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Früchte der Heimat

Maria Buol: Früchte der Heimat - Kapitel 16
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleFrüchte der Heimat
publisherBernina-Verlag
year1948
editorMaria Veronika Rubatscher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171112
projectid9716fc6e
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Der Sonnenstrahl

Es war ein heller, kühler Sommerabend. Ziel- und zwecklos schlenderte ich über die breite Heerstraße, die das freundliche Brennerdorf Gries durchschneidet. Auf der Straße spielten barfüßige Kinder; unter den Haustüren strickten und plauderten die Weiber. Überall an Fenstern und Söllern nickten und lachten bunte Blumen. So war ich fast bis ans Ende des Dorfes gekommen; da sah ich ein ärmlich gekleidetes Persönchen stehen, an einen Gartenzaun gelehnt. Sie stützte die Hände auf den Zaun und lugte darüber hin, als gebe es hinter diesen Latten etwas Besonderes.

Ich trat ein paar Schritte näher und warf nun auch einen neugierigen Blick in das Gärtlein.

Es war ein winziges Flecklein Erde mit kleinen, von Buchs eingefaßten Gemüsebeeten. In einem Winkel wucherte würzige Camomilla, in einem anderen stand ein Rosenstrauch mit jenen nicht eben prächtigen, aber so wundervoll duftenden Zentifolien, wie sie in der Höhenluft erblühen. Daneben ein hölzernes Bänkchen, worauf ein Hortensienstock stand und ein mit Erde gefülltes Holzkistchen, aus dem feuerrote Nelken ihre Köpfchen senkten. All das sah nett und freundlich aus, aber meine Neugier war enttäuscht.

Das Weib mochte meine Anwesenheit bemerkt haben; sie wandte mir ihr Gesicht zu, ein altes Gesicht, aber verschönt von einem guten, treuen Augenpaare, und sagte, wie um ihr Benehmen zu erklären: »Wenn ich an einem Garten vorbeigeh, muß ich alleweil stehenbleiben und schauen. Wissen Sie, ich hab die Blumen so viel gern.«

»Ja, ja«, gab ich ihr recht, »die Blumen sind auch wirklich das Schönste aus der weiten Gotteswelt, und mit etwas Fleiß und Liebe kann fast jedermann sein eigenes Gärtlein haben – an den Fenstern wenigstens. Gerade hierzulande sieht man ja allerorts so schöne Blumenstöcke.«

»Freilich wohl«, sagte sie, »aber in meinem Stübele hab' ich nie keine Blum' nicht aufzügeln können. Ich hab' ein einzigs Fenster und das ist mitternächtig, da kommt das ganze Jahr kein Sonnenstrahl herein.«

»Ach, das ist freilich traurig«, erwiderte ich schier gedankenlos und wollte weiter. Doch als sie sah, welche Richtung ich einschlug, bat sie, mich zu begleiten; sie wolle mir ihr Haus zeigen.

Gern ließ ich mir die Gesellschaft gefallen. Wir plauderten von dem und jenem: dabei bemerkte ich, daß die Alte heitern Gemütes war und zufrieden mit Gott und der Welt. Sie war unverheiratet, hatte in ihren jungen Jahren die Eltern gepflegt, im reifern Alter die Kinder ihres Bruders betreut und sah sich jetzt von ihres Bruders Enkeln umschwärmt. »O, ich hab' die Kinderlein so viel gern!« rief sie, und dabei strahlte ihr gutes Gesicht gerade so wie vorhin, als sie von den Blumen gesprochen hatte.

Kaum hatten wir das Dorf hinter uns, so senkte sich die Straße, und enger traten die steilen Waldberge aneinander. Neben uns brauste und schäumte die junge Sill über buntes Gestein. Es war eines jener düsterschönen Landschaftsbilder, die man im Vorübergehen gern betrachtet, die aber nicht zum Verweilen laden. An der anderen Seite des Baches stand ein einsames Haus, eingekeilt zwischen Wasser und Berg. Eine alte Mühle war es, aber das Mühlrad hatte seine Arbeit längst eingestellt und die Holzrinne war zerfallen. Die Mauern waren von grünlichem Moose überzogen; auf dem morschen Söller hing etwas Wäsche zum Trocknen. All das sah düster und traurig aus bis zum äußersten.

»Sehen Sie, da bleib' ich«, sagte meine Begleiterin.

