ein inniges Dankgebet, ehe sie ihre durchfeuchteten Wohnungen aufsuchten.

Dem wackeren Goliath von Radfeld aber hatten die Mühen jener Schreckensnacht allzu viel zugesetzt, so daß er am nächsten Tage zu fiebern begann, was er sonst in seinem Leben nie getan. Und als nun das Fieber wuchs und stärker ward, da rief man den Priester und den Bader, und der eine konnte wohl noch helfen, nicht aber der andere, der Heilkünstler. Noch einige Tage und ein feierlicher Leichenzug wallte durch die Dorfgasse hinaus und hinauf auf den Freithof am Lindenbühel; dort senkte man den frommen Riesen, der so viele und zuletzt noch den Herrgott gerettet, unter viel Tränen und Gebet in die geweihte Erde. Ein Denkmal aber hat er sich selber gesetzt und das war der große Christus an seiner Hausmauer. Zu ihm wallte fürder das Volk, wenn Wetter drohten oder Dürre die Saaten fraß, wenn der Krieg an den Grenzen tobte oder der schwarze Tod seine Sense schwang. Und zum Gedächtnis an jene schreckliche Julinacht und an den heldenkühnen Retter nannte man jenes Kreuzbild den Wasserherrgott.

 << Kapitel 16  Kapitel 18 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.