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Früchte der Heimat

Maria Buol: Früchte der Heimat - Kapitel 15
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleFrüchte der Heimat
publisherBernina-Verlag
year1948
editorMaria Veronika Rubatscher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171112
projectid9716fc6e
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Ein Unglücklicher

In langsamer Steigung zieht sich der schmale Fahrweg, mit großen Steinen gepflastert, den Berg hinan. Zu beiden Seiten des Weges winken Weingärten, deren noch reiches Laub in der hellen Novembersonne goldgelb leuchtet. Aber das Arbeitsjahr ist vorbei, die letzte Traube abgeschnitten; in den Kellern gärt und schäumt der junge Wein. Doch man sollte nicht glauben, daß der Winter schon vor der Türe steht. Mild und warm ist's wie im Mai und froh strahlt Gottes Sonne aufs Etschland herab.

Am Wegrande steht ein großes Kreuz. Die Heilandsgestalt wendet das Antlitz der Berglehne zu, wo sich ein schmucker Bauernhof an einen Rebenhügel schmiegt. Das Kreuz gehört wohl zu diesem Hofe, und eine mächtig große Traube mit schwellenden Beeren, die man dem Heiland an die durchbohrten Füße gehängt hat, ist gewiß das Weihegeschenk des dankbaren Besitzers.

Dem Kreuze gerade gegenüber ist eine halbzerfallene Steinbank, von wildem Feigengestäude umwuchert. Dort sitzt ein noch junger Mann, blaß, müde, die Lider halb geschlossen, und läßt sich von der lieben Sonne bescheinen. Um die bartlosen Lippen liegt ein herber Zug. Das linke Bein ist steif ausgestreckt. Den Stock, auf den er sich beim Heraufsteigen stützte, hält er mit beiden Händen fest und stemmt ihn zwischen die Beine, als müsse er sich auch jetzt noch darauf stützen.

Franz Isser ist Kriegsinvalide und stellenlos und mittellos dazu. Bekannte in Südtirol haben ihn, den hungernden Wiener, zu sich geladen, daß er sich erhole. Bald aber mußte er sehen, daß seine Gastfreunde auch nicht im Überfluß lebten, sondern von der Hand in den Mund. Nein, Isser will seinen Freunden nicht zur Last fallen. Ein paar Tage noch und er wird nach Wien zurückkehren.

Franz Isser ist einer guten, frommen Mutter Kind. Als er beim großen Waffengange an die galizische Front abging, hat sie ihm einen Rosenkranz und eine Marienmedaille mitgegeben. »Der liebe Gott wird helfen, du kommst gewiß bald zurück«, hat sie gehofft. Aber es kam anders! Blutige Schlachten, furchtbare Märsche, harter Rückzug, Gefangenschaft! Weit weg, in einem sibirischen Gefangenenlager erfuhr Franz Isser den Tod seiner Mutter und als er endlich mit lahmem Bein und gebrochenem Mute heimkehrte, da fand er ihr Herz nicht mehr, um ihn zu wärmen, und ihren Kinderglauben nicht mehr, um ihn zu stützen. Und er hätte doch der Stütze bedurft! Von seinen Kameraden, von seinen Vorgesetzten hatte er viel Schlimmes gehört, und später, während seiner jahrelangen Gefangenschaft, inmitten der Leiden und Entbehrungen der langen Transporte, war ihm nur zu oft der Gedanke aufgestiegen: »Gibt es einen Gott? Und wenn's einen gibt, warum läßt er so viele Leiden zu?« Und er hatte niemand, dem er diese Frage stellen und niemand, der ihm darauf antworten konnte. So war es in seiner Seele allmählich dunkel geworden. Er glaubte noch an einen Gott, aber nicht mehr an Gottes Gerechtigkeit. Österreichs Sache sei gerecht, hatte es geheißen. Meinetwegen, aber nun wurde es in Trümmer geschlagen! Und was hatte es den Tirolern geholfen, all ihr Kämpfen und Beten, all ihr festes Vertrauen auf Gottes Hilfe? Das Schreckliche war über sie hereingebrochen+...

