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Früchte der Heimat

Maria Buol: Früchte der Heimat - Kapitel 10
Quellenangabe
authorMaria Buol
titleFrüchte der Heimat
publisherBernina-Verlag
year1948
editorMaria Veronika Rubatscher
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20171112
projectid9716fc6e
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Auf der Notbrücke

Am Wiesnerhofe war das ganze Haus voll Jammer und Tränen. Lange schon war die alte Mutter krank gelegen, so lange, daß man sich daran gewöhnt hatte und meinte, es müsse immer so weitergehen. »Wenn wir die Mutter nur haben, wir wollen sie gern pflegen«, sagten die Kinder. Und der Vater sagte zwar nichts, dachte aber dasselbe. Heute aber war's plötzlich schlechter mit ihr geworden; der Puls flog, die Atemzüge gingen rasch und keuchend, daß es fast einem Todesröcheln glich. Und die älteste Tochter, die treue Pflegerin, zog den großen Bruder beiseite und flüsterte, mit dem Weinen kämpfend: »Es geht zu End'!«

Das wollte der Bursche nicht glauben. »Ich lauf zum Doktor, der hilft schon.« Traurig schüttelte die Schwester den Kopf. Kein Doktor würde mehr helfen, auch würde sich keiner verstehen zu kommen und sein Leben aufs Spiel setzen.

Es war der arge Herbst des Jahres 1882, wo alle Bäche und Bächlein in ganz Südtirol aus dem Gleichgewicht kamen, wo die Lahnen von den Bergen niederdonnerten und der feinste Wasserfaden zu einem reißenden Strome schwoll. Furchtbar tobte die Passer in ihrem engen Tale; auch alle ihre Trabanten waren vom Größenwahn befallen. Keine Brücke war verschont geblieben; Weiler und Gehöfte, die sich sonst nachbarlich nahestanden, sahen sich mit einem Male durch das Hochwasser getrennt. Wie sollte man da einen Arzt finden, der bereit wäre, auf Kosten des eigenen ein fliehendes Leben, vielleicht um einige Stunden, zu verlängern? Und es war ja auch nicht der Arzt, nach dem die Sterbende rief, es war der Priester!

Noch war's nicht lange her, seit ihrer letzten Beichte, denn Herr Johannes Hofer, der brave Kurat von Moos, hielt allmonatlich einen Versehgang und kam dann auch immer hinauf zum Wiesner, wenn's auch fast eine Stunde von seiner Kuratiekirche war. Seit jener letzten Beichte hatte das Wiesnermütterlein sicher nicht viele Sünden begangen; dennoch jammerte sie jetzt, daß es einen Stein hätte erbarmen mögen; beichten wollte sie, nochmals beichten um jeden Preis, sonst könne sie nicht ruhig sterben. Ach, wenn der Tod naht, der ernste Bote, der den Menschen vor Gottes Richterstuhl geleiten soll, dann wird es oft furchtbar hell in der Seele, und manches, das sie früher für nichts achtete, steht plötzlich groß und grauenhaft vor ihr. Und sie möchte die Last von sich wälzen und das Lösungswort des Priesters noch einmal hören.

Und doch, der Priester war ebenso schwer zu erreichen wie der Arzt. Denn zwischen dem Wiesnerhofe und dem Mooser Widum tobte ein Bach, der, jeder Brücke ledig, Felsblöcke und Baumstämme brüllend vor sich her schob. Ein friedliches Wässerlein war es sonst, das zwischen Gras und Blumen dahinplätscherte; heute aber war's ein zorniger Riese, dessen Donnerstimme weit hinaus ins Gebirge scholl.