Und dann bog sie nach links ab, wo ein schmaler Steg über den Bach führte.

Ich weiß nicht, was mich trieb, ihr zu folgen. Aber es schien ihr Freude zu machen. Durch eine niedere Türe betraten wir einen halbdunklen Raum, worin Holz und Streu aufgeschichtet lag. Dann öffnete die Alte ein ganz kleines Türchen und hieß mich eintreten.

Ich stand in einer engen, ziemlich feuchten Stube. Das einzige Fensterchen sah talabwärts; durch die trüben Scheiben konnte man den Lauf des Baches verfolgen, der am Hause vorbei tobte. Auf der Fensterbrüstung grünte ein Epheustock: diese anspruchslose Pflanze war die einzige, die es in diesem Raume aushielt. Eine wurmstichige Truhe, ein alter Schrank, zwei Stühle und ein Bett: das war die ganze Einrichtung.

So schien es wenigstens. Doch als ich mich nach einigen freundlichen Worten entfernen wollte, bemerkte ich in der Ecke zwischen Ofen und Wand ein weiteres Einrichtungsstück, das aufs Haar einer Wiege glich.

Die Alte hatte beachtet, welche Richtung mein Blick nahm; vielleicht las sie auch in meinen Zügen eine gewisse Überraschung. Sie lächelte. »Sehen Sie wohl, man hat halt seine Anhänglichkeiten«, murmelte sie.

Ich weiß nicht, wie es kam: ich schloß die schon halb geöffnete Tür und trat ins Zimmer zurück. Und die Alte schien das als stumme Frage zu deuten, denn sie begann gleich: »Wissen Sie, das muß ich Ihnen erzählen.« Und dann setzte sie sich auf die Truhe und ich setzte mich an ihre Seite.

»Wie ich gegen dreißig Jahre gewesen bin«, berichtete sie, »sind meine Eltern schnell nacheinander gestorben, und da ist mir recht zeitlang geworden. Mit dem Bruder, der die Heimat übernommen hat, bin ich nit extra gefahren und mit der jungen Schwägerin schon gar nicht. Bei der Schwägerin ist ein Poppele nach dem andern eingestanden, aber ich hab nicht viel danach gefragt, hab die Kinder zu der Zeit nicht recht gern mögen. Ich hab daran gedacht, geistliche Häuserin zu werden: das hätt' mir am besten gepaßt. Aber der Herrgott hat's anders gefügt.

Einmal spät auf Nacht im Winter – am Sebastianitag ist's gewesen – bin ich mit meinem Spinnradl nah beim Ofen gesessen, weil's gar so kalt gewesen ist: da klopft's auf einmal an der Haustür. Erschrocken bin ich nicht, ich hab gemeint, es ist der Bruder, der spät von Steinach zurückkommt. Und weil die Schwägerin schon im Bette gewesen ist, bin ich gegangen aufmachen. Draußen aber ist ein Weib gestanden mit zerrüttelten Haaren, und hat ein kleines Kind auf dem Arm gehabt, und recht spassig hat sie geredt, aber was sie will, hab ich doch verstanden. Ich sollt' das Kind über Nacht behalten, hat sie gebeten, weil's gar so kalt wär': morgen in der Früh wollt' sie schon kommen, es holen. Ich hab gesagt, sie möcht' in Gott's Namen lieber mitsamt dem Kind in meiner Stuben bleiben; aber sie hat gesagt, an die Kälte wär' sie gewohnt, und ihre Leut' täten weiter droben auf sie warten. Und dann hat sie mir schleunig das Kind zugeworfen und ist auf und davon.

»Kann nicht sagen, daß ich eine Freud' gehabt hab«, fuhr die Alte kopfschüttelnd fort, »aber was hab ich machen wollen? Ich hab das Kleine in meine Stube getragen und hab's unter mein Federbett gelegt und hab mir gedacht: In Gottes Namen! die Nacht wird wohl herumgehn. Hab' ihm auch ein bissel abgerahmte Milch gegeben und Zuckerwasser; aber es ist mit nichts zufrieden gewesen und hat grad fortzu geschrien, bis in der Früh. Einmal ist mir eingefallen, ich sollt das Häuterle taufen – diese fremdländischen Zigeunerkinder kriegen ja keine Tauf' nit. Aber wie ich meinen Wasserkrug in die Hand nehm', ist das Wasser gefroren gewesen – es ist so viel kalt im Winter in meiner Stuben! – und im Augenblick danach hab ich mir gedacht, ich tauf' es doch lieber nicht, wenn es unter dem heidnischen Zigeunervolk aufwachsen muß.