»Nur den Bösen gelingt alles, nur sie sind glücklich!« so klang es auch jetzt durch seine Seele. Er saß gerade vor dem großen Kreuze, aber sein Blick haftete nicht auf der Huldgestalt des Erlösers, der mit weit ausgebreiteten Armen alle Traurigen an sich ziehen will, um sie zu trösten; nein, weit hinaus blickte er ins schöne, sonnbeglänzte Land, über dem die Dolomiten ihre starren Wände zum Himmel hoben wie Festungsmauern. Armes Land, armes Volk, die Zeit der Freiheit ist vorbei!

Langsame Schritte kamen den Weg herauf. Franz Isser wandte den Kopf, um zu sehen, wer es wäre. Ach, nur ein altes Mütterlein, das ein Bündel Reisig auf dem Rücken trug. Nun war sie zur Steinbank gekommen, ließ aufseufzend das Bündel vom Rücken gleiten und nickte dem jungen Manne grüßend zu.

»Ein bissel rasten tut gut«, meinte sie, und setzte sich ohneweiters neben ihn.

Isser hat alte Leute gern. Schon um seiner verstorbenen Mutter willen. Und dann ist er fast froh, seinen schweren, düstern Gedanken entrissen zu werden. Freundlich erwidert er den Gruß der Alten. »Ihr habt da wohl recht schwer zu tragen«, meint er.

»Zum Tragen sind wir auf der Welt«, erwidert sie mit kindlichem Lächeln. Dann streift ihr Blick den jungen Mann und gleich hat sie in ihm den Kriegsinvaliden erkannt. Da wird sie warm. »Sie haben auch Ihren Teil, junger Herr«, sagt sie teilnehmend. Und dann erzählt sie ihm, und ihre Augen feuchten sich, sie habe zwei Söhne gehabt, so ziemlich in seinem Alter, und die seien beide im Kriege gefallen und nun habe sie niemand mehr auf Erden. Aber beide seien brav gewesen und hätten gewiß ein gutes Plätzlein drüben gefunden, und so sei sie ihretwegen getröstet. Dann aber will sie wissen, wo der junge Herr neben ihr gekämpft hat, ob in Rußland oder an der Dolomitenfront. Und Franz Isser wird nun fast gegen seinen Willen beredt, erzählt seinen Abschied von der Mutter, erzählt seine Kämpfe in Galizien, seine Verwundung, seine Gefangennehmung. Vielleicht wenn er im Lazarett eine bessere Pflege gefunden hätte, wäre er kein Invalide. So aber ist sein Bein eben steif geblieben. Und für einen, der sein Brot verdienen muß, ist das doppelt hart.

Sie nickt und seufzt. Und dann schaut sie ihm recht lieb in die Augen und sagt: »Sie haben wohl recht, Herr, daß Sie da herauf gekommen sind zum Plonerherrgott. Das ist ein guter Tröster.«

Er erwidert ihr schlichtgläubiges Wort mit leichtem Spott. In Tirol gebe es gar viele solche Kreuzbilder. Wenn jedes trösten könnte, da hätte man des Trostes die Fülle.

Die Alte scheint den Spott nicht zu verstehen. »Nein«, belehrt sie ihn, »wissen Sie, der Herrgott da ist ein völliges Mirakelbild, So oft ich da vorbeikomm', bet' ich zu ihm hinauf.«

»Das ist brav von euch, Mütterchen«, sagt der Invalide schmunzelnd. »Aber warum soll denn gerade dieser Christus etwas Besonderes sein? Ein schönes Schnitzwerk ist er ja, das seh ich wohl auch, obschon ich nicht gerade ein Kunstkenner bin.«

Das Mütterchen überhört diese Worte. Ob der Christus ein Kunstwerk ist, das kümmert sie nicht, danach fragt sie nicht. Aber sie beschattet ihre Augen mit der dürren, zitternden Hand und schaut aufmerksam hin. »Man sieht's jetzt nicht, die Sonne blendet zu viel«, sagt sie, die Hand sinken lassend, »aber wenn Sie aufstehen täten, Herr, und täten von der Seite her schauen, nachher wollten Sie's schon sehen.«

»Was ist denn da zu sehen?« fragt Isser, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Denn ihm ist wohl an dem sonnigen Plätzchen.

»Ja, denken Sie grad: angeschossen ist er worden, der Christus!« sagt das Mütterlein. Nur scheu und leise sagt sie's, als graue es ihr, laut von dem Frevel zu sprechen, der hier verübt wurde.