In der Krankenstube der Wiesnermutter hörte man freilich nichts davon, hörte nur den Regen, der schwer und mit eintöniger Regelmäßigkeit gegen die kleinen Fensterscheiben schlug. Und die Kranke, die seit Monaten keinen Blick mehr ins Freie getan hatte, konnte sich's nicht vorstellen wie es draußen aussah. Sie wußte nicht, wie so ganz abgeschnitten sie von der übrigen Welt war, sie rief nur immer wieder: »Holt's mir um Gottes willen den Geistlichen!«

Der Tochter, die neben dem Bette kniete und ihr von Zeit zu Zeit die verdorrten Lippen feuchtete, wollte es vor Weh und Mitleid das Herz zersprengen. »Tu halt recht Reu und Leid erwecken, Mutter«, riet sie; und dann begann sie das Reuegebet vorzubeten. Aber nur der Vater, der am Fußende des Bettes stand, betete mit; dazwischen versicherte er stets aufs neue: »Moidl, der Herrgott nimmts schon an!« Die Kranke selbst aber betet nicht; die rang nur die Hände, seufzte, stöhnte und fragt, mühsam keuchend, ob denn niemand ein Erbarmen habe und ihr den letzten Trost verschaffen wolle.

Dem Bauer schnitt es ins Herz. »Ich kann's nimmer hören!« rief er endlich, drückte den Hut ins Gesicht und floh hinaus in den strömenden Regen. Draußen aber stieg ihm der Gedanke auf, ob er nicht doch irgendwie den Kuraten benachrichtigen könne. Vielleicht fände der gute Herr ein Mittel, die Sterbende zu trösten.

*

Weiter drunten, wo das Gelände flacher wurde, standen an beiden Seiten des Baches Leute, um zu retten und zu wehren. Als der Wiesner des Weges kam, meinten sie, er wolle mithelfen und einer bot ihm gleich eine Haue. Er aber spähte nur nach dem andern Ufer, wo zwischen herbstlichen Baumwipfeln der schlanke Kirchturm von Moos sich zum regenschweren Himmel hob. Und dann begann er zu weinen und gestand, was ihm das Herz beschwere. Die Leute sahen einander an und meinten, da sei guter Rat teuer. Der Kurat sei nun einmal drüben im Widum, und da er nicht fliegen könne, werde er auch nicht auf den Wiesnerhof kommen.

»Wenn man's dem guten Herrn grad zu wissen tun könnt', wie's mit meinem Weib steht, das wär auch schon ein Trost«, meinte der Wiesner.

Doch auch da wußten die Leute nicht Rat, denn bei dem Rauschen des Regens und dem Toben des Baches hörte man ja kaum sein eigen Wort.

Da kam eben der Ilmer Naz herangesprungen, ein kaum ausgeschulter Bube, und solchen fällt immer mehr ein als den alten Leuten. »Wartet's lei, Vater Sepp, wir wern's schon machen!« Und er verschwand in einem nahen Hause.

Als er wieder zum Vorschein kam, schwang er ein Stück Papier in der Hand. »Da hab ich's aufgeschrieben!« rief er, und las: »Die Wiesnermutter ist zum Sterben, der Herr Kurat soll's wissen. Und dann fragte er: »Vater Sepp, ist's recht so?«

Der Wiesner war einverstanden mit der Botschaft. Da hob der Bub einen Stein vom Boden, band das Papier daran fest, und stellte sich ans tobende Wasser, den Stein in der Hand schwingend wie ein David, der den Goliath erschlagen will.

Man sah es am andern Ufer, man trat zur Seite und in weitem Bogen flog die Botschaft hinüber. Drüben bückte man sich danach und las. Dann lief einer dem Dorfe zu. Und nun wußte der Wiesner, daß die Botschaft bestellt würde.

Eine Viertelstunde verging. Nun erschien drüben die schlanke Gestalt des Kuraten. Die Leute drängten an ihn heran, redeten auf ihn ein, schüttelten die Köpfe. Und dem alten Wiesner, der doch schon etwas taub war, schien es, als könne er genau hören, was drüben gesprochen wurde. »Herr Johannes, es ist nicht möglich+...!«

Ach, der Wiesner wußte ja auch, daß es nicht möglich war!