Bald es Tag geworden ist, bin ich mit dem Kind auf dem Arm die Mutter suchen gangen. Aber weit und breit hab ich keinen Zigeunergratten gefunden, und kein Mensch im Dorf hat etwas von Zigeunern gesehen. Jetzt denken Sie grad wie ich erschrocken bin!«

»Und habt Ihr nichts mehr von der Zigeunermutter gehört?« fragte ich.

»Warten Sie grad!« beschwichtigte sie mich, denn sie erzählte gern hübsch ordentlich der Reihe nach, wie alte Leute zu tun pflegen. »Mein erster Gang ist in den Widum gewesen; da hab ich dem Geistlichen mein Leid geklagt, und er hat gemeint, man sollt' noch von der Gemeinde aus Nachforschungen anstellen, aber wenn nichts herauskommt, dann sei's halt eine Fügung Gottes und ich sollt' mich ergeben. Aber taufen hat er das Kind nicht wollen, weil die Mutter zurückkommen könnt' und dann tät sie's wieder holen und als einen Heiden auferziehen. Mir ist aber ganz schwer ums Herz gewesen, wie ich mit dem armen Heidenkindl heimgangen bin. Im Haus aber hab ich ihm mindestens ein Muttergottespfennigle umgehängt, und dann ist's auf einmal ruhiger geworden und hat nicht mehr gar so wild geschrien. Und wie ein paar Tage umgewesen sind, hab ich's Poppele gern gehabt und hätt's gar nicht mehr hergeben mögen. Ich hab's versorgt, so gut ich's verstanden hab, und die Rösselwirtin hat mir Windeln und Fatschen geschafft, und die Kramer Lies hat mir die alte Wiegen gegeben, die Sie dort beim Ofen sehen, und hat gesagt: »Du tust ein gut's Werk.« Aber etliche Leut' haben mich brav ausgelacht, daß ich so aufgesessen bin, und etliche haben gar herumgesprengt, das von der Zigeunerin sei alles derlogen und ich wollt' grad nur mein schlechts Leben verheimlichen. Oh, das hat weh getan! Aber z'samt allem Verdruß hab ich das Kind alleweil lieber bekommen. Wohl zehnmal jede Nacht bin ich aufgestanden und hab gelost und gespannt, ob wohl dem Hansele nichts zugestoßen ist – wissen Sie, ich hab ihn Hansele genannt, weil ich mir gedacht hab, einen christlichen Namen sollt' das Kind wenigstens haben. Und auf Nacht hab ich alleweil eine Kaffeeschal' voll Wasser auf den Ofen gestellt, daß ich's Kind taufen kann, wenn's sein müßt. Grad weinen hätt' ich können vor Erbarmen und grad auffressen hätt' ich's mögen vor Lieb, das Häuterle. Und die Freud, wie er mich zum ersten Mal angelacht hat! Und denken Sie nur, zusamt allem Schlafbrechen und allen Sorgen hab ich nie einen so guten Humor gehabt wie denselbigen Winter.

Das Bübl ist alleweil frischer und größer geworden und nett wie ein Engele, grad nur ein bissel braun im Gesicht. Aber wie ein Jahr umgewesen ist, da hat's angefangen so spassige Gesichter zu machen und die Augen verdrehen, und meine Schwägerin, die ich gerufen hab, hat gemeint: Das sind die Vergichter und jetzt wird's das Kind schon räumen. Das hat mir einen Stich ins Herz gegeben; ich hab das Kind zusammengepackt und bin mit ihm hinab nach Steinach gelaufen zum Doktor. Und der hat auch gemeint, mit dem Kind könnt's auf einmal fertig sein. Wie ich dann heimkommen bin, ist's schon spät gewesen. Ich bin die ganze Nacht bei der Wiege gekniet und hab mit vielen Zähren gebetet, der Herrgott möcht das Kind grad noch bis in der Früh am Leben bleiben lassen, damit ich's dem Geistlichen zur Tauf' bringen könnt'. Aber auf einmal – es wird so eine halbe Stunde vor Betläuten gewesen sein –, tut das Kind einen Zucker und ist dann ganz starr geworden. Oh, der Schrecken! Ich hab gemeint, es ist schon tot. Ich hab's aber recht fest mit Weihwasser angespritzt und nachher hat's wieder ein Zeichen gegeben. Und jetzt hab ich's schleunig getauft. Und denken Sie, grad ruhig und brav ist's beim Taufen gewesen, wie wenn's alles verstehen tät'! Und bald es getauft gewesen ist, schaut's mich an mit seine herzigen Äuglein und sagt auf einmal: Mamma! Ja, stellen Sie sich das vor: Mamma hat's mich geheißen! Und das ist sein erstes Wort gewesen, das es geredet hat, und sein letztes auch.«