Und dann, ohne daß der Fremde bittet oder fragt, erzählt sie ihm die ganze Geschichte.

Als das Mütterlein noch ein kleines Mädchen war, gerade aus der Schule entlassen, kam sie als Kleindirn auf diesen schönen Weinhof, den man den Plonerhof nennt. Der Bauer, bei dem sie in Dienst trat, war jung, war neuvermählt; er hatte die schönsten Weingüter am ganzen Berg, und seine Ware erzielte alljährlich die höchsten Preise. Er dachte aber auch Tag und Nacht, wie er am besten für seine Reben sorgen könne und keines Bauern Grund ringsum war so wohl bestellt wie der seine. Er war ein fleißiger, nüchterner Mann, dem niemand etwas Schlechtes nachsagen durfte, er erfüllte seine sonntägliche Christenpflicht, nicht mehr, aber auch nicht weniger. Für arme Leute freilich hatte er nichts übrig und für Kirchen und Klöster schon gar nicht. Und wenn im Herbste die Franziskaner ihren Sammelbruder mit der Butte auf den Berg herauf schickten, dann suchte der Ploner fleißig die schlechtesten und unreifsten Träublein zusammen und auch von diesen bekam der Bruder kaum eine halbe Butte voll, so hart kam es dem Ploner an, sich von dem zu trennen, was sein eigen war.

Da kam einmal ein großes Unglück über die Gegend. Im Spätsommer war es, als die Trauben schon blauten und Bauern und Händler schon über die Preise sprachen. Über den Ritten schob es sich vor, eine große, schwefelgelbe Wolke, und ehe sie drunten in Rentsch und droben in Unterinn Wetterläuten konnten, prasselten auch schon die Hagelsteine herab; groß wie Taubeneier und von eisigem Winde gepeischt. Wenige Minuten nur, und des Jahres Ernte lag zermalmt auf der Erde.

Der Ploner, der auf der Jagd gewesen war, kam eilends heim, das geladene Gewehr auf der Schulter. Weiter droben im Berg, wo er gejagt hatte, war's nicht so schlimm gewesen, seltener und kleiner waren die Hagelkörner gefallen. Aber nun, als er sah, wie es um seine Ernte stand, als er die schönen, saftschwellenden Trauben zerquetscht und zerschlagen am Boden liegen sah, gleich an der ersten Rebenzeile, an der sein Weg ihn vorbeiführte, da überkam ihn namenlose Wut. Ach, Wut und Zorn gegen Den, der über den Wolken thront und die Winde regiert und Sonnenschein und Regen mißt und die Hagelschloßen in seiner Gewalt hat.

Mit einem schaurigen Fluche riß er das Gewehr von seiner Schulter und drückte es gegen das Kreuzbild ab.

Die Dienstleute, die vor dem Hause standen, der Rückkehr des Bauern gewärtig, sahen den Frevel und schauderten. Sie meinten nicht anders, als daß die Erde sich auftun und den Sünder verschlingen müsse. Aber die Erde tat sich nicht auf; alles blieb wie es war. Nur wollten die Zeugen der grausen Tat nicht mehr beim Ploner bleiben. Auch das kleine Maidlein, das jetzt als altes Weiblein neben Franz Isser saß, war damals vom Plonerhofe weggegangen, denn sie glaubte nicht anders, als daß das Dach des Hauses über dem gottlosen Besitzer einstürzen müsse. Aber das Dach stürzte nicht ein. Bald wußte man am ganzen Berge, was der Ploner getan hatte. »Dem kann's nicht mehr gut gehn auf Erden«, sagten die Leute schaudernd. Und damit meinten sie, er werde keine schöne Weinernte mehr haben und kein gesundes Vieh im Stalle. Aber sie täuschten sich. Der Ploner hatte bald andere Knechte und Mägde gefunden: er war ein tüchtiger Landwirt, der alles recht angriff, und hatte überall Glück. Kein Hagelschlag kam mehr über seine Weinberge und keine Seuche über seinen Stall. Und kein anderer Besitzer in der Gemeinde hatte so viel Geld auf der Bozner Sparkasse liegen. Und viele Leute nahmen Ärgernis an Gottes Gerechtigkeit und sagten: »Wir haben nie etwas so Schlimmes getan wie er, und doch geht es uns lange nicht so gut.« Andere aber wußten es anders und sagten: »Schaut ihn nur an, den Ploner, dann wird euch der Neid schon vergehen.«