Aber was war das? Drüben schritten drei Männer heran, eine Leiter tragend. Die lange Leiter, die der Mooser Kirche gehörte und benützt wurde, wenn am Turme oder am Kirchengewölbe etwas auszubessern war. Ganz nahe an den Bach traten die drei heran, stemmten sich mit höchster Anstrengung, hoben die Leiter senkrecht in die Höhe und+... im nächsten Augenblick ließen sie sie mit Wucht niederfallen, so daß sie den Bach überquerte und ihr anderes Ende zu den Füßen des Wiesner niederfiel.

Dann machten sie das Ende der Leiter auf ihrer Seite mit Pflöcken fest; der Geistliche half wacker mit und winkte zugleich, auf der anderen Seite möchte man dasselbe tun+... Und nun was weiter?

Johannes Hofer, der Kurat von Moos, stand jetzt aufrecht, die Hände gefaltet wie zum Gebet. Doch nur einen Augenblick, dann schlug er ein großes Kreuz und setzte den Fuß auf die erste Sprosse der Leiter.

Die Leiter über den Bach gelegt, sollte seine Notbrücke sein.

Weit breitete er die Arme aus, während er voranschritt. Um sich im Gleichgewicht zu erhalten, tat er es; nun aber, da er mit jedem Schritte sein Leben wagte, hatte diese Bewegung etwas unsäglich Rührendes, es war die Stellung eines Menschen, der sich zum Opfer bringt. Langsam, behutsam schritt er dahin, aber doch ruhig und sicher. Rechts und links vom Bache staunten und starrten die Leute als schweigende, atemlose Zuschauer und bebten bei jedem Schritte, den er vorwärts tat, ob es nicht sein letzter sei. Immer tiefer senkte sich unter dem Gewichte des Schreitenden die schwanke Leiter, endlich verschwand sie in den Wellen. Gelassen setzte er seine schaurige Wanderung fort; das tobende Wasser umschäumte seine Füße. Es war, als schreite er, wie einst sein Meister, über die zürnenden Wogen dahin. Und den Vielen, die da standen und schauten, war es, als sähen sie etwas Wunderbares und als sei der Todesmutige gehalten von unsichtbarer Hand.

Und doch, es brauchte nur einen stärkeren Ansturm der Fluten, es brauchte nur einen Stein, vom Wasser geschleudert oder ein Stück Holz, wie der Bach sie zu Hunderten vor sich herschob, so war's um den Priester geschehen.

Aber Gottes Engel wachte. Endlich tauchte der Fuß des Priesters wieder aus dem Wasser empor; unter seinen Tritten erschienen aufs neue die Sprossen der Leiter. Ein paar kühne Schritte noch, und er stand am jenseitigen Ufer.

Der Bach aber, als habe ihn all die Zeit nur eine höhere Macht gezügelt, schleuderte jetzt mit voller Wut ein Felsstück gegen die Notbrücke, daß sie in Splitter flog. Und in wildem Tanze verschwanden ihre Trümmer in den aufgeregten Wellen.

Johannes Hofer aber war ruhig auf den alten Wiesner zugegangen. »Hoffentlich komm' ich noch zurecht,« sagte er, sonst nichts.

Einige Tage lang ging auf Berg und Tal gar viel die Rede vom Kuraten von Moos und seiner kühnen Tat. Dann aber, als die tosenden Wasser sich verlaufen hatten und die Bäche zurückgekehrt waren in ihr altes Bett, hörte man auf, von ihm zu sprechen, und er selber war der letzte, der von seinem Wagnisse Erwähnung getan hätte. Und so sei diese stille Heldentat berichtet zur Ehre und zum Andenken eines schlichten Landpfarrers, der ein Talgenosse und ein Blutsverwandter des Sandwirtes von Passeier war.

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