Sie wischte sich mit der rauhen Hand die Augen aus; dann fuhr sie fort: »Wie's den letzten Schnaufer hat getan gehabt, hab ich's aus dem Wiegele genommen und gebußt, leicht zehnmal hintereinander – oh, mir ist grad vorkommen, wie wenn ich's Christkindl im Arm hätt'! Und in der Früh ist die Schwägerin gekommen und wir haben's miteinander aufgebahrt, und mir ist vorgekommen, die Schwägerin ist ganz anders als wie sonst, recht gut und fein. Und jetzt denken Sie grad, wie gut es der Hansele troffen hat! Grad ein paar Tag danach, spät auf den Abend, ist die nichtsnutzige Zigeunermutter auf einmal vor der Tür gestanden und hat das Kind begehrt und hat mir auch etwas geben wollen für meine Müh. Und wie ich ihr gesagt hab, das Kind ist gestorben, hat sie mir's nicht glauben wollen und hat geschrien und gelurlt und ist mit die Fäust' auf mich los, und wenn ich sie etwa angelogen hätt', wollt sie's schon erfragen, hat sie gesagt, und das Kind wieder mitnehmen. Oh, da hab ich Gott gedankt, daß der Hansele ein gut's Platzl gefunden hat!«

Als ich mich endlich zum Gehen anschickte, wollte mich Hanseles Ziehmutter durchaus noch ein Stück begleiten. Denn die Geschichte vom Zigeunerbüblein war mit seinem Tode noch nicht fertig, oh, beileibe! Der kleine, braune Engel wirkte Wunder! Die Liebe, die sie ihm gegeben hatte, die hatte sie gelernt, auf ihres Bruders Kinder zu übertragen. »Und seit der Hansele bei mir eingeflogen ist, hab ich nie mehr Zeitlang gehabt und alleweil einen guten Humor, und denken Sie grad: der Bruder und die Schwägerin sind wie ausgewechselt gewesen, und seit der Zeit tun wir uns recht gut vertragen.«

Während sie noch emsig plauderte, kam ein junges Mädchen vom Dorf hergelaufen und meldete atemlos, dem Kleinsten gehe es nun endlich besser.

»Gott sei's gedankt!« rief die Alte und erhob die Hände als beredte Begleitung des frommen Wortes, während ihr gutes Gesicht vor Freude strahlte. »Nur weitermachen mit dem Leinsamen und recht fleißig sein: heut auf Nacht komm' ich nachschauen. »Das ist dem Mesner sein ältestes Madel«, stellte sie mir die Kleine vor. »Es sind wohl acht Kinder zu Haus, aber ums kleinste Bübl wär's halt doch schad gewesen, weil's so viel herzig ist. Wissen Sie«, fügte sie mit harmlos rührender Selbstgefälligkeit bei, »die Leut' rufen mich recht oft, wenn einem Kind etwas fehlt. Bei die Kinder versteh ich schon etwas, und die Kinder tun auch gar nicht scheu vor mir: sie merken's schon, wie gern ich sie hab.«

Mehrmals noch in jenem Sommer kam ich an der alten Mühle am Sillbache vorbei, und schier unwillkürlich flog dann mein Blick nach dem kleinen Fenster mit der Epheupflanze. Kein Sonnenstrahl war je durch jene Scheiben gedrungen, aber ins Herz der Bewohnerin hatte Gott einen hellen Strahl der Liebe gesandt. Und in diesem Strahle hatte sie die Kunst gelernt, sich zu freuen an der Freude anderer; an fremden Kindern und an fremden Blumen.

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