»Nein, ich bin ihm nie neidig gewesen«, versicherte das Mütterlein, indem sie einen kindlich reinen Blick auf den Invaliden warf. »Ich hab' mit meinem Mann viel durchmachen müssen, hab' ihn lang krank gehabt, und wie er gestorben ist, hab' ich meine Buben aufgezogen in Not und harter Arbeit. Aber so oft ich dem Ploner begegnet bin, hab' ich mir immer gedacht: Mit dem möcht' ich nicht tauschen! Kein Humor ist mehr in dem Menschen gewesen, und das schlechte Gewissen hat man ihm von weitem angesehen. In die Kirche ist er jetzt nie mehr gegangen, nicht einmal an den höchsten Feiertagen, um so lieber dafür ins Wirtshaus, und wenn er sich einen rechten Rausch angetrunken hat, dann hat er wohl wieder lachen können, sonst aber nie. Und so oft ich ihn gesehen hab' mit seinen wirren Augen, ist mir immer vorgekommen, so müßten die Verdammten in der Höll' dreinschauen. Ich weiß schon, solang Leib und Seele beinander sind, kann sich der Mensch immer noch richten und bessern. Aber der Ploner+...«

Sie hielt inne und schüttelte traurig den Kopf.

Franz Isser hatte ihr schweigend zugehört. Nun fragte er, ob der Ploner vielleicht noch lebe.

O nein, der Ploner war schon lange gestorben. Ein Schauder ging durch die verkümmerte Gestalt der Alten; es war, als bringe sie etwas nicht über die Lippen.

Dann aber sagte sie es doch.

Am Balken seines Dachbodens hatte man ihn eines Tages erhängt gefunden. Und das war das Ende dieses Glücklichen, den die Leute beneideten!

Der Arzt habe gesagt, die Tat sei in einem Anfall von Trübsinn geschehen und so habe man den Ploner trotz allem am Kirchhof begraben. Aber fast niemand vom Berge sei mit der Leiche gegangen, und sein Grab sei heute noch gemieden, als liege er zu Unrecht in der geweihten Erde. Die Witwe habe bald nach seinem Tode den Hof verkauft, und nun wohnten hier brave, christliche Leute. Und das Kreuzbild, das der Frevler so schmählich mißhandelt hatte, werde von ihnen hoch in Ehren gehalten.

Mühsam erhob sich jetzt die Alte. »Ich hab mich völlig verplaudert«, entschuldigte sie sich mit müdem Lächeln.

Franz Isser half ihr, so gut er konnte, die Holzlast wieder auf den Rücken zu nehmen. Dann rief er noch hinter ihr her: »B'hüt Gott, Mütterlein, und Vergeltsgott!«

Da wandte sie sich nach ihm um und sah ihn verwundert an. »Möcht' grad wissen, warum Sie mir Vergeltsgott sagen!« Doch als er nichts erwiderte, setzte sie ohne weiteres ihren Weg fort.

Er wartete, bis sie schleppenden Schrittes hinter der nächsten Wegbiegung verschwunden war. Dann stand er auf, trat zum Kreuze und blickte empor. O ja, nun sah er ganz deutlich die Spuren der Freveltat, eine Vertiefung gerade unterhalb der Seitenwunde. Aber auch das Kreuzbild selbst sah er mit andern Augen als früher. Wie seltsam war ihm doch jetzt mit einem Male ums Herz. »Ich bin ihm nie neidig gewesen«, hatte das Mütterlein von jenem Unglücklichen gesagt, und die Weisheit der Einfalt hatte aus ihr gesprochen. Aber auch der arme Invalide fühlte jetzt plötzlich Kraft in sich, um hinauszuschauen über dieses kurze Erdenleben, über dieses elende Erdenglück, um zu begreifen, daß Geld und Gut und irdisches Wohlergehen und flüchtige Erfolge nicht das Höchste sind, was Gottes Vaterhand für seine Kinder bereit hält, und daß ein friedlich Herz und ein ruhig Gewissen das Beste ist selbst auf Erden schon.

Und innerlich stark und ruhig trat er den Heimweg an, Gottes Trost im Herzen.